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Flüchtlingspolitik
"Ein katastrophales Jahr für Kinder"

Südsudan, Syrien, Irak: Unter den Krisen 2014 haben Kinder besonders stark leiden müssen, sagte der deutsche Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider im Deutschlandfunk. Und auch bei der Unterbringung von Flüchtlingen in Deutschland seien die Kinderrechte nicht sichergestellt.

Christian Schneider im Gespräch mit Friedbert Meurer | 23.12.2014
    Der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, spricht gibt am 27.10.2014 im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin auf einer Pressekonferenz.
    Christian Schneider ist Geschäftsführer von Unicef Deutschland. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
    In Deutschland würden Kinder gemeinsam mit Erwachsenen in Flüchtlingsunterkünften untergebracht, etwa auf engstem Raum in große Hallen, erklärte Christian Schneider. Eigentlich sollten getrennte Toiletten und Sanitäranlagen gewährleistet sein. Zudem erhielten Kinder nicht schnell genug Zugang zu Bildung, oft vergingen Monate, bis sie eine Schule besuchen können.
    Die Herausforderung für die Kommunen sei groß, dennoch bräuchte es "Standards, um in der Not viele Flüchtlinge versorgen zu können", forderte der Geschäftsführer des Deutschen Komitees für Unicef im Deutschlandfunk.

    Friedbert Meurer: Unsere Welt ist leider oft kein friedlicher Ort, 2014 hat negative Schlagzeilen produziert wie kaum ein anderes Jahr in der letzten Zeit: Syrien, Irak, die Ebola-Epidemie in Westafrika – das waren und sind immer noch dominierende Themen. Und bei all den humanitären Katastrophen sind es vor allem die Kinder, die die Leidtragenden sind. Es ist nur ein Zufall, ob man in die nördliche Hemisphäre hineingeboren wird oder in Länder mit Bürgerkrieg und Naturkatastrophen. Christian Schneider ist Geschäftsführer von Unicef Deutschland, dem Weltkinderhilfswerk, bei mir im Studio, guten Morgen, Herr Schneider!
    Christian Schneider: Guten Morgen, Herr Meurer!
    Meurer: Sie sind ja dieses Jahr auch wieder viel gereist in Krisengebiete. Was ist Ihnen als Bild, als Eindruck vor allen Dingen hängen geblieben?
    Schneider: Ja, 2014 war wirklich ein katastrophales Jahr für Kinder, müssen wir aus Sicht von Unicef sagen. Vielleicht zwei Blitzlichter, das eine die Situation im Südsudan – eine Krise, die vor dem aktuellen Notlagen der Kinder fast schon wieder in den Hintergrund geraten ist. Ich habe bei einer Reise im Hinterland im Südsudan ein Lager besucht, ein Lager, das eigentlich die Heimat der Soldaten der Vereinten Nationen der Schutzmission dort im Lande ist, und das im April, als eigentlich die Kämpfe dort schon wieder abgeflaut waren, von bewaffneten Milizen überfallen wurde. Und dieses Lager ist für mich so ein bisschen Sinnbild für die Verletzlichkeit der Kinder in den Konflikten, über die wir sprechen müssen.
    Meurer: Aber waren da Kinder in diesem Lager?
    Schneider: Es ist ein Lager, in dem Zivilisten, Mütter mit ihren Kindern, die vor der Gewalt geflohen sind, Zuflucht gesucht haben, und das dann im April überfallen wurde, ein Lager, das eigentlich Schutz bieten sollte und in dem dann unter anderem eine Familie, ein kleiner Junge mit seiner Mutter, den ich getroffen habe, angegriffen wurde, der wirklich mit Müh und Not überlebt hat. Und ich glaube, daran wurde so ein bisschen sichtbar für mich und unmittelbar erlebbar, wie ausgesetzt Kinder in diesem Jahr wirklich unaussprechlicher Gewalt gewesen sind und weiter sind.
    Meurer: Wie ist das für Sie, wenn Sie so, ich sage mal, hier aus dem sicheren Westen in so eine Situation im Südsudan hineingebeamt werden?
    Schneider: Für mich persönlich war das eine sehr unmittelbare und auch frustrierende Erfahrung, weil der Südsudan für mich eines der Länder, auch aus Sicht von Unicef, ist, in dem wir eigentlich erzählen wollen, was wir auch im Sinne der Kinderrechte bewirken konnten, in dem die Menschen ja auf Frieden gehofft hatten. Und jetzt zu erleben, wie Kinder im Grunde völlig der Gewalt ausgesetzt sind, es keine Zuflucht gab, war eine unheimlich harte Erfahrung.
    Meurer: Eine Schlagzeile, viele Schlagzeilen lieferte Syrien und der Irak. Kann Unicef da überhaupt aktiv werden? Da ist ja Krieg.
    "Nordirak größter und dringendster Einsatz"
    Schneider: Ja, wir müssen den Menschen hier immer wieder erzählen, dass wir weiter aktiv sind. Wir haben etwa 140, 150 Mitarbeiter auch weiter in Syrien, die in Damaskus, aber auch in Städten wie Aleppo und Homs weiter für Kinder aktiv sind. Sie haben unter anderem in den zurückliegenden Monaten mit über 30, 40 Missionen auch, wie man sagt, crossline, also über die Konfliktlinien hinweg, zum Beispiel Impfstoffe und Medikamente zu den Kindern gebracht, versuchen zum Beispiel, auch in den Konfliktgebieten, manchmal unmittelbar an den Frontlinien Notschulen einzurichten, damit für die Kinder irgendwie auch in Syrien ein Stück Alltag weitergehen kann. Im Nordirak einer unserer größten und dringendsten Einsätze im Moment: auch da der Versuch, jetzt in Windeseile mit dem Winter, der ja schon da ist, die Menschen in den Baustellen, in Schulen, wo auch immer sie gerade Unterschlupf suchen – und es sind sehr, sehr viele Menschen – irgendwie zu versorgen.
    Meurer: Ganz großes Thema ist ja bei uns zurzeit, dass syrische Flüchtlinge, irakische Flüchtlinge hier bei uns in Deutschland stranden. Sie haben, Unicef Deutschland hat dieses Jahr eine Studie veröffentlicht über die Situation von Kindern und Jugendlichen, die als Flüchtlinge hierher kommen. Was ist so das markanteste Ergebnis dieser Studie?
    Schneider: Ja, ich versuche, eine Parallele zu dem zu ziehen, was wir in den Flüchtlingslagern zum Beispiel in Jordanien tun. Da ist das Hauptanliegen immer, die Kinder sofort auch mit Notschulen, mit Bildung zu versorgen, mit psychosozialer Unterstützung, den Kinderschutz in den Lagern sicherzustellen, damit Kinder auch vor Übergriffen, vor Gewalt geschützt sind. Wir haben bei unserer Untersuchung festgestellt, dass für die zu dem Zeitpunkt etwa 65.000 Kinder, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben – jetzt werden es laufend natürlich mehr – diese Kinderrechte nicht unbedingt sichergestellt sind. Es beginnt mit der Unterbringung der Flüchtlinge: Wenn zum Beispiel in Flüchtlingsunterkünften sehr viele Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen, zum Beispiel heranwachsenden Mädchen, untergebracht sind, dann ist das nicht im Sinne des Kinderschutzes. Es geht weiter mit dem Thema Bildung und psychosoziale Unterstützung: Wir fordern dringend – und sehen, dass es nicht gewährleistet ist –, dass die Kinder sofort Zugang zu unseren Schulen in Deutschland haben oder dass sie zum Beispiel in eine Psychotherapie, psychosoziale Unterstützung kommen.
    Meurer: Punkt eins, das mit dem Zusammenleben mit den Erwachsenen: Also Sie sind gegen Unterkünfte in Baumärkten, Turnhallen, vermute ich mal. Plädieren Sie für Aufnahme in Wohnungen? Da sagt die Stadt Köln und andere Städte: Haben wir nicht.
    Schneider: Also die Herausforderung für die Städte ist natürlich groß. Viele tausend Flüchtlinge in kurzer Zeit vernünftig unterzubringen, ist nicht allen Kommunen schnell möglich. Dennoch kann man – Sie hatten das Beispiel Schulen genannt oder andere – sicherstellen, dass nicht sehr viele Erwachsene mit sehr vielen Kindern auf engem Raum untergebracht sind. Wir müssen Standards haben, was zum Beispiel getrennte Toiletten, getrennte Sanitäranlagen angeht, um einfach in der Not, viele Flüchtlinge schnell versorgen zu müssen, Kinderschutzstandards zu gewährleisten.
    Meurer: Thema Schule: Was funktioniert da nicht, wie Sie eben sagten?
    Schneider: Es ist einfach so, dass sehr viele Kinder nicht unmittelbar Zugang zu Schule, zu Schulbildung in ihren Gemeinden sofort haben, indem sie zum Beispiel erst mal an einem anderen Ort untergebracht werden, ihre langfristigen Unterbringungen noch nicht sichergestellt sind und so oft mehrere Monate vergehen, bis die Kinder tatsächlich eine reguläre Schule besuchen können. Und das ist extrem wichtig, gerade jetzt unter der großen Zahl neu hinzukommender Flüchtlinge.
    "Das muss ein Land wie Deutschland schaffen"
    Meurer: Da wir ja das große Thema haben, Angst vor Ausländern, Angst vor Flüchtlingen – geht von Flüchtlingsheimen auch eine Gefahr aus für die Bevölkerung?
    Schneider: Nein. Mir hilft bei dieser Frage und bei dem, was wir im Moment in Deutschland manchmal an Debatten erleben, der Blick auf das, was sich in Syrien und den Nachbarländern im Moment abspielt. Wir sehen in Jordanien, im Libanon, in Ländern, in denen wirklich die Stabilität im Moment schon infrage steht, hunderttausende, wenn nicht Millionen Flüchtlinge, die aufgenommen werden. Wir sprechen über Deutschland über eine Zahl, die mag an die 200.000 Flüchtlinge zum Ende des Jahres heranreichen. Das ist etwas, was wir in einem Land wie Deutschland schaffen müssen ohne Probleme und ohne Angst.
    Meurer: Unicef, Herr Schneider, hat das Unicef-Foto des Jahres gekürt. Das Foto zeigt ein weißes Mädchen, trauriges, weißes, kleines Mädchen, das uns mit seinen Kulleraugen anschaut. Es ist von einem australischen Touristen mit einer Prostituierten auf den Philippinen gezeugt worden. Und jetzt wird dieses hellhäutige Kind von den philippinischen Kindern ausgeschlossen und schaut uns ganz traurig an. Ist das ein Beispiel dafür, dass wir im Westen sehr wohl doch etwas mit dem Elend von Menschen in der sogenannten Dritten Welt zu tun haben?
    Schneider: Das ist ein Beispiel dafür, dass Kinderrechtsverletzungen wie diese, der Schutz von Kindern, die Stigmatisierung von Kindern auch in vielen Ländern der Erde unmittelbar mit unserem eigenen Reiseverhalten, mit unserem Verhalten zu tun haben, und dass das auch 25 Jahre nach Inkrafttreten der Kinderrechtskonvention noch nicht bewältigt ist.
    Meurer: Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, über das Jahr der Kinder 2014, international betrachtet war es leider, alles betrachtet, kein gutes Jahr für die Kinder. Herr Schneider, danke für den Besuch im Studio!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.