Freitag, 07.05.2021
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteInterview"Integration kann man selten vom hohen Ross empfehlen"29.03.2016

Flüchtlingspolitik"Integration kann man selten vom hohen Ross empfehlen"

Angela Merkels Satz "Wir schaffen das" sei zwar gut gemeint, aber auch leichtfertig gewesen, sagte die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin und Grünen-Politikerin Antje Vollmer im DLF. "Er war ein autosuggestives Mantra." Sie plädiert für mehr Nüchternheit. Zudem müssten Fragen wie jene nach einer Obergrenze zugelassen werden.

Antje Vollmer im Gespräch mit Daniel Heinrich

Antje Vollmer (Grüne), die Vorsitzende des Runden Tisches zur Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren, spricht am Montag (13.12.2010) im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Vollmer stellte die Ergebnisse und den Abschlussbericht des Runden Tisches vor.  (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer war von 1994 bis 2005 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Mehr zum Thema

Internationale Flüchtlingskonferenz Mehr als 90 Staaten beraten über gerechte Verteilung

Integrationsverweigerer Eine Debatte, die Unfrieden sät

Debatte um Integrationsverweigerer: "Eine Phantomdiskussion"

Integrationspflichten für Zuwanderer "Nicht alle Flüchtlinge sind Verweigerer"

Daniel Heinrich: Am Telefon bin ich verbunden mit Antje Vollmer, Bündnis 90/Die Grünen, ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Frau Vollmer, kann Deutschland Integration?

Antje Vollmer: Deutschland kann Integration, das haben wir in der Geschichte paar mal bewiesen. Da ging es erst um die Integration der Vertriebenen, dann ging es um die Integration von Gastarbeitern – keine reine Erfolgsgeschichte –, und irgendwie ging es ja auch um die Integration von Millionen früherer DDR-Bürger, die in den Westen gekommen sind, weil da die einzigen Arbeitsplätze übrig geblieben waren. Aber wenn man auf diese Geschichte guckt, dann weiß man auf jeden Fall, Integration kann man selten vom hohen Ross empfehlen, weder gegenüber den Flüchtlingen noch gegenüber den Einheimischen. Bei Integration muss man vor allen Dingen wissen, dass es eine sehr schwierige – auch politisch, aber auch menschlich – Herausforderung ist, die allen viel abverlangt, nicht nur der Politik, sondern eigentlich allen Beteiligten.

"Wir sollten einfach nüchtern gute Vorbilder überprüfen"

Heinrich: Haben wir denn in Deutschland manchmal vielleicht aus Gründen falsch verstandener politischer Korrektheit Angst, eigentlich Selbstverständliches einzufordern, wie zum Beispiel das Erlernen der Sprache?

Vollmer: Ja, ich glaube, wir sollten sowieso weniger politisch korrekt reden und auch weniger moralisieren, sondern wir sollten einfach nüchtern gute Vorbilder überprüfen. Nehmen wir mal die Vertriebenen: Da war natürlich klar, die kannten unsere Sprache, die hatten auch weitgehend ähnliche Bildungsvoraussetzungen, und irgendwie gab es damals auch das Gefühl einer Art von Schicksalsgemeinschaft einer gemeinsam erlittenen und doch auch berechtigt erlittenen Niederlage. Und trotzdem hat auch das bei manchen Gruppen der Vertriebenen eine ganze Generation gedauert, bis sie das geschafft haben, denn Vertriebene sind oft traumatisierte Menschen. Und traumatisierte Menschen brauchen besonderes Verständnis, und die kommen auch nicht leicht aus ihrem Trauma heraus. Und wenn man an die Zeiten damals denkt, selbst die Religion spielte eine Rolle, und ob einer katholisch oder evangelisch war, und das ist ja nun doch sehr naheliegend, aus heutiger Sicht gesehen, spielte eine Rolle, ob es mit der Integration leichter war oder ob man sich lange als Außenseiter fühlte.

Heinrich: Wenn Sie die Vertriebenen schon ansprechen, damals gab es keine Integrationskurse, es gab auch keine psychologische Betreuung, und es gab trotzdem keine offenen Arme - häufig. Neigen wir heutzutage zu Hysterie bei dem Thema?

Vollmer: Ich plädiere ja für Nüchternheit. Also ich finde zum Beispiel den Satz "Wir schaffen das!", der war ja gut gemeint, aber er war trotzdem ein bisschen leichtfertig und er war auch ein autosuggestives Mantra, sich also Mut zuzusprechen, dass man das schafft. Dabei muss man dann einfach über die Probleme reden, man muss über die Möglichkeiten reden, man hätte die Gruppen ja aufteilen müssen. Politisch Verfolgte, das ist der kategorische Imperativ unserer ganzen Geschichte, dass die bei uns unbegrenzt Aufnahme finden müssen. Und ich würde mal sagen, das machen fast alle Deutschen. Oder auch, dass jemand, der aus einer Kriegserfahrung kommt, gerade die Generation, die Kriegserfahrungen hatten oder auch Vertreibungserfahrungen, die wissen, dass man denen helfen muss. Das sind aber vor allen Dingen dann Frauen und Kinder und Alte. Aber wir haben ja eine dritte Gruppe, und darüber wird zu wenig gesprochen: Das sind Menschen, die durch die Entwicklung, vor allen Dingen der Kriege, aber auch Wirtschaftsentwicklung, klimatische Bedingungen, die selbst auf einen schicksalhaften Treibsand gesetzt sind, und die müssen wir aufnehmen, aber darüber muss man auch mit der eigenen Bevölkerung reden. Sprechen wir doch ernsthaft mal an, in welchen Gruppen es Schwierigkeiten gibt, und das gibt es, glaube ich, nur bei der dritten Gruppe. Da muss die Politik ihren Teil übernehmen, und dann muss sie erst mal benennen, was sie alles an Vorleistungen machen wird, damit sie dann ihrerseits auch der Bevölkerung das Gefühl vermitteln kann, dass die auch ihren Teil tragen können. Aber wenn die Globalisierungsverlierer bei uns auf die Globalisierungsverlierer von außen kommen und sagen, das wird uns nur gepredigt, dann wird es wahrscheinlich nicht gut klappen.

"Man muss endlich auch Fragen zulassen"

Heinrich: Wie würden Sie mit dieser dritten Gruppe verfahren?

Vollmer: Ganz viele Fakten erzählen, so wie wir das letztendlich auch zwischen den DDR-Bürgern und uns – und da war ja so vieles so viel näher – getan haben. Aber zum Beispiel muss man endlich auch Fragen zulassen. Ich habe zum Beispiel nie begriffen, warum das Fragen nach einer Obergrenze absolut moralisch verwerflich ist. Das ist doch selbstverständlich, wenn es darum geht zu sagen, es kommen einige Teilungsaufgaben auf uns zu, und natürlich sind das Teilungsaufgaben, die bewältigt werden müssen, und da müssen die Leute zu Recht fragen dürfen, was soll ich teilen, in welchem Umfang, und kann ich das verkraften. Ich finde, diese Debatten müssen ehrlich gesagt viel dichter am Leben der Menschen diskutiert werden.

Heinrich: Also Sie sagen, die Debatte, die jetzt geführt wird, ist abgehoben?

Vollmer: Ja, sie hat viel gute Absicht, aber sie schafft ja wenig gemeinsames Vertrauen, sondern die Tatsache, dass ja faktisch alle Parteien sagen, wir müssen das jetzt schaffen, erzeugt noch nicht diese Art von Selbstvertrauen in der Bevölkerung, aber sie erzeugt viele gute Beispiele. Und ich finde, man sollte mehr die Leute, die das im Alltagsleben bewältigen, die sollte man viel mehr in die Debatte ziehen.

Heinrich: Meinen Sie, dass das vielleicht auch Zeichen von Überforderung ist, was da gerade passiert?

Vollmer: Ja, ganz eindeutig ist unsere Gesellschaft im Augenblick unter Stress, wobei der Stress ja schon auch wieder aufgehört, aber durch Dinge, über die wir uns nicht freuen sollen, durch die geschlossenen Grenzen, dadurch, dass Griechenland jetzt an unserer Stelle zusammenbricht. Wir müssen schon ernsthaft auch über unseren eigenen Anteil reden, an dem, was alles passiert ist, und dass es nicht sein kann, dass einige wenige Länder in der Welt als Leuchttürme des absoluten Wohlstandes und Glücks und der Exportweltmeisterschaft dastehen und die anderen sozusagen nur die Arbeitslosigkeit und die Folgen exportiert kriegen. Das wird so auf Dauer nicht reichen.

Heinrich: Die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk