Samstag, 13. August 2022

Archiv

Flugzeugunglück in der Ukraine
"Unabhängige Experten müssen das untersuchen"

Es sei nicht so leicht möglich, ein Flugzeug in 10.000 Metern Höhe abzuschießen, sagte Jörg Handwerk, Pressesprecher Pilotenvereinigung Cockpit, im Deutschlandfunk. Auch deshalb sei es wichtig, dass es eine internationale und unabhängige Untersuchung dieses Vorfalls gebe.

Jörg Handwerk im Gespräch mit Sandra Schulz | 18.07.2014

    Christoph Heinemann: Unter den Opfern des Passagierflugzeuges der Malaysian Airlines, das gestern in der Ostukraine abgestürzt ist, möglicherweise abgeschossen wurde, sind neben 154 Niederländern auch vier Deutsche. Niemand der 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder überlebte den möglichen Abschuss in etwa 10.000 Metern Höhe.
    Über das Thema „Ziele in großer Höhe" hat meine Kollegin Sandra Schulz mit Jörg Handwerk gesprochen, dem Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, und ihn gefragt: Was macht eine Passagiermaschine mit fast 300 Insassen über einem solchen Kriegsgebiet?
    Jörg Handwerk: Grundsätzlich gibt es natürlich Risikoeinschätzungen, die zum einen sicherlich die Geheimdienste der unterschiedlichen Länder vornehmen, und mit denen kooperieren auch viele Airlines. Hier ist man angebunden. Dann gibt es Sicherheitsabteilungen bei den Airlines, die Risikobewertungen vornehmen. Wenn der Luftraum nicht gesperrt wird, dann kann er überflogen werden, wenn man zu der Einschätzung gelangt, dass das soweit noch sicher ist.
    Kein Zusammenhang mit Absturz im Pazifik
    Sandra Schulz: Es hat Militärflugzeug-Abschüsse in dem Gebiet jetzt in den letzten Tagen ja schon gegeben. Ist die Entscheidung jetzt zu spät gekommen?
    Handwerk: Ja, es gab sicherlich Abschüsse von militärischem Flugmaterial, auch Helikopter, aber die Flugzeuge und so, die da abgeschossen wurden, die sind eher in niedriger Flughöhe abgeschossen worden, und es ist eben nicht so leicht möglich, ein Flugzeug in Reiseflughöhe abzuschießen. Deswegen vermute ich mal, ist man zu der Einschätzung gekommen, dass hier kein Risiko besteht, was es rechtfertigen würde, dann außen um diesen Luftraum herumzufliegen, denn das verursacht natürlich, sage ich mal, Riesenumwege und natürlich hat das auch einen diplomatischen Impact.
    Schulz: Jetzt hatten viele natürlich die gleiche Assoziation, als sie gehört haben, dass es sich um eine Maschine der Malaysian Airline handelt. Vor rund vier Monaten ist ja eine Maschine verschwunden über dem Indischen Ozean. Welchen Reim machen Sie sich darauf?
    Handwerk: Da mache ich mir zurzeit überhaupt keinen Reim drauf. Das kann jetzt wirklich reiner Zufall sein. Wenn dieses Flugzeug wirklich abgeschossen sein sollte, dann kann man ja nicht davon ausgehen, dass das irgendetwas mit dem Vorfall im Pazifik zu tun hatte. Da gibt es eigentlich keinen erkennbaren Zusammenhang. Abgesehen davon, dass das natürlich eine Riesentragödie ist für die Betroffenen und die Angehörigen, ist es natürlich auch für die Firma extrem ungünstig, dass sich das jetzt so ergeben hat.
    Schulz: Und anders als bei dem Fall vor vier Monaten gibt es jetzt ja ein Wrack, das gefunden wurde, offensichtlich auch die Blackbox. Welchen Aufschluss kann die Blackbox denn liefern?
    Handwerk: Die Blackbox kann natürlich schon Aufschlüsse liefern über den Zustand des Flugzeuges, insofern, dass man sieht, welche Steuerausschläge wurden hier getätigt, was haben die Piloten gemacht, was haben sie veranlasst. Es gibt dann auch einen Cockpit Voice Recorder, hier sind die Gespräche im Cockpit aufgezeichnet. Die sind oftmals noch hilfreicher als die reinen Daten der Bewegung der Steuerflächen oder Geschwindigkeit etc. Das wird natürlich, sage ich mal, der Knackpunkt sein. Es wäre dringend angeraten, dass es hier zu einer internationalen unabhängigen Untersuchung kommt, denn ansonsten wird vermutlich bei diesem Fall immer ein Beigeschmack zurückbleiben. Entweder die eine oder die andere Seite wird hier wahrscheinlich dann hinterher nicht zufrieden sein mit dem Ergebnis, wenn es sich nicht um international unabhängige Experten handelt, die das aufrollen.
    Lage der Teile lässt Rückschlüsse zu
    Schulz: Sie haben sicherlich inzwischen auch Bilder vom Wrack gesehen. Nach dem, was Sie da erkennen können, gibt das irgendeinen Aufschluss?
    Handwerk: Man hat ja eigentlich, zumindest ich habe noch keine wirklich verifizierten Bilder sehen können. Man sieht eine Rauchsäule. Diese Rauchsäule, die kann eigentlich von allem Möglichen verursacht sein. Deswegen ist es einfach zu früh und es muss wirklich eine richtige Unfalluntersuchung stattfinden. Üblicherweise werden auch die Länder beteiligt - das ist eigentlich internationaler Usus -, von denen Opfer an Bord waren. Das wären in diesem Fall sicherlich die Amerikaner, die Malaysier, die Holländer und auch Deutsche waren wohl an Bord, und da kann es gut sein, dass hier ein Trupp zusammengestellt wird, die das dann aufrollen, und die können natürlich auch anhand der Lage der Teile Rückschlüsse ziehen. Wenn die Teile sehr, sehr weit verstreut sind über ein großes Areal, dann kann man davon ausgehen, dass das Flugzeug schon in der Luft zerbrochen ist aus irgendwelchen Gründen, im Gegensatz zu einer relativ dichten Stelle, wenn es aufschlägt, wo die Teile zu finden sind.
    Heinemann: Jörg Handwerk, der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Die Fragen stellte meine Kollegin Sandra Schulz.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.