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StartseiteInterview"Misstrauensvotum an die etablierten Parteien"24.04.2017

Frankreich-Wahl"Misstrauensvotum an die etablierten Parteien"

Das eigentlich Erschreckende sei nicht die hohe Quote für Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen, sondern dass keine etablierte Partei in der Stichwahl vertreten sei, sagte die Schriftstellerin Gila Lustiger im DLF. Das Volk glaube dem politischen System und den demokratischen Instanzen nicht mehr.

Gila Lustiger im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Die Schriftstellerin Gila Lustiger. (imago / Metodi Popow)
Die Schriftstellerin Gila Lustiger. (imago / Metodi Popow)
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Dirk-Oliver Heckmann: Am Telefon ist jetzt Gila Lustiger, Schriftstellerin, die seit vielen Jahren in Paris lebt. Schönen guten Morgen, Frau Lustiger!

Gila Lustiger: Guten Morgen.

Heckmann: Lassen Sie mich vielleicht mit einer persönlichen Frage beginnen, wenn Sie erlauben: Wie und wo haben Sie das Wahlergebnis gestern Abend aufgenommen?

Lustiger: Bei Freunden vor dem Fernseher. Und es wurde eine kurze Nacht. Und wir haben viel getrunken und gefeiert.

Angst vor europafeindlichen Parteien 

Heckmann: Und Sie haben Grund zu feiern?

Lustiger: Na ja, wir wussten alle nicht so recht, welche zwei Parteien es in die Stichwahl schaffen werden. Alle Umfrageinstitute sagten mal dies, mal das. Und unsere große Angst war eigentlich, dass zwei Parteien es hineinschaffen, die eigentlich – also die extreme Linke und die extreme Rechte -, die europafeindlich sind. Das wäre dann das Ende Europas gewesen, so wie wir es kennen und lieben.

Heckmann: Aber was sagt das eigentlich über die Situation in Frankreich in diesem Jahr 2017 aus, dass man schon froh ist, dass die Rechtsextreme Marine Le Pen nur auf Platz zwei sozusagen gelandet ist?

Lustiger: Ja, das ist erschreckend, nicht wahr? Was erschreckend ist, ist nicht die hohe Quote von Marine Le Pen eigentlich, und dass der Front National es wieder in die Stichwahlen schafft wie vor 15 Jahren. Sondern eigentlich, wenn man sich das überlegt, dass es keiner der Kandidaten der etablierten Parteien, der Sozialisten und der bürgerlichen Rechten, dass keine dieser Parteien in der Endrunde vertreten sind. Und dass eigentlich sowohl Macron als auch Marine Le Pen, aber auch Mélenchon, der ja der Dritte war im Bunde, dass eigentlich alle drei, die wirklich hohe Wählerquoten bekommen haben, immer wieder gesagt haben, dass sie mit dem politischen System des Landes brechen wollen.

Heckmann: Wie kommt das? Wie ist das entstanden, dieses Klima?

Lustiger: Schauen Sie sich die Skandale der letzten Jahre an, schauen Sie sich die Korruptionsfälle an. Schauen Sie sich den Fall von Fillon an, der es eben aus diesem Grund auch nicht geschafft hat. Die etablierten Parteien in Frankreich gibt es eigentlich nicht mehr. Ich habe mir heute die Presse angeschaut. Der rechte "Figaro" titelt "La Droîte k.o.", "Die Rechte k.o.". Und Hollande, hat wegen der schlechten Umfragewerte darauf verzichtet, erneut Kandidat zu werden. Und seine Partei ist mit sechs Prozent gescheitert.

Es ist wirklich das Misstrauensvotum, diese Wahl, würde ich sagen, an die etablierten Parteien und das politische System in Frankreich. Das ist das Erschreckende. Dass das Volk eben diesem politischen System und den demokratischen Instanzen nicht mehr glaubt. Und unsere Hoffnung ist eben jetzt, dass ein 39-jähriger ehemaliger Investmentbanker – das hat Marine Le Pen natürlich sofort gestern hervorgehoben – es jetzt schafft, dass wir wieder Glauben finden und dass wir diesen politischen Instanzen wieder glauben.

Heckmann: Jetzt gibt es allerdings auch viele, die sagen, Macron sei gar nicht besser als Le Pen, zumindest auf lange Sicht hin, denn er repräsentiere nämlich genau die, die den rechten Front National salonfähig und groß gemacht haben mit ihren neoliberalen Reformen, so argumentiert zumindest die französische Linke. Gibt es da viele auch bei Ihnen im Bekanntenkreis, die so denken?

"Wie verblendet kann die Linke sein?"

Lustiger: Ich habe Bekannte, die Mélenchon gewählt haben und Hamon, die sehr wahrscheinlich nicht Macron wählen. Und die dazu auch aufgerufen haben. Ich habe mich mit einigen meiner Freunde gestritten, die auch dazu stehen, dass sie jetzt bei den Stichwahlen nicht wählen gehen werden. Und ich sage mir, wie verblendet kann die Linke sein. Das ist wirklich fatal, damit zu spielen. Und ich kann das nicht nachvollziehen. Ich habe mir gestern die Rede von Macron angehört. Er redet über Ökologie, über die Wirtschaftskrise, über Terror und Globalisierung. Sein Wahlprogramm – und er ist vielleicht liberaler als die Linke, aber er geht schon die großen Themen an. Er geht die großen Themen an. Und er wird sich damit auseinandersetzen. Und was er auch gesagt hat, ist, dass eben das politische System, das war eine seiner, wie soll ich sagen, Hauptargumente, ihn zu wählen, ist, dass das politische System des Landes eben nicht mehr fähig ist, auf eben diese Probleme schnell und effizient zu reagieren.

Heckmann: Frau Lustiger, Sie haben ja gerade eben die Krise der etablierten, der sogenannten etablierten Parteien angesprochen in Frankreich, also die Konservativen und auch die Sozialisten und die ganzen Skandale, die damit auch verbunden sind. Das ist ja die eine Seite. Die andere Seite ist, dass der Front National ein erheblicher Machtfaktor geworden ist über all die Jahre. Wie erklären Sie sich das, dass es in Frankreich schon lange ja ganz offenbar überhaupt gar kein Problem ist, sich mit dem Front National zu identifizieren?

"Zehn Prozent der Jugend heute wählt Front National"

Lustiger: Ich habe mir mal angeschaut, wer die Front-National-Wähler sind. Und die Hälfte der Front-National-Wähler, fast die Hälfte, 44 Prozent, sind Arbeiter, wenn Sie sich auch die Karte anschauen, natürlich aus Regionen mit hoher Arbeitslosigkeitsquote, die vorher traditionell eben links und linksradikal gewählt haben – Kommunisten, Trotzkisten und wie die ganzen Splitterparteien alle heißen. Und die heute massiv Front National wählen, weil sie eben das Gefühl haben, dass die sozialistischen Parteien und die linken Parteien nicht mehr auf ihre Ängste und ihre Probleme eingehen. Die anderen, die Front National wählen, und das ist das Erschreckende, das sind junge Wähler, die Erstwähler. Und die Hälfte der Front-National-Wähler sind eben Erstwähler und junge Wähler. Das sind zehn Prozent.

Zehn Prozent der Jugend heute wählt Front National. Und ich glaube, ein Grund, warum eben Marine so stark ist, ist, dass sie auf die Ängste dieser jungen Menschen eingeht, die auch damit verbunden sind – ich habe zwei Erwachsene, aber junge Erwachsene hier im Haus –, dass das die Generation Hospitanz ist. Dass es schwer ist, Stelle zu finden, selbstständig zu werden. Und natürlich der Terror. Und Marine Le Pen, wie alle Populisten, hat einfache Antworten. Sie sagt zum Beispiel auf den Terror, dass sie die Grenzen schließen will und sie inszeniert sich als große Mutter Frankreichs, die die Nation beschützen will. Wenn man aber weiß, das sagt sie natürlich nicht, dass der Terror hier in Frankreich hausgemacht ist und dass die Terroristen, sei es die Kouachi-Brüder, die das "Charlie Hebdo"-Attentat begangen haben, oder Couli Balhi, Viper Cashair oder wie sie auch alle heißen, dass das Kinder der Nation waren. Dass sie in Frankreich geboren und aufgewachsen sind, dann sieht man, wie lächerlich eigentlich ihre Vorschläge sind. Und geschlossene Grenzen verhindern eine Globalisierung auch nicht.

"Ich bin noch nicht ganz beruhigt"

Heckmann: Frau Lustiger, wir haben leider nur noch wenig Zeit. Eine Frage muss ich noch loswerden: Alle sagen ja jetzt, Macron wird in der zweiten Runde gewinnen. Sind Sie sich da auch so sicher?

Lustiger: Ja, ich hoffe es sehr. Ja. Natürlich, was mir wieder Angst macht, aber ich bin ängstlich von Natur aus, was mir Angst macht, ist, dass Mélenchon, die extreme Linke, wie die anderen Parteien, die dazu aufgerufen haben, eben die – also Mitte- und Linkskandidaten haben dazu aufgerufen, Le Pen als Präsidentin zu verhindern. Mélenchon hat das nicht getan. Und ich habe heute Morgen im Radio Racheline gehört, das ist der Pressesprecher von Marine Le Pen, der im Radio heute Morgen schon gesagt hat, dass die Mélenchon-Wähler massiv Marine Le Pen wählen werden. Und das sind immerhin fast 20 Prozent. Also, ich bin noch nicht ganz beruhigt, nein.

Heckmann: Wir werden es weiter beobachten, spätestens dann in zwei Wochen natürlich. Live im Deutschlandfunk war das hier die Schriftstellerin Gila Lustiger. Frau Lustiger, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch und dass Sie sich die Zeit genommen haben!

Lustiger: Vielen Dank, schönen Tag Ihnen!

Heckmann: Schöne Grüße nach Paris!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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