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StartseiteInterview"Es muss eine zentrale Informationskampagne geben"11.03.2020

Für COVID-19-Risikogruppe Ältere"Es muss eine zentrale Informationskampagne geben"

FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus hat in der Coranakrise für den Start von Informationskampagnen für ältere Personen mit Vorerkrankungen geworben. Dies sei wirkungsvoller als Absagen von Großveranstaltungen, sagte sie im Dlf. Die ältere Bevölkerung sei nicht ausreichend informiert.

Christine Aschenberg-Dugnus im Gespräch mit Christiane Kaess

Eine ältere Frau mit Mundschutz wird in einem Zelt von einer medizinischen Kraft untersucht.   (AFP/Miguel MEDINA )
Besonders ältere Menschen mit Vorerkrankungen zählen zur Corona-Risikogruppe, sagte FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus im Dlf. (AFP/Miguel MEDINA )
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Christiane Kaess: Wir können darüber jetzt sprechen mit Christine Aschenberg-Dugnus. Sie ist gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag. Guten Tag!

Kaess: Die Kritik an der Bundesregierung und vor allem an der Kanzlerin, keine Führung in der Coronakrise, so wie das formuliert wurde, ist die berechtigt?

Aschenberg-Dugnus: Sagen wir so: Ich finde es richtig, dass sich die Kanzlerin heute geäußert hat, denn das hat die Bevölkerung auch von ihr erwartet. Aber ich als Gesundheitspolitikerin, für mich war es in den letzten Wochen wesentlich wichtiger, mich immer mit den Experten vom Robert-Koch-Institut auszutauschen, denn das sind die Leute, die täglich darüber informieren, wie die Corona-Lage gerade aussieht und wie wir die Bevölkerung darauf vorbereiten und wie wir reagieren müssen. Das war mir wichtiger.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

"Auf 60 bis 70 Prozent Infizierte vorbereitet sein"

Kaess: Es sorgt ja eine Aussage, wenn Sie die Experten ansprechen, für etwas Aufregung, die auch von Angela Merkel jetzt noch mal gekommen ist, dass sich 60 bis 70 Prozent der Deutschen infizieren werden. Wie ist das einzuordnen?

Aschenberg-Dugnus: Nun, wir müssen aber auch dabei berücksichtigen: Das mag so sein. Das weiß niemand. Aber wir müssen darauf vorbereitet sein. Aber wichtig ist auch, dass wir der Bevölkerung mitteilen, dass für 80 Prozent der Infizierten es nur milde oder überhaupt keine Symptome gibt. Das heißt, die kriegen das nur als eine leichte Erkältung mit.

Da, finde ich, muss auch die Information gegeben werden, dass wir uns mehr auf diejenigen konzentrieren, die wirklich gefährdet sind, und das sind die älteren Menschen mit Vorerkrankungen – natürlich auch Jüngere, wenn sie Vorerkrankungen haben. Aber diese Mehrfacherkrankung tritt häufiger bei älteren Menschen auf und da müssen wir jetzt ganz verstärkt Informationskampagnen starten.

Kaess: Informationskampagnen, sagen Sie, und natürlich versucht man auch, mit allen Mitteln die Infektionsketten zu unterbrechen. Jetzt ist es so, dass die Bundesregierung juristisch gesehen nicht bundesweit Maßnahmen ergreifen kann, wie das zum Beispiel in Italien jetzt der Fall ist. Wird denn der Föderalismus die Verbreitung von Corona befördern?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 6.03.2019 bei der Veranstaltung "Gesund leben in Dresden" (dpa/Robert Michael) (dpa/Robert Michael)Spahn: "Das, was wir machen, machen wir, um die Gefährdeten zu schützen"
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Aschenberg-Dugnus: Ich glaube nicht. Ich glaube, vor Ort kann man immer besser entscheiden, was dort benötigt wird. Insofern muss natürlich irgendwo eine Koordinierung stattfinden. Irgendjemand muss den Hut aufhaben.

Kaess: Und findet die im Moment statt?

Aschenberg-Dugnus: Ja, ich sage mal, beim Robert-Koch-Institut findet sie schon statt. Ich gehe täglich auf die Seite und da werden Empfehlungen gegeben. Wie die dann umgesetzt werden, wird natürlich unterschiedlich gehandhabt, was wir jetzt gerade bei den Fußballspielen sehen, aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es auch das individuelle Risiko zu beurteilen gibt.

Ich sage, für eine 80jährige Frau, die mehrfach erkrankt ist, ist es nicht so entscheidend, ob das Fußballspiel stattfindet oder nicht, sondern die muss aufgeklärt werden, dass sie möglicherweise auch schon eine Versammlung von 100 Leuten nicht besuchen sollte, weil sie ein viel höheres Risiko hat, und das kann ich nicht bundesweit regeln. Ich kann aber bundesweit regeln, dass informiert wird, und da müssen wir noch besser werden.

"Die Bevölkerung ist auch völlig irritiert"

Kaess: Aber gerade, wenn Sie jetzt die Großveranstaltungen wie zum Beispiel die Fußballspiele ansprechen, da sind viele jetzt doch irritiert, weil in einem Bundesland so eine Veranstaltung noch stattfinden kann, im anderen nicht, und einige reden jetzt von Kompetenzchaos. Kann man das auch so einordnen?

Aschenberg-Dugnus: Ja, vor allen Dingen die Bevölkerung ist auch völlig irritiert, weil sie nicht versteht, warum findet das in dem einen Bundesland statt und im anderen nicht. Insofern wäre es schon besser, allein um Irritationen bei der Bevölkerung zu vermeiden, dass man da zu einheitlichen Regelungen kommt. Aber Sie haben es ja am Anfang richtig gesagt: Es sind nur Empfehlungen und die müssen vor Ort umgesetzt werden.

Einige Bundesländer sind ja schon vorangeschritten, mein eigenes, Schleswig-Holstein, auch. Da sind solche Veranstaltungen untersagt worden und da sind klare Regeln getroffen worden. Da müssen wir uns, ich sage mal, nach der Krise unterhalten, wie wir das vielleicht alles besser händeln können, aber im Moment darüber zu diskutieren, finde ich, das klingt ein bisschen besserwisserisch. Man muss hinterher sich zusammensetzen und nicht wie bei vergangenen Krisen sagen, haben wir überstanden, jetzt machen wir weiter wie bisher.

Der SPD-Politiker Prof. Dr. Karl Lauterbach (imago / Gerhard Leber) (imago / Gerhard Leber)Lauterbach: Ohne Absagen riskieren wir mehr Todesfälle
Die Absage von Veranstaltungen sei, neben persönlichen Verhaltensregeln, die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Dlf. 

Kaess: Aber wir sind ja mitten drin und da stellen sich doch viele Leute die Frage, was sind denn jetzt die besten Maßnahmen. Muss man nicht vielleicht stärker vorgehen und mit härterer Hand. Einige sprechen davon, es muss jetzt mal ein Machtwort von der Kanzlerin gesprochen werden, denn juristisch ist nichts möglich. Oder muss eventuell auch mal juristisch was geändert werden?

Aschenberg-Dugnus: Wie gesagt, darüber können wir uns gerne unterhalten. Aber wichtig ist jetzt, dass wir die Bevölkerung aufklären, wie sie sich zu verhalten hat.

"Wir haben genug Intensivbetten""

Kaess: Sie setzen auf die Verantwortung jedes Einzelnen?

Aschenberg-Dugnus: Unter anderem auch. Es muss aber eine zentrale Informationskampagne geben, und die fehlt mir zum Beispiel in Bezug auf die ältere Bevölkerung noch. Ich hatte zum Beispiel gestern eine Schülergruppe. Da waren 80 Schüler aus meinem Wahlkreis. Die waren sich nicht so sicher, wie sie sich verhalten sollten, und denen habe ich auch erst mal erklärt, wenn sie Oma und Opa haben, dass sie die vielleicht nicht unbedingt jetzt täglich besuchen sollen, wenn die Vorerkrankungen haben.

Das sind Maßnahmen, die viel, viel mehr greifen, als wenn ich jetzt sage, Veranstaltungen ab tausend werden abgesagt. Das ist auch wichtig, verstehen Sie mich da nicht falsch. Aber das individuelle Risiko hängt nicht an der Tausend-Personen-Veranstaltung, sondern das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Schauen Sie, wenn wir jetzt zum Beispiel eine politische Veranstaltung haben mit 20 Leuten, kann das ungefährlich sein. Wenn ich aber jetzt eine Tanzveranstaltung habe, irgendwo in einer Disco mit 30, 40 Leuten, kann das Infektionsrisiko sehr viel höher sein, weil man enger zusammensteht, weil man schwitzt, weil man in nicht belüfteten Räumen agiert. Das alles steht auf der Seite des Robert-Koch-Instituts.

Kaess: Lassen Sie uns noch mal darüber sprechen, was die Bundesregierung tun kann. Die könnte zum Beispiel an den Grenzen stärker eingreifen. Sollte stärker kontrolliert werden und im Notfall eventuell auch zum Teil geschlossen werden?

Aschenberg-Dugnus: Nein, das sehe ich nicht so, weil wir müssen ja sehen: Wir sind in Deutschland im Moment noch ganz aufgestellt. Wir haben genug Intensivbetten. Im Gegensatz zu Italien, die ja abgeriegelt haben – die haben zu spät reagiert -, das muss man sagen, das ist bei uns besser gelaufen.

Wir haben von Anfang an die Testungen vorgenommen und das hat dazu geführt, dass wir rechtzeitig identifizieren konnten, welche Menschen infiziert waren. Die wurden isoliert und dadurch hat der Ausbruch bei uns nicht so stattgefunden wie in Italien. Mir tun die Italiener leid, aber die haben viel zu spät angefangen zu testen.

Ein Soldat mit Atemschutzmaske hält an einer Straßensperre vor der roten Zone von Turano Lodigiano eine Winkerkelle in die Höhe.  (Claudio Furlan/LaPresse/ZUMA Press/dpa ) (Claudio Furlan/LaPresse/ZUMA Press/dpa )Das bedeutet die Sperrzone in Norditalien für die Menschen
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Kaess: Es gibt trotzdem auf praktischer Ebene einiges an Klagen, zum Beispiel der Mangel an Schutzausrüstung, die Arztpraxen und die Gesundheitsämter machen zum Teil den Eindruck, als seien sie komplett überfordert. Ist das der größte Risikofaktor im Moment?

Aschenberg-Dugnus: Es ist eine unschöne Situation und da wurde ja auch bereits gehandelt, dass Schutzmaterial und Masken zentral bestellt wurden - vielleicht etwas zu spät, aber auf jeden Fall wird es jetzt angegangen, dass das dann zentral verteilt wird. Insofern muss man aber auch sagen, die Aufklärung der Bevölkerung, nicht sofort in die Arztpraxis zu laufen, ist auch ganz wichtig. Auf allen Dingen müssen wir hinterher schauen, was wir besser machen müssen.

Kaess: Warum kommt das zu spät und warum müssen wir erst hinterher gucken? Wir haben doch Pandemie- und Epidemie-Pläne.

Aschenberg-Dugnus: Ja, Sie haben völlig recht. Aber die Pläne, die wir haben, sind immer auf eine vergangene Erkrankung zurückzuführen. Das was wir hier haben ist neu und wir wussten nicht vom Tag eins an, um welchen Virus es geht und wie er sich verbreitet. Informationen hatten wir nicht von Tag eins an.

Das heißt, jeden Tag, sagt uns Herr Wieler vom Robert-Koch-Institut, lernt auch er dazu, und dann muss man jeden Tag die Maßnahmen auch anpassen. Das müssen wir der Bevölkerung auch sagen, dass man nicht alles von Anfang an weiß, sondern wir wissen zum Beispiel in einer Woche wahrscheinlich auch wieder mehr. Das ist das Problem, dass man täglich sich seine Maßnahmen anschauen muss und anpassen muss.

Kaess: Jetzt hören wir immer wieder, dass die Ressourcen gebündelt werden. Das macht ja sicherlich Sinn. Für jeden Laien auch verständlich, dass die Krankenhausplätze nur noch für die ernsthaft Erkrankten vorgehalten werden. Aber es sollen ja auch nur noch Menschen mit Symptomen getestet werden. Wie sinnvoll ist das?

Aschenberg-Dugnus: Das ist sehr sinnvoll, weil Sie haben eine Inkubationszeit von 14 Tagen und am Anfang, wenn Sie zu früh getestet werden, kann es sein, dass Sie negativ getestet werden, und eine Woche später sind Sie positiv getestet. Insofern nützt auch diese ganze Diskussion, wir testen jetzt an den Grenzen, nichts in dem Moment.

Kaess: Aber es können auch Infizierte durchs Raster rutschen?

Aschenberg-Dugnus: … können auch rutschen, ja. Hoffen wir nicht. Aber wichtig ist doch die Botschaft nach außen und das wurde heute noch mal vom Robert-Koch-Institut bestätigt. Wir haben in Deutschland genügend Kapazitäten, um diese Testungen durchzuführen, anders als in anderen europäischen Ländern. Das ist ganz wichtig!

Und wir haben auch genügend Intensivbetten. Die Pläne, die jetzt auch angepasst wurden und rausgeholt wurden in den Kliniken, besagen ja auch – das ist auch nicht für jeden schön -, dass planbare Operationen verschoben werden, nach hinten verschoben werden, weil man davon ausgeht, dass jetzt doch mehr Infizierte sind und auch mehr Infizierte, die schwer erkrankt sind - nicht die 80 Prozent, die nur leichte Erkrankungssymptome haben -, dass für die auch ausreichend Betten und Intensivbetten vorhanden sind. Das sind zum Beispiel die alten Pläne, die jetzt überarbeitet werden und die auch wirken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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