Freitag, 12. April 2024

DFB und TikTok
Eine "Partnerschaft", die aufhorchen lässt

Der Deutsche Fußball-Bund bekommt neben einem neuen Ausrüster auch einen neuen "Entertainment-Partner". Die Plattform TikTok steht unter chinesischer Kontrolle. Einige Staaten wollen Tiktok regulieren, der DFB hofft dagegen auf neue Zielgruppen.

Steffen Wurzel im Gespräch mit Marina Schweizer | 23.03.2024
Auf einem Smartphone wird das Logo der Kurzvideo-Plattform TikTok angezeigt.
TikTok, als Teil des chinesischen Online-Konzerns ByteDance heftiger Datenschutz-Kritik ausgesetzt, hat in den letzten Jahren die Welt mit Kurzvideos erobert und ist besonders bei Jüngeren beliebt. Nun hat der DFB TikTok als neuen Medienpartner vorgestellt. (picture alliance / dpa / Robert Michael)
Der Ausrüsterwechsel beim DFB wurde zu einem Politikum, von CDU-Chef Friedrich Merz über Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) bis hin zu Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) warfen Spitzenpolitiker dem DFB mangelnden Patriotismus vor. Bei der öffentlichkeitswirksamen Debatte um Tradition und Identität ging hingegen eine andere Meldung unter: die neue "Partnerschaft" des DFB mit TikTok.

Gesetz in China sorgt für große Datenschutz-Bedenken

Diese neue Allianz hatte der DFB bereits wenige Stunden vor der vielbeachteten Ausrüsterwechsel-Meldung bekanntgegeben. TikTok gehört zu ByteDance – ein staatsnahes, regierungstreues, privates Unternehmen in China. Die App TikTok ist zwar betriebswirtschaftlich ausgelagert, die Hauptsitze des international operierenden Konzerns befinden sich in Singapur und Los Angeles.
"Aber das ändert nichts dran, dass es einem chinesischen Unternehmen gehört", betont DLF-Journalist Steffen Wurzel. Die Problematik liegt laut Wurzel auf der Hand: "Es ist so, dass es in China ein Geheimdienstgesetz gibt, das verpflichtet Unternehmen im Zweifelsfall immer, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, zum Beispiel in Fällen der nationalen Sicherheit. Das ist ein sehr weit auslegbarer Rechtsbegriff in China."
Was das im Ernstfall heißt, fasst er so zusammen: "Wenn die Staats- und Parteiführung sagt, wir wollen an alle eure Daten, dann müsste ByteDance die rausrücken." In den USA steht deshalb sogar ein Verbot von TikTok im Raum, in Deutschland gibt es zumindest eine Debatte um eine strengere Regulierung.

Was sich der DFB von der TikTok-Partnerschaft erhofft

Doch TikTok ist extrem populär, vor allem bei jüngeren Menschen. Laut der ARD-ZDF-Onlinestudie nutzten zwischen 2021 und 2023 fast ein Drittel der 14- bis 29-Jährigen TikTok täglich. Woraus offenbar auch der DFB Kapital schlagen möchte. Das liegt im Trend, führt der ehemalige China-Korrespondent Steffen Wurzel aus: "Es gibt natürlich die eine Fraktion, die sagt: TikTok ist ein wahnsinnig erfolgreiches, aufstrebendes Unternehmen, mit dem man ganz viele Menschen erreichen kann. Auch viele öffentlich-rechtliche Sender sind ja bei TikTok unterwegs, was auch nicht unumstritten ist. Politikerinnen und Politiker in Deutschland sind bei TikTok."
Gleichwohl gebe es eben auch eine andere Seite: "Es gibt auch nichtstaatliche, China-kritische Organisationen, die das sehr kritisch sehen." So auch David Missal von der Tibet-Initiative Deutschland, der TikTok als Propaganda- und Spionage-Werkzeug Chinas bewertet: "Das Unternehmen hat immer wieder bestimmte Begriffe zensiert, so auch den Namen der Sportlerin Peng Shuai. Sie hatte nach Missbrauchsvorwürfen gegen einen hohen Kader massive Repressionen spüren müssen. Und anstatt sich an die Seite der in China unterdrückten Menschen zu stellen, geht der DFB einen Pakt mit einem von der chinesischen Regierung kontrollierten Unternehmen ein."

DFB und TikTok: Zusammenarbeit auf neuem Level

Die Praktiken TikToks sind weithin bekannt, so konnte dem Unternehmen in der Vergangenheit bereits mehrfach Zensur und die Nutzung von Wortfiltern (Filter, mit denen vermeintlich kritische Inhalte weniger häufig angezeigt werden) nachgewiesen werden. Das zeigten nicht nur Recherchen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), sondern auch von tagesschau.de und dem WDR.
Ein eigenes Profil unterhält der DFB auf TikTok schon länger. Trotzdem hat sich der DFB nun entschieden, die Zusammenarbeit mit dem Konzern nochmal auf ein neues Level zu heben. Denn nichts anderes bedeutet die neue Medienpartnerschaft, erklärt Wurzel: "Weil das viel systematischer ist, was Strategisches steckt dahinter, wenn man bewusst sagt: Wir wollen aktiv mit diesem Anbieter zusammenarbeiten."

Was TikTok mit dem Deal bezwecken könnte

Was darüber hinaus die Erschließung des chinesischen Marktes angeht, betont DLF-Journalist Wurzel: "Es ist zwar so, dass diese staatlich verordnete große Fußballeuphorie in China merklich abgekühlt ist. Es gab große Korruptionsskandale. Aber das Ganze ist immer noch sehr wichtig für die großen Verbände aus den USA, NBA, NFL und so weiter. Aber auch deutsche Fußballklubs, Bayern München und Borussia Dortmund zum Beispiel, haben Lobby- und Marketing-Büros in China."
In China selbst wird TikTok gar nicht angeboten, lediglich eine Schwester-App, die einer scharfen Zensur unterliegt. Dementsprechend könnte der DFB-Deal für den Mutterkonzern ByteDance eine Strategie zur Normalisierung von TikTok in Deutschland sein, sagt Wurzel: "Bei so einem vermeintlichen Wohlfühlthema wie Fußball kann man natürlich das Image mächtig aufbessern. Wenn ich es zuspitzen wollte, könnte ich sagen: Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich TikTok mit Geld und Einfluss und dieser Partnerschaft eine weiße Weste, ein gutes Image in Deutschland zulegen möchte."

jti