Rechtsanspruch auf Ganztag
Grundschulen fehlt es noch an Plätzen und Personal

Kinder, Arbeit, Haushalt: Alles unter einen Hut zu bringen, soll bald leichter werden. Eltern dürften sich auf den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ihrer Kinder freuen. Er soll zunächst für Erstklässler gelten. Doch klappt das alles wie geplant?

    Schüler hält einen Bleistift in der Hand und arbeitet in einem Heft an Mathematikaufgaben
    Von Hausaufgabenzeit bis Bewegungskurs: Kinder an Grundschulen haben bald das Recht auf Ganztagsbetreuung. Doch vielerorts wird das nur mit Mühe umzusetzen sein. (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)
    Bildungschancen erhöhen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärken: Das ist das Ziel der Ganztagsschule. Ab dem neuen Schuljahr wird es darauf einen Rechtsanspruch der Eltern von Grundschulkindern geben. Der Bund gibt Finanzhilfen für die Infrastruktur in Höhe von 3,5 Milliarden Euro und künftig jährlich 1,3 Milliarden Euro für die Betriebskosten.
    Doch in den Bundesländern und Kommunen ist der Ausbau unterschiedlich weit vorangeschritten. Es mangelt vielfach an Räumen und Personal. Experten warnen, dass ein bloßes Betreuungsangebot ohne qualifizierte Fachkräfte nicht ausreiche, um die Chancengerechtigkeit zu verbessern. Was ist das Recht auf Ganztagsbetreuung wert?

    Inhalt

    So sieht der Rechtsanspruch aus

    Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule tritt ab dem kommenden Schuljahr, also ab August 2026, deutschlandweit in Kraft. Er gilt zunächst für Erstklässler und wird in den folgenden Jahren schrittweise um jeweils eine Klassenstufe erweitert – bis einschließlich Klasse 4.
    Konkret umfasst der Anspruch eine Betreuung von acht Stunden an fünf Tagen pro Woche (Montag bis Freitag), wobei die reguläre Unterrichtszeit bereits eingerechnet ist. Die Teilnahme am Ganztagsangebot bleibt für die Kinder jedoch freiwillig.

    Die Bundesländer sind unterschiedlich weit bei der Umsetzung

    Im bundesweiten Durchschnitt sind rund 74 Prozent aller Grundschulen Ganztagsschulen. Doch der Ausbaustand variiert stark in den Bundesländern und Kommunen. Spitzenreiter sind laut einem Bericht der Bundesregierung Hamburg und die ostdeutschen Länder, wo schon jetzt der Bedarf „nahezu vollständig gedeckt“ werde. Für die westdeutschen Länder kann er demnach bis 2029/30 „perspektivisch gedeckt“ werden, wenn die jetzige Ausbaugeschwindigkeit gleich bleibt.
    In Nordrhein-Westfalen etwa fehlen laut diesen Angaben noch 47.000 Plätze für den August. Marcel Wilms, Fachbereichsleiter für die Offene Ganztagsschule bei einem Träger in Köln, geht davon aus, dass diese Plätze „irgendwie gedeckt“ werden: Das Personal werde den Bedarf auffangen müssen und dann möglicherweise wegen Überlastung ausfallen. Die Rahmenbedingungen beschreibt Wilms als generell schwierig: Räume fehlen, und auch die Mittagsversorgung in Mensen werde „sehr schlecht“ sein.
    Nachzügler sind Bayern, wo nur etwa jede zweite Schule eine Ganztagsschule ist, und Baden-Württemberg mit einer noch geringeren Quote.

    Darum ist die Entwicklung so unterschiedlich

    Die Unterschiede hängen von mehreren Faktoren ab. Ein Faktor ist die Tradition: Ostdeutsche Bundesländer profitieren von einer jahrzehntelangen Hort-Erfahrung. Ein zweiter ist laut Schulentwicklungsforscher Heinz Günter Holtappels die gesellschaftliche Erwartung: Während es in einigen Bundesländern schon länger üblich ist, dass Kinder am Nachmittag außerhalb der Familie betreut werden, überwiegt in anderen Regionen die Haltung, dass die Eltern – meist die Mütter – die Betreuung nach dem Unterricht übernehmen.
    Ein weiterer Faktor ist schlicht die Zeit: Hamburg hat bereits im Schuljahr 2013/14 einen Rechtsanspruch auf Ganztag für Kinder bis 14 Jahre eingeführt und seither Strukturen und Kooperationen aufgebaut. Der Stadtstaat hatte also etliche Jahre Vorlauf. Der Beschluss von Bundestag und Bundesrat zu dem bundesweiten Rechtsanspruch stammt aus dem Jahr 2021.

    So organisieren Schulen die Betreuung

    In Hamburg zum Beispiel gibt es zwei Modelle: Entweder organisieren die Schulen den Nachmittag selbst oder sie arbeiten mit Jugendhilfeträgern zusammen, deren Personal die nachmittägliche Betreuung übernimmt. Nach dem Unterricht wird ein Mittagessen angeboten, wobei die Schulen von Caterern abgekehrt sind und nach und nach eigene Kantinen mit Großküchen aufgebaut haben. Anschließend haben die Kinder eine betreute Lernzeit für Hausaufgaben, und sie können zwischen wechselnden Kursen wählen, zum Beispiel Sport, Akrobatik oder Experimentieren.
    In Niedersachsen erwartet Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne), dass nicht sofort alle Eltern für ihre Kinder an ihrer Wunschschule einen Platz bekommen werden. In dem Bundesland sind bisher mehr als 70 Prozent der Schulen im Ganztag. Die Kommunen entscheiden über den Ausbau. Hat eine Kommune zum Beispiel drei Grundschulen, aber vergleichsweise wenige Familien wollen die Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen, kann es laut der Ministerin sein, dass das Angebot zusammengelegt wird. Sie geht davon aus, dass Eltern klagen werden, wenn sie nicht ihr Wunschangebot oder nicht sofort ein Angebot bekommen.

    Diese Probleme gibt es bei der Umsetzung des Ganztags

    Die Umsetzung des Rechtsanspruchs stößt in verschiedenen Bereichen auf Hürden. Es mangelt an qualifizierten Kräften. Schulentwicklungsforscher Heinz Günter Holtappels betont, dass es eine bundesweite Ausbildungsoffensive für die nachmittägliche Ganztagsbetreuung brauche. Kinder müssten gezielt von qualifiziertem Personal gefördert werden – das sei entscheidend für den Erfolg von Ganztagsschulen. Wenn die Betreuung nur eine Art Verwahrung der Schüler sei, würden gerade bildungsbewusste Eltern ihre Kinder nicht mehr für den Ganztag anmelden.
    In Schleswig-Holstein etwa ist bislang keine pädagogische Ausbildung für die Arbeit im Ganztag vorgeschrieben. Ein vorbereitender Kurs, der auch an Volkshochschulen angeboten wird, reiche bis dato aus, kritisiert Maren Barck vom Grundschulverband:
    „Wenn wir die Defizite in den sogenannten basalen Kompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen – sehen und was es alles an Gegenmaßnahmen gibt, wenn wir das nehmen und das alles wissen, dann ist es tatsächlich fraglich, ob das hilft, wenn Kinder von nicht qualifizierten Personen betreut werden.“
    Abgesehen von der Qualität der Betreuung: Anhand von Daten aus dem Jahr 2023 und der Trends der vergangenen Jahre schätzt das Institut der Deutschen Wirtschaft, dass bis 2028 rund 30.000 Erzieherstellen unbesetzt bleiben könnten.
    Probleme bereiten zudem fehlende Räumlichkeiten und eine schwierige Finanzierung. Das Land Schleswig-Holstein gibt Geld für Investitions- und Betriebskosten, zu denen auch das Personal zählt. Die Mittel – darunter mehr als 280 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes – reichen aber offenbar nicht. Laut der Antwort auf eine Kleine Anfrage des SPD-Politikers Martin Habersaat fehlen mehr als 400 Millionen Euro. „Die Kommunen haben viel mehr Geld beantragt, als die Regierung erwartet hatte“, so der bildungspolitische Sprecher seiner Fraktion.

    Bessere Betreuung, weniger Teilzeit

    Aus Sicht des Erziehungswissenschaftlers Heinz Günter Holtappels bringt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bildungspolitisch zwar noch keinen Vorteil. Denn dazu fehle es an Vorgaben für die Inhalte. Doch für die Wirtschaft sieht er Vorteile, gerade hinsichtlich der Erwerbstätigkeit von Eltern, besonders von Frauen. „Das ist ein großer Fortschritt für die Gesellschaft. Sozialpolitisch ist das ein großer Wurf“, so Holtappels.
    Nach Angaben von Eurostat für das dritte Quartal des Vorjahres liegt in Deutschland die Teilzeitquote bei Frauen mit 48,5 Prozent sehr hoch – über dem EU-Durchschnitt. Viele arbeiten aus familiären Gründen in Teilzeit: Im Jahr 2024 nannten 28 Prozent die Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen als Grund. Insgesamt arbeiteten 2024 in Deutschland 29 Prozent der Erwerbstätigen in Teilzeit.
    Die Bundesregierung sieht den Ausbau der Ganztagsbetreuung als ein „zentrales Element zur Bekämpfung des Fachkräftemangels“. Geht es nach eigenen Idealvorstellungen, so würden Mütter mit Kindern im Alter von 8 bis 18 Jahren laut einer Studie etwa acht Stunden pro Woche mehr arbeiten.

    Onlinetext: Beate Thomsen