Demografischer Wandel
Die Entscheidung, kein Kind zu bekommen

Die Zahl der Geburten in Deutschland sinkt. Soziologen machen dafür auch die aktuellen Krisen und Kriege mitverantwortlich. Lässt sich der gesellschaftlichen Alterung entgegenwirken – etwa durch Familienpolitik, technologischen Fortschritt oder Migration?

    Eine Hand eines Babys greift den Zeigefinger eines Erwachsenen.
    Der Trend sinkender Geburtenrate lässt sich seit 2022 in ganz Europa, aber auch in den USA und Ostasien beobachten (picture alliance / empics / Dominic Lipinski)
    Im vierten Jahr in Folge ist die Zahl der Geburten in Deutschland gesunken. Mittlerweile hat sie den niedrigsten Stand seit 1946 erreicht. Bereits 2024 lag sie bei gerade einmal 1,35 Kindern pro Frau. Um eine Generation vollständig zu ersetzen, wäre eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau nötig. Davon ist Deutschland weit entfernt.
    Unsere Gesellschaft altert und schrumpft – und Wissenschaftler gehen nicht davon aus, dass sich dieser Trend bald umkehrt. Im Gegenteil: Philipp Deschermeier, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, prognostiziert bis 2045 einen Bevölkerungsrückgang um fast drei Prozent auf 81 Millionen Einwohner – je nach Entwicklung der Zuwanderung im Extremfall sogar auf gut 77 Millionen.
    Da unser Sozialsystem bislang auf einem Generationenvertrag basiert, hat die Alterung erhebliche Auswirkungen auf unseren Wohlstand. Gibt es nicht mehr genügend junge Menschen, die in die Sozialversicherungssysteme einzahlen, geraten diese ins Wanken und müssen neu organisiert werden.

    Ursachen für den Geburtenrückgang – und mögliche Maßnahmen

    Die niedrige Geburtenrate in Deutschland, aber auch in anderen vor allem westlichen Ländern, hat aus Sicht des Soziologen Martin Bujard vor allem einen Grund: Frauen sind in diesen Ländern immer besser ausgebildet und streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Möchte eine Gesellschaft trotz allem einer Überalterung entgegenwirken, müsse sie durch gute Familienpolitik die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Dass dies funktionieren kann, habe man 2010 beobachten können, sagt Bujard. Damals sei die Geburtenrate in Deutschland infolge von familienpolitischen Reformen wieder gestiegen.
    Dass familienpolitische Maßnahmen derzeit dagegen wenig Wirkung zeigen und immer weniger Kinder geboren werden, liegt aus seiner Sicht an einer großen Verunsicherung durch Krisen und Kriege. Auch Faktoren wie steigende Kosten fürs Wohnen und Inflation dürften eine Rolle spielen. Der Trend sinkender Geburtenrate lässt sich jedenfalls seit 2022 in ganz Europa, aber auch in den USA und Ostasien beobachten.

    Weltbevölkerung wächst weiter – Höchststand in den 2080ern-Jahren erwartet

    Insgesamt wächst die Weltbevölkerung weiterhin stark: Lebten 1950 rund 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, waren es Mitte 2024 nach UN-Angaben bereits rund 8,2 Milliarden. Afrikanische Länder wie der Tschad, Somalia oder die Demokratische Republik Kongo weisen dabei mit rund sechs Kindern pro Frau die höchsten Fertilitätsraten auf.
    Afrika ist bereits heute ein Kontinent mit einer sehr jungen Bevölkerung. Daraus könnten sich Chancen für Wachstum und Innovation ergeben. Zugleich gehört Subsahara-Afrika zu den ärmsten Regionen der Welt. Das Bevölkerungswachstum bringt dort viele Herausforderungen mit sich – etwa bei der Versorgung mit Lebensmitteln, sauberem Wasser und Gesundheitsdienstleistungen.

    Herausforderungen in alternden Gesellschaften

    Für die 2080er-Jahre wird der Höhepunkt des weltweiten Bevölkerungswachstums erwartet – bei rund 10,3 Milliarden Menschen. Danach dürfte die Weltbevölkerung wieder schrumpfen.
    Deutschland und viele andere Länder sind über diesen Wachstumshöhepunkt schon hinaus. Bereits heute lebt laut den Vereinten Nationen etwa jeder vierte Mensch weltweit in einem Land, dessen Bevölkerung ihren Höhepunkt bereits überschritten hat. Als besonders prominente Beispiele für schrumpfende und stark alternde Bevölkerungen gelten Japan und Südkorea. In Südkorea lag die Geburtenrate zuletzt nur noch bei 0,8 - einem der weltweit niedrigsten Werte. Auch für China erwartet die UN, dass das Land bis Mitte des Jahrhunderts 200 Millionen seiner 1,4 Milliarden Einwohner verlieren wird.
    Wie lässt sich mit einem so drastischen Wandel umgehen? Eine Möglichkeit, einer überalternden Gesellschaft entgegenzuwirken, ist Einwanderung. Alternde Länder gewinnen so neue Fachkräfte, während sich in stark wachsenden Ländern im globalen Süden jungen Menschen Perspektiven im Ausland eröffnen, für die im Heimatland nicht genügend Arbeitsplätze vorhanden sind - eine Win-win-Situation.
    Frank Swiaczny vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung dämpft allerdings die Erwartungen. Denn die Zahl der Auswanderer dürfte im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Herkunftsländer zu gering sein, um dort eine spürbare Wirkung zu entfalten. Zudem stößt Zuwanderung in einigen Ländern in Teilen der Gesellschaft auf Widerstand und ist politisch nicht gewollt.
    Die chinesische Regierung dagegen hofft, einen Teil des Bevölkerungsverlusts durch technologischen Fortschritt abfedern zu können. Dem demografischen Druck auf dem Arbeitsmarkt könnte durch KI und Robotik entgegengewirkt werden. Damit könnte China durchaus erfolgreich sein.
    Analysten der Bank of America kamen zu dem Schluss, dass China, Südkorea und Japan trotz ihrer alternden Bevölkerungen ein technologiegetriebenes Wachstum erleben könnten. Sind schrumpfende und älter werdende Bevölkerungen also doch kein so großes Problem für die Wirtschaft, wie viele annehmen? Unter Forschenden ist das umstritten.
    Deschermeier vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht eine solche Entwicklung trotz allem eher negativ: “Zum einen der demografische Druck auf den Arbeitsmarkt. Darüber hinaus haben wir natürlich aber auch das Problem, wenn wir als Gesellschaft schrumpfen, weniger Menschen sein werden, dann senkt das natürlich den Anreiz für Unternehmen zu investieren, weil die Nachfrage sinken wird. Das senkt auch grundsätzlich wahrscheinlich das Potenzial für Innovationen. Das macht uns als Gesellschaft, als Volkswirtschaft weniger wettbewerbsfähig.”

    Audio und Recherche: Felix Wessel, Onlinetext: Leila Knüppel