Donnerstag, 29. September 2022

Militarisierung des Kriegsgedenkens
Welche Bedeutung der 9. Mai in Russland und in der Ukraine hat

Der 9. Mai wird in Russland als „Tag des Sieges“ der Sowjetunion über Nazi-Deutschland begangen. Doch der Staat konstruiert Heldengeschichten statt an Leid zu erinnern – auch beim aktuellen Krieg in der Ukraine. Dort wiederum hat der 9. Mai eine sehr wechselhafte Geschichte hinter sich.

Von Thielko Grieß und Florian Kellermann | 09.05.2022

    Militärparade am "Tag des Sieges" in Moskau 2019
    Militärparade am "Tag des Sieges" in Moskau 2019 (imago images/Hans Lucas)
    Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Die deutsche Wehrmacht musste in die bedingungslose Kapitulation einwilligen. Die tatsächliche Unterzeichnung der Kapitulationserklärung zog sich allerdings noch bis in die Nacht zum 9. Mai hinein, weshalb in einigen Ländern wie Russland dieses Datum als Kriegsende gilt. Die Sowjetunion erklärte den "Tag des Sieges" 1965 zum Feiertag. Die Militarisierung der Gedenkfeierlichkeiten mit Paraden und Demonstration von Kriegsgerät hat unter Präsident Wladimir Putin stark zugenommen. In diesem Jahr kommt dem Tag vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine eine besondere Bedeutung zu.
    Ein Panzer fährt bei einer Übung für die Militärparade zum "Tag des Sieges" am 9. Mai 2022 in Rostow am Don im Süden Russlands vor einem riesigen Plakat mit den Jahreszaheln 1945-1922 vorbei
    Übung für die Militärparade zum "Tag des Sieges" am 9. Mai 2022 in Rostow am Don im Süden Russlands (IMAGO/ITAR-TASS)

    Welche Bedeutung hat der 9. Mai in Russland?

    Der „Tag des Sieges“ ist für eine große Mehrheit der Russinnen und Russen einer der wichtigsten Tage im Jahreskreis. Die meisten haben viel Zeit, um einen entspannten Tag in patriotischer Stimmung zu verbringen, weil der Zeitraum vom 1. bis etwa 10. Mai für viele arbeitsfrei ist.
    Die Erinnerung an den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland ist zu Zeiten der Sowjetunion strengem staatlichen Zugriff unterworfen worden – und dies ist im modernen Russland in der mehr als 22-jährigen Herrschaft Wladimir Putins wieder so, allerdings mit inzwischen veränderten Akzenten. Große Militärparaden, die der regionale Gouverneur abnimmt, werden in vielen Städten veranstaltet. In Moskau stehen dann Zehntausende dicht gedrängt am Nowyj Arbat, einer der großen Ausfallstraßen, die auf neun Fahrspuren vom Kreml wegführt. An ihnen vorbei fährt schwere Kriegstechnik: Panzer, Raketen werden aufgefahren, und über den Köpfen donnern Staffeln der Luftwaffe, die die Farbstreifen der russischen Trikolore am Himmel hinterlassen.

    Was ist das "Unsterbliche Regiment"?

    Nach den großen Militärparaden folgt am 9. Mai vielerorts das „Unsterbliche Regiment“. Dabei ziehen Angehörige von Soldaten der Roten Armee, die im Zweiten Weltkrieg dienten, mit deren Porträts über die Hauptstraßen ihrer Stadt. Das „Unsterbliche Regiment“ geht auf eine private Initiative zurück und ist kurz darauf vom russischen Staat vereinnahmt worden. Der verfolgt das Ziel, historische Erinnerung zu kontrollieren, und er will diese von ihm gelenkte Erinnerung gleichzeitig in den Köpfen der jüngeren Generationen verankern. Beim „Regiment“ mitzumachen, ist einfach: Wer keine Angehörigen hat, an die man erinnern könnte, findet auf offiziell betriebenen Seiten Porträts zum Herunterladen und Ausdrucken.
    Das "Unsterbliches Regiment" bei einer Militärparade zum "Tag des Sieges" am 9. Mai in Russland: Angehörige von Soldaten der Roten Armee, die im Zweiten Weltkrieg dienten, ziehen mit deren Porträts über eine Hauptstraße in Sankt Petersburg
    Das "Unsterbliches Regiment" bei einer Militärparade zum "Tag des Sieges" in Sankt Petersburg (picture alliance / dpa)
    Weitgehend verblasst ist die direkt gefühlte und meist stille Trauer um die etwa 27 Millionen Toten, die die Sowjetunion nach dem „Großen Vaterländischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg bis heute genannt wird, beklagte.
    Das Narrativ, das über die vergangenen Jahre von Polittechnologen konstruiert worden ist, knüpft nun nahtlos an die Erzählung an, die im heutigen Russland über den Krieg gegen die Ukraine verbreitet wird. Sie ist eine Heldengeschichte, die mit historischen Fakten wenig gemein hat.

    Wie wird der aktuelle Krieg in der Ukraine offiziell eingeordnet?

    Der heutige Krieg, der in Russland nur „Spezialoperation“ genannt werden darf, wird als Fortsetzung des „Großen Vaterländischen Krieges“ dargestellt. Russland befinde sich, so wird im Internet gebloggt, im Fernsehen gezeigt und auf Plakaten dargestellt, abermals in großer Gefahr. Der Nazismus habe diesmal in Kiew Wurzeln geschlagen und erhalte aktive Hilfe aus Warschau, Berlin und Washington. Russland kämpfe nun, wie damals, als Verfechter des Guten gegen das Böse, wozu Entbehrungen für Russinnen und Russen unumgänglich seien.
    Das Leid des Krieges wird den Menschen in Russland nicht gezeigt, vielmehr wird das Land dank seiner Atomwaffen als unverwundbar beschrieben. Üblich sind Appelle an Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft, Stärke, Entschlossenheit und nationale Einigkeit. Gepriesen werden die Entscheidungen der Staatsführung.

    Was ist für den diesjährigen 9. Mai in Russland geplant?

    Eben diese Führung hielt in Person von Präsident Wladimir Putin am 9. Mai 2022 auf dem Roten Platz in Moskau – wie in anderen Jahren auch – eine Rede. Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, dessen für Russland schleppenden Verlaufs und der wohl hohen Verluste der russischen Armee war außerhalb Russlands zuvor spekuliert, ob Putin diese Rede dazu nutzen werde, die „Spezialoperation“ auszuweiten und eine Mobilisierung anzuordnen. Denkbar war auch, dass Putin anordnet, die seit dem 24. Februar von Russland neu besetzten ukrainischen Territorien Russland einzuverleiben.
    Doch Putin sprach weder über eine Generalmobilmachung noch deutete er eine Ausweitung des Krieges in der Ukraine an. In seiner Rede vertrat er die - historisch falsche - These, wonach Russland sich allein gegen den Nazismus in der Welt verteidige, der einmal mehr in der Ukraine verortet wurde. Den Krieg in der Ukraine verglich er mit dem Kampf der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Die russische Armee kämpfe im Donbass Seite an Seite mit den Milizen dort für das Gerechte und Gute. Ansonsten machte der russische Präsident den Eindruck, das übliche Programm eines 9. Mai abzuspulen.

    Wie wurde und wird der Tag in der Ukraine gefeiert?

    Vorweg: Wegen des aktuellen Krieges finden in der Ukraine in diesem Jahr keine Gedenkveranstaltungen statt.
    In den vergangenen drei Jahrzehnten hatte das ukrainische Gedenken an das Kriegsende 1945 teils gegensätzliche Ausrichtungen. Zunächst feierte die seit 1991 unabhängige Ukraine die Jahrestage ähnlich wie Russland. Am 9. Mai gab es eine Parade auf der Kiewer Prachtstraße, dem Chreschtschatyk. Dabei stand weniger Militärtechnik im Vordergrund als vielmehr Soldaten, Würdenträger und Veteranen. Gesondert mitmarschieren durften auch Anhänger der kommunistischen Partei.
    Das alles änderte sich im Jahr 2005. Mit Wiktor Juschtschenko war ein prowestlicher Präsident ins Amt gewählt worden. Die Siegesparade zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Kiew wurde zu einem Gegenentwurf der Moskauer Veranstaltung. Präsident, Kabinettsmitglieder und Veteranen liefen in lockerer Gruppe zum Unabhängigkeitsplatz, schweres Kriegsgerät wurde nicht zur Schau gestellt. Ministerpräsidentin Julia Tymoschenko hatte in ihrer Rede zuvor nicht an patriotische Gefühle appelliert, sondern an die soziale Verantwortung gegenüber den Kriegsteilnehmern. „Die mit einem Panzer nach Berlin gefahren sind, die sollen in Zukunft auch in ihrem eigenen Auto fahren können“, sagte sie.
    Nachdem mit Wiktor Janukowytsch im Jahr 2010 wieder ein prorussischer Präsident gewählt worden war, gab es eine erneute Wendung: In Kiew fand am 9. Mai wieder eine Militärparade statt – synchronisiert mit den Paraden in Minsk und Moskau. Doch in der Folge verzichtete auch Janukowytsch auf militärische Spektakel. Schließlich wollte er sich einen prowestlichen Anstrich geben.
    2014 – Janukowytsch war inzwischen nach Russland geflohen – wandte sich die Ukraine endgültig Richtung Westen. Gleichzeitig begann Russland de facto einen Krieg gegen das Land. Der große Nachbar annektierte die Krim und schuf im Donezbecken sogenannte Volksrepubliken. 2015 fand in Kiew am 9. Mai wieder eine Parade statt, allerdings ohne Waffen und mit Armeeorchestern aus westlichen Ländern wie Polen, Litauen oder Lettland.
    In den Folgejahren geriet das Datum 9. Mai zunehmend aus dem Fokus. Hingegen begann die Regierung, den 8. Mai als „Tag des Gedenkens und der Versöhnung“ zu begehen. Der 9. Mai war privaten Initiativen vorbehalten, bei denen es regelmäßig zu Konfrontationen kam: Westlich orientierte Ukrainer gerieten an solche, die eine enge Anbindung an Russland anstrebten.
    Zum Tag, an dem die Ukraine ihre militärische Stärke demonstrieren wollte, entwickelte sich indes zunehmend der Unabhängigkeitstag am 24. August – an diesem Tag auch mit Militärparaden auf dem Chreschtschatyk.
    Die aktuelle Rede des Ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zum 8. Mai.