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StartseiteBüchermarktDer raue Slang der Favelas09.04.2019

Geovani Martins: „Aus dem Schatten“Der raue Slang der Favelas

Favelas - so heißen in Brasilien die Elendsviertel. Hier herrschen Armut und Brutalität. Die Menschen dort leben zwar mitten in der Stadt, aber dennoch am Rande der Gesellschaft. Der junge brasilianische Autor Geovani Martins verleiht den Menschen in den Favelas in seinem Buch ein Gesicht.

Von Victoria Eglau

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Geovani Martins: "Aus dem Schatten" / Zu sehen ist das Buchcover und das Bild einer brasilianischen Favela  (Cover: Suhrkamp Verlag / Foto: imago /ZUMA Press)
Der Autor Geovani Martins ist in den Favelas von Rio de Janeiro aufgewachsen (Cover: Suhrkamp Verlag / Foto: imago /ZUMA Press)
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Vom Feld in die Favela

"Reichtum und Elend liegen eng beieinander in der Cidade Maravilhosa, der wunderbaren Stadt, wie Rio de Janeiro in Brasilien genannt wird. Während sich die Armut auf den vielen Hügeln, den Morros, konzentriert, befinden sich die wohlhabenderen Viertel unten auf dem Asfalto. Der Asphalt – das ist die Welt außerhalb der Elendsenklaven.

"Wenn du durch die engen Gassen läufst, zwischen Unmengen von Rohren die Treppen runtersteigst, über offene Abwasserrinnen springst, den Ratten in die Augen guckst, den Kopf einziehst, um Stromleitungen auszuweichen, siehst, wie alte Kindheitsfreunde schwer bewaffnet durch die Gegend laufen, und dann eine Viertelstunde später vor einem Haus stehst, wo die Gitterzäune an den Wegen mit Zierpflanzen geschmückt sind und du zuschaust, wie Jugendliche privaten Tennisunterricht bekommen, kann das ganz schön hart sein. Alles ist sehr nah und gleichzeitig weit weg. Und je älter wir werden, desto höher werden die Mauern."

Pendler zwischen oben und unten

Geovani Martins ist, wie die meisten Bewohner der Favelas, ein Pendler zwischen dem "Oben" und dem "Unten". Der junge Autor lebt in Vigidal, einer typischen Armensiedlung von Rio mit einem Labyrinth-artigen Gewirr von Gassen, in denen prekäre Ziegelstein-Behausungen immer weiter in die Höhe wachsen. Das Besondere an Rios Parallelwelten ist, dass die Menschen aus den Favelas nach unten kommen, um zu arbeiten oder zur Schule zu gehen, aber sich umgekehrt kaum jemand, der unten lebt, auf die Hügel traut. Die Favelas gelten als gefährlich – als verwahrloste, anarchische Orte mit eigenen Gesetzen.

"Viele Leser identifizieren sich mit meinen Geschichten und lesen das Buch von dieser Warte aus. Viele andere Leser aber finden dieselben Geschichten befremdlich, sie wecken ihre Neugier."

… versucht sich Geovani Martins an einer Erklärung, warum sein Erstlingswerk "Aus dem Schatten" in Brasilien so erfolgreich war.

"Als die Drogengangs sich zurückzogen, weil die Polizei die Favela besetzte, war das hier rechtsfreie Zone, Mann. Erst recht, als die wichtigen Gangster in andere Favelas abhauten, wo es ruhiger war. Richtig am Arsch waren wie immer die normalen Bewohner. An jeder Ecke hielt die Polizei einen an und wollte wissen, wo man hinging und weswegen. Ernsthaft, Mann, leck mich am Arsch, da ist man in dieser Scheiße groß geworden und muss sich dann noch vor der Polizei rechtfertigen? Die Leute hatten einen derartigen Hass. Irgendwann blühte der Drogenhandel dann wieder auf, die Jungs holten die Maschinenpistolen raus und brachten mehr Leute auf die Straße, haufenweise kleine Aufpasser und Dealer, man wollte ja auch mal wieder Geld verdienen. Anfangs ging das ziemlich zur Sache, ständig Schießereien und alles."

Geschichten in ruppigem, rasantem Favela-Slang

Geovani Martins, der mit seiner langen Lockenmähne ein bisschen wie ein Rockstar wirkt, hat seine Erzählungen in einem ruppigen, rasanten Favela-Slang verfasst. Die Gewalt, die in den Armenvierteln herrscht, beschönigt er nicht – weder die der kriminellen Gruppen noch die der Polizei. In einer Geschichte bringen Favela-Bewohner einen brutalen Polizisten um und verbrennen ihn. In einer anderen erschießt ein junger Dealer einen Kunden und wird vom Chef der Drogenbande zur Strafe verstoßen.

"Das war natürlich die Härte, als Kind der Favela weggejagt zu werden, von seinem Geburtsort vertrieben, weil man einmal Scheiße gebaut hatte und plötzlich als Versager galt.  (…) Er liebte und hasste seine Favela, niemand würde das je verstehen, geschweige denn erklären können. Auf dem Weg warf er einen Blick in die engen Gassen und  erinnerte sich dabei an die Geschichten von früher, die Freunde aus der Kindheit, die Geburtstagsfeiern und Heiligenfeste, wie sie immer den Hügel rauf und runter rannten und mit Zwillen aus Plastikrohren und Luftballons Ratten abschossen. Ihm fielen seine Kindheitsträume ein, wie er sich damals sein Leben vorgestellt hatte. Dealer zu sein, wäre ihm nie in den Sinn gekommen." 

Das Thema Drogen zieht sich wie ein roter Faden durch "Aus dem Schatten". Aber nicht alle Geschichten sind so krude wie die des Dealers, der seinen ersten Mord begeht. Geovani Martins‘ Ich-Erzähler und Protagonisten sind meist auf der Suche nach Marihuana – und haben wenig Lust auf Schule. Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, um den ersehnten Joint, die nächste Mahlzeit oder die Stromrechnung zu bezahlen. Auch der Autor selbst hatte sich in der Schule gelangweilt. Mit fünfzehn brach Martins das Gymnasium ab und verdiente unter anderem damit Geld, dass er mit dem Wahlkampf-Plakat eines Politikers über die Strandpromenade von Copacabana radelte. Während der Acht-Stunden-Schichten sammelte er das Material für seine ersten Chroniken. Dann begann er, über die Lebenswelt zu schreiben, zu der ein intimes Verhältnis hat: Die Favela:

"Die Inspiration für alle meine Protagonisten bin ich selbst – oder Menschen aus meinem Umfeld. Ein großer Teil der schriftstellerischen Arbeit ist doch Beobachtung – vor allem Beobachtung der menschlichen Natur. Das heißt, alle Emotionen, die ich zur Papier bringe, habe ich bei mir oder den Menschen um mich herum erlebt."

Martins wird als Stimme der Armen gefeiert

Geovani Martins, der in Brasilien heute als literarisches Phänomen und Stimme der Armenviertel gefeiert wird, ist nicht bildungsfern aufgewachsen: Seine Großmutter brachte ihm das Lesen und Schreiben bei und erzählte ihm Geschichten, die ihn fesselten. Zuhause standen ein paar Klassiker im Bücherregal. Als Martins, bereits erwachsen und längst ausgezogen, wieder bei der Mutter wohnen wollte, um in Ruhe sein erstes Buch zu schreiben, sagte diese Ja. Und weil just in jenem Moment der Computer kaputtging, kaufte sie ihm eine gebrauchte Schreibmaschine. Die Remington ist mittlerweile zu einer Art Markenzeichen des Autors geworden:

"Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich dank der Schreibmaschine bessere Geschichten schreibe. Denn die Arbeit an der Maschine zwingt mich dazu, eine Geschichte mehrfach zu tippen – was ich am Computer nicht tun würde. Dabei feile ich jedes Mal an der Sprache."

Entdeckt wurde Geovani Martins beim "Literaturfest der Peripherien", kurz FLUP – einem Festival, das vor allem Autorinnen und Autoren aus sozial benachteiligten Schichten zu Wort kommen lässt. Das Wort "Peripherie" ist in Brasilien fast zu einem Synonym für die Armenviertel geworden. Martins rückt diesen Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt des Geschehens – und mit ihm auch seine Menschlichkeit und die Poesie inmitten des rauen Alltags: Kinder spielen mit Murmeln und lassen Drachen steigen, ein Junge erfreut sich an einem Schmetterling, ein Jugendlicher vermisst seinen getöteten Bruder. Die Leser erfahren auch, was es für einen Bewohner der Favelas bedeutet, unten auf dem "Asphalt" von Rio unterwegs zu sein: 

"Als ich irgendwann anfing, nach der Schule alleine nach Hause zu gehen, fiel es mir auf. Erst bei den Jungs aus der Privatschule, die in derselben Straße lag wie meine Schule. Die Typen zitterten förmlich, wenn meine Gang vorbeikam. Es war seltsam, fast komisch, weil meine Freunde und ich bei uns in der Schule niemandem Angst einjagten. Im Gegenteil, wir mussten dauernd vor den Größeren, Stärkeren, Mutigeren und Brutaleren weglaufen. Wenn ich in meiner Schuluniform durch Gavea lief, kam ich mir vor wie einer dieser Jungs, vor denen ich in der Schule Schiss hatte. Vor allem, wenn ich an der Privatschule vorbeikam oder wenn eine alte Dame ihre Handtasche festhielt und die Straßenseite wechselte, um mir aus dem Weg zu gehen."

Hoffnung für die Peripherie

Nicht immer bleibt es bei stigmatisierenden Blicken und Gesten. Wie Jugendliche aus einer Favela, die zum Baden an den Strand gefahren sind, von Polizisten grundlos als Kriminelle behandelt und schikaniert werden, auch das erzählt Geovani Martins. Bei Problemen wie Polizeigewalt und -korruption, unter denen besonders die Armen leiden, nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund – allein schon deshalb ist sein Buch wichtig. Martins will nicht gefallen – seine Sprache ist oft derbe, damit aber authentisch und genauso eindringlich wie die leisen, sensiblen Töne einiger seiner Geschichten. "Aus dem Schatten" ist in Brasilien von Companhia das Letras veröffentlicht worden, einem der größte Verlagshäuser des Landes. In einer Zeit, in der rund die Hälfte der Brasilianer einen ultrarechten Präsidenten unterstützt, für den die Menschen der Peripherien wenig zählen, macht es Hoffnung, dass sich literarische Stimmen wie die von Geovani Martins Gehör verschaffen.

Geovani Martins: "Aus dem Schatten"
Aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner
Suhrkamp-Verlag, Berlin, 125 Seiten, ca. 18 Euro

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