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StartseiteEuropa heuteMehr Sicherheit statt mehr Therapie11.10.2018

Gespaltenes Österreich (4/5)Mehr Sicherheit statt mehr Therapie

Bei der Unterbringung psychisch kranker Straftäter in Österreich legt die Koalition aus ÖVP und FPÖ den Fokus mehr auf den Schutz der Öffentlichkeit, weniger auf die Therapie. Der Leiter des Forensischen Zentrums Asten bleibt trotz stagnierender Reformen optimistisch.

Von Antonia Kreppel

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Eine Pflegerin überwacht die Situation im Innenbereich des forensischen Zentrums Asten in Oberösterreich (picture alliance/APA/picturedesk.com)
Die meisten Insassen im forensischen Zentrum Asten in Oberösterreich sind "zurechnungsunfähige geistig abnorme Rechtsbrecher" - sie werden in ihren Wohneinheiten per Video überwacht (picture alliance/APA/picturedesk.com)
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Leiter Martin Kitzberger eilt freundlich grüßend die Gänge entlang. Im forensisch-therapeutischen Zentrum Asten bei Linz ist heute Anhörung. Für manchen hier untergebrachten Straftäter ein alles entscheidender Tag. Richter prüfen, ob der, so der juristische Terminus, "zurechnungsfähige beziehungsweise zurechnungsunfähige geistig abnorme Rechtsbrecher" bedingt entlassen werden kann.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Gespaltene Gesellschaft - Österreich ein Jahr nach der Wahl" in der Sendung "Gesichter Europas".

Vor der Türe zum Gerichtszimmer sitzen mehrere Personen in kleinen Gruppen zusammen und tuscheln aufgeregt; die "Klienten", wie man sie hier nennt, werden von einem Psychologen und einem Sozialarbeiter begleitet.

"Hier schauen wir, dass das Gericht bei der Entscheidung für die bedingte Entlassung eine gute Grundlage und aktuelle Informationen zu den Untergebrachten erhält."

Der Leiter des forensischen Zentrums Asten in Oberösterreich, Martin Kitzberger (picture alliance/APA/picturedesk.com)Der Leiter des forensischen Zentrums Asten in Oberösterreich, Martin Kitzberger (picture alliance/APA/picturedesk.com)

Alle betreuten Wohneinheiten werden videoüberwacht

2010 ist das Fachzentrum für den Maßnahmenvollzug gebaut worden; die meisten der 180 männlichen Insassen sind sogenannte "zurechnungsunfähige geistig abnorme Rechtsbrecher" mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, effektiven Störungen und durch Drogen induzierte Psychosen.

Ein paar Gänge weiter befindet sich die klinische Abteilung mit den Wohnbereichen. Im Zentrum liegt der Betreuungsstützpunkt; per Videoüberwachung sind die therapeutisch betreuten Wohneinheiten einsehbar. Zehn Stunden täglich hat hier eine diplomierte Pflegerin die Monitore im Auge.

Pflegerin: "Küche, Raucherraum, Fitnessraum, die Isolationshafträume, Garten, Dachterrasse. Man ist geschult, wenn sich was bewegt, dass man automatisch hinschaut."

Kitzberger: "Hier wird 24 Stunden sozusagen im Bereich Wohnen mit den Leuten gearbeitet. Hier werden auch die Medikamente ausgegeben. Das sind so die Schwerstdelikte, wo jemand beeinflusst von seinem psychotischen Erleben Mitmenschen anders erlebt oder glaubt, die verfolgen ihn jetzt, die wollen ihm das Gehirn amputieren oder es sei jemand der Teufel, oder man müsse jetzt jemanden töten, damit die Menschheit gerettet ist, bis hin zu Doppelgänger-Syndromen. Diese Bilder finden sie hier."

Die alte Regierung setzte auf Therapie statt Strafe

Gerade ist das Mittagessen vorüber; ein Pfleger spielt mit einem Insassen Karten. Andere spazieren die Gänge entlang. Seit 2010 leitet Martin Kitzberger, Jahrgang 1976, das forensisch-therapeutische Zentrum. Als Psychologe habe ihn gereizt, in die Praxis einzutauchen und etwas Neues zu gestalten.

"Wir versuchen das therapeutische Milieu, solange nicht jemand individuell gefährlich ist, aufrechtzuerhalten. Uns ist es ja wichtig, die Menschen in möglichst vielen Situationen des Lebens zu sehen, weil wir sollen sie ja einschätzen."

Therapie statt Strafe: Hier findet statt, was die Reformpläne der alten rot-schwarzen Regierung noch ausweiten wollten. Weitere Zentren sollten eingerichtet werden. Seit dem Antritt der neuen Koalition stagniert die Baustelle Maßnahmenvollzug. Der Fokus soll nun auf den Schutz der Öffentlichkeit und die medizinische Betreuung gerichtet sein. Kritiker befürchten, dass hier das politische System als Echokammer für öffentliche Erregung fungiere und zu sehr auf die oft hetzerischen Mails nach mehr Sicherheit reagiere. Der Zentrumsleiter kalmiert:

"Natürlich, jeder der dieses Regierungsprogramm liest, und dafür wurde die Regierung auch gewählt, kann diesen Aspekt der Sicherheit herauslesen. Was jetzt die Menschenrechte betrifft oder die Therapieaspekte betrifft, da haben wir ja nach wie vor eine klare, solide gesetzliche Grundlage, an der wir nicht vorbeikommen."

Nicht alle Reformen der Vorgängerregierung liegen brach

Immerhin werde auch versucht, mit der Umsetzung von Qualitätserlässen aus dem alten Reformpaket 2015 den Maßnahmenvollzug zu verbessern, betont Martin Kitzberger. So wurden zum Beispiel in den drei großen Justizanstalten des Landes eigene Departments für die sogenannten zurechnungsfähigen geistig abnormen Rechtsbrecher eingerichtet.

An den klinischen schließt sich der sozialtherapeutische Bereich an. Hier wird beispielsweise auch gemeinsam eingekauft und gekocht. Die Einzelzimmer sind absperrbar wie in einem Hotel.

"Wenn jemand mehr Fähigkeiten mitbringt, weil er was dazugelernt hat, wenn man sieht, die Behandlung greift, dann können Menschen hierüber verlegt werden in diesen zweiten Teil des Hauses."

Martin Kitzberger trifft auf dem Gang einen Klienten, der heute um seine bedingte Entlassung angesucht hat. Er hat auch schon probeweise in einer Nachbetreuungseinrichtung gewohnt. Für eine bedingte Entlassung fehle noch ein Gutachten, erzählt er ruhig.

Leiter von Asten bleibt optimistisch

Zum forensisch-therapeutischen Zentrum gehört auch ein zehn Hektar großes Areal mit Garten und Feldern. Das Gemüse wird von den Insassen in Asten biologisch angebaut. Martin Kitzberger zeigt auf den Ein- und Ausfahrtsbereich des Zentrums. Eine Mauer haben die Klienten mit davonflatternden Vögeln bemalt. Trotz stagnierender Reformen im Maßnahmenvollzug ist er, zumindest was die Entwicklung von Asten anbelangt, optimistisch:

"Am Fußballspiel sind nicht die Regeln das Interessante, weil die gibt’s bei jedem Spiel, sondern was aus den Regeln dann im Spielfeld passiert. Wir haben 2014 schon zugebaut und von 91 auf gut 150 Plätze erweitert. Insofern wär es eine schöne Aufgabe, wieder drei Jahre mehr Erfahrung in einen Neubau einzubringen. Und im Moment gibt es einen Architekturwettbewerb, der ausgeschrieben ist für eine Erweiterung."

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