
Gibraltar liegt zwar auf dem spanischen Festland, gehört aber zu Großbritannien. Mit dem Brexit 2016 wurde die Einreise in die britische Exklave schwierig und langwierig. Das könnte sich jetzt ändern, denn nun tritt ein Abkommen zwischen der Eurpäischen Union und Gibraltar in Kraft, das die Grenzkontrollen überflüssig macht. Gibraltar gehört dann zum Schengen-Gebiet und wird damit auch zur Außengrenze der EU.
Mit dem Abkommen verbinden sich große Hoffnungen– vor allem auf wirtschaftliche Entwicklung in der Region, aber auch auf Erleichterungen für persönliche Beziehungen beiderseits der Grenze.
Andererseits befürchten die Menschen vor Ort eine soziale Spaltung angesichts des sehr unterschiedlichen Lohnniveaus zwischen Gibraltar und Spanien. Manche machen sich Sorgen wegen Umweltproblemen. Die offene Landgrenze stellt aber kaum jemand in Frage.
Gibraltar im Schengen-Raum: offene Landgrenze nach Spanien
Ab dem 15. Juli 2026 gilt für Gibraltar das Schengen-Abkommen – durch einen Vertrag zwischen der Europäischen Union und Großbritannien, der an diesem Tag provisorisch in Kraft tritt.
Somit wird die kleine Halbinsel im Süden Spaniens faktisch in den Schengenraum integriert, auch wenn Gibraltar selbst nicht Mitglied der Europäischen Union ist. Damit fällt beispielsweise die Landgrenze zu Spanien weg – und damit auch die Passkontrollen dort.
Der britischen Regierung zufolge überqueren täglich 15.000 Menschen die Grenze zwischen Gibraltar und Spanien. Statt an der Landgrenze werden Einreisende künftig am Hafen und am Flughafen kontrolliert. Sie sind die neuen Außengrenzen des Schengenraums.
Neben den Personenkontrollen an der Landgrenze werden laut der britischen Regierung aufwendige Warenkontrollen überflüssig.
Dem Schengen-Raum, an dessen Binnengrenzen in der Regel keine Kontrollen anfallen, gehören 25 EU-Länder an sowie die Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island.
Wohlstand trotz Brexit: Gibraltars starke Wirtschaft
Gibraltar ist ein britisches Überseegebiet. Das Territorium ist in etwa so groß wie die ostfriesische Insel Baltrum. 1704 wurde es von England erobert, 1713 trat Spanien Gibraltar an das Vereinigte Königreich ab.
Der spanische Diktator Franco schloss 1969 die Grenze. Als Spanien nach dem Tod des Diktators Franco demokratisch wurde, öffnete es die Grenze 1982 wieder. Dennoch benötigte man aufgrund der Kontrollen weiterhin viel Zeit, um auf dem Landweg von Spanien nach Gibraltar zu kommen.
Kaum Arbeitslosigkeit in Gibraltar
Gibraltar ist wirtschaftlich stark mit dem EU-Binnenmarkt verflochten. Beim Brexit-Referendum 2016 hatten fast 96 Prozent der 33.000 Einwohner des Territoriums für den Verbleib in der EU gestimmt.
Durch den Brexit geriet der Wohlstand in Gibraltar in Gefahr. Denn die Grenze zwischen Spanien und Gibraltar wurde zur Außengrenze der Europäischen Union. Spanien drängte in der EU auf eine Ausnahmeregelung. Doch es dauerte viele Jahre, bis sie unter Dach und Fach war.
Das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Gibraltar liegt bei umgerechnet rund 46.500 Euro, so eine Statistik der Handelskammer. Es gibt praktisch keine Arbeitslosigkeit, die zuständige Behörde registrierte zuletzt gerade mal zehn Erwerbslose. Die wichtigsten Branchen laut Handelskammer: Tourismus, Schifffahrt und Finanzdienstleistungen, darunter auch Online-Glücksspiel und der Handel mit Kryptowährungen.
Neues EU-Abkommen: Hoffnungen und Ängste in Gibraltar
Das Abkommen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien über Gibraltar gilt als Chance.
Eine große Hoffnung ist, dass sich sowohl Gibraltar als auch die spanische Grenzregion infolge des Abkommens wirtschaftlich entwickeln: Gibraltar wirbt mit attraktiven Steuersätzen, das spanische Umland bietet Bauflächen und Arbeitskräfte.
Der freie Personen- und Warenverkehr spielt hierfür eine besondere Rolle. Der Regierungschef Gibraltars, Fabian Picardo, bezeichnet das Abkommen mit Verweis auf diese neuen Regelungen als Glücksfall.
Als Chance wird das Abkommen auch für die persönlichen Beziehungen in der Region gesehen: Denn die Grenze hatte viele Familien über Jahrzehnte hinweg getrennt.
Kritik am Abkommen: Angst vor sozialer Spaltung
Juan Franco, Bürgermeister des spanischen Grenzortes La Linea, kritisiert hingegen das Fehlen begleitender Maßnahmen im Sozialen, in der Bildung, bei der Infrastruktur. Die seien nötig angesichts einer drohenden sozialen Spaltung. Denn auf dem Immobilien- und Mietmarkt drohe ein Verdrängungswettbewerb. Ein Grund: Das Durchschnittseinkommen pro Kopf liegt in Gibraltar fast viermal höher als auf der spanischen Seite.
Der Umweltschutz fehlt Juan Franco im Abkommen ganz. Den brauche es aber angesichts von Problemen wie der Landgewinnung Gibraltars am Küstenstreifen für neue Wohnblocks oder dem Betanken großer Schiffe vor dem Hafen von Gibraltar.
Das Abkommen als Ganzes stellt Christine Vasquez, Journalistin bei der Gibraltar Broadcast Company in Frage. „Die Menschen hier wollten kein Abkommen“, sagt sie. Strikte Grenzkontrollen infolge des Brexits gelte es zu verhindern – aber: „Alles andere ist überflüssig.“ Die Veränderungen lösten bei vielen Ängste aus.
Onlinetext: Annette Bräunlein











