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StartseiteInterview"Wir brauchen interdisziplinären Austausch"05.08.2021

Gipfel gegen das Waldsterben"Wir brauchen interdisziplinären Austausch"

Der Förster und Buchautor Peter Wohlleben hat zu einem "Waldgipfel" eingeladen. Forschung und Forstindustrie müssten über einen sinnvollen Umgang mit dem Wald diskutieren, sagte er im Dlf. Er plädiert dafür, weniger Plantagen anzulegen, weniger aufzuforsten und den Holzverbrauch zu reduzieren.

Peter Wohlleben im Gespräch mit Sandra Schulz

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Das Foto zeigt den Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben, wie er zwischen zwei Bäumen steht. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Der Förster Peter Wohlleben lädt in seiner Waldakademie zu einem Austausch zur Rettung des Waldes ein (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
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Nach den zu trockenen Sommern der vergangenen Jahre sieht man vielerorts in Deutschland braune, abgestorbene Nadelbäume. Klimaschützer schlagen Alarm, weil die Bäume CO2 aus der Atmosphäre binden – solange es ihnen gut geht. Der Förster, Waldliebhaber und Buchautor Peter Wohlleben ist überzeugt, dass dies vielfach nicht der Fall ist. Kritik aus der Wissenschaft erntete er mit seinen Ausführungen zum Beispiel über Schmerzempfinden der Bäume. Aber er hat auch viele Menschen mit seinen Schilderungen fasziniert und für den Schutz des Waldes begeistert.

Spaziergänger gehen durch den Wald. Die Lage in nordrhein-westfälischen Wäldern verschärft sich: Bäume werden durch Borkenkäfer und Dürre auch 2020 massenhaft absterben, schätzen Experten. Das Land stockt seine Hilfen deutlich auf. (picture alliance/dpa | Fabian Strauch) (picture alliance/dpa | Fabian Strauch)Jahresbericht zum Zustand des Waldes 
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Nun lädt Peter Wohlleben zu einem nationalen Waldgipfel mit dem Untertitel "Waldsterben 2.0" ein. Wichtig sei ihm der Austausch konträrer Meinungen, um nicht "in einer Blase" zu debattieren, sagte er im Dlf. Für diskussionswürdig hält er beispielsweise das Thema Plantagen: Monokulturen seien anfällig und bewirkten Überhitzung und Trockenheit der Bäume. Zudem spricht er sich gegen Wiederaufforstung etwa nach Katastrophen aus, weil ein sich selbst organisierender Wald robuster sei. Außerdem plädiert er dafür, dem Wald nur so viel Holz zu entnehmen, wie er verkraften können – und das bedeute, unseren Holzverbrauch deutlich zu reduzieren.


Das Interview im Wortlaut:

Sandra Schulz: Der Wald sieht teilweise ziemlich mitgenommen aus. Aber warum sprechen Sie von einem Waldsterben?

Wohlleben: Der Titel des Waldgipfels ist ja "Waldsterben" und das Sterben ist durchgestrichen, weil echtem Wald geht es noch gut. Was wir aktuell sehen, das ist ein Plantagensterben, und Sie haben es ja schon beschrieben: Wir sehen überall Fichten, die absterben. Wir sehen Kiefern, die absterben. Das sind nordische Baumarten, die hier schon seit 200 Jahren Probleme machen. Die ersten großen Borkenkäfer-Katastrophen hatten wir um 1840. Durch den Klimawandel wird das Ganze jetzt beschleunigt.

Waldsterben in Deutschland 19.08.2019, Oberursel (Hessen): Abgestorbene Fichten stehen im Wald nahe der Altenhöfe im Taunus. Durch die Dürre in diesem und dem vergangenen Sommer sowie den Borkenkäferbefall sind viele Fichten in Deutschland abgestorben. (Luftaufnahme mit einer Drohne), Oberursel Deutschland *** Forest dieback in Germany 19 08 2019, Oberursel Hessen Dead spruces are standing in the forest near the Altenhöfe im Taunus Due to the drought this and last summer and the bark beetle infestation, many spruces have died in Germany Aerial view with a drone, Oberursel Germany (imago / Jan Eifert) (imago / Jan Eifert)Wie Wälder dem Klimawandel trotzen können
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"Plantagen sind sehr anfällig"

Schulz: Diese Differenzierung ist Fachleuten ja wichtig zwischen Wald und Plantagen. Was genau ist der Unterschied?

Wohlleben: Eine Plantage, wie der Name sagt, ist gepflanzt und, wie man das klassisch sich auch vorstellt, häufig als Monokultur, nämlich reine Fichte, reine Kiefer, vielleicht noch eine andere Baumart mit beteiligt, das Ganze gleichalt. Sprich: Es sind landwirtschaftliche Methoden. Das hat übrigens 300 Jahre Nachhaltigkeit nach dem Herrn von Karlowitz bedeutet. Der hat landwirtschaftliche Methoden im Wald eingeführt, indem er Bäume angebaut hat wie Getreide, und das machen wir teilweise bis heute.

Schulz: Und das finden Sie schlecht?

Wohlleben: Für unser Ökosystem ist das so interessant wie ein Maisacker. Das muss man klar sagen. Ich war vor ein paar Wochen in den rumänischen Wäldern, die so aussehen wie unsere Wälder mal ausgesehen haben, und es ist Wahnsinn! Die haben das Vierfache an Biomasse, an lebenden Bäumen, an Totholz. Solche Wälder können sich irre runterkühlen, im Schnitt um zehn Grad in einem heißen Sommer im Vergleich zu umliegenden Landschaften. Über solchen Wäldern regnet es mehr. Das heißt, die Hitze und die Trockenheit, die wir ja fürchten im Rahmen des Klimawandels, die können solche Wälder wahnsinnig gut abmildern. Warum? Weil Bäume das auch nicht mögen und weil Bäume nicht weglaufen können, machen sie sich einfach ihr Lokalklima selber. Plantagen können das nicht. Plantagen sind sehr anfällig.

"Wir brauchen einen robusten Wald, der sich selbst organisiert"

Schulz: Sie schildern ja, dass der Mensch schon vor vielen Generationen, Sie würden wahrscheinlich sagen, eingegriffen hat, andere würden sagen, mit dem Wald gearbeitet hat. Ist es denn eine Alternative, jetzt wirklich die Hände wegzulassen?

Wohlleben: Ja, interessanterweise schon. Hände weglassen nicht im Sinne von kein Holz mehr nutzen, so meine ich das nicht, sondern Hände weg lassen beim Wiederaufforsten. Das haben wir in all den Katastrophen gesehen, die wir schon erlebt haben, 1990 die Stürme, dann 2007 Kyrill und so weiter. Überall dort, wo wir nichts gemacht haben, ist der Wald viel schneller zurückgekommen und viel natürlicher und viel robuster, und das sind ja genau die Sachen, die wir gerne hätten. Wir brauchen einen robusten Wald, der sich selbst organisiert und der möglichst gut das, was wir Menschen mit dem Klima anrichten, überlebt. Dann können wir schauen, wie viel Holz können wir einem solchen Wald entnehmen, ohne ihn so weit zu schwächen, dass er zusammenklappt.

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"Wenn wir viel Holz nutzen, wird der Wald warm"

Schulz: Aber genau da müsste man ja die Grenze schon jetzt ziehen, nicht in ferner Zukunft, weil das Holz als Rohstoff auch aktuell gebraucht wird.

Wohlleben: Genau. Und das ist genau der Punkt, den ich kritisiere. Wir diskutieren vom Bedarf her wie ein kleines Kind an der Kasse, was einen Lutscher möchte, und sagt, ich will jetzt aber einen Lutscher. So ist das mit dem Holz und der Holzindustrie, wir brauchen aber so viel Holz und deswegen nehmen wir uns das. Aber das Ökosystem verträgt es nicht mehr. Das ist der Punkt. Der Wald produziert Biomasse ja nicht aus Jux und Tollerei, sondern für sich selber. Je mehr Biomasse ein Wald hat, desto kühler wird er, desto mehr Wasser kann er speichern, und wenn wir ihn zur Ader lassen, werden Wälder wärmer. Das kann man sehr schön per Satellit messen; das ist auch gemacht worden über 15 Jahre. Und dann sieht man: Wenn wir viel Holz nutzen, wird der Wald warm und die Bäume fangen an zu sterben.

Schulz: Was ist daran falsch, Bäume zu pflanzen?

Wohlleben: Es ist grundsätzlich erst mal nichts falsch. Aber wenn wir zum Beispiel Bäume pflanzen – das machen ja viele wirklich hoch motivierte Menschen – auf Kahlschlägen, die vorher die Forstverwaltung selber verursacht haben, angelegt haben, dann ist das Greenwashing, weil diese Kahlschläge müssten ohnehin wieder aufgeforstet werden. Wir vermuten, dass die in vielen Fällen sogar illegal sind von staatlichen Forstverwaltungen, und das wäre Greenwashing. Wenn aber zum Beispiel Maisäcker wieder aufgeforstet werden, wo überhaupt noch kein Wald war, das ist eine sinnvolle Tätigkeit.

"Wir brauchen interdisziplinären Austausch"

Schulz: Sie wissen, dass an Ihrer Arbeit auch Kritik kommt aus der Wissenschaft. Ihre Thesen zum Beispiel darüber, dass Bäume auch Schmerzen empfinden können. Ich möchte das hier an dieser Stelle ansprechen, auch wenn wir diesen Streit ganz sicher nicht klären können. Was Sie mit Ihren Kritikern gemein haben, das ist das Ziel, dem Wald zu helfen. Wenn es da jetzt so unterschiedliche Meinungen gibt, wie kann denn jetzt eine Debatte anlaufen, eine sinnvolle Debatte, wer wann was macht?

Wohlleben: Die Kritik, die Sie ansprechen, die kommt aus der Forstwissenschaft und die ist in fast allen Fällen mit der Forstindustrie verbandelt. Aus anderen Bereichen, was ich zitiere, das ist ja universitäre Forschung auch aus Deutschland, aus Bonn zum Beispiel. Was wir brauchen, ist interdisziplinärer Austausch und genau das wollen wir bei unserem Waldgipfel machen. Dort sitzen Biologinnen und Biologen, da sitzen Forstwissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, auch Leute, die mich heftig kritisieren. Ja, auch die haben wir eingeladen, weil wir nicht in Blasen diskutieren wollen. Das ist ja das große Problem unserer Zeit, dass wir uns alle in Blasen bewegen. Die wollen wir durchstechen, durchmischen, mit was für einem Ergebnis auch immer. Das Wichtige ist ja immer der erste Schritt.

"Die toten, abgestorbenen Bäume stehenlassen"

Schulz: Ich habe es gesagt, wir können hier on air diesen Streit nicht ausfechten. Für mich sind Biologen nicht per se Verbündete der Forstwirtschaft. Aber wenn wir noch mal auf Ihre Kritik schauen – es hat vielerorts ja die Reaktionen auf diese flächig abgestorbenen Nadelhölzer gegeben, das rauszuholen aus dem Wald. Warum halten Sie das für falsch?

Wohlleben: Auch dazu gibt es ja wissenschaftliche Untersuchungen, zum Beispiel von einem Biologen aus Eberswalde. Die haben mal die Oberflächentemperaturen gemessen nach solchen Kahlschlägen und die betragen teilweise über 60 Grad an heißen Sommertagen. Da können Sie Spiegeleier braten, aber kaum noch Bäumchen pflanzen, und die vertrocknen dann auch in diesen heißen Sommern, wie wir sie die letzten drei Jahre gehabt haben.

Herbstwald im Morgennebel am Tombeau du Geant, Belgien, Ardennen (Imago / blickwinkel) (Imago / blickwinkel)Kann Aufforstung das Klima retten? 
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Schulz: In Deutschland hatten wir Temperaturen von 60 Grad?

Wohlleben: Nein, die Oberflächentemperatur auf dem Boden in der Sonne. Nicht die Temperatur im Schatten, sondern die Oberflächentemperatur in der Sonne gemessen. Ich glaube, es waren sogar 63 Grad. Da kriegen Sie so heiße Oberflächentemperaturen teilweise. Und wenn Sie die Bäume stehen lassen – die werfen Schatten -, dann haben Sie die Temperaturen im Schatten, die wir gemessen haben, und die liegen teilweise 20 Grad und mehr unter dem, was wir in der Sonne messen, und da wachsen dann kleine Laubbäume von selber ganz wunderbar. Deswegen plädiere ich dafür, die toten, abgestorbenen Bäume, von denen ja gar keine Gefahr mehr ausgeht – der Borkenkäfer braucht ja lebende, geschwächte Fichten -, diese Bäume stehen zu lassen, damit die Schatten werfen, damit die Wasser speichern, damit der neue Wald viel, viel schneller in Gang kommt.

"Holzverbrauch reduzieren"

Schulz: Das stimmt, aber die Zersetzungsprozesse dieser Bäume, wenn man die stehen lässt, die machen das Gegenteil von dem, was wir uns vom Wald erhoffen. Die emittieren CO2, die binden ja kein CO2 mehr, wenn diese Stoffe zerfallen.

Wohlleben: Ja! Aber auch dazu gibt es schöne Studien aus dem Nationalpark Bayerischer Wald. Dort macht man das ja seit über 50 Jahren und man stellt fest, dass solche Bäume sich selbst nach 70 Jahren noch nicht vollständig zersetzt haben, das CO2 freigegeben haben. Selbst langlebige Produkte, inklusive Hausbau, halten im Durchschnitt wenig mehr als 30 Jahre. Das ist eine Studie, glaube ich, von der Uni Hamburg. Dazu kommt, dass der Großteil des Holzes, der größte Teil des gebrauchten Holzes in Deutschland verbrannt wird. Das heißt, das CO2 wird sofort freigesetzt. Wir verbrauchen in Deutschland 120 Millionen Kubikmeter Holz. Wir schlagen im Schnitt pro Jahr 60 Millionen Kubikmeter ein. Pro Jahr wird verbrannt 60 Millionen Kubikmeter und das ist etwas, das müssen wir unbedingt reduzieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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