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Glauben am Ganges Die Einsiedlerin

Der Ganges ist der heiligste Fluss Indiens. Auf der Suche nach Gott hat sich die promovierte Sonderpädagogin Bhakti Priyananda direkt an der Quelle niedergelassen: in einer Höhle. Dort will sie bis zu ihrem Lebensende bleiben, um sich Gedanken über die Welt zu machen – und diese mit allen teilen, die vorbeikommen.

Von Jürgen Webermann | 15.12.2016

Die Sonderpädagogin und Einsiedlerin Bhakti Priyananda
Die Sonderpädagogin und Einsiedlerin Bhakti Priyananda (Jürgen Webermann)
Gangotri, ein kleiner Ort, umgeben von fast 7000 Meter hohen Bergen im indischen Himalaya. Das tief geschnittene Tal gilt als heilig. Der Ganges hat es geformt, der heiligste aller indischen Flüsse. Er fließt weiter oben aus einem Gletschertor, das sie hier "das Kuhmaul" nennen, weil es – mit etwas Phantasie – eben einem Kuhmaul ähnelt.
Unterhalb des Gletschers, wo die Wälder beginnen, lebt abseits des Wanderwegs die erste Anwohnerin am Ufer des heiligen Flusses. Es ist Bhakti Priyananda, Mitte 50, sie hat ein strahlendes Lächeln und wallendes, silbernes Haar. Was sofort auffällt, ist ihr wunderschönes, so jung gebliebenes Gesicht mit seinen lebendigen Zügen.
"Ich habe so viel Leid gesehen"
Bhakti stammt eigentlich aus der südindischen Stadt Bangalore. Sie ist Sonderpädagogin. In den USA hat sie einen Doktortitel gemacht. Aber Bhakti zog es zurück nach Indien. Jahrelang unterrichtete sie Kinder aus armen und benachteiligten Familien, zuletzt im weit entfernten Nordosten des Landes. Vor 14 Jahren aber stieg Bhakti aus:
"Ich habe so viel Leid gesehen. Irgendwann habe ich dann beschlossen, hierher ins Himalaya zu kommen und Gott zu suchen. Alleine. "
Bhakti Priyananda vor ihrer Höhle
Bhakti Priyananda vor ihrer Höhle (Jürgen Webermann)
Dieser Ort, beschloss sie, ist perfekt für ihr Leben als Einsiedlerin: "Als ich klein war, habe ich zwar viele Geschichten über den Ganges gehört, aber ich wusste eigentlich nichts über den Fluss, außer, dass man hier Erlösung finden kann. Frieden."
Leben von geistiger Nahrung
Vor ihrem Zuhause hat sie ein orangefarbenes Tuch ausgebreitet, kleine goldene Kelche und zwei Bilder vom Affengott Hanuman, den sie verehrt, und natürlich Shiva gestellt. Wie verbringt Bhakti ihren Alltag hier oben, mitten in der Natur?
"Es ist schön. Ich bin glücklich. Es ist so friedlich. Frag‘ mich nicht nach irgendwelchen besonderen Aktivitäten. Ich bin einfach hier, ich singe, die alten Gesänge. Ich lese die Schriften oder beschäftige mich mit guten Gedanken. Das ist wie geistige Nahrung für mich. Ich lese Bücher. Wenn mir jemand ein Buch über das Christentum gibt und sagt: Das ist gut! Dann lese ich es."
"Auch Bäume sind voller Leben"
Ihre Gedanken schreibt sie auf, sie hat ein DIN-A-4 Heft, und sie schreibt so viel, dass sie wirklich jeden kleinen Quadratzentimeter des Papiers dafür ausnutzt. Manchmal geht es in ihren Gedanken um das große Ganze. Sie sagt:
"Niemand muss im Namen der Religion kämpfen, im Namen der eigenen Kultur. Nein. Es gibt nur eine menschliche Kultur. Menschliche Gefühle. Auch Bäume sind voller Leben. Tiere. Menschen. Es ist die gleiche Kraft dahinter. Mal äußert sie sich in einem Baum, mal in einem Tier, mal in einem Menschen. Wenn wir daran glauben, dann beginnen wir, jeden Baum, jedes Tier zu respektieren. Wir hören auf, ihnen zu schaden und uns selbst zu schaden, durch Kriege."
Bhakti sagt, sie will bis zum Lebensende hier oben am Ganges bleiben. Ob ihr das gelingt, das liege aber nicht in ihrer Hand. Das entscheide einzig und allein Mutter Ganga.