Donnerstag, 08. Dezember 2022

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Glauben am Ganges
"Die Lebensquelle Indiens"

Viele Inder verehren den Fluss Ganges, auch der Intensivmediziner AC Jha. Er hat sich zu Fuß auf den Weg zur Quelle gemacht, wo der Gott Shiva der Legende nach die Wassermassen teilte. Der Weg ist für den 59-Jährigen nicht ganz ungefährlich, doch er nimmt ihn mit Freude auf sich – um das "Ziel seines Lebens" zu erreichen.

Von Jürgen Webermann | 14.12.2016

    AC Jha auf dem Weg zur Quelle des Ganges
    AC Jha auf dem Weg zur Quelle des Ganges (Jürgen Webermann)
    Noch wenige Kilometer, dann wird AC Jha am Ziel sein: "Mein Herz wird vor Freude aufgehen. Es wird einer der bewegendsten Momente meines Lebens."
    AC Jha ist Intensivmediziner, 59 Jahre alt. Auf der Intensivstation eines renommierten Krankenhauses im indischen Bundesstaat Jarkhand rettet er normalerweise Leben. Aber hier oben im Himalaya-Gebirge, inmitten von Gletschermoränen, umgeben von fast 7000 Meter hohen Eisgipfeln und steilen Geröllhängen, ist AC in einer anderen Mission unterwegs, die so gar nicht mehr weltlich ist:
    "Ich bin hier nur aus spirituellen Gründen. Seit meiner Kindheit inspiriert mich der Ganges. Für mich ist der Fluß wie eine Mutter. Er ist die Lebensquelle Indiens."
    "Alles hier gehört Shiva"
    Und die Quelle des Ganges ist schon in Sicht. Oder besser, das Eis, aus dem das Wasser fließt. Es ist ein gewaltiger Gletscher, der sich vor AC auftürmt, vielleicht 150 Meter hoch. An einem kleinen, aus Steinen aufgetürmten Tempel am Wegesrand, bleibt AC kurz stehen. Er betrachtet die bunten Gebetsfahnen, bittet den Gott Shiva, seine Pilgerreise zu akzeptieren, und läutet eine kleine Glocke, die jemand an einem Stück Holz angebracht hat. AC erklärt:
    "Es wird gesagt, dass der Gott Shiva einst die Wassermassen, die vom Himmel stürzten, mit seinem Haar gebremst hat. Alles hier in dieser Gegend gehört Shiva."
    Schwimmende Kerzen im Ganges, Varanasi, Indien.
    Schwimmende Kerzen im Ganges, Varanasi, Indien. (imago/Mint Images)
    In der Mythologie der Hindus geht die gängigste Geschichte so: Die Söhne eines großen Königs wurden von einem zornigen Gelehrten zu Asche verbrannt. Sie hatten nur eine Chance auf Erlösung. Jemand musste die Ganga, die nichts anderes als die Milchstraße am Himmel ist, auf die Erde holen.
    Shiva teilte die Wassermassen
    Der Weise Bhagiratha wollte genau das erreichen. Aber wären die Wassermassen der gewaltigen Milchstraße einfach herabgestürzt, hätten sie die Welt zerstört. Bhagiratha meditierte so lange, bis der Gott der Schöpfung und der Zerstörung, Shiva, versprach, die Wassermassen zu bremsen, wenn sie denn frei gesetzt werden.
    Shivas Haar teilte also das herabstürzende Wasser in sieben Ströme, die sieben heiligen Flüsse Indiens. Der Ganges, der am Oberlauf noch nicht so heißt, sondern nach dem Weisen Bhagiratha benannt ist, gilt als der heiligste dieser Flüsse.
    Eine Stunde nach dem kurzen Besuch am Steintempel ist AC Jha am Ziel. Er steht auf einer Gletschermoräne und blickt herab auf Gaumukh, zu Deutsch: das Kuhmaul. Das ist nichts anderes als das Tor des Gletschers, das mit viel Phantasie einem Kuhmaul ähnelt. Jetzt muss AC nur noch die Moräne herab klettern, um zum heiligen Wasser zu gelangen. Aber das ist gefährlich. Und unten am Gletschertor stürzen immer wieder Eisbrocken ab.
    "Ich habe keine Worte, um meine Gefühle auszudrücken", sagt AC. "Ich habe das Ziel meines Lebens erreicht. Ich sage Dir, und das musst Du mir jetzt glauben: Selbst wenn ich hier oben sterben sollte, würde ich es genießen. Es würde mir nichts ausmachen. Es wäre eine Erlösung."
    "Mein Geist ist wichtiger als mein Körper"
    Nein, lebensmüde ist AC nicht, im Gegenteil. Er hat daheim eine Frau und zwei Söhne, die er auch gerne wieder sehen will. Seine Frau würde die anstrengende Zwei-Tages-Wanderung nicht schaffen, zumal in 4000 Metern Höhe, sagt er. Und seine Söhne hätten mit Religion nichts am Hut.
    "Sie wollten mich davon überzeugen, dass der Trip hier hoch zu riskant ist", erklärt AC. "Aber ich habe dann endgültig entschieden, dass ich es mache. Alleine. Meine Seele, mein Geist sind wichtiger als mein Körper."
    Und so steigt AC ab zum reißenden Strom. Eine leere Plastikflasche in der Hand. Er wird sie unten auffüllen und seiner Frau mitbringen. Das musste er vor seinem Abenteuer versprechen, hoch und heilig.