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StartseiteBüchermarktProtokoll eines privaten Untergangs13.10.2019

Gøhril Gabrielsen: "Die Einsamkeit der Seevögel"Protokoll eines privaten Untergangs

Eine junge Wissenschaftlerin will am nördlichsten Rand Norwegens die Einflüsse klimatischer Veränderungen auf die Seevögel untersuchen. In der einsamen Fremde auf sich selbst zurückgeworfen, stößt sie auf die dunkle Seite ihres Ichs - und verliert nach und nach die Kontrolle über ihre Existenz.

Von Peter Henning

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Vereiste Küste zur Abenddämmerung, Gimsoy, Lofoten, Norwegen, Europa  (imago/imagebroker/HeinzxHudelist )
Ihre wissenschaftliche Mission in der zivilisationsfernen Finnmark beschert Gøhril Gabrielsens Protagonistin die Erfahrung einer Selbstbegegnung existenziellen Ausmaßes (imago/imagebroker/HeinzxHudelist )
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Ein Eiland oder unberührtes Fleckchen Erde irgendwo am Ende der Welt, auf dem ein Einzelner oder eine Gruppe dorthin Versprengter plötzlich ums nackte Überleben kämpfen: Die Literatur ist reich an Geschichten, in denen sich ein vermeintliches Paradies unversehens als Falle – oder grausame Hölle für deren Besucher erweist.

Der Brite Alex Garland etwa führte in seinem mitreißenden, 1997 auf Deutsch erschienenen Roman "Der Strand" vor, wie sich ein vermeintlich paradiesischer, von farbigen Korallengärten, tropischem Dschungel und imposanten Wasserfällen umgebener Strand fernab der thailändischen Massentourismus-Routen für ein buntes Völkchen abenteuerseliger Aussteiger in einen irdischen Hades verwandelt. Und der Amerikaner David Vann machte in seinem erschütternden Kurzroman "Im Schatten des Vaters" 2011 eine abgelegene Insel im südlichen Alaska zum Schauplatz einer Geschichte, in deren Verlauf ihm – durch ein verheerendes Ereignis motiviert - die fesselnde Darstellung der komplizierten und spannungsgeladenen Beziehung zwischen einem 13-Jährigen und seinem Vater gelang.

Auch die hierzulande bislang unbekannte, 1961 geborene und in der dortigen Finnmark aufgewachsene Norwegerin Gohril Gabrielsen hat für ihren ersten, jetzt in einer feinen Übersetzung von Hanna Ganz auf Deutsch erschienenen Roman "Die Einsamkeit der Seevögel" eine Art ‚Inselsituation‘ kreiert, um die Geschichte ihrer mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfenen Protagonistin zu inszenieren. Sie entrollt die Geschichte einer jungen Wissenschaftlerin, die in der nördlichsten Region Norwegens die Einflüsse klimatischer Veränderungen auf die dort lebenden Seevögel-Populationen untersucht – und darüber auf die dunkle Seite ihres Ichs stößt.

"Hier ist das Ende der Welt. Danach kommt nichts mehr. Ein endloses Meer grenzt an Klippen und Berge, zwei Extreme, die unaufhörlich miteinander ringen, bei ruhigem Wetter wie bei Sturm.
Leichter Schneefall verwischt die Grenze zwischen Himmel und Erde. Um nicht versehentlich über die Kante zu rutschen, stelle ich das Schneemobil samt Anhänger direkt neben einem Felsblock ab. Er ragt groß und schwarz aus der weißen Landschaft und ist hoffentlich auch bei dichter werdendem Schnee leicht wiederzufinden. Der Fels wirkt leer und verlassen, und ich weiß, dass ich hier irgendwo über Monate hinweg Temperatur, Luftdruck und Windstärke messen werde, während ich darauf warte, dass die Seevögel vom Meer in die Kolonien an Land kommen."

Eine ähnlich gelagerte Geschichte erzählte vor mehr als dreißig Jahren der Essayist Lothar Baier in seinem seinerzeit vielbeachteten, am Ende einzigen Roman "Jahresfrist". Darin versetzte Baier seinen deutschen Protagonisten in ein eine gute Autostunde von Avignon gelegenes Rhone-Seitental, wo er sich daran macht, ein verfallenes Bauernhaus, das er gekauft hat, wieder auf Vordermann zu bringen. Und ähnlich wie im Fall von Gabrielsens Protagonistin geht es auch für Baiers Geschöpf bald vor allem darum, am Rande der Zivilisation mit seiner Einsamkeit fertig zu werden, die jeden Tag ein bisschen zunimmt. Was ihn neben den Renovierungsarbeiten, die er – dem Wetter und den Launen der Natur ausgesetzt – langsam aber stetig vorantreibt, ist das sich immer stärker in den Vordergrund schiebende Nachdenken über das sogenannte "wahre Leben". Und so ganz auf sich zurück geworfen, gerät er in eine Art innerer Inventur, die ihm in ihrer Ausschließlichkeit am Ende alles abverlangen wird.

Eine Selbstbegegnung existenziellen Ausmaßes

Auch Gøhril Gabrielsen, die ihre Figur in die verschneite, zivilisationsferne Finnmark versetzt, schickt diese auf denkbar konsequente Weise in einen Widerstreit mit sich. Was die junge Frau, die sich zunächst akribisch ihren wissenschaftlichen Untersuchungen widmet, zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht weiß, ja, nicht einmal ahnt, ist der Umstand, dass ihre Mission ihr die Erfahrung einer Selbstbegegnung existenziellen Ausmaßes bescheren wird. Und was als Protokoll einer in fremder, schwer erschließbarer Umgebung anlaufenden wissenschaftlichen Unternehmung beginnt, das weitet sich unter Gabrielsens nach und nach subtil unter Spannung gesetzten Wendungen langsam zur faszinierenden Nahaufnahme einer Frau, die in der Fremde – über Wochen hin ausschließlich den eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen ausgesetzt – auf eine andere, ihr bislang unbekannte Seite ihres Wesens stößt - und darüber prozesshaft die Kontrolle über ihre bislang als gefestigt empfundene Existenz zu verlieren beginnt.

Doch der Reihe nach. Denn zunächst legt es die Autorin vor allem darauf an, die begrenzungslos erscheinende Weite der verschneiten Finnmark als Raum für neue Möglichkeiten zu öffnen, die ihre Protagonistin sich im Zuge ihres sich langsamen Einrichtens vor Ort nach und nach zu erschließen versucht. Und so sagt sie sich:

"Ich habe alles sorgfältig geplant. Wie ich im Einzelnen vorgehen werde. Als Erstes packe ich die Vorräte aus, belade den Anhänger und fahre so oft zwischen Schuppen und Strand hin und her, bis die Paletten leergeräumt sind. Dann verstaue ich den Proviant und die Gerätschaften in den Regalen, bevor ich die Kisten mit den Messinstrumenten auspacke. Sobald alles installiert und an seinem Platz ist, werde ich den alltäglichen Aufgaben nachgehen: das Schneemobil warten, Brennholz reintragen, das Benzin in den Stromaggregaten nachfüllen, Schnee schaufeln und alles in Ordnung halten, nicht zuletzt die Stunden, den Tag, mich selbst. Ich werde mir die anfallenden Arbeiten einteilen, eins nach dem anderen erledigen, das gibt mir eine Struktur, an die ich mich unbedingt halten muss, in einem Alltag ohne andere Verpflichtungen als die, die meteorologischen Daten einzutragen, die Wetterstation und den Niederschlagsmesser zu beaufsichtigen – bis die Seevögel an Land kommen."

Und ihr Geliebter Jo – so möchte man ergänzend hinzufügen. Denn eigentlich ist geplant, dass der Mann, für den sie den gewalttätigen, im Buch durchgängig als S. bezeichneten Vater ihrer Tochter Lina verlassen hat, nachkommen soll. Und so geht für Gabrielsens Protagonistin in der kleinen Fischerhütte, die sie nahe der Vogelklippen bezogen hat, tatsächlich bald ein Handgriff in den nächsten über, bildet sich eine ihr Sicherheit spendende Routine aus - allein unterbrochen von kurzen Touren an die Klippen und wiederholten, zu festgelegten Tageszeiten anberaumten Skype-Telefonaten, die sie mit Jo führt:

"Das Licht des Bildschirms fällt in den dunklen Raum. Der Kontrast zwischen dem Primitiven und der Zivilisation, der Hütte und der technologisierten Welt, wird auf einmal sehr greifbar, und als ich Jo anrufe, überwältigt mich ein intensiver Stolz auf alles, was schon geschafft ist, und vor allem eine Vorfreude auf das, was kommen wird, auf die Zeit, die wir zusammen hier draußen verbringen werden."

Erinnerungen an die Ehehölle

Doch mit jedem weiteren Skype-Telefonat, das die beiden führen, rückt – auch wenn die Frau dies lange auszublenden versucht – Jo‘s Kommen in weitere Ferne. Zudem schieben sich immer vehementer Erinnerungen an ihre einstige Ehehölle mit S. in den Vordergrund; Bilder eines am Ende mit Fäusten ausgetragenen Ringens um die Hoheit innerhalb einer Beziehung, die darüber längst aufgehört hatte, eine solche zu sein.

"Ich höre wie der Wind draußen einen losen Gegenstand packt, wahrscheinlich ein Stück Dachpappe. Es klatscht und schlägt immer wieder gegen den Giebel. Dann ist es plötzlich still. Mit S. war es anders. Er hörte nicht wieder auf, schlug auf den Tisch, gegen Türen und Wände, hart und mit geballter Faust, über viele Wochen, vor allem, nachdem ich klargemacht hatte, dass ich mich nicht umstimmen lassen würde, dass es kein Zurück gab. Lina war meistens dabei. Sie zuckte zusammen, steckte die Finger in den Mund und starrte uns mit großen, ängstlichen Augen an, denn auch ich schlug auf den Tisch und brüllte, dass er ja wohl keine Rücksicht von mir verlangen könne, wenn er selbst keine nähme. Unser Zuhause wurde zu einem Unwettergebiet. Wir waren wie zwei ebenbürtige Sturmzentren, jeweils in einer Hälfte des Hauses kreisend, rasend und wütend, bis wir uns in der Mitte trafen und nach einem gewaltsamen Zusammenstoß wieder in unterschiedliche Richtungen abbogen. Ein Art Corioliseffekt, in dem Meeres- und Luftströmungen sich auf der Nordhalbkugel nach rechts und auf der Südhalbkugel nach links drehen."

Also sucht die Frau notgedrungen Ablenkung in der Beschäftigung mit ihren täglichen Messungen und Beobachtungen – gelenkt von einem wissenschaftlichen Ziel, das sie für sich so definiert:

"Meine Studie wird einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dessen liefern, wie sich atmosphärische Verhältnisse auf die Wanderung der Seevögel in die Kolonien auswirken wird sowie auf den Zeitpunkt ihres Brutstarts, und darüber hinaus Erkenntnisse darüber, welche negativen Auswirkungen der Klimawandel auf die Seevögel-Bestände hat. Die Dreizehenmöwe zum Beispiel steht auf der Roten Liste und gilt als stark gefährdet. Und wenn man die schwindende Population der Seevögel als Indikator für die Größe der Nahrungsbestände im Meer nimmt, ist dieser Niedergang besorgniserregend. Das ist der Grund, weshalb ich hier bin, in der Nähe der Vogelklippen, auf diesem nördlichen, äußersten Zipfel des Festlands, mitten im Winter ganz allein."

Chiffre für jenen besonderen Ausnahmezustand

Erzählungen von Menschen, die es in eine Landschaft oder an einen bestimmten Ort verschlägt, der sich unversehens zur vom Rest der Welt abgeschnittenen Insel verengt, sind nicht eben neu: Albert Camus etwa exerzierte dies bereits 1947 im Rahmen seines allegorischen Romans "Die Pest" durch, in dem die Seuche sich wie ein Festungsring um die algerische Hafenstadt Oran legt und die Eingesperrten darüber nach und nach verzehrt - oder geläutert auf sich selbst zurückwirft.

Camus spielte mit seinem Buch auf die Konzentrationslager seiner Zeit an – und schuf einen Roman, der vorführte, dass der Mensch am Ende über sein Schicksal zu triumphieren vermag, sofern er den Mut, den Willen und die Kraft dazu aufbringt. Gabrielsens Protagonistin dagegen beginnt sich mehr und mehr in der Enge ihrer zur inselartigen Falle gewordenen Holzhütte aufzureiben – und ihre Aufgabe aus dem Blick zu verlieren. Und so wird das von ihrer Schöpferin entworfene Szenario schließlich zur Chiffre für jenen Ausnahmezustand, in den ein Mensch geraten kann, der sich unversehens vor die Aufgabe gestellt sieht, nach dem Sinn der bestehenden Zusammenhänge seines Lebens zu fragen – und sich darüber plötzlich in seiner gesamten Existenz infrage gestellt sieht.

Also nimmt ihre Protagonistin immer wieder Reißaus vor den sich ihr in ihrer zur Zelle gewordenen Hütte stellenden Seins-Fragen – gefangen zwischen einer jäh abgerissenen Vergangenheit und einer nicht beginnenden Zukunft. Bis sie sich bei einem Ausflug zum Angeln in der Schnur verheddert, stürzt und sich so schwer verletzt, dass sie einige Tage in der Enge der Hütte ans Bett gefesselt ist – und von ersten düsteren Fantasien heimgesucht wird.

"Ich liege unter der Decke, rudere verzweifelt mit den Armen in einem eiskalten Meer und versuche, mich an umhertreibenden Eisschollen festzuklammern. Ich bekomme eine Kante zu fassen, ziehe mich hoch, aber sobald ich Schwung hole, kippt die Scholle, verliere ich den Halt und rutsche ins Wasser zurück.
Ich will es nochmals versuchen, bei der nächsten Eisscholle, die herantreibt, größer diesmal, aber sie rast in hohem Tempo auf mich zu und prallt heftig gegen meinen Kopf.
Ich erwache schweißgebadet, gleichzeitig ist mir eiskalt. Das Jammern, die klagenden Laute, die ich gehört habe, kommen sie aus meinem Traum oder von irgendwo in der Hütte? Ich liege da wie gelähmt, schwer und unbeweglich, bis ich einen kräftigen Herzschlag fühle und sich ein Kribbeln von meiner Brust bis in alle Gliedmaßen ausbreitet. Die Maus in der Anrichte, ich muss zusehen, dass ich ihr endlich den Hals umdrehe, denn jetzt höre ich sie über den Boden huschen, die Krallen scharren über die Dielen, abwechselnd scharf und weich. Oder sitzt da jemand am Tisch und schreibt, ist das ein Stift auf Papier, was höre ich?
So dazuliegen, auf die Umgebung zu lauschen, nein, das halte ich nicht aus. Ich blicke zur Decke. Zwinge meine Gedanken auf das offene Meer. Wieder diese hilflose Ängstlichkeit, ich ertrage sie nicht und zwicke mir fest, ganz fest in die Haut."

Und genau an diesem Punkt der Erzählung beginnt Gabrielsens Geschichte sich aus den äußeren Beschreibungen sukzessive herauszulösen, um sich ins aufgewühlte Innere ihrer Protagonistin zu verlegen, sodass sich die eben noch ganz auf ihre Mission konzentrierende Wissenschaftlerin zu einer Art Kippfigur wandelt, die sich den eigenen entfesselten Dämonen ausgeliefert sieht. Mit dem Resultat, dass ihre inneren Bilder und aufkeimenden Schreckensvisionen immer mehr von ihr Besitz ergreifen – und es ihr bald immer schwerer fällt, zwischen ihren Einbildungen und der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Wahn und Wirklichkeit

"Ein leises Schluchzen wie nach langem Weinen – das war es, was ich hörte. Schwach und trostlos und immer wieder von Schniefen unterbrochen.
Lange lag ich einfach nur da und lauschte, und obwohl ich nicht direkt Angst hatte, reagierte mein sympathisches Nervensystem unmittelbar, indem es eine Reihe von Adrenalinprozessen in Gang setzte: Mein Herz klopfte schnell und laut, die Muskeln spannten sich an, ich atmete schwer, aber nach einer Weile schaffte ich es, mich im Bett aufzusetzen und genauer hinzuhören.
Es war mein eigenes Gewissen, das ich gehört hatte, mein eigener Kummer, dem ich Raum gegeben hatte, dem ich erlaubt hatte, sich zu entfalten, einzig und allein vor mir selbst."

Bald fühlt man sich beim Lesen von Gabrielsens im Gestus eines Log- oder Tagebuchs abgefassten Romans an die "okkulten Tagebücher" August Strindbergs erinnert, der nach dem Scheitern seiner Ehe mit der deutlich jüngeren Journalistin Frieda Uhl in eine schwere, von Wahnvorstellungen und Realitätsverlust begleitete Krise geriet. Seine sogenannte "Inferno-Krise", welcher er von 1896 an in zwei Bänden literarisch Ausdruck verlieh. Denn ähnlich wie der 1912 verstorbene Schwede, der in seinen Tagebüchern die von zahlreichen handgreiflichen Auseinandersetzungen begleiteten Streitereien mit der jungen Frau beschreibt, gewinnen für Gabrielsens Protagonistin ihre Erinnerungen an ihre Ehehölle mit S. auf gefahrvolle Weise Raum. Mit dem Resultat, dass sich die Fischerhütte zu einem Ort letzter Abrechnungen verengt - und Gabrielsens Roman sich zur literarischen Konfession einer auf sich selbst Zurückgeworfenen verdichtet, zur unter Schmerzen abgelegten Lebensbeichte einer Frau, die jeden Halt verloren hat. War für Strindberg dereinst das Hotel Orfila in Paris der Ort einer letzten schonungslosen Selbstbegegnung, so erlebt Gabrielsens Figur ihr ganz persönliches "Inferno" im Eis und Schnee der Finnmark.

Kunstvoll und in Form bisweilen atemberaubender Bilder und Sequenzen versteht es die Autorin, uns zu gebannten Zuschauern ihrer sich selbst und ihren mehr und mehr verzerrten Wahrnehmungen nicht länger trauenden Protagonistin zu machen. Und man muss bis zu den ersten existenzialistisch grundierten Romanen ihres Landsmannes Ketil Björnstad zurückgehen, Büchern wie "Erling Fall" oder "Tanz des Lebens" aus den frühen 2000er-Jahren, um etwas ähnlich dicht Gewobenes innerhalb der norwegischen Literatur dieser unserer Jahre zu finden. Denn Gøhril Gabrielsen, die in ihrer Heimat bereits fünf von der Kritik einhellig gelobte Romane vorgelegt hat, versteht es glänzend, ganz eigene äußere Bilder und Entsprechungen zu finden für das Innenklima der ins Ungleichgewicht geratenen Psyche ihrer Protagonistin.

"Ich höre das Schneemobil brüllen wie ein rasendes Tier. Und während sich Welle um Welle fortsetzt, sinkt das Sonnenauge, flammt die Dunkelheit auf, kohlschwarze Wolken treiben heran und schließen sich rasch um den abnehmenden Mond, bis mein Schatten verschwindet und die Scheinwerfer des Schneemobils wie Schwerter in die Landschaft flammen. Ich sehe sie, ich höre sie, die Zerstörung, die ich hervorrufe, und spüre eine wachsame Furcht in der Natur wie auch in mir selbst."

Das Protokoll eines privaten Untergangs

So verdüstert sich das Innere von Gabrielsens Protagonistin schließlich immer mehr, zieht sich am Ende zu wie der abendliche Schneehimmel über der windumtosten Fischerhütte, die sich längst in eine geschlossene Kammerspielbühne verwandelt hat. Darauf sehen wir die Frau mit dem Gewehr im Anschlag – alarmiert von Geräuschen, die sie hört oder zu hören glaubt. Unter dem wachsenden Druck, unter den ihre Schöpferin sie mit ihren kurzen, stromstoßartig abgefeuerten Sätzen setzt, verliert die Frau ihr eigentliches Projekt schließlich völlig aus den Augen – und wandelt sich darüber zu einer Geisterseherin, die ihre geladene Waffe auf imaginäre Ziele richtet - und sich fragt:

"Wie vielen Stürmen kann ich noch standhalten, bis auch ich dem Druck nachgebe"

So ist es am Ende die Geschichte einer existenziell gewordenen Verwirrung, die Gøhril Gabrielsen uns erzählt: über den Umstand, nicht sprechen zu können. Sich nicht mit dem anderen, dem sehnsüchtig erwarteten Gegenüber austauschen zu können über das, was sie umtreibt und was sie – in einem Akt der Bannung - artikulieren müsste, um es endlich zu verstehen und nicht darüber verrückt zu werden. Denn hin- und hergerissen zwischen ihrer Aufgabe und dem Versuch der Aufarbeitung ihrer jüngsten Vergangenheit – allem voran das Scheitern ihrer Ehe mit S. – schwankt sie zwischen Abscheu und der Flucht nach vorne, hinein in die Vision einer besseren Zukunft an der Seite von Jo.
So kreist sie zuletzt verzweifelt um ihr eigenes bislang gelebtes Leben, das sich – das muss sie Zug um Zug erkennen – in eine Strindberg`sche Geisterbeschwörung gewandelt hat, in eine Selbstverbrennung.

Gøhril Gabrielsen ist mit ihrem Roman etwas Besonderes geglückt: Ein norwegisches Kammerspiel vor unwirtlich schöner Landschaft, das in Sequenzen von mitunter physischer Härte vorführt, wohin es einen Menschen führt, der nicht länger imstande ist, den inneren, Halt und Orientierung gebenden Parametern zu vertrauen und zu folgen. Dabei gerät ihre Protagonistin in einen kriminellen "Zwischenzustand", der sie weder vor- noch zurückgehen lässt – immerzu ihren sich mehrenden Schrecken ausgeliefert.

Die wachsende Unsicherheit ihrer Erfahrungen und die damit einhergehenden widerstreitenden Gefühle treiben sie schließlich in eine Art privaten Untergang, dem sie selbst als einzige Zeugin beiwohnt. Und so steht unterm Strich die Geschichte einer total gewordenen Unsicherheit – entrollt in einer Sprache, deren kompromisslose Genauigkeit und kristallene Schärfe bisweilen an Camus` Roman "Der Fremde" erinnert. Oder an Yasushi Inoues japanisches Meisterwerk "Die Eiswand". Denn auch hier wird das Abenteuer, auf das sich Gabrielsens Heldin einlässt, in ein menschliches Gleichnis gefasst: inszeniert als Geschichte einer Frau, die in der Gewissheit einer sinnstiftenden Mission unversehens an ihre Grenzen gerät – und sogar darüberhinaus, nämlich auf das gefahrvolle Terrain einer beginnenden Paranoia. Die szenische Spannung, mit der ihre Schöpferin diesen Prozess aufbaut, entwickelt am Ende einen geradezu spannungsromanartigen Sog.

So bleibt abschließend zu sagen: "Die Einsamkeit der Seevögel" ist ein Buch über die Zweifel an den besten menschlichen Substanzen, nämlich den Gedanken und Gefühlen und der Fähigkeit zur Vernunft. Eine Geschichte über die finstere Macht der Fantasie und darüber, was sie mit jenen macht, die sich schutzlos ihren Auswüchsen ausgeliefert sehen.

"Drinnen ist zum Glück alles wie immer, Holztisch und Schaukelstuhl stehen an den üblichen Plätzen, so, wie ich sie wenige Minuten zuvor verlassen habe. Ich trete vor den Spiegel, kneife mir in die Wange, prüfe meine Reaktion, meinen eigenen Blick. Vielleicht bin ich ein wenig blass, aber ansonsten wach und klar.
Ich drehe mich um, schaue mir alles an, nehme den Anblick des Eimers mit dem Schmelzwasser in mich auf, den Kessel auf dem Gasherd, alles strahlt Ruhe und Geborgenheit aus: die zweckmäßige Form, der vorhersagbare Gebrauch, das vollkommen Realistische und Konkrete der Dinge an sich. Dann höre ich es an der Tür klopfen.
Sofort will ich nach dem Satellitentelefon greifen, es einschalten, hier drinnen nach Empfang suchen und um Hilfe rufen. Ein Blick aus dem Fenster sagt mir jedoch, dass es sinnlos ist, wie überhaupt Zeit auf das Telefon zu verschwenden, denn wer könnte mir hier schnell genug zu Hilfe eilen? Stattdessen hole ich die Patronenschachtel aus der Anrichte, das Gewehr von der Wand und fülle die Kammer mit Munition. Meine Hände führen die nötigen Handgriffe zuverlässig, schnell und sicher aus, doch gleichzeitig beobachte ich meine Bewegungen wie von außen, weit entfernt von dem, was sich plötzlich hier abspielt.
Wenn es nicht S. ist, der da draußen steht, dann ist es der Kapitän, sage ich mir. Ja, er wird es sein, er ist der Typ dafür, sich so anzuschleichen. Am wahrscheinlichsten aber ist es Jo, Jo, der den Ernst das Lage begriffen hat und mich überraschen will, und das kann er ja auch noch, selbst wenn ich meine Vorsichtsmaßnahmen ergreife, oder?
Es klopft noch einmal. Diesmal so heftig, dass das Holz der Tür erzittert. Vibration und Geräusch. Dann ist es wenigstens keine Einbildung, denke ich und stelle mich vor den Eingang, breitbeinig und hochkonzentriert.
In einer einzigen Bewegung drehe ich den Schlüssel um und hebe das Gewehr, lege den Kolben an meine Schulter und richte den Lauf auf die Tür. Den Finger am Abzug, kalt und ruhig, hole ich dreimal tief Luft. Ich hole Luft und denke an Lina, an die Ankunft der Vögel und an das Leben, das weitergehen wird, und rufe laut und deutlich: ‚Herein!‘"

Gøhril Gabrielsen: "Die Einsamkeit der Seevögel"
aus dem Norwegischen von Hanna Granz
Insel Verlag, Berlin 2019, 174 Seiten, 20 Euro.

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