Schachspielerin Hahn zu Sexismus
"Es muss mehr Anlaufstellen geben"

Ein offener Brief von Frauen im Schach sorgt für Aufsehen: "Wir haben sexistische oder sexualisierte Gewalt erlebt", steht darin. Auch die deutsche Spielerin Lilli Hahn hat den Brief unterschrieben und erklärt im Dlf, was sich ändern muss.

Lilli Hahn | 12.08.2023
Eine Dame steht auf dem Schachbrett, daneben liegt ein Turm.
Sexismus im Schach: Ein offener Brief bringt erstmals geballte Aufmerksamkeit, sagt Schachspielerin Lilli Hahn. (IMAGO / ingimage / via imago-images.de)
"Wir, Schachspielerinnen" ist der Titel eines offenen Briefes, der eine Diskussion über Sexismus im Schach losgetreten hat. Initiiert haben den Brief vor allem französische Spielerinnen. Inzwischen stehen aber mehr als 100 Namen von Schachspielerinnen, Unparteiischen, Trainerinnen und Offiziellen unter dem Brief.
Darin heißt es unter anderem: "Wir haben sexistische oder sexualisierte Gewalt erlebt. Wir sind überzeugt, dass Belästigungen und Angriffe einer der Hauptgründe sind, warum viele Mädchen und Frauen aufhören, Schach zu spielen."
Auch die deutsche Schachspielerin Lili Hahn hat den offenen Brief unterschrieben, "weil dieser Brief, meiner Meinung nach, die Macht hat, bei Verbänden, Ausrichtern und jetzt auch bei den Medien sehr viel Aufmerksamkeit zu kreieren - so dass sich dann Verbände und Ausrichter dieses Themas annehmen müssen."
Hahn ist nicht nur Spielerin, sondern sitzt auch in der Kommission für Frauen im Schach des europäischen Schachverbandes.

Hoffnung auf strukturelle Veränderungen

Es liege nicht am Schach allein, sagt Hahn. Auch in anderen Berufen und anderen Sportarten werde man mit Sexismus konfrontiert. Die Verbände sind nach Hahns Ansicht auch nicht blind für die Probleme: "Das Thema wird tatsächlich immer mal wieder diskutiert, sowohl Sexismus als auch sexuelle Gewalt."
Verbände gingen unterschiedlich damit um: "Es gibt natürlich gerade in Deutschland schon viele Projekte mit Frauenförderung, um auch zu versuchen, irgendwie ein Bewusstsein zu schaffen, dass diese Probleme existieren." Der Brief sei aber das erste Mal, dass sich viele Frauen aus dem Schach gleichzeitig zu dem Thema äußerten.
Hahn hofft auf strukturelle Änderungen. Auch beim Weltverband FIDE. Der Verband hat auf den Brief reagiert. Auf Twitter heißt es, man sei "tief bewegt" vom Brief. Der Verband stelle sich ernsthaft gegen jegliches sexistisches Verhalten, man nehme jeglichen Report von Sexismus ernst und ermutige Frauen auch dazu, so ein Verhalten zu melden.

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"Ein Statement ist natürlich nur ein allererster Schritt. Das Thema ist tatsächlich bei der FIDE auch in den letzten Jahren schon öfter diskutiert worden", berichtet Hahn.
"Es gab auch tatsächlich einen Vorfall im letzten Jahr bei einem großen Frauenschachturnier, wo ein Kommentator sich sexistisch geäußert hat - tatsächlich ein FIDE-Kommentator. Da gab es danach auch Konsequenzen. Der wurde danach entlassen."

"Es muss viel Bewusstsein geben."

Bei vielen Verbänden würden aktuell ein Modell geschaffen, um mit Sexismus und sexualisierter Gewalt umzugehen. Auch der Schachsport sei dabei.
"Nichtsdestotrotz glaube ich, es muss mehr Anlaufstellen geben. Es muss Ansprechpartner auf Turnieren geben. Es muss auch viel Bewusstsein darüber geben, dass dieses Thema existiert. Dass man einfach ein bisschen anfängt, selber zu denken. Selbst bei den Berichten [über den Brief] sieht man ja jetzt zum Beispiel, was auch die Online-Kommentare darunter sind. Und ich denke, da haben wir schon noch ein ganzes Stück vor uns."
Hahn fordert die Möglichkeit, anonym Hinweise auf Sexismus zu geben, aber auch auf Kleinigkeiten zu achten - zum Beispiel die Formulierung "spielen wie ein Mädchen" nicht mehr dafür zu nutzen, eine passive Spielweise zu beschreiben.

"Ein sehr langsamer Prozess."

Schach sei aber sehr männerdominiert: "Wir haben einen Frauenanteil von unter zehn Prozent, das ist auch in diesen Vorstandspositionen so." Auch dort würden mehr Frauen benötigt und es gebe Bemühungen in diese Richtung, sagt Hahn:
"Wir haben versucht, mehr weibliche Schiedsrichterinnen auszubilden. Wir haben versucht, die Hürde niedrig zu gestalten, dass wir mehr Trainerinnen bekommen, also Trainerinnen-Lehrgänge zu machen."
Auch etwas unübliche reine Mädchen- und Frauenturniere richte man aus und tausche sich mit anderen Ländern aus. "Aber es ist natürlich ein sehr langsamer Prozess."