Gewalt im Sport
Anlaufstelle mit Vorbildfunktion

Die durch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) eröffnete Anlaufstelle "Safe Sport" für Gewaltbetroffene im Sport ist ein Meilenstein, der Vorbild für andere Bereiche sein kann. Das große Ziel im Kampf gegen Missbrauch ist aber noch nicht erreicht.

Von Andrea Schültke | 15.07.2023
Nancy Faeser (SPD), Bundesministerin des Innern und Heimat, spricht bei der Eröffnung der bundesweit zentralen Ansprechstelle "Safe Sport".
Nancy Faeser (SPD), Bundesministerin des Innern und Heimat, spricht bei der Eröffnung der bundesweit zentralen Ansprechstelle "Safe Sport". (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Damit hat eigentlich alles angefangen: Oktober 2020, die ehemalige Reiterin Gitta Schwarz berichtet zum ersten Mal öffentlich, dass sie als Teenager von ihrem Reitlehrer sexuell missbraucht worden ist. Das ist mehr als 30 Jahre her. Niemand habe ihr damals geholfen. Auch ihre Mutter nicht:
"Wenn sie damals eine Telefonnummer gehabt hätte, wo sie still hätte anrufen können um mir zu helfen, das hätte sie wohl getan."

Betroffene im Zentrum

Zweieinhalb Jahre nach Schwarz' Gang an die Öffentlichkeit gibt es nun genau diese Hilfe. Und die ehemalige Reiterin hat großen Anteil an der neuen Ansprechstelle "Safe Sport". Unter der Rufnummer 0800 11 22 200 sind die drei Mitarbeitenden zu erreichen. Sie beraten bundesweit. Entweder telefonisch, online oder in den neuen, hellen Räumlichkeiten in Berlin.
Hilfe für Betroffene von Gewalt im Sport:
Ansprechstelle "Safe Sport":
https://www.ansprechstelle-safe-sport.de
Initiative "Anlauf gegen Gewalt" von Athleten Deutschland e.V.:
https://www.anlauf-gegen-gewalt.org
Bei ihrer Arbeit folgen sie klaren Grundsätzen, unterstreicht Innenministerin Nancy Faeser, die am Dienstag (11. Juli 2023) diese vom organisierten Sport unabhängige Beratungsstelle eröffnet hat: "Die Betroffenen stehen im Zentrum, die Beratung ist anonym und vertraulich. Die Ansprechstelle berät eigenständig und unabhängig von Dritten."
Dafür stellt das Bundesinnenministerium im ersten Jahr 300.000 Euro bereit, danach steigen die Länder mit ein und übernehmen die Hälfte der Finanzierung.

"Tatort Sport": Ort für Aussprache besonders wichtig

Gitta Schwarz ist Vorsitzende des Trägervereins, unter dessen Dach die Beratungsstelle "Safe Sport" arbeitet. Gemeinsam mit anderen Betroffenen hat die ehemalige Reiterin das Projekt vorangetrieben. Für viele Betroffene sei es notwendig, "einen sicheren Ort zur Aussprache abseits vom 'Tatort Sport' zu finden. Für mich und meine Angehörigen wäre genau das eine Möglichkeit gewesen, sich schon viele Jahre früher mit meiner Geschichte an irgendjemanden wenden zu können."
Gitta Schwarz (l.) auf einem Hearing der Aufarbeitungskommission der Bundesregierung im Jahr 2020: Als Teenager war sie selbst von sexualisierter Gewalt im Sport betroffen - heute setzt sie sich für Aufarbeitung und Prävention ein.
Gitta Schwarz war als Teenager selbst von sexualisierter Gewalt im Sport betroffen - heute setzt sie sich für Aufarbeitung und Prävention ein. (Andrea Schültke/Deutschlandfunk)
Neben Gitta Schwarz ist auch Angela Marquardt als Vertreterin der Betroffenen von Beginn an am Aufbauprozess der Anlaufstelle beteiligt.
Bei der Eröffnung hebt sie besonders das Bundesinnenministerium hervor: "Es war vor allem ein respektvolles Miteinander, weil wir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatten, dass wir 'die Opfer' sind, mit denen mal auch mal reden muss. Unsere Perspektive hat ihren Eingang gefunden. Sie haben es einfach durchgezogen. Sie haben es von Anfang an gewollt. Dafür bin ich durchaus dankbar."

Anlaufstelle auch als Vorbild für andere Bereiche

Für Kerstin Claus, Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, ist die Ansprechstelle "Safe Sport" ein Meilenstein weit über den Sport hinaus: "Wenn wir andere Strukturen anschauen, viel in der Debatte sind immer die Kirchen, aber auch andere Strukturen, dann muss man sagen, es ist die erste wirklich unabhängige Anlaufstelle in diesem Umfang, in dieser klaren Ausrichtung und auch über einen Verein, in dem Betroffenenbeteiligung und -Partizipation grundlegend verankert ist."
In diesem Sinne sei die Anlaufstelle "ein stückweit ein Leuchtturm, von dem ich hoffe, dass er in die Fläche trägt, in den Sport weiterhin, aber auch in andere Strukturen".

Athleten Deutschland engagiert sich ebenfalls

"Safe Sport" richtet sich vor allem an Betroffene aus dem Breitensport. Für Kaderathletinnen und -athleten gibt es bereits seit mehr als einem Jahr "Anlauf gegen Gewalt" des Vereins Athleten Deutschland. Die Interessenvertretung der Spitzensportlerinnen und -Sportler arbeitet aber auch mit im Trägerverein der neuen Anlaufstelle "Safe Sport" und gehört zu den treibenden Kräften für eine Beratung bei emotionaler, körperlicher oder sexualisierter Gewalt, die unabhängig ist vom organisierten Sport.
Dieser müsse neben seinen eigenen Beratungsstellen über die Landessportbünde auch die unabhängigen Angebote wie etwa "Safe Sport" bekannt machen, fordert Maximilian Klein von "Athleten Deutschland": "Damit versetzt man dann Ratsuchende und auch Betroffene in die Situation, dass sie Wahlfreiheit haben. Das heißt, es muss auch in jede Turnhalle getragen werden. Und da ist es ganz wichtig, dass der organisierte Sport dabei hilft."

Ziel ist unabhängiges "Zentrum für Safe Sport"

Dass es jetzt "Safe Sport" gibt, hat zwei Seiten: Gut, dass die Anlaufstelle da ist. Aber schlecht, dass sie überhaupt gebraucht wird. Wie dringend, das belegt die jüngste repräsentative Studie zu Gewalt im Vereinssport: Fast drei Viertel der Befragten gaben an, bereits eine Form von Gewalt im Verein erfahren zu haben, von sexistischen Sprüchen über körperliche Belästigung bis hin zu Schlägen.
Über all dies können Betroffene jetzt bei "Safe Sport" sprechen. Für die Beteiligten ein weiterer Schritt auf dem Weg zu ihrem großen Ziel: einem von der Bundesregierung und damit Innenministerin Nancy Faeser unterstützten, unabhängigen "Zentrum für Safe Sport, das Maßnahmen zur Prävention, Intervention und Aufarbeitung unter einem Dach bündeln soll, damit der Sport zu jeder Zeit und für alle Beteiligten ein sicheres Umfeld bildet".

Schwarz fühlte "innere Kraft" freigesetzt

Auf dem Weg dahin wird sich die ehemalige Reiterin Schwarz weiter einbringen. Auch, weil sie beim Erzählen ihrer Geschichte im Oktober 2020 erfahren habe, "welche innere Kraft dieser eigene Mut in mir freisetzt". Schwarz erklärt: "Das ist wohl das, was man klassischerweise 'Empowerment' nennt. Diese Power hält bis heute an."