Donnerstag, 09. Februar 2023

Mehr Schutz für Haie
Raubfisch im Ausverkauf

Über Jahrzehnte wurde Haifisch auf dem Weltmarkt gehandelt, bis die Bestände kollabierten. Jetzt soll das unkontrollierte Plündern ein Ende haben. Aber sind die Staaten überhaupt willens und in der Lage, die neuen Handelsauflagen durchzusetzen?

Von Andrea Rehmsmeier | 22.01.2023

Zwei Männer tragen einen Hundshai auf dem Fischmarkt in Almeria, Spanien
Würden Haie nur wegen ihres Fleisches gejagt wie andere Fische, wären sie vermutlich nicht so gefährdet. Aber zu ihrem Unglück gelten ihre Flossen in Asien als Delikatesse. (imago / Alberto Paredes)
17. November 2022. In Panama City tagt die Weltartenschutzkonferenz.
„Wir kommen nun zur Abstimmung über den Entwurf…“
60 Haiarten, deren Flossen und Fleisch bislang unkontrolliert auf dem Weltmarkt gehandelt werden, könnten heute unter den Schutz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens gestellt werden. Die Anträge hat das Gastgeberland Panama gestellt.
„Sie haben 40 Sekunden, ihr Votum abzugeben."
Mehrere Fischereinationen, allen voran Japan, hatten Widerstand angekündigt. Doch nach Jahrzehnten zäher Verhandlungen wendet sich endlich das Blatt:
„Vielen Dank – können wir bitte das Ergebnis sehen?“
Triumph für die Hai-Schützer: Schon der erste Antrag wird mit einer satten Zweidrittelmehrheit angenommen. Die gesamte Tierfamilie der Requiemhaie soll in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens aufgenommen werden, das ist die mittlere Schutzstufe. Bei den Hammerhaien kommt es gar nicht erst zum Votum: Japan gibt seinen Widerstand schon vorher auf. Ein Meilenstein, kommentieren Artenschützer. Manche Meeresbiologen sind sich da nicht so sicher.
Artenschützerin Barbara Slee (ifaw) freut sich nach der Abstimmung auf der Weltartenschutzkonferenz mit einem Plüsch-Hai im Arm
Ein "Meilenstein" auf der Konferenz in Panama - aber wird der die Haie wirklich retten können? (Foto: Deutschlandradio / Andrea Rehmsmeier)

Strenge Handelsauflagen für fast 500 Tier- und Pflanzenarten

Zwei Weltkonferenzen, ein großes Versprechen: Das Artensterben soll aufhören, das beschließt die internationale Staatengemeinschaft Ende des Jahres 2022 gleich doppelt. Schutzgebiete einrichten, renaturieren, Finanzströme umleiten, dazu bekennen sich die Vereinten Nationen im Dezember in Montreal. Nicht weniger entschlossen klingen die Vereinbarungen, die die 183 Vertragsstaaten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens kurz zuvor, im November in Panama treffen: Für fast 500 Tier- und Pflanzenarten soll es künftig strenge Handelsauflagen geben.
Die Beschlüsse von Panama sind rechtsverbindlich – und das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, auf Englisch „Cites“ ist eines der größten Handelsabkommen überhaupt. Staaten, die sich daran nicht halten, müssen damit rechnen, keine Handelspartner mehr zu finden. Doch reicht das, um Tierarten vor dem Aussterben zu retten, deren Populationen im freien Fall sind? So wie die Haie?

“Eine historische Abstimmung! Welch ein erdrutschartiger Sieg für die Haie! Es ist absolut begeisternd.“ Barbara Slee von der Tierschutzorganisation „International Fund for Animal Welfare“: In den Tagen vor der Abstimmung hat sie bei den Delegierten fieberhaft um Stimmen geworben. Jetzt reckt sie im Foyer des Kongresszentrums triumphierend einen riesigen Plüsch-Hai in die Höhe.

„88 Staaten haben Panamas Antrag unterstützt. Es ist geschafft! Die Haie werden in Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens gelistet. Der Handel wird reguliert werden! Er wird nachhaltig werden! Endlich! Der internationale Handel mit Haifischflossen wird überwacht und begrenzt werden- ich bin mehr als glücklich!“ Anhang II, das bedeutet: mittlere Schutzstufe.

Der "Weiße Hai" - Killermaschine mit Horror-Image

Haie sind Knorpelfische. Sie gehören zu den ältesten Tieren des Planeten: ein Sinnbild für Wildheit und Kraft. Das hat Haifischflossensuppe in Asien zur prestigeträchtigen Delikatesse gemacht. Doch die Bestände der Haie sind in den Weltmeeren kollabiert – ebenso wie die der eng verwandten Rochen, die ebenfalls im Handel sind: Rückgang um 70 Prozent in nur 50 Jahren, sagt eine aktuelle Studie. Bislang hat das die internationale Staatengemeinschaft nur wenig interessiert. Doch jetzt sollen zu den 13 Haiarten, die schon vorher unter Handelsartenschutz standen, 60 weitere hinzukommen.

Wer immer Haie und Rochen fangen und verkaufen will, muss nach einer zweijährigen Übergangszeit beweisen, dass er das Überleben der Art nicht gefährdet. Jeder Export und jeder Import muss einzeln geprüft und genehmigt werden. Soweit die Theorie.

Die Internationale Maritime Universität Panama. Das Labor für Meeresbiologie, in einem Seitenflügel des Gebäudes, ist ein Kuriositätenkabinett: Zwischen blinkendem technischem Gerät stehen Meerestiere in Spiritus, an der Wand hängt ein riesiger, skelettierter Hai-Kiefer. An diesem Nachmittag gibt ein renommierter Gastdozent mit seinem Team einen Workshop. Demian Chapman leitet im gemeinnützigen Mote Marine-Laboratorium ein Schutzprogramm für Haie und Rochen. Aufgewachsen sei er in Neuseeland, erzählt Chapman. Anfang der 1960er Jahre, als seine Mutter noch zur Schule ging, wurde einer ihrer Mitschüler von einem Hai getötet.

„Und dann hat sie auch noch „Der weiße Hai“ gesehen. Und immer, wenn wir Kinder irgendwo schwimmen gehen wollten, haben unsere Eltern zu uns gesagt: ‚Nicht so weit raus! Die Haie, die Haie!‘. Dadurch waren wir natürlich erst recht fasziniert. Das ist lange her. Die anderen mögen das vergessen haben, ich nicht!“
In den 1970er-Jahren, als der genreprägende Horrorfilm den „Weißen Hai“ zum Sinnbild einer blutrünstigen Killermaschine machte, bevölkerten die Raubfische noch in großer Zahl die Weltmeere.
Demian Chapman gibt einen Workshop in der internationalen Maritimen Universität Panama
Das Projekt von Meeresbiologe Demian Chapmans "Global FinPrint": DNA-Analysen zur Haiart-Identifizierung (Deutschlandradio / Andrea Rehmsmeier)

Grausame Praxis: Beim "Finnen" werden die Flossen abgeschnitten

Doch auch damals schon durchzogen Langleinen mit Köderhaken die Ozeane: 100 Kilometer und länger. Den Haien, die auf diese Weise auf den Fischtrawlern landen, droht die grausame Praxis des „Finnens“: die Flossen werden ihnen abgeschnitten – nicht selten bei lebendigem Leib. Danach werden die Tiere ins Meer zurückgeworfen, wo sie über Stunden verenden. Zwar haben viele Staaten das „Finnen“ inzwischen verboten: Kutter dürfen die Häfen nur mit unversehrten Haikörpern anlaufen. Doch Haifischflossen sind vielfach rentabler als Haifischfleisch, und der Platz an Bord knapp. Niemand zweifelt daran, dass in der Weite der Weltmeere das Gemetzel weitergeht. Demian Chapman:

„Als ich meine Professorenstelle an der Stony Brook Universität in New York antrat, wurden gerade die ersten kommerziell gehandelten Hai-Arten im Washingtoner Artenschutzübereinkommen gelistet. Ich habe die Konferenz damals besucht, weil es ja immer hieß: Anträge zur Unterschutzstellung scheitern häufig, weil man die einzelnen Arten sowieso nicht auseinanderhalten kann, wenn sie erst einmal zu Produkten verarbeitet sind. Also habe ich mit meinem Team Leitfäden zur visuellen Identifizierung entwickelt.“

Rechtssicherheit auf dem Weltmarkt für Haiflossen schaffen

Der Weltmarkt für Hai- und Rochenflossen muss transparent, kontrollierbar und rechtssicher werden, beschloss Chapman. Im Jahr 2014 rief er das internationale Forschungsprojekt „Global FinPrint“ ins Leben – und setzte darin ganz auf die Genetik. In Hong Kong und weiteren Handelsplätzen in China und Südostasien hat sein Forscherteam über 10.000 Proben von Flossen erworben und ihre DNA analysiert. Ergebnis: Über 84 verschiedene Arten sind international im Handel, ein großer Teil davon ist inzwischen vom Aussterben bedroht.

Doch immerhin: Dank Chapmans Studien sind inzwischen die genetischen Fingerabdrücke zahlreicher Arten bekannt – auch von denjenigen, die jetzt neu unter den Schutz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens gestellt werden sollen. Und es gibt ein Nachweisverfahren.
Chapman greift in seine Arbeitstasche und holt ein quaderförmiges, rotes Gerät hervor, nicht größer als seine Hand. „Das ist ein sehr nützliches Werkzeug. Wenn Sie zum Beispiel auf dem Fischmarkt sind, dann brauchen Sie nichts als Strom und ein Dach über dem Kopf.“
Demonstration des PCR-Tests auf der Weltartenschutzkonferenz, auf dem Tisch Haifischflossen verschiedener Arten
Mit einem mobilen PCR-Testgerät lässt sich anhand von Flossen-Proben die Hai-Art bestimmen (Deutschlandradio / Andrea Rehmsmeier)

Haiart bestimmen mit mobilem PCR

Genetische Verfahren für die Kontrolle für Haiflossen und Haifleisch werden bislang nur in wenigen Staaten angewendet. Gerade für Entwicklungsländer sind sie zu kompliziert, zu teuer, zu langsam. Darum hat Chapman die PCR-Tests zusammen mit einem Gentechnikunternehmen für die praktische Anwendung weiterentwickelt. Und die Studierenden der Maritimen Universität Panama, die vermutlich bald in dieser Branche arbeiten werden, sollen die Vorreiter sein.

„So, jetzt habe ich aber genug geredet: Gehen wir in die Praxis … mit Valerie!“ Intensiver Fischgeruch breitet sich im Labor aus. Valerie Hagan, Chapmans Mitarbeiterin im Mote Marine-Laboratorium, hat auf einer Arbeitsplatte getrocknete Haifischflossen ausgebreitet, die aus einer Beschlagnahmung stammen. Der Arbeitsauftrag an die Studierenden: Bestimmt die Haiart, von der die Flossen stammen!

„Wir zerreiben die Flosse zu Pulver, danach geben wir ein paar Krümel in eine Lösung mit Lysepuffer. Darin brechen die Zellen auf und setzen die DNA frei.“ Die Studierenden gehen mit Parmesanhobeln ans Werk, denn für den PCR-Test braucht es nur Krümel. Gut zwei Stunden wird es dauern, bis die Erbsubstanz aus den zerriebenen Hai-Flossen per Polymerase-Kettenreaktionen soweit vervielfältigt ist, dass diese ausgelesen werden kann. Selbst im hektischen Betrieb eines Hafens ist das schnell genug, um den Warenverkehr nicht über Gebühr aufzuhalten.

Die Studentin Vivian jedenfalls ist begeistert. „Alles, was wir heute gelernt haben, könne wir gut gebrauchen. Weil ich glaube, dass der Schutz von Haien in Panama künftig eine große Rolle spielen wird. Wir brauchen die genetischen Daten, wenn wir die Arten schützen wollen. Wenn wir künftig bessere Entscheidungen treffen wollen, um die Hai-Fischerei nachhaltig zu machen.“

Haie sind Teil der „Gesundheitspolizei“ für das Ökosystem Meer

In der Wissenschaft ist die Artenschutz-Botschaft angekommen: Der Schutz der Haie zählt heute zu den großen Themen der Meeresbiologie. Regalmeter an Fachliteratur belegen die immense Bedeutung, die die Raubfische als sprichwörtliche „Gesundheitspolizei“ für das Ökosystem Meer haben. Haie bringen ihre Jungen lebendig zur Welt. Sie sind langlebig, ihre Geschlechtsreife erreichen sie spät, ihre Fruchtbarkeit ist vergleichsweise gering. Diese Eigenschaften waren über 450 Millionen Jahre ein Erfolgsmodell der Evolution. Jetzt aber, wo selbst die traditionellen Fischer Langleinen und Stellnetze benutzen, werden sie ihnen zum Verhängnis.
Fischerboote auf dem Fluss Chepo, Panama
Der Fluss Chepo bietet den Fischern von Coquira den direkten Zugang zum Pazifik (Deutschlandradio / Jan Thönessen)
Coquira, ein kleiner Fischhafen am Ufer des Flusses Chepo. Hier gibt es nichts außer Bootsstegen, einer Tankstelle, zwei Lagerhallen und einem Marktplatz. Seit Menschengedenken lebt die örtliche Bevölkerung hier vom Fischfang: Der Chepo ist fruchtbar, und er bietet den direkten Zugang zum Pazifik. Auch der Haifang muss hier einmal wichtig gewesen sein: kein Lädchen, das nicht mit einem grimmig dreinschauenden Comic-Hai im Logo um Kundschaft wirbt.

Es ist früher Morgen, gerade kehren die Kutter von ihren nächtlichen Fischzügen zurück. Von Bord gehen Kisten mit Doraden, Corvinen, Sardinen und Garnelen. Ein Hai ist nicht dabei. Ist der Haifang überhaupt noch wichtig für den Lebensunterhalt der Fischer in Coquira? Wie denken sie über neue Artenschutzbestimmungen? Wissen sie davon, dass die internationale Staatengemeinschaft in Panama City gerade beschlossen hat, die Handelskontrollen über 60 weitere Hai-Arten künftig zu verschärfen?

Tod als "Beifang" im Stellnetz

„Haie? Bloß nicht!“, lacht einer der Fischer. Nichts, aber auch gar nichts wolle er mit sowas zu tun haben. Haifang sei jetzt verboten, sagt er dann, und es gebe auch kaum noch welche. Was aber tun sie denn, wenn sich mal ein Hai in ihren Netzen verfängt? Wenn der Hai noch lebendig ist, dann werfen sie sie ins Wasser zurück, berichtet ein Fischer. Wenn er aber tot sei, dann müssten sie ihn an Land bringen: Der Kadaver würde dem Ozean schaden.

Von dem, was das Washingtoner Artenschutzübereinkommen regelt, scheinen die Fischer in Coquira tatsächlich nicht betroffen zu sein. Der Fisch, den sie fangen, sei für den Verkauf im Inland bestimmt, berichten sie. Und "Cites" reglementiert ausschließlich den internationalen Handel.

Doch Fischerei und Artenschutz – das hat auch in Panama Sprengkraft. Natürlich hat es auch hier Zeiten gegeben, wo die Fischereibetriebe an den Flossen und dem Fleisch von Haien gutes Geld verdient haben. Seit der Jahrtausendwende, als die Bestände kollabierten, haben die Artenschutzmaßnahmen der Regierung die örtlichen Fischer immer stärker eingeschränkt. Gegen das „Finnen“, das Flossen-Abschneiden an Bord, gilt seit dem Jahr 2006 sogar ein eigenes Gesetz. Und die Fischereibehörde teilt mit, dass sie für den Haifang so gut wie keine Lizenzen mehr vergibt. Vor einigen Jahren hat die Regierung darüber hinaus versucht, das Fischen mit Stellnetzen an Panamas Küsten zu verbieten: zu viele Haie im Beifang. Doch das haben die Fischer mit Protestaktionen und Straßenblockaden verhindert.
Der Inselvorsitzende von Chepillo, Dulovee Betancour mit Fischernetz
"Hai-Fischen ist derzeit verboten." Die kleinen Fischer halten sich daran - angeblich. (Deutschlandradio / Jan Thönessen)
Wer heute in Panama einen lebenden Hai sehen will, der muss die Küstenregion verlassen und auf den Pazifik hinausfahren, sagen die Fischer. Die Strecke ist eine Tropenidylle: An den Flussufern wölbt sich Wald über das Wasser, im Uferschlick kann man Krokodile entdecken – reglos, mit offenen Mäulern.
Der Bootsführer wühlt unter der Schwimmweste nach seinem Handy, und zeigt stolz ein Foto: ein toter Hammerhai – leicht zu erkennen an der charakteristischen Verbreiterung des Kopfes. Gerade am Tag zuvor ist ihm das Tier ins Netz gegangen. Der Raubfisch hatte die Größe eines Menschen – das war selbst für ihn als Fischer eine Sensation. Manche Hammerhai-Arten können bis zu sechs Meter lang werden, doch solche Meeresriesen wurden hier schon lange nicht mehr gesehen.

Dann mündet der Chepo in den offenen Pazifik. Am Horizont taucht der Küstenstreifen der Insel Chepillo auf. Das Boot kreuzt ein Weile vor der Insel, immer auf der Suche nach einer Dreiecksflosse in den Wellen. Doch: Nichts zu sehen, nirgends.

Chepillo ist eine üppig grüne Pazifikinsel. Am Ufer schaukeln Außenborder im Wasser, landeinwärts leuchten flache Steinhäuser in kunterbunten Farben. Der Verwalter der Insel, Dulovee Bethancur, wartet zum Empfang am Bootssteg. Er ist gleichzeitig der oberste Fischerei-Aufseher.

„Hai-Fischen ist derzeit verboten. Wenn es doch einer tut, dann wird sein Fang konfisziert, und er muss eine hohe Geldstrafe zahlen. Offensichtlich funktioniert das: Seit es das Verbot gibt, scheinen die Hai-Populationen wieder etwas anzuwachsen.“

Strenge Regeln für die Fischer, aber was ist mit den Fangflotten?

Coquilla hat gerade einmal 400 Bewohner, die allesamt vom Fischfang leben. Einer davon ist Casimiro Jimenez. In der Nacht war der kräftige Mann auf See, jetzt gerade mischt er Beton für die Hausrenovierung. Nein, auch er hat nichts von der großen Entscheidung gehört, die die internationale Staatengemeinschaft in Panama City gerade zum Schutz der Haie getroffen hat. Aber natürlich, so beteuert er: Auch er halte sich an das Hai-Fangverbot, wie jeder auf der Insel. Gibt es heute weniger Fisch als früher?

„Jaja, es gibt sehr viel weniger Fisch. Die großen Fischtrawler, die fangen die Sardinen – und die sind die Nahrungsgrundlage für alle anderen. Sie fangen alle Fische - große und kleine. Die Jungfische können gar nicht erst groß werden. Und das ist ein Problem für uns alle.“

Fischer wie er, erzählt er weiter, hätten die Zeichen der Zeit längst verstanden: Fischbestände darf man nicht einfach so ausbeuten, sie brauchen ihre Zeit zum Erholen. Die traditionellen Fischer achten also auf Artenschutz, die industriellen Fangflotten aber machen die Bemühungen zunichte?

„Das kommt vor, ja. Zwar gibt es jetzt eine Organisation. Die versucht, gegen den illegalen Fang von Haien, Sardinen, Hummern und Garnelen vorzugehen. Aber die Bezirksregierung muss uns endlich auch unterstützten. Wir kleinen Fischer kriegen es sofort mit dem Gesetz zu tun, wenn wir illegal Fisch fangen. Die Großen aber kaufen sich frei. Es ist ein großes Problem, wenn die einen bestraft werden, die anderen aber nicht.“
Ein Würfel mit Hammerhai-Darstellungen im Konferenzgebäude in Panama, im Hintergrund Delegierte und Besucher
Nicht alle Experten teilen die Partystimmung nach der Artenschutzkonferenz (Deutschlandradio / Andrea Rehmsmeier)

Die Datenlage ist mager

Die Weltartenschutzkonferenz, am Tag nach der historischen Entscheidung über die Listung von 60 weiteren Hai-Arten im Washingtoner Artenschutzübereinkommen. „Vielen Dank für Ihre Anwesenheit, für Ihre Unterstützung für den Haischutz. Heute können wir feiern.“

Die Regierung von Panama hat zum Fachpodium geladen. Doch nicht alle teilen die Partystimmung, die sich unter den Haischützern breit gemacht hat. Der Meeresbiologe Hector Guzman lässt sich am Tag nach der Abstimmung nur kurz im Panama Convention Center blicken. Für das Smithsonian Research Institute in Panama ist er seit Jahren federführend an großen Studien beteiligt, die die Folgen der Fischerei für Panamas Haipopulationen ermitteln sollten. Den Glauben daran, dass Handelsauflagen allein den Durchbruch im Haischutz bringen könnten, hat er dabei verloren.

„Mindestens 18 verschiedene Hai-Arten werden in Panama befischt, hat unser Team belegt. Wahrscheinlich sind es 20 oder mehr. Vier dieser Arten sind heute wegen Überfischung in einem kritischen Zustand. Was mir aber besonders zu denken gibt: Drei dieser vier bedrohten Arten stehen seit über zehn Jahren unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens – aber der Handel geht weiter, die Bestände schwinden. Da kann ich den Nutzen nicht erkennen.“

Welche Arten fallen den Langleinen und Stellnetzen zum Opfer, welches Alter und Geschlecht haben die Tiere? Welchen Anteil am Rückgang der Haipopulationen haben die industriellen Fangflotten, welchen die lokalen Fischer? Für effektiven Artenschutz sind solche Fragen hochrelevant - doch lange gab es keinerlei Erkenntnisse.
Fischer tragen im Hafen Coquira einen mit Fischen gefüllten Plastikkorb vom Boot aus an Land
Bei den Fischern von Coquira sind zwar keine Haie im Korb - aber grundsätzlich sind die Fang-Daten nicht verlässlich (Deutschlandfunk / Jan Thönessen)
Um diese Daten erheben zu können, ist Guzman selbst an Bord gegangen: Er und sein Forschungsteam haben panamaische Fischkutter aller Größenordnungen begleitet und ihre Fänge dokumentiert. Über vieles, was er dort beobachtet hat, war er entsetzt – insbesondere bei den Fangmethoden der traditionellen Fischer. Denn viele positionieren ihre Stellnetze gezielt um die Lagunen herum, in denen die Hai-Weibchen ihre Jungen gebären.
„Der Hammerhai zum Beispiel: Unsere Studien haben gezeigt: 90 Prozent der Fänge sind Jungtiere! Wir zerstören nicht nur die erwachsene Population, jetzt holen wir uns auch noch die Babies! Und das geht immer weiter!“ Das Ergebnis einer anderen Studie war nicht weniger beunruhigend, denn diese bestätigte einen alten Verdacht: In den Weiten der Meere bleibt vieles verborgen.

Hai-Schutz ließe sich wohl ohne radikales Fangverbot umsetzen

„Vor fünf Jahren haben wir die Aufzeichnungen aus 50 Jahren Fischfang in Panama ausgewertet – was für eine Arbeit! Drei Jahre haben wir gebraucht, um alle Daten aller Schiffslandeplätzen durchzugehen. Dabei kam heraus: Über 45 Prozent der gefangenen Fischmenge taucht in den offiziellen Behördenstatistiken nicht auf. Bei Haien liegt die Fehlquote sogar zwischen 80 und 82 Prozent. Wie wollen wir so die Arten schützen? Wir wissen doch gar nicht, worüber wir überhaupt reden!“

Dabei ließe sich Hai-Schutz sehr wohl effektiv und ohne radikales Fangverbot umsetzen. Die Studien des Smithsonian-Forschers geben zahlreiche Hinweise: Die Kinderstuben der Haie zu Schutzzonen erklären, saisonale Fangverbote erlassen, mit mehr Aufsichtsbeamten für eine abschreckende Strafverfolgung sorgen. Doch Guzmans Erfahrung ist: Viele Ansätze verpuffen an Personalmangel oder am Desinteresse der Behörden.

„Wir müssen das den Behörden nahebringen, wir müssen ihnen dazu die besten wissenschaftlichen Daten liefern, die wir nur bekommen. Aber genau das haben wir ja versucht. Und wie Sie sehen: Sie haben rein gar nichts unternommen. Panama hat zwar angekündigt, dass es deutlich mehr als 30 Prozent der Landesfläche zum Schutzgebiet erklären will. Aber wir sind doch nicht in einem Wettrennen, welcher Staat die meisten Schutzzonen hat! Erklärungen müssen umgesetzt werden! Lieber wenige echte Schutzzonen als viele schlecht geschützte!“

Forscher bezweifelt Aussagen lokaler Fischer zu Beifang

Sind Panamas leidenschaftliche Artenschutz-Appelle auf der Konferenz mehr Außenwerbung als echtes Engagement? Hector Guzman zuckt mit den Schultern: Das wird sich zeigen. Und was ist mit den lokalen Fischern? Was hält er von ihren Beteuerungen, sie hätten am Fang von Haien gar kein Interesse?

„Sie sagen immer, dass ihre Haie aus dem Beifang stammen. Ich bin mir aber recht sicher, dass sie sie absichtlich fangen. Dabei wissen sie genau, was los ist. Genau jetzt startet die Zeit der Migration, die Haie wandern zu den zentralamerikanischen Küsten, um dort ihre Jungen zu bekommen. Dort findet jetzt gerade ein Massaker statt.“

Mercado de Mariscos, Panamas größter Fischmarkt: Sein Eingang liegt an einer der Hauptverkehrsstraßen von Panama City. An seinem Hinterausgang aber öffnet sich der Golf von Panama: Hier wird die Ware mit Booten angeliefert – fangfrisch direkt zum Verkaufsstand.

Yehudi Rodriguez, Professorin an der Internationalen Maritimen Universität Panama, hat gerade mehrere Tage Weltartenschutzkonferenz hinter sich gebracht. Jetzt schiebt sie sich zwischen den vollgepackten Kühltheken, Fässern und Eisbottichen durch die Menschenmassen. Ob wohl auch heute wieder Hai angeboten wird? Direkt am Haupteingang wird sie fündig: Am Boden vor einem Stand stehen zwei Kisten, bis oben voll mit silbrigen, schlanken Fischkörpern. An die hundert Tiere mögen es sein. Sie sind keinen Meter lang, Köpfe und Flossen sind abgeschnitten. Nach all den Konferenz-Lobreden auf den Artenschutz: Bei diesem traurigen Anblick muss die Meeresbiologin lachen:

„Sowas gehört zu den großen Problemen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens! Versuch mal, die Art zu bestimmen, wenn die Fische in einem solchen Zustand sind!“
Haie ohne Flossen und Köpfe in einer blauen Plastikkiste auf dem Fischmarkt in Panama City
Trotz der Verschleierungsaktion durch die Fischer - hier liegen Jungtiere bedrohter Arten im Korb (Deutschlandradio / Andrea Rehmsmeier)

Jungtiere bedrohter Arten in der Fischmarkt-Kiste

Warum sind ausgerechnet den Haien Köpfe und Flossen abgeschnitten, wo doch alle anderen Fischsorten unversehrt in der Auslage liegen? Yehudi Rodriguez fragt die Fischverkäuferin. Doch die zuckt nur mit den Schultern. Als sie die Ware von den Fischern übernahm, da seien sie bereits in diesem Zustand gewesen.

Die Professorin greift sich einen der Fischkörper. Mit Daumen und Zeigefinger misst sie Breite und Länge, dann untersucht sie die Unterseite des Bauches. Handelt es sich um eine kleine Hai-Art, oder hält sie vielleicht ein Jungtier in der Hand? Sie legt den Fisch zurück und greift in die zweite Kiste.

Dann ist sie sich sicher: Es sind Requiemhaie und Hammerhaie – genau die Tierfamilien, die die Weltartenkonferenz gerade unter Schutz gestellt hat. Das Tier aus der ersten Box war ein Pazifischer Scharfnasenhai: Rhizoprionodon longurio, eine eher kleine Haiart – vielleicht ein Jungtier, vielleicht auch nicht. Das Tier aus der zweiten Kiste: ein Bogenstirn-Hammerhai, Sphyrna lewini, eine Art, die wegen starker Bejagung als „stark bedroht“ eingestuft ist. Bogenstirn-Hammerhaie können eine Körperlänge von vier Metern erreichen. Die Tiere in der Kiste jedoch sind keinen Meter lang. Sie sind kaum dem Baby-Alter entwachsen, da sind sie schon im Fischernetz gelandet. Yehudi Rodriguez:

„Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen betrifft ja nur den Export, der Handel im Inland geht also erstmal weiter wie immer. Doch früher oder später wird unser Staat gezwungen sein, auch im Inland etwas zu unternehmen. Und wenn sogar jetzt, in der Nebensaison, so viele Tiere im Beifang landen, dann müssen wir endlich Methoden entwickeln, um den Beifang zu reduzieren.“
Auf wissenschaftlicher Basis nachhaltige Fangmethoden entwickeln, so dass der Haifang weitergehen kann, ohne die Populationen zu gefährden - das ist der Geist des Washingtoner Artenschutzübereinkommens, und in diesem Geist stehen alle von Yehudi Rodriguez Forschungsprojekten. Mit Satellitensendern und akustischen Meldern dokumentiert sie die Wanderrouten der Bogenstirn-Hammerhaie. Anhand von DNA im Meereswasser versucht sie zu ermitteln, in welchen Regionen welche Haiarten ihre Habitate haben.

Mit nachhaltigen Fangmethoden Haie besser schützen

Es gibt auch Projekte in Zusammenarbeit mit örtlichen Fischern. Nach deren Angaben bestimmt sie die Geburtsgebiete der Haie, und sie sucht Spuren des Tigerhais dort, wo er bereits als ausgerottet gilt. Mit diesen Erkenntnissen ließen sich zum Beispiel Schutzgebiete bestimmen, die – wenn sie konsequent geschützt würden – alljährlich für gesunde, junge Hai-Generationen sorgen würden. Die Professorin glaubt: Auch für das Problem der Stellnetze mit ihrem immensen Beifang gibt es nachhaltige Lösungen, die die Haie schützen, ohne den Fischern ihren Lebensunterhalt zu nehmen. Doch gerade viele Forschungsprojekte, die die Rolle der Fischerei bestimmen sollen, scheitern, weil die Daten nicht zu bekommen sind: Die Fischereibehörde mauert.

„Ich habe sie gebeten: ‚Bitte, stellen Sie mir Ihre Daten über die gefangenen Fischarten zur Verfügung!‘ Dann könnte ich abschätzen, wie viele Haie im Beifang sind. Aber die Behörde gibt die Informationen nicht heraus.“

Yehudi Rodriguez hat genug gesehen auf dem Fischmarkt. Jetzt sitzt sie in einem Straßencafé an der Pazifik-Küste und betrachtet die Wasservögel, die über den schaukelnden Fischerbooten ihre Runden ziehen. Die Abstimmung über die Unterschutzstellung der Haie, auf die die Meeresbiologin sehr gehofft hat, war erfolgreich. Wer immer auf dem Weltmarkt mit Haifischflossen handelt, der wird bald eine Menge Bürokratie am Hals haben. Aber ist das genug, um das Abschlachten der Raubfische auf den Weltmeeren zu stoppen?

Die junge Generation denkt um

„Das wird alles noch ganz schön schwierig werden, das Washingtoner Artenschutzübereinkommen auf staatlicher Ebene zum Laufen zu bringen. Umweltbehörden und Fischereibehörden müssten endlich kooperieren. Und sie müssen endlich auch mit uns Forschern zusammenarbeiten, um gemeinsam auf wissenschaftlicher Basis effektive Schutz-Maßnahmen zu entwickeln. Ohne das wird Cites nie funktionieren.“

Eine große Hoffnung aber hat Yehudi Rodriguez: Wenigstens die junge Generation hat die Botschaft verstanden. Sie werden die Generation derer, die heute noch glauben, sie könnten mit bedrohten Arten schnelles Geld verdienen, schon sehr bald ablösen.

„Sie werden die Arten sicher identifizieren können, sie werden Schutzzonen vorschlagen und Strategien entwickeln, um den Beifang zu reduzieren. Das wird noch ein langer Weg, aber: Es gibt keinen Grund, die Hoffnung aufzugeben. Die neuen Maßnahmen werden eingeführt werden, Schritt für Schritt. So dass die Haipopulationen sich endlich erholen können.“