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StartseiteInterview"Es gibt eine massive Ungleichbehandlung des Handels"14.12.2020

Harter Lockdown trifft die Innenstadtläden"Es gibt eine massive Ungleichbehandlung des Handels"

Für den Einzelhandel sei der neue harte Lockdown ein Desaster, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg, im Dlf. Und es sei "schlicht nicht akzeptabel", dass der Handel bei den Hilfen durch den Bund schlechter gestellt werde als andere Wirtschaftsbereiche.

Nils Busch-Petersen im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Ein Mann geht im Einkaufszentrum Elbepark an einem Schild mit der Aufschrift "Nur noch Heute" vorbei. Im Rahmen neuer Corona-Beschränkungen sollen ab dem 14. Dezember 2020 im Freistaat unter anderem Schulen, Kindertagesstätten sowie zahlreiche Geschäfte im Einzelhandel schließen. (dpa / Sebastian Kahnert)
Die Schließung von Läden hat für den Einzelhandel drastische Folgen (dpa / Sebastian Kahnert)
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Für viele Geschäfte sei der neuerliche Lockdown nicht mehr zu schaffen, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg, im Dlf. "Ich sage zwar immer trotzig, der Handel ist immer wieder aufgestanden, aber: Es werden weniger sein, die wieder aufstehen".

Busch-Petersen kritisierte, dass es "eine massive Ungleichbehandlung des Handels gegenüber allen anderen Wirtschaftszweigen" bei den geplanten Hilfen gebe. Das sei "ein ganz kompliziertes Konstrukt". Dabei wäre es nur recht und billig, alle Wirtschaftszweige nach einem Maßstab zu entschädigen. "Wir wollen doch keine Extrawurst, um Gottes willen! Wir wollen einfach, dass die Kaufleute genauso behandelt werden wie alle anderen Player der Wirtschaft, die im Dezember oder im November jetzt geschlossen waren."

Das sich abzeichnende Ladensterben werde auch dazu führen, dass sich die Innenstädte veränderten, sagte Busch-Petersen. Die DNA der Innenstädte sei maßgeblich geprägt durch den Fachhandel und auch größere Unternehmen mit den Schwerpunkten Textil, Bekleidung, Schuhe, Spielwaren, Uhren, Schmuck, Parfümerie. Und hier werde es massive Veränderungen geben, weil etliche Unternehmen es nicht dauerhaft schaffen werden, am Markt zu bleiben. Ein Teil der Kunden gehe auch dauerhaft an den Onlinehandel verloren. Er hoffe zwar, dass viele Kunden wieder zurück kommen. aber die Gewichte zwischen stationärem und Onlinehandel würden sich massiv verändern.


Das Interview in voller Länge

Tobias Armbrüster: Was passiert eigentlich gerade an diesem Montagmittag in den Geschäften in Berlin und Brandenburg?.

Nils Busch-Petersen: Es gibt unterschiedliche Informationen. Teilweise gibt es einen starken Zulauf. Einige andere – man kann das nicht alles über einen Kamm scheren – sagen, es ist trotzdem nicht viel voller. Aber natürlich gibt es einen großen Druck der Kundschaft, jetzt doch noch Besorgungen zu tätigen. Der wohlfeile Aufruf des Bundeswirtschaftsministers, keine Weihnachtsgeschenke zu kaufen, wird natürlich in den meisten Köpfen nicht unbedingt ankommen.

Armbrüster: Also müssen wir uns bis Mittwoch auf sehr, sehr lange Schlangen vor den Geschäften einstellen?

Busch-Petersen: Ich hoffe, dass es gelingt, da Ruhe walten zu lassen. Wir empfehlen dringend, auch mal zu gucken, ob möglicherweise es nicht sinnvoll ist, sich mal zu orientieren an den sonst frequenzschwächeren Zeiten. Über die allermeisten Geschäfte finden Sie so was im Internet. Das wäre unsere Empfehlung und natürlich wirklich planvoll einkaufen. So viel Zeit haben wir nicht mehr für wildes Herumgerenne. Aber ich vertraue da eigentlich auf die Vernunft.

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"Es werden weniger sein, die wieder aufstehen"

Armbrüster: Wenn am Mittwoch dann alles dichtgemacht wird oder die meisten Geschäfte und auch die Kaufhäuser, was bedeutet das für die?

Busch-Petersen: Für den Einzelhandel ist dieser neue Lockdown selbstverständlich ein Desaster, weil der Einzelhandel eigentlich jetzt zwei massive Wellen schon durchlitten hat – bei den Sortimenten vor allen Dingen, die zwangsgeschlossen wurden, die nicht systemrelevant eingestuft waren. Der erste Lockdown hat schon den Unternehmen sehr viel abverlangt, hat extrem Eigenkapital aufgezehrt.

Die Phase danach war keine wirkliche Erholungsphase. Wir lagen unverändert überall in Deutschland unter den Vorjahresumsätzen, auch in der Zeit, in der wir hätten ganz normal öffnen dürfen, teilweise sogar dramatisch darunter, und mit Beginn des sogenannten Lockdown Light, den wir anders buchstabieren – bei uns ist es wirklich L E I D -, ging das Leiden weiter, weil die Umsätze wieder einbrachen auf das Niveau der Woche nach dem ersten Lockdown. Das heißt, wir hatten zwischen 20 und 60 Prozent weniger Frequenzen und Umsätze. Gerade in früher zentralen, gut gelaufenen Bereichen lag es bei 50 bis 60 Prozent auch Umsatzrückgängen. Das ging jetzt die ganzen letzten Wochen im November so, auch im Dezember, und nun der Vollstopp obendrauf. Das ist für viele Häuser nicht mehr zu schaffen. Ich sage zwar immer trotzig, der Handel ist immer wieder aufgestanden, aber ich kann Ihnen eins sagen: Es werden weniger sein, die wieder aufstehen.

"Es gibt eine massive Ungleichbehandlung des Handels"

Armbrüster: Jetzt hat die Politik, jetzt hat die Bundesregierung allerdings auch große Unterstützung angekündigt. Auch die Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen haben das immer wieder ausdrücklich betont. Der Handel soll unterstützt werden mit Zuschüssen direkt, aber auch mit großzügigen Regelungen zum Beispiel bei Abschreibungen, also steuerlich. Reicht das nicht?

Busch-Petersen: Das reicht nicht und hier gibt es auch eine massive Ungleichbehandlung des Handels gegenüber allen anderen Wirtschaftszweigen. Da wir jetzt erst hinzukommen im Dezember zu den Zwangsgeschlossenen, hat man sich, auch wenn das sicherlich erst einmal zu begrüßen ist, dass man überhaupt Hilfen einführt, auf ein ganz kompliziertes anderes Konstrukt, nämlich im Rahmen der Überbrückungshilfe III geeinigt, statt wie bei allen anderen Wirtschaftszweigen pauschal Umsatzausfälle zu ersetzen. Hier ist ein viel komplizierteres Verfahren in Gang gesetzt. Es gibt viele Unternehmen, die knapp eine bestimmte Umsatzrückgangsgrenze nicht erreichen und hier aber nachweispflichtig sind und dann aus allen Hilfen herausfallen. Das gewählte Mittel ist ungeeignet. Es mag sein, dass die Politik in Wahrheit gesehen hat, dass ihre Pauschalregulierung im November und Dezember für die anderen Wirtschaftszweige vielleicht etwas unangemessen groß war, aber daraus jetzt abzuleiten, den Handel schlechter zu stellen, ist für uns schlicht nicht akzeptabel. Da sind für uns auch noch nicht alle Gespräche beendet.

"Wir wollen keine Extrawurst"

Armbrüster: Was ist denn Ihre Forderung?

Busch-Petersen: Zunächst einmal kann es nicht anders sein, als dass wir für den Dezember eine Gleichbehandlung einfordern, und die steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten führen dazu, dass ich dann weniger Steuern zahle, aber ich habe die Ware bezahlt, auf der ich sitze, und zwar in voller Höhe. Ich habe das volle Vermarktungsrisiko. Das allein reicht nicht. Wir haben über unseren Bundesverband auch auf Rohertrag ausgerichtete Rechenmodelle an die Bundesministerien herangetragen, die fairer wären und den Bedürfnissen des Handels eher entsprechen, und hoffen, dass sich hier Vernunft noch durchsetzt.

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Armbrüster: Wenn ich Sie richtig verstehe: Sie fordern so etwas wie das, was auch für Gaststätten im November geplant war oder was denen versprochen wurde, nämlich Umsatzerstattungen, dass man schaut, was habt ihr im letzten Jahr für einen Umsatz gemacht, und davon bekommt ihr jetzt 75 Prozent? Ist das ungefähr das, was Sie auch für Ihre Verbandsmitglieder fordern?

Busch-Petersen: Es ist ja nur recht und billig, wenn ich alle Wirtschaftszweige nach einem Maßstab entschädige, dass ich nicht einen plötzlich ausklammere und ihn schlechterstelle. Wir wollen doch keine Extrawurst, um Gottes willen! Die Zeiten sind nicht danach und die Druckerpressen dürfen nicht heiß laufen, die Druckerfarbe in der Bundesbank nicht ausgehen. Die Frage ist nicht primär die nach einer Besserbehandlung, sondern wir wollen einfach, dass die Kaufleute genauso behandelt werden wie alle anderen Player der Wirtschaft, die im Dezember oder im November jetzt geschlossen waren. Und dann kann man über neue Rechenmodelle nachdenken im zweiten Schritt. Dass das vielleicht ein etwas großzügiger Anzug war, der da von der Politik ausgemessen wurde, mag ja sein. Wir sind ja auch zu anderen Modellen bereit und in der Lage. Aber uns jetzt quasi halb nackt zu lassen, das ist nicht fair.

"Die Innenstädte werden sich verändern"

Armbrüster: Herr Busch-Petersen, mal angenommen, das kommt nicht so, wie Sie sich das wünschen oder wie Sie das jetzt fordern, was würde das für unsere Innenstädte bedeuten, wenn sie aus diesem Lockdown Anfang des Jahres wieder hinauskommen?

Busch-Petersen: Ich glaube, das ist keine Spökenkiekerei, wenn ich Ihnen sage, schon jetzt ist sicher, dass sich die Innenstädte verändern werden. Die DNA der Innenstädte ist maßgeblich geprägt durch den Fachhandel und auch größere Unternehmen mit den Schwerpunkten Textil, Bekleidung, Schuhe, Spielwaren, Uhren, Schmuck, Parfümerie. Und hier wird es massive Einschränkungen und Veränderungen geben, weil schon jetzt etliche Unternehmen es nicht dauerhaft schaffen werden, am Markt zu bleiben. Das Eigenkapital ist im Wesentlichen bei vielen Firmen, die vom Lockdown und den weiteren Lockdown betroffen waren und sind, aufgebraucht oder am Ende, und wer kein oder wenig Eigenkapital hat, dessen Ratings verändern sich, dessen Konditionen verändern sich beim Einkauf, bei den Warenkreditversicherungen, bei den Banken. Das wird für viele einen Schaden auslösen, der nicht wiedergutzumachen ist. Auch deshalb wird es massive Veränderungen geben.

Was wir jetzt tun müssen ist, darauf zu drängen, gemeinsam mit der Politik, dass diese Einschnitte, die Veränderungen, der drohende Leerstand eingeschränkt, eingedämmt werden. Verhindern werden wir es in Gänze nicht mehr.

Armbrüster: Und wird das alles ein riesiger Boom, ein riesiger Siegeszug für den Online-Handel?

Busch-Petersen: Ich ziehe da ungern eine Linie zwischen, weil es ist auch eine Form des Einzelhandels. Übrigens auch der Online-Handel hatte sich ja weltweit vorm Lockdown gerade angeschickt, stärker stationär zu gehen, und das wird er auch weiterhin tun. Natürlich ist das, ob gewollt oder ungewollt, ein Sonderkonjunkturprogramm für diesen Bereich, der nicht die Schwierigkeiten des stationären Handels zu bewältigen hat. Es wird auch ein Teil der Kunden dauerhaft verloren gehen, der vorher vielleicht nie online kaufte und das jetzt entdeckt hat als eine Möglichkeit. Unsere britischen Kollegen von der Retail Gazette haben gesagt, they never come back. Ich hoffe, viele kommen zurück. Aber natürlich verlagern sich auch massiv die Gewichte zwischen Stationär und Online. Das will ich jetzt nicht mit Werturteilen belegen. Es zeigt nur, dass wir eine große Herausforderung haben, wenn es um die Innenstädte geht. Es ist nicht Gott gegeben, dass die Innenstädte eine Handelsfunktion haben, aber eine Innenstadt ohne Handelsfunktion ist für mich schwer vorstellbar als ein liebenswerter Ort.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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