Mittwoch, 29.01.2020
 
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Heike Buchter„Ölbeben“

Während hierzulande über Klimawandel und das Ende des Ölzeitalters diskutiert wird, dreht US-Präsident Trump die Uhr zurück. Für die in New York lebende Journalistin Heike Buchter ist seine Energiepolitik Teil der "America-First"-Doktrin - sie meint: Eine Katastrophe fürs Klima und die Menschen.

Von Thomas Fromm

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Ein Fracking-Bohrturm in der Abenddämmerung. Fracking-Bohrturm nahe Tunkhannoclk, Pennsylvania, USA (Campus Verlag / dpa/picture alliance/Jim Lo Scalzo)
Fracking-Bohrturm nahe Tunkhannock, Pennsylvania, USA (Campus Verlag / dpa/picture alliance/Jim Lo Scalzo)
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Das laut Forbes Magazine momentan "heißeste Ölfeld der Welt" liegt im "Permian Basin" im Westen von Texas. Hier werden mit Hochdruck Wasser, Sand und Chemikalien in Bohrlöcher gepresst, um an das Öl und Gas heranzukommen, das hier seit Ewigkeiten in den verborgenen Schieferebenen liegt. Zuerst waren die Komantschen hier, dann die weißen Eroberer, es kamen die Rinderzüchter, schließlich die Ölbarone. Und in den 90er Jahren war das texanische Öl-Märchen zu Ende, so dachte man sich das zumindest. Doch dann kamen die Fracker – und begannen, Milliarden Barrel Öl und genauso viele Kubikmeter Gas aus dem Schiefergestein zu pressen - dem "größten potenziellen Öl- und Gasbestand aller Zeiten", wie es in den USA heißt. Motto: "The sky is the limit." Nur der Himmel ist die Grenze.

"Wer tagsüber mit dem Flugzeug über den Permian fliegt, sieht eine Landschaft, die mit einem Muster aus Linien und Quadraten überzogen ist. Man könnte an Stätten glauben, die eine geheimnisvolle Kultur in die Erde gekratzt hat. In Wirklichkeit sind es die Bohrflächen und ihre Zufahrtsstraßen. Fliegt man nachts, lassen flackernde Lichter die Wüste wie ein Spiegelbild eines unbekannten Sternenhimmels aussehen. Die Lichter sind ‚Flares‘, mit denen Erdgas abgefackelt wird, das aus den Quellen aufsteigt und mangels entsprechender Infrastruktur - vor allem Pipelines - nicht aufgefangen wird."

Die Journalistin Heike Buchter nutzt die Techniken der klassischen Reportage. Sie besucht die Orte des Fracking, sie trifft die Manager und die Arbeiter, sie beobachtet. So entsteht ein erschreckendes Gemälde aus der schmutzigen neuen Öl-Welt. Wie konnte dieser neue Öl-Rausch überhaupt entstehen, nachdem fast 200 Staaten im Jahre 2015 in Paris ein Abkommen unterzeichnet hatten, um die Erderwärmung aufzuhalten? Warum ist diese neue "Weltordnung", wie Buchter schreibt, so schnell wieder eingerissen worden? Es geht um viel Geld, es geht um Wall Street, um eine neue, starke Rolle der USA in der Welt - und um einen Mann im Weißen Haus, der das Klimaabkommen für eine anti-amerikanische Verschwörung, mindestens aber für großen Unsinn hält.

"Nicht einmal ganz vier Tage thronte Donald Trump hinter dem wuchtigen englischen Eichentisch im Oval Office [...] - da unterzeichnete er die Genehmigung für das letzte Stück der umstrittenen Dakota Access Pipeline. Dieser Teil der Ölleitung führt durch Land, das einst den Standing Rock Sioux zugesprochen worden war. [...] Als nächstes machte Trump Schutzgebiete rückgängig, die von seinen Vorgängern Obama und Clinton eingerichtet worden waren."

Ruinierte Landschaften - immense Schäden

Noch nie, schreibt die Autorin, habe ein Präsident "ein bereits eingerichtetes Schutzgebiet in diesem Ausmaß dezimiert". Der Nationalpark Bears Ears wurde auf 15 Prozent seiner ursprünglichen Fläche zusammengestrichen. Die anderen 85 Prozent: Freifläche für Öl- und Gasfracking. Ruinierte Landschaften, Zugvögel und einheimische Brüter, die in den flächendeckenden Ölanlagen der Konzerne verenden - schon lange bevor der fossile Rohstoff den Klimawandel befeuert, sind die Schäden immens.

Aber dafür wurde Trump ja auch gewählt: Die desillusionierten Kohle-, Stahl- und Autoarbeiter aus Michigan, Kentucky und Virginia wollten keinen Umweltpräsidenten mehr haben. Sie wollten Jobs, und sie wollten Trump. "Drill, Baby, Drill", war die Devise. Fördern, was die Erde hergibt - sehr im Sinne von industriellen Lobbygruppen und skurrilen Klimawandel-Leugnern. Dazu passte die Personalie des früheren Exxon-Mobil-Managers Rex Tillerson, den Trump 2017 zum Außenminister machte. In umweltbewussteren Kreisen Kaliforniens nannte man ihn zwar den "T-Rex des Kohlenwasserstoffzeitalters". Aber wer Amerika wieder groß machen will, lässt Außen- und Energiepolitik in Personalunion regeln. Und zwar von einem "Dealmacher von Weltklasse", wie Trump Tillerson nannte.

"Trumps Ehrgeiz, sein Land zur Energiedominanz zu führen, ist gepaart mit dem Ziel, den Welthandel zu ‚gewinnen‘. Beides zusammen leitet seine Außenpolitik. Importieren die USA mehr aus einem Land, als sie dorthin exportieren, zeigt das nach Trumps Vorstellung, dass das betreffende Land die Amerikaner übervorteilt."

"Neuer Kalter Krieg" um Energiereserven

Die eigenen fossilen Energiequellen als außenpolitische Waffe - so sieht der Präsident das. Da hilft es, dass er den Klimawandel ohnehin leugnet.

Die Buchautorin Buchter attestiert Europa daher einen "neuen, kalten Krieg". Diesmal stehen nicht Pershings und Cruise Missiles auf der Agenda, diesmal geht es um Energie. Zum Beispiel um die Gasleitung Nord Stream 2 von Westsibirien nach Europa. Für Trump liefert sich Deutschland damit Russland aus - ausgerechnet der Exportweltmeister. Das alles passt in das Weltbild des Präsidenten. Oder geht es ihm vor allem darum, seine eigene Fracking-Industrie zu stärken? Trump wolle seine Energieexporte "in ähnlicher Weise wie der Kreml als Zuckerbrot und Peitsche" nutzen, vermutet Buchter.

Unterdessen schreitet der Klimawandel voran. Hurrikans über Florida, Venedig unter Wasser, Kalifornien im Feuer - allein in den USA kosten die durch den Klimawandel verursachten Verwüstungen Milliarden Dollar. Und was macht die US-Regierung? Sie macht weiter, als ob nichts wäre. Insofern ist das, was die Autorin am Ende ihres Buches schreibt, mehr als ein Schlusswort. Man darf es auch als Appell an den Mann im Weißen Haus verstehen.

"Sollten wir uns für die Energiewende entscheiden, dann wird auch das unser Leben und unsere Umgebung dramatisch verändern. Doch sollten wir sie nicht schaffen, dann werden wir unseren Planeten zerstören."

Heike Buchter: "Ölbeben. Wie die USA unsere Existenz gefährden",
Campus-Verlag, 300 Seiten, 24,95 Euro.

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