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StartseiteHintergrundEine Branche auf dem Prüfstand19.01.2020

HeilpraktikerEine Branche auf dem Prüfstand

Entschlackung, Akupunktur, Homöopathie: Die Behandlungsmethoden von Heilpraktikern sind umstritten, eine wissenschaftliche Ausbildung brauchen sie nicht. Experten kritisieren das. Und auch die Bundesregierung will das Betätigungsfeld der Heilpraktiker überprüfen.

Von Nikolaus Nützel

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Schmerzende Schultern in einer Computerdarstellung (imago/Science Photo Library)
An privaten Heilpraktikerschulen wird grundlegendes Wissen über den menschlichen Körper gelehrt (imago/Science Photo Library)
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"Wir machen eine Palpation, eine Diagnostik mit unseren Händen. Nachdem wir eine Anamnese gemacht haben, mit ihm gesprochen haben, und eine Funktionsuntersuchung, fühlen wir den Körper letztendlich ab, was da falsch sein könnte."

Wenn Rainer Kästle beschreibt, wie er seine Patienten untersucht, klingt er ganz so wie ein Arzt. Aber er hat nicht Medizin studiert, sondern eine Ausbildung als Physiotherapeut und Heilpraktiker absolviert. In seiner Praxis in der Münchner Innenstadt gibt es einiges, was man auch in Arztpraxen findet, Spritzen und Material für Infusionen etwa.

"Das sind halt entsprechend naturheilkundliche, homöopathische Ampullen, die wir entsprechend den Injektionsmöglichkeiten auch anwenden."

In Kästles Heilpraktiker-Praxis sieht man aber auch einiges, was die meisten wissenschaftsorientierten Ärzte für Hokuspokus halten: Etwa ein Plakat zur Iris-Diagnostik, bei der von der Netzhaut des Auges auf die Gesundheit eines Patienten geschlossen werden soll. Oder ein Apparat zur sogenannten Kirlian-Fotografie:

"Das ist etwas, was nicht so verbreitet ist. Es ist letztendlich eine Fotografie des elektrischen Feldes des Menschen. Und im Zusammenhang mit den Akupunktur-Meridianen kann man da wieder Rückschlüsse ziehen, wo energetische Stauungen sich bei Menschen befinden könnten."

Nach einer Umfrage eines Berufsverbandes sind Akupunktur, Entschlackung und die Behandlung mit homöopathischen Arzneien die häufigsten Therapieansätze in deutschen Heilpraktiker-Praxen. Auch Rainer Kästle setzt auf solche Methoden, wenn Patienten etwa mit Gelenk- oder Rückenschmerzen, mit hartnäckigen Entzündungen oder auch Verdauungsproblemen zu ihm kommen.

Keine Pflicht, eine geregelte Ausbildung zu absolvieren

Er weiß, dass viele wissenschaftlich orientierte Mediziner seine Ansätze skeptisch sehen oder ihnen gar mit offener Ablehnung begegnen. Doch er arbeite mit einer ganzen Reihe von Ärzten gut zusammen, betont er - etwa mit Radiologen, zu denen er Patienten schickt, wenn er sich von einer Röntgenaufnahme oder einem MRT mehr Klarheit über deren Gesundheitsprobleme verspricht. Er selbst bilde sich immer wieder fort, sagt Kästle. Auch seine Ausbildung an einer Heilpraktikerschule habe ihm fundiertes Wissen vermittelt, das er in einer Prüfung belegen musste, erzählt er.

Diese Prüfungen mit einem schriftlichen und einem mündlichen Teil sorgen seiner Ansicht nach dafür, dass auch diejenigen, die heute neu in den Heilpraktikerberuf gehen, eine fundierte Ausbildung haben.

Auf einer Fingerspitze liegen drei weiße Kügelchen, im Hintergrund liegen weitere Kügelchen auf einer Holzplatte, in der linken Ecke ist eine kleine Arzneiflasche zu sehen (imago/Photocase) (imago/Photocase)Homöopathie - Keine Kügelchen mehr auf Rezept?
Medizinisch sinnvoll oder Hokuspokus – an der Homöopathie scheiden sich die Geister. In Frankreich werden Globuli bald nicht mehr von den Kassen bezahlt, weil ihre Wirkung wissenschaftlich nicht ausreichend nachgewiesen ist. Das hat auch in Deutschland eine Diskussion entfacht.

"Man muss sich schon sehr intensiv darauf vorbereiten. Und es sind ja zwei Teile beim Gesundheitsamt, es ist eine schriftliche Prüfung, die doch ein relativ hohes Level hat, und wenn man da nicht vorbereitet ist, kommt man da wahrscheinlich nicht durch. Wenn man es trotzdem schafft, ist immer noch die mündliche Prüfung. Und die Wahrscheinlichkeit, dass man die Löcher findet, ist gegeben und dann besteht der die Prüfung auch nicht."

Wie sich die Prüfungsanwärter und -anwärterinnen vorbereiten, ist allerdings ihnen selbst überlassen. Es gibt keine Pflicht, im Vorfeld eine geregelte Ausbildung zu absolvieren, wie sie Rainer Kästle durchlaufen hat. Wer sich zur Heilpraktikerprüfung anmeldet, muss nur nachweisen, dass er oder sie einen Hauptschulabschluss hat und mindestens 25 Jahre alt ist. Die Prüfung hat nach dem einschlägigen Gesetzestext das Ziel, sicherzustellen, dass von Heilpraktikern keine Gefahr für die Volksgesundheit ausgeht. Wenn dieses Kriterium als erfüllt gilt, darf man arbeiten.

Vielen Gesundheitspolitikern ist das allerdings zu wenig. Sie wollen verhindern, dass sich Fälle wiederholen wie der eines Heilpraktikers aus dem nordrhein-westfälischen Brüggen. Er hatte in seiner Praxis Krebskranke behandelt, im Jahr 2016 starben drei seiner Patienten. Nach Überzeugung des Landgerichts Krefeld war eine unsachgemäße Therapie des Heilpraktikers der Grund dafür, er wurde im vergangenen Sommer zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart:

"Im Sinne einer verstärkten Patientensicherheit wollen wir das Spektrum der heilpraktischen Behandlung überprüfen."

Im vergangenen Herbst hat das Bundesgesundheitsministerium ein Rechtsgutachten ausgeschrieben, das ausloten soll, wie sich dieser Satz aus dem Koalitionsvertrag umsetzen lässt. Der Heilpraktiker Rainer Kästle sagt, er und viele andere Kollegen hätten kein Problem damit, nachzuweisen, dass bei ihnen das Thema Patientensicherheit großgeschrieben wird. Er sieht das Gutachten und mögliche Schlussfolgerungen aber auch kritisch.

"Andererseits sind auch Gefahrenmomente darin, dass man nämlich auch versucht, den Heilpraktiker-Berufsstand zu verbieten und ihn zu reduzieren."

Die Sorge, dass ihr Berufstand verboten werden könnte, treibt auch die Heilpraktikerin Heimara Heidary aus Passau um. Sie ist Sprecherin des Bundes Deutscher Heilpraktiker und Naturheilkundiger:

"Man kann nicht sich an Einzelfällen aufziehen und einen ganzen Berufsstand auflösen wollen. Das ist einfach nicht möglich."

Derzeit ist der Berufsstand der Heilpraktiker aber weit davon entfernt, aufgelöst oder reduziert zu werden. Die Bundesregierung spricht im Koalitionsvertrag nur von einer Überprüfung des Behandlungsspektrums. Gleichzeitig ist die Zahl derjenigen, die eine Heilpraktikerprüfung erfolgreich ablegen, in letzter Zeit stark gestiegen. Alleine in Bayern, dem einzigen Bundesland, in dem über diesen Bereich beim Landesgesundheitsamt genau Buch geführt wird, hat sich die Zahl der gemeldeten Heilpraktiker in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt, auf deutlich über 23.000. Rund drei Viertel sind Frauen, ein Viertel sind Männer. Für Gesamtdeutschland gibt es keine genauen Zahlen. Die Berufsverbände gehen von 60.000 Frauen und Männern aus, die in Heilpraktiker-Praxen arbeiten.

In Alarmstimmung

Dennoch ist die Heilpraktiker-Branche in Alarmstimmung. Nicht nur die Koalitionsvereinbarung, wonach der Beruf auf den Prüfstand gestellt werden soll, sorgt für Unruhe. Auch Papiere wie das "Münsteraner Memorandum", das eine Gruppe von Wissenschaftlern im Jahr 2017 veröffentlicht hat, haben hohe Wellen geschlagen. Die Gruppe, in der sich vor allem Mediziner, aber auch unter anderem Philosophen zusammengetan haben, hat sich zum Ziel gesetzt, Methoden zu hinterfragen, die oft als Alternativ- und Komplementärmedizin bezeichnet werden. Es gehe darum, auf Risiken hinzuweisen, sagt der Mitautor des Memorandums, Christian Weymayr:

"Dass auf sinnvolle Therapien verzichtet wird, weil man dem Heilpraktiker vertraut, und dass man dadurch Krankheiten verschleppt. Und das lässt sich im Einzelfall so gut wie gar nicht nachweisen, aber das ist die große Gefahr."

Die 17 Autoren des Thesenpapiers, zu denen zehn Professoren verschiedener Fachbereiche gehören, stört vor allem eines: Dass es einen Beruf gibt, der einen großen Spielraum hat, Gesundheitsprobleme von Patienten zu behandeln, ohne dass die Angehörigen dieses Berufes zwingend eine Ausbildung absolvieren müssen, während für andere Gesundheitsberufe, wie Ärzte oder Apotheker, eine ausgesprochen umfangreiche Ausbildung zwingend vorgeschrieben ist. Dass Heilpraktiker eine Prüfung absolvieren müssen, löst nach Ansicht von Christian Weymayr das Problem nicht. Im Gegenteil:

"Dass das Ganze auch noch ein staatliches Siegel bekommt, das ist das eigentliche Problem. Weil Patientinnen und Patienten dann irgendwie suggeriert bekommen, das ist eine vernünftige staatlich anerkannte Behandlung."

Vernünftig - also nach den Kriterien der modernen medizinischen Wissenschaft belegt - ist nach Ansicht der Autoren des "Münsteraner Memorandums" nur wenig von dem, was in Heilpraktiker-Praxen geschieht. Egal, ob es um Untersuchungsmethoden wie Iris-Diagnostik oder Kirlian-Fotografie geht, oder um Behandlungen mit homöopathischen Präparaten oder Pflanzenextrakten - nichts davon passe zum Bestreben der modernen Medizin, immer genauere Erkenntnisse über die Entstehung von Krankheiten und mögliche Therapien zu gewinnen.

"Das führt in unseren Augen zu einer Unterwanderung der Wissenschaft generell."

Der Münsteraner Kreis fordert deshalb, den Heilpraktikerberuf ganz abzuschaffen oder drastisch einzuschränken. Wobei Christian Weymayr klarmacht, dass es eine Art Besitzstandswahrung geben soll, falls diese Forderung umgesetzt würde - da habe sich das Wissenschaftlergremium zunächst missverständlich ausgedrückt, räumt er ein:

"Also wir hätten es eleganter formulieren sollen und sagen sollen, es sollen keine neuen mehr zugelassen werden."

Wer die Heilpraktikerprüfung nicht besteht, kann beliebig oft erneut antreten

In den großen Ärzteverbänden gibt es keine einheitliche Haltung zum Heilpraktikerberuf. So hat sich der frühere Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, für eine Abschaffung stark gemacht. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Wolfgang Krombholz, will nicht ganz so weit gehen. Aber der Chef der größten der insgesamt 17 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen wünscht sich eine Gleichbehandlung der verschiedenen Gesundheitsberufe.

"Wenn dann die Maßstäbe so weit auseinandergehen, dass ich auf der einen Seite Wissenschaftlichkeit als Minimum definiere, für die ärztliche Ausbildung zum Beispiel, für neue Medikamente zum Beispiel, für neue Methoden und und und, und auch staatliche Institutionen gegründet wurden, um Qualität zu gewährleisten für den Patienten, dass er sicher sein kann, das ist Qualität, dann sind das schon Maßstäbe, die für alle gelten müssen, die am Menschen Hand anlegen."

Frank Ulrich Montgomery, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer (BAEK), gestikuliert bei einem Interview in Berlin. (imago / Thomas Trutschel)Frank Ulrich Montgomery, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer (imago / Thomas Trutschel)

Ärzte, Zahnärzte, aber auch Physiotherapeuten oder Psychologen sollen ihre Patienten nur mit Methoden untersuchen und behandeln, deren Nutzen nachgewiesen ist - das ist das Maß, das weltweit von Wissenschaftlern, aber auch von Gesundheitspolitikern immer stärker eingefordert wird. Denn dass etwas als bewährt gilt, reicht in den Augen vieler Experten nicht aus.

In Deutschland untersuchen deswegen zwei Institute im staatlichen Auftrag, wie eine wissenschaftsbasierte Medizin aussehen sollte. Gleichzeitig dürfen mehrere zehntausend Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker nach einem Prinzip arbeiten, das sie selbst oft "Erfahrungsmedizin" nennen. Dabei herrsche jedoch keineswegs Willkür, sagt Homeira Heidary, die Sprecherin des Bundes Deutscher Heilpraktiker und Naturheilkundiger.

"Wir haben zusammen mit dem Berufsverband Deutsche Naturheilkunde - als Initiative für Qualitätssicherung im Heilpraktikerberuf - Leitlinien herausgegeben zum Qualitätsmanagement der Ausbildung, wo wir eben quantitativ, wie auch qualitativ die Ausbildung explizit und sehr, sehr detailliert aufgelistet haben."*

Heidary sieht aber auch Probleme: Wer die Heilpraktikerprüfung nicht besteht, kann beliebig oft erneut antreten. Das will ihr Verband ändern. Und er setzt sich auch für bundesweit einheitliche Standards ein. Die Heilpraktiker-Hochburg Bayern könnte nach Ansicht Heidarys dabei eine Vorreiterrolle einnehmen.

"Weil es ist tatsächlich so, dass es sehr, sehr große Unterschiede gibt in der Bundesrepublik und Bayern mitunter die besten und anspruchsvollsten Schulen und Prüfungen macht. Und das möchten wir ganz gerne überall so sehen."

Allerdings gibt es nicht nur verschiedene Wege, sich zum Heilpraktiker ausbilden zu lassen. Auch die Zahl der Berufsverbände und Fachgesellschaften, in denen sich Heilpraktiker organisieren, ist beträchtlich. Einer der großen Verbände ist der Fachverband Deutscher Heilpraktiker. Seine bayerische Landesgliederung ist der Heilpraktikerverband Bayern. Er betreibt eine eigene Schule, durch deren Räume der Verbandsvorsitzende Wolfgang Hegge Besucher gerne führt.

"Die Josef-Angerer-Schule hat insofern ein Alleinstellungsmerkmal, als dass sie zum einen die älteste Heilpraktikerschule Deutschlands ist und zum anderen die einzige Berufsfachschule für Naturheilweisen."

"Immer wieder auch schwarze Schafe"

Im Jahr 1936 wurde die Schule gegründet. Insgesamt 3.000 Stunden Unterricht in drei Jahren absolvieren die angehenden Heilpraktiker hier. Die Kosten dafür summieren sich auf rund 12.000 Euro - die aus der eigenen Tasche gezahlt werden müssen, wie an anderen, rein privaten Heilpraktikerschulen auch. Gelehrt wird grundlegendes Wissen über den menschlichen Körper, wie es zum Teil auch zum Medizinstudium gehört. Es hängen aber auch Informationen zur Säftelehre an der Wand, die sich damit beschäftigt, wie sogenannte Körpersäfte - also Blut, Schleim und Galle - die Gesundheit oder auch die Krankheiten eines Menschen beeinflussen.

"Da sind wir bei einer Darstellung, die jetzt die traditionelle europäische Medizin und deren Grundprinzipien darstellt. Mit einzelnen Pflanzen, das ist einfach so eine Übersichtstabelle. Also mit den klassischen Unterteilungen in Phlegmatiker, Sanguiniker, Melancholiker? - Richtig. Und dann fehlt noch der Choleriker."

Der Gedanke, dass etwa die gelbe Galle den Choleriker beeinflusst und das Blut den Sanguiniker prägt, geht auf die europäische Antike zurück. In der modernen, wissenschaftsbasierten Medizin spielt die Säftelehre keine Rolle mehr. Doch das, was Heilpraktiker tun, sei eben ganz anders als die Arbeit der meisten Ärzte, stellt Wolfgang Hegge fest. Und die Lehrinhalte der verbandseigenen Schule stünden unter öffentlicher Aufsicht, betont er.

"Über das Kultusministerium werden die Lehrpläne betrachtet und werden regelmäßig kontrolliert. Uns ist es insofern wichtig, und wir sind stolz darauf, als dass das natürlich auch ein Qualitätskriterium der Ausbildung ist."

Aber nicht nur ins bayerische Kultusministerium habe der Berufsverband einen guten Draht, sagt Hegge.

"Über Jahre hinweg pflegen wir einen guten und sehr guten Kontakt in die Landespolitik, zu den verschiedenen Vertretern und gesundheitspolitischen Sprechern und Akteuren und sind da im regelmäßigen Austausch, was mit Sicherheit auch eine Besonderheit ist. Und das macht es leichter, sachlich zu debattieren, zu diskutieren. Insofern hat Bayern da mit Sicherheit auch eine herausragende Stellung."

Sogenannte Globuli Kügelchen, ein homöopathisches Arzneimittel, aufgenommen am 20.01.2017 in Seesen. Foto: Frank May/picture alliance (model released) | Verwendung weltweit (picture alliance / Frank May)Globuli Kügelchen, ein homöopathisches Arzneimittel (picture alliance / Frank May)

Wenn man mit Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml spricht, hört man ebenfalls, dass es gute Kontakte zwischen der Staatsregierung und den verschiedenen Heilpraktiker-Verbänden gebe. Aber die CSU-Politikerin, die selbst Medizin studiert hat, betont, sie stehe hinter der Passage im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, in der es heißt, dass das Heilpraktiker-Wesen im Sinne der Patientensicherheit überprüft werden soll. Dabei poche der Freistaat aber auf ein differenziertes Vorgehen, sagt Huml.

"Ich erlebe ganz, ganz viele Heilpraktiker, die sehr verantwortungsvoll mit ihrem Beruf umgehen und mit dem, was sie auch an Qualifikationen haben und erwerben. Aber gleichzeitig gibt es natürlich auch da und dort immer wieder auch schwarze Schafe, die in Bereichen der Medizin tätig sind, wo sie vielleicht nicht die Kompetenzen haben. Und da, glaube ich, sollte man genauer hinschauen, um eben hier wirklich auch die Patientensicherheit und den Patientenschutz im Fokus zu haben."

Bevor die Politik aber genauer hinschauen könne, müsse man erst einmal abwarten, was das Rechtsgutachten ergibt, das das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hat.

"Dass man die Ergebnisse gemeinsam in aller Ruhe anschaut, was das dann auch bedeutet."

Beim Münsteraner Kreis, in dem sich Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen haben, um die Alternativ- und Komplementärmedizin kritisch zu hinterfragen, pocht man allerdings auf klare Aussagen aus der Politik. Der Sprecher des Kreises, Christian Weymayr, findet es ärgerlich, dass Politiker seiner Ansicht nach beim Thema Wissenschaftsorientierung mit zweierlei Maß messen.

"Ich wünsche mir von den Politikern auf Bundes- und Landesebene, dass sie dieselben rational fundierten Grundsätze im Gesundheitssystem anwenden, die sie auch bei ihren anderen politischen Entscheidungen anwenden. Also ich denke, kein Wirtschaftspolitiker dürfte eine Wahrsagerin beschäftigen, um Entscheidungen zu treffen. Kein Außenpolitiker dürfte auspendeln, ob er jetzt einen Vertrag unterzeichnen soll oder nicht. Und im Gesundheitswesen dürfen das Politiker aber schon."

Zusatzbezeichnung Homöopathie im ärztlichen Standesrecht abgeschafft

Nicht nur die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, dass der Heilpraktikerberuf auf den Prüfstand kommen soll. Auch die Konferenz der Landes-Gesundheitsminister hat schon mehrfach entsprechende Beschlüsse gefasst. In die gleiche Richtung gehen nach Ansicht der Kritiker der Alternativ- und Komplementärmedizin auch Entscheidungen, die inzwischen drei der insgesamt 17 Landesärztekammern getroffen haben, wonach die Zusatzbezeichnung Homöopathie im ärztlichen Standesrecht abgeschafft wird. Diese Beschlüsse betreffen zwar Ärzte und nicht Heilpraktiker. Christian Weymayr hält aber die entsprechenden Entscheidungen aus Sachsen-Anhalt, Bremen und dem Kammerbezirk Nordrhein für richtungsweisend.

"Das heißt, in diesen Bundesländern dürfen zukünftig Ärzte nicht mehr auf ihr Praxisschild schreiben, dass sie die Zusatzbezeichnung Homöopathie haben. Das ist ein Hoffnungsstrahl."

Der Vorsitzende des Bayerischen Heilpraktikerverbandes, Wolfgang Hegge, sieht in solchen Beschlüssen alles andere als einen Hoffnungsstrahl. Vielmehr glaubt er, dass lang erprobte und entwickelte Ansätze und Methoden, auf die zigtausende Heilpraktiker in Deutschland setzen, in Gefahr geraten.

Wartezimmer in einer Arztpraxis (Sina Schuldt/dpa)Viele Patienten gehen zum Heilpraktiker statt zum Arzt (Sina Schuldt/dpa)

"Natürlich hat der Druck zugenommen. Das ist aber nicht die politische Diskussion, sondern es ist ein Umgang und eine Diskussion, die in den Medien geführt wird, die meines Erachtens nach sich schon auch vom Charakter sehr verändert hat."

Neben der politischen und medialen Diskussion über den Heilpraktikerberuf, die dem Verbandschef Sorgen macht, gibt es aber auch etwas, was seine Sorgen lindert: Die Tatsache, dass in Deutschland jeden Tag Tausende Patienten zu einem Heilpraktiker gehen. Bei vielen von ihnen kommt ihre private Krankenversicherung für die Behandlungskosten auf, bei Beamten übernimmt auch die staatliche Beihilfe einen Teil. Privatversicherungen werben gerne damit, dass sie Heilpraktiker-Rechnungen erstatten. Viele Patienten sind auch bereit, die Behandlung beim Heilpraktiker aus der eigenen Tasche zu bezahlen - so groß sei ihr Vertrauen in diesen Berufsstand, stellt der Verbandschef Wolfgang Hegge fest.

"Ja, das hat ein sehr alter Kollege mal gesagt. Der hat mal gesagt: 'Herr Hegge, Sie müssen sich gar keine Sorgen machen, es bestimmen letztlich die Füße des Patienten.'"

Auch beim Münsteraner Kreis, der eine weitgehende Einschränkung oder auch Abschaffung des Heilpraktikerberufes verlangt, hält man es für unwahrscheinlich, dass diese Forderung von der Politik schnell und radikal umgesetzt wird. Wirklich einschneidende Änderungen seien nicht in Sicht, sagt der Sprecher des Gremiums, Christian Weymayr.

"Die politischen Vorstöße gehen wohl in diese Richtung, dass das bestehende System nicht angetastet wird, sondern vielleicht etwas verschärft wird, was die Prüfungen angeht."

Doch er und seine Mitstreiter wollten nicht lockerlassen, sagt er.

"Das ist in unseren Augen viel zu wenig. Es ist einfach von vornherein ein verkorkstes Konstrukt."

* Dieser O-Ton wurde um eine weitere Information ergänzt.

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