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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Arbeiter und Arbeiterbewegung"17.12.2018

Heinrich August Winkler zum 80. Geburtstag"Arbeiter und Arbeiterbewegung"

Der Historiker Heinrich August Winkler feiert dieser Tage seinen 80. Geburtstag. Vor dreißig Jahren veröffentlichte er seine hochgelobte Studie über die Zeit der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung Hitlers. 2.700 Seiten, die auch heute noch lesenswert sind, findet unser Rezensent.

Von Michael Kuhlmann

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Der Historiker Heinrich August Winkler, aufgenommen am 05.02.2017 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema "Die Trumpokratie - Eine Gefahr für die freie Welt?" in den Studios Berlin-Adlershof. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Der Historiker Heinrich August Winkler, aufgenommen am 05.02.2017 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema "Die Trumpokratie - Eine Gefahr für die freie Welt?" (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
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Schon mit dem ersten seiner drei Bände schaltete sich Heinrich August Winkler direkt in eine lebhafte Debatte ein: über die Revolution von 1918. War die von der regierenden SPD nicht geradezu abgewürgt worden, im Verbund mit rechtskonservativen Anti-Republikanern? Das ging nicht anders, hatte der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann einmal gesagt, denn sonst wäre Deutschland im Bolschewismus versunken.

Jüngere Wissenschaftler widersprachen: Man hätte ein demokratisches System von Arbeiter- und Soldatenräten schaffen können – und die Rechte damit besser in Schach gehalten. Heinrich August Winkler hatte die Diskussion natürlich verfolgt und erinnert sich:

"Alle diese Auffassungen waren kritikwürdig – am wenigsten noch die der Vertreter des sogenannten Dritten Weges, die darauf hinwiesen, dass die Sozialdemokraten bei nüchterner Betrachtung weniger hätten bewahren müssen und mehr hätten verändern können, um der erstrebten Demokratie eine solide Grundlage zu geben."

Eine verratene Revolution?

Das wies Winkler im Einzelnen nach: die sozialdemokratische Revolutionsregierung hätte etwa im Militär und in der Verwaltung mehr Weichen auf Demokratie stellen müssen. Die Revolution verraten aber hatte sie Winkler zufolge nicht. Damit stellte er sich gegen den Publizisten Sebastian Haffner.

Ein tiefergehender Umsturz, so Winkler, hätte das hochentwickelte Industrieland ins komplette Chaos gestürzt. Und auch politisch-emanzipatorisch wäre das kein echter Fortschritt gewesen, sagt Winkler:

"Deutschland war schon zu demokratisch, um eine Politik der Tabula rasa sich leisten zu können – man musste versuchen, nach dem Motto 'Mehr Demokratie wagen' vorzugehen. Das heißt: konsequente Reformen, aber keine radikale soziale Revolution."

Ein Hauch von Skepsis

Damit beruft sich Winkler auf die Sicht Eduard Bernsteins vom rechten Flügel der SPD, 1921. Bis heute hat das viel für sich. Wohl verweist Winkler auf seine späteren Studien: Dort hat er Vergleiche angestellt, zwischen der Geschichte der deutschen, französischen und österreichischen Arbeiterbewegung. Deshalb urteilt er im Detail heute zurückhaltender:

"In Österreich zum Beispiel wurde sehr viel mehr getan, um die Machtstrukturen zu ändern, gerade auch im Bereich des Militärs, und dennoch ist Österreich – und zwar noch früher als Deutschland – übergegangen zu einem rechtsautoritären System; schon in der zweiten Hälfte der 20er Jahre; also, offenbar hätten auch stärkere Veränderungen in der Machtstruktur unmittelbar nach der Beseitigung der Monarchie die große Wende nicht garantiert."

Den Revolutionären waren die Hände gebunden

Akribisch schildern die drei Bände sodann, wie eine Krise nach der anderen die Republik erschütterte. Fatal wirkte besonders ein Rechtstrend, so Winkler:

"Da ist zum einen die Abwanderung großer Teile des Bürgertums, des ehedem gemäßigten Bürgertums nach rechts. Dann gibt es eine zweite Ursache, die man nicht ausblenden darf. Das ist die Haltung der eigentlichen konservativen, wilhelminisch geprägten Machteliten. Ich denke da vor allem an das ostelbische Junkertum und an Teile der Industrie, vor allem der Schwerindustrie, die das parlamentarische System von Weimar ablösen wollen zugunsten eines eher autoritären Systems."

Dem stand die SPD – die Partei der Weimarer Demokratie – hilflos gegenüber. Zumal sie gleichzeitig von links attackiert wurde: von den Kommunisten. Die hatten – ganz auf stalinistischer Linie - ausgerechnet die SPD zu ihrem Todfeind erklärt. Zwei zerstrittene Arbeiterparteien aber hatten keine Chance mehr gegen die immer stärkeren Nazis. Deren Aufstieg legt Winkler damit auch Stalin zur Last.

Deutschland: politisch blockiert – und gewaltbereit

Minutiös schildert Winkler die qualvolle Agonie der Republik – bis hin zum grotesken Machtpoker der letzten Reichskanzler Papen und Schleicher, die erst gegen die Demokratie und zuletzt im Kabinett gegeneinander intrigierten. Dort wurde der Noch-Reichswehrminister Schleicher gefragt, ob denn auf die Armee noch Verlass sei.

Winkler schreibt: "Ob dieser Vorstoß mit Schleicher abgesprochen war oder nicht, er kam dem Reichswehrminister gelegen. Er ließ nunmehr über das 'Kriegsspiel' berichten, das die Reichswehr kurz zuvor durchgeführt hatte, um sich über ihre Einsatzfähigkeit im Fall größerer Unruhen klarzuwerden. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Ordnungskräfte reichten in keiner Weise aus, um die Ordnung gegen Nationalsozialisten und Kommunisten aufrechtzuerhalten. Schleicher mochte ahnen, daß er damit einen überaus gefährlichen Trumpf ausspielte: Wenn er als Kanzler die Verhängung des militärischen Ausnahmezustands für unvermeidbar erachten sollte, konnte ihm leicht der Ausgang seines 'Kriegsspiels' vorgehalten werden."

Ein Zeichen, wie sehr die deutsche Politik bestimmt war von gegenseitiger Blockade und Gewaltbereitschaft. Winkler erörtert die Geschehnisse wissenschaftlich exakt, er fällt bis heute gut begründbare Urteile und gibt eine Fülle von Nachweisen auch kontroverser Quellen und Literatur – und trotzdem liest sich das streckenweise wie ein Polit-Thriller.

Heinrich August Winkler hat später noch eine allgemeine Geschichte der Weimarer Republik in zwei Bänden publiziert. In ihrer Akribie aber bleiben die drei Bände aus den achtziger Jahren unerreicht. Eine anregende Lektüre sind sie bis heute; sie zeigen auch, dass historische Akteure stets ihre jeweiligen Handlungsspielräume einkalkulieren müssen. Und sie zeigen Winklers Können, Geschichte nicht nur feindetailliert und abwägend, sondern auch spannend darzustellen. Eine Kunst, die nur wenige deutsche Historiker beherrschen.

Heinrich August Winkler "Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924",
Dietz Verlag Bonn 1984
Heinrich August Winkler: "Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930",
Dietz Verlag Bonn, 2. Aufl. 1988
Heinrich August Winkler: "Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933",
Dietz Verlag Bonn, 2. Aufl. 1990
3 Bände mit insgesamt 2.710 Seiten, Bd. 2 noch im Buchhandel für 22 Euro, die anderen beiden sind vergriffen, man bekommt sie aber leicht antiquarisch.

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