Sonntag, 25. Februar 2024

Henry Kissinger
Früherer US-Außenminister im Alter von 100 Jahren gestorben

Henry A. Kissinger ist tot. Der frühere amerikanische Außenminister prägte in den 1970er-Jahren die US-Politik entscheidend mit. Kissinger wurde 100 Jahre alt.

Von Marcus Pindur | 30.11.2023
Fest anlässlich des Besuchs von Ex-US-Außenminister Henry Kissinger. Anlässlich seines 100. Geburtstags besucht Fürths Ehrenbürger Henry Kissinger seine Geburtsstadt.
Der frühere amerikanische Außenminister Kissinger ist im Alter von 100 Jahren gestorben (picture alliance / dpa / Daniel Vogl)
Die entscheidende Weggabelung im Leben Henry Kissingers war wohl die Flucht vor dem Nationalsozialismus und die Emigration in die USA. 1938 verließ die jüdische Familie Fürth, die Geburtsstadt Kissingers. Mehrere Verwandte wurden im Holocaust ermordet.Der am 27. Mai 1923 geborene Kissinger – sein Vater war Lehrer an einer jüdischen Mädchenschule – ging nach der Einwanderung in die USA im deutsch-jüdischen Ortsteil Washington Heights in New York zur Schule.
Der junge Mann kehrte wie so viele deutsche Emigranten als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurück. Er arbeitete hauptsächlich für die militärische Aufklärung und meldete sich unter anderem freiwillig zum Fronteinsatz während der Ardennen-Offensive. Sein späterer Mitarbeiter Helmut Sonnenfeldt lernte Kissinger dort kennen.
Der US-Diplomat und Politiker Henry Kissinger gestikulierend während eines Gesprächs
Henry Kissinger, Amerikanischer Politiker, Diplomat und Nobelpreisgewinner, ist im Alter von 100 Jahren gestorben (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Miho Ikeya)

„Kissinger war in der militärischen Abwehr, und in der amerikanischen Besatzungszone stationiert. Wir haben uns ein- oder zweimal getroffen. Wir beide kamen aus einer totalitären Gesellschaft. Wir waren beide deutsche beziehungsweise jüdische Flüchtlinge. Das war ganz klar etwas, dass auf uns lastete. Wir waren aber rechtzeitig rausgekommen, und wir mussten die Konsequenzen nicht tragen, von einer totalitären Gesellschaft als Feinde gebrandmarkt zu werden.“

Das Bewusstsein, dass Gesellschaften eine sehr bösartige Wendung nehmen könnten, unterscheide ihn definitiv von vielen seiner amerikanischen Mitbürger, so sagte es Kissinger später einmal.
Zunächst kehrte der wissbegierige und intelligente junge Mann aus Deutschland zurück und machte sowohl eine akademische als auch eine politische Karriere. Dabei war von Anfang an klar, dass er in die Politik wollte.
Kissinger war, wie fast alle seiner Generation, tief vom Zweiten Weltkrieg und den neu entwickelten Nuklearwaffen geprägt, deren immense Zerstörungswirkung und die damit verbundenen Konsequenzen für die internationalen Beziehungen er schneller erkannte als viele Zeitgenossen.

Interesse für europäische Machtpolitik

Besonderen Eindruck machte Kissinger Ende der 1950er-Jahre mit einem Buch über Außenpolitik im Nuklearzeitalter. In den folgenden Jahren beriet er die Präsidenten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon, die die nüchterne, realpolitisch geprägte Einstellung des jungen Akademikers schätzten.
Kissingers Interesse für die europäische Machtbalance und Machtpolitik des 19. Jahrhunderts prägte ihn auch als Staatsmann, so Brent Scowcroft, der für mehrere amerikanische Präsidenten als Sicherheitsberater arbeitete.
„Kissinger hatte seine Wurzeln in Europa. Nicht nur, weil er dort herkam, sondern weil sein historisches, sein intellektuelles Interesse dem Zeitalter der Diplomatie in Europa galt. Er war fasziniert von Diplomatie.“

Jahrzehntelange Freundschaft mit Bundeskanzler Helmut Schmidt

Das Interesse an Geschichte und Diplomatie teilte Kissinger mit dem späteren deutschen Kanzler Helmut Schmidt. Die lebenslange Freundschaft des jüdischen Exilanten mit dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt war keine Selbstverständlichkeit. Doch sie währte sechs Jahrzehnte.
Der frühere US - Aussenminister Henry Kissinger besuchte im Jahe 2012 das Spiel der Spielvereinigung Greuther Fürth. Kissinger war bekennender Fan der Franken und gebürtiger Fürther. Foto: Bastian Ott dpa/lby ++
Henry Kissinger besuchte im Jahr 2012 ein Spiel von Greuther Fürth gegen Schalke 04 in der Trolli-Arena in Fürth (picture alliance / dpa / Bastian Ott)
Die beiden lernten sich Anfang der 1950er-Jahre kennen. Kissinger hielt 2015 die Trauerrede auf dem Staatsakt anlässlich Schmidts Beerdigung. Die Freundschaft zum ehemaligen deutschen Kanzler sei ein Pfeiler in seinem Leben gewesen, so Kissinger.
„Die wichtigsten Qualitäten eines Staatsmannes sind Vision und Mut. Vision, um der Stagnation entgegen zu wirken. Mut, um das Staatsschiff durch unbekannte Gewässer zu steuern. Helmut hätte diese beiden Eigenschaften nie für sich selbst reklamiert. Aber er hat sie verkörpert.“
Der Historiker Manfred Görtemaker ist der Ansicht, dass das politische Denken des späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt teilweise bei Henry Kissinger seinen Ursprung hatte.

„Kissinger hat Schmidt insbesondere auch bei seinen sicherheitspolitischen Überlegungen sehr stark beeinflusst. Das gilt nicht nur für das Buch ‚Kernwaffen und Auswärtige Politik‘, sondern es gilt eben auch für viele andere Reden und Schriften von Kissinger. Und Helmut Schmidt profitiert davon, zum Beispiel für sein Buch ‚Verteidigung oder Vergeltung‘, oder eben auch später ‚Strategie des Gleichgewichts‘. Im Grunde ist Helmut Schmidt sozusagen die deutsche Kopie von Kissinger und setzt das, was Kissinger dachte, dann auch in die Realität um.“

Es liegt also nahe, zu vermuten, dass Schmidts Entscheidung für den sogenannten Nato-Doppelbeschluss seinen Ursprung unter anderem im strategischen Gleichgewichtsdenken Kissingers hatte.
Kissinger war fest entschlossen, die konkurrierende Weltmacht der Sowjetunion in ein Netz miteinander verwobener Abkommen und Verträge einzubinden. Die Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion in den späten 1960er- und den frühen 1970er-Jahren trug zu einem Großteil Kissingers Handschrift, erst als Sicherheitsberater unter Präsident Nixon, dann als Außenminister. Er knüpfte damit an die ersten Schritte der Entspannungspolitik an, die schon unter Kennedy eingeleitet wurden.
„Es ging darum, zunächst einmal einen heißen Draht einzurichten, also eine direkte Verbindung zwischen dem Kreml und dem Weißen Haus. Es ging dann aber auch darum, vor allem die Nuklearraketen zu reduzieren oder zu begrenzen, um einen Krieg zunehmend unwahrscheinlich zu machen. Ein zweiter Punkt, der auch für Kissinger sehr wichtig war, war die psychologische Neuorientierung. Indem man miteinander verhandelte, wurde es eben doch einfacher, die Absichten des Gegners genauer zu kalkulieren und auch das hat dazu beigetragen, einen Nuklearkrieg unwahrscheinlicher zu machen.“
Es gelang Kissinger auch, mit der Sowjetunion einen Rüstungsbegrenzungsvertrag auszuhandeln, das sogenannte SALT-Abkommen. Dahinter stand die Überlegung, dass Nuklearwaffen nie zum Einsatz kommen dürfen, dass man sie aber gleichzeitig braucht, um nicht politisch erpressbar zu sein.
Stabilität und Berechenbarkeit im internationalen System so weit als möglich herzustellen, war Kissingers Ordnungsziel in einer gefährlichen Welt. Dazu gehörte ein gewisses Mindestmaß an Vertrauen zwischen den Supermächten und ein möglichst weiter Ausbau der Kooperation, zum Beispiel durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Helsinki, deren Schlussakte 1975 unterschrieben wurde.
16. November 1988: Henry Kissinger mit seiner Frau Nancy
Henry Kissinger mit seiner Frau Nancy Kissinger im November 1988 (picture alliance / Consolidated News Photos / Ron Sachs)
Die Bundesrepublik Deutschland war unter dem Kanzler Willy Brandt schon zuvor diplomatisch vorgeprescht und hatte mehrere Abkommen mit der Sowjetunion, der DDR und Polen geschlossen über einen gegenseitigen Gewaltverzicht und die Anerkennung der polnischen Westgrenze.
In den frühen 1970er-Jahren schien erstmals seit 1945 eine Entschärfung der Blockkonfrontation möglich. Kissinger selbst charakterisierte seine Entspannungspolitik damals folgendermaßen:
„Wir müssen uns im Klaren sein, was Entspannungspolitik ist. Es ist die Suche nach einem konstruktiveren Verhältnis zur Sowjetunion. Das ist ein nachhaltiger Prozess, kein finaler Zustand. Und dieses Ziel haben mehrere amerikanische Präsidenten mit unterschiedlichen Mitteln verfolgt.“
Zu den Prinzipien dieser Politik gehöre es, so Kissinger weiter, dass man sich nicht alleine auf den guten Willen der Sowjetunion verlasse.

„Ungeachtet der sowjetischen Intentionen wollen wir dem Frieden dienen, indem wir uns einerseits jedem Druck widersetzen, andererseits aber Entgegenkommen zeigen angesichts rücksichtsvollen Verhaltens. Wir werden uns aggressiven Handlungen entgegenstellen, aber wir werden nicht leichtfertig die Konfrontation suchen. Wir werden verteidigungsbereit bleiben, aber wir werden anerkennen, dass im Nuklearzeitalter das Verhältnis zwischen militärischer Stärke und politisch anwendbarer Macht komplizierter ist als jemals in der Geschichte.“

Dennoch handlungsfähig zu bleiben und neue Handlungsoptionen zu eröffnen, das war Kissingers Ziel. Alle Themenbereiche sollten in der Politik der sogenannten „Linkage“ miteinander verknüpft werden, so Manfred Görtemaker.
„Bei der Linkage-Politik geht es schlicht darum, ein Wohlverhalten der Sowjetunion zu erzwingen, durch eine vernünftige Kooperation der Politik auf verschiedenen Feldern. Man muss sich die Situation zu Beginn der 70er-Jahre vor Augen halten: Wir haben ja es nicht nur mit der Sowjetunion und China zu tun, sondern wir haben auch vor allem in der Dritten Welt eine große Problematik mit Revolutionen, mit Umstürzen und so weiter. Und hier war die Sowjetunion sehr aktiv.
Und Linkage im engeren Sinne meint jetzt, dass man mit der Sowjetunion einen vernünftigen Umgang pflegte, und zwar sowohl durch ökonomische Kooperation als auch vor allem durch Rüstungskooperation und dann die Sowjetunion auf diese Weise dazu brachte, in der Dritten Welt mit den USA zu kooperieren und diese Revolutionen in der Dritten Welt sein zu lassen oder möglichst nicht zu unterstützen.“
Obwohl Präsident Nixon die außenpolitischen Ziele seines Sicherheitsberaters teilte, war das Verhältnis zwischen den beiden spannungsgeladen. Nixon hatte damit gerechnet, 1969 einen politisch leicht unter Kontrolle zu haltenden Akademiker in sein außenpolitisches Team aufgenommen zu haben. Das stellte sich als großer Irrtum heraus. Sehr zu Nixons Ärger, bewies Kissinger einen kaum zu unterdrückenden Willen zur Macht.
Das manifestierte sich besonders in den ständigen Reibereien Kissingers mit dem damaligen Außenminister William Rogers. Der Historiker Robert Dallek hat tausende von Tonbändern und Gesprächsprotokollen des Weißen Hauses gehört und gelesen – hier zitiert er, wie sich Nixon bei seinem Bürochef Bob Haldeman über Kissinger beschwert:
“Nixon, der selber als schwierige Persönlichkeit galt, attestierte Kissinger, er agiere psychopathisch gegen Außenminister Rogers – mehr noch: Sollte Kissinger den Machtkampf mit Rogers gewinnen, dann werde er sich aufführen wie ein Diktator. Jedes Mal, wenn er, Nixon, mit jemandem telefoniere, dann wolle sein Sicherheitsberater mithören.

Rastlose Pendeldiplomatie im Nahen Osten

Kissinger galt als machthungriger Kontrollfreak in einer machthungrigen und kontrollbesessenen Administration. Gleichzeitig beschwerte sich Kissinger hinter Nixons Rücken darüber, dass Nixon unberechenbar sei und dazu neige, zu viel zu trinken. Er nannte Nixon „Our loaded friend“, unseren besoffenen Freund, oder „Our meatball mind“, unser Frikadellengehirn.
Nixon fand sich nie damit ab, dass Kissinger immer mehr zum außenpolitischen Gesicht seiner Präsidentschaft wurde. Aber er brauchte dessen außenpolitisches Prestige und seine Kompetenz. Deshalb machte Nixon nach seiner Wiederwahl 1973 Kissinger zum Außenminister.
Kissinger erwarb sich weltweiten Respekt durch vermeintliche und tatsächliche Erfolge. Darunter das Waffenstillstandsabkommen mit Nordvietnam, seine rastlose Pendeldiplomatie im Nahen Osten und seine Entspannungspolitik mit der Sowjetunion. Der Supermachtkonflikt war nach wie vor präsent, hatte aber an Schärfe verloren. Die Welt war insgesamt stabiler und sicherer geworden.
Kissinger verantwortete in seiner Zeit als Sicherheitsberater und Außenminister jedoch auch Rückschläge, die seine Gegner als Ausdruck eines realpolitischen Zynismus bewerteten.
Der Friedensvertrag 1973 mit Nordvietnam brachte Kissinger zwar den Friedensnobelpreis ein, mündete aber zwei Jahre später in den Kollaps des südvietnamesischen Regimes. Wäre der Waffenstillstand bereits bald nach Nixons erster Wahl 1968 geschlossen worden, hätte dies Zehntausenden amerikanischen Soldaten und Hunderttausenden Vietnamesen das Leben gerettet.
Auch das Schicksal Kambodschas, dass von den kommunistischen Kämpfern der Vietcong als Nachschublinie missbraucht wurde, und nach geheim gehaltenen Bombardierungen durch amerikanische Bomber in einen verhängnisvollen Bürgerkrieg mit einem anschließenden Völkermord durch die Roten Khmer abrutschte, wurde Kissinger angelastet.
Ebenso seine Nachsichtigkeit gegenüber autoritären und gewalttätigen südamerikanischen Regimen wie in Chile und Argentinien – solange sie nur antikommunistisch waren. Diese Regime ermordeten Tausende Dissidenten.
Der britische Journalist Christopher Hitchens brandmarkte Kissinger deswegen als Kriegsverbrecher und bezichtigte ihn, an der Ermordung des chilenischen Armee-Stabschefs René Schneider beteiligt gewesen zu sein. Schneider hatte sich für eine vom Militär unbehinderte, verfassungsgemäße Amtsübergabe an den gewählten sozialistischen Präsidenten Allende ausgesprochen.
„Einen demokratischen, konservativen, verfassungstreuen Offizier in einem benachbarten Land zu ermorden, mit dem die Vereinigten Staaten nicht im Krieg sind und das niemanden bedroht, ist nicht Antikommunismus, sondern das ist eine geheime Zusammenarbeit mit Faschisten.“
100. Geburtstag von Dr. Henry A. Kissinger am 20.06.2023 im Stadttheater in Fuerth.
Der 100. Geburtstag von Dr. Henry A. Kissinger wurde im Sommer 2023 groß in Fürth gefeiert. (picture alliance / SVEN SIMON / BayerischeStaatskanle / Frank Hoermann / SVEN SIMON)
Kissinger hatte auf Anweisung Nixons die Führung der CIA-Aktionen und der Unterstützung der chilenischen Putschisten gegen Allende übernommen. Er war – so zeigen Dokumente, die 2002 freigegeben wurden – zwar im Bilde über eine geplante Entführung Schneiders, nicht jedoch über dessen Ermordung.
Die Entschlossenheit, in der westlichen Hemisphäre kein auch nur im entferntesten sozialistisches oder gar kommunistisches Regime zuzulassen, teilte Kissinger spätestens seit der Kuba-Krise jedoch mit großen Teilen des amerikanischen außenpolitischen Establishments.
War Kissinger nun ein machtbewusster Realpolitiker oder ein zynischer Machtpolitiker? Der Kissinger-Biograf und Historiker Bernd Greiner hält ihn zunächst einmal für einen Opportunisten der Macht und einen guten Selbstdarsteller. Der Historiker bezeichnet hier auf einem Vortrag der „Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus“ Kissinger als einen „Scheinriesen“.

Kissingers Ziel: Stabilität für Jahrzehnte schaffen

„Kaum etwas in dieser Bilanz war originell, kaum etwas war auf Dauer haltbar. Die Tür nach China hatte Mao geöffnet. Kissinger verspottete diese Idee lange Zeit als Hirngespinst. Das Kernstück der Détente mit der UdSSR, die Rüstungskontrolle, stammt aus der Zeit von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Diese Vorgängerregierungen hatten Verträge ausgehandelt, beispielsweise über den partiellen Teststopp und die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen.“
In der Tat griff Kissinger immer gerne auf die Ideen anderer zurück. Doch er brachte sie in diesen entscheidenden Jahren zur Anwendung. Kissinger habe sich, so der Historiker Manfred Görtemaker, in der Tradition des britischen Außenministers Castlereagh gesehen, der auf dem Wiener Kongress 1815 eine europäische Ordnung geschaffen hatte, die über ein Jahrhundert überdauerte. Stabilität für Jahrzehnte zu schaffen, das sei Kissingers Ziel gewesen.
„Kissinger sah sich hier tatsächlich in einer langen historischen Linie. Dass dazu natürlich ein gewisser Zynismus gehört, und dass Machtbewusstsein gehört, das kann man glaube ich nicht bestreiten. Das gilt in gleicher Weise aber auch für jemand wie Bismarck und viele andere Politiker, die tatsächlich gezwungen sind, zu handeln. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Voraussetzungen für Kissingers Politik sehr schwierig waren. Die USA befanden sich mitten im Vietnamkrieg, den es zu beenden galt. Es gab eine ideologische Feindschaft gegenüber der Sowjetunion. Es gab überhaupt keine vernünftige Gesprächsgrundlage mit China. Und dieses alles musste geändert werden.“
Informationstafel am Geburtshaus von Henry Kissinger in Fürth, Bayern, Deutschland
Informationstafel am Geburtshaus von Henry Kissinger in Fürth (picture alliance / CHROMORANGE / CHROMORANGE)
Die Rahmenbedingungen waren also enorm schwierig und Kissinger versuchte, mit diesen Rahmenbedingungen nicht nur fertig zu werden, sondern daraus eine neue, stabile Weltordnung zu bilden, die dann auch eine längere Zeit überdauern sollte.
Seine Fähigkeit, Diplomatie als großangelegte Strategie zu konzipieren und Schritt für Schritt taktisch umzusetzen, ist unbestritten und hat die Welt der Supermachtkonfrontation sicherer gemacht. Und das Erbe seiner Rüstungskontrollverträge wirkte fort.

Große Verbundenheit zur Heimatstadt Fürth

Präsident Ronald Reagan, der Kissinger und seine Entspannungspolitik zunächst ablehnte, kehrte in seiner zweiten Amtszeit ab 1984 zum diplomatischen Ansatz Kissingers zurück. Der Erfolg: das bis vor kurzem in Kraft befindliche Abkommen über Mittelstreckenraketen, mit dem erstmals eine ganze Kategorie von Waffen in Europa eliminiert wurde.
Kissinger blieb auch nach seiner aktiven politischen Laufbahn eine Institution. Staatsmänner suchten seinen Rat, große Konzerne ließen sich von seiner 1982 gegründeten Firma Kissinger Associates beraten. Kissinger lehrte weiterhin und schrieb vielbeachtete Bücher. Besonders dem Aufstieg und der Rolle Chinas in den internationalen Beziehungen galt in den vergangenen Jahrzehnten sein Interesse.
Kissinger blieb seiner Heimatstadt Fürth stets verbunden. Nicht nur sein rollendes fränkisches „R“ erinnerte an seine Herkunft. Der Emigrant wurde 1998 zum Ehrenbürger ernannt und war Gründungsmitglied der Bürgerstiftung Fürth.
Kissinger war Zeit seines Lebens Anhänger der Spielvereinigung Fürth, später Greuther-Fürth. Als der Verein 2012 zum ersten Mal in die Erste Fußball-Bundesliga aufstieg, löste Kissinger ein Versprechen ein, und saß beim zweiten Heimspiel seines Vereins auf der Zuschauertribüne.
Doch diese Zeichen der Heimatverbundenheit sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland den jungen Juden Heinz Alfred Kissinger und seine Familie zur Auswanderung gezwungen hat.
Seine intellektuelle und politische Karriere fand Kissinger in den USA: als strategischer Denker, als Sicherheitsberater, als Außenminister und als öffentlicher Intellektueller diente er seinem Land bis zuletzt.