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StartseiteInterview"Clintons Wärme-Quotient ist ziemlich niedrig"13.04.2015

Hillary Clintons Kandidatur"Clintons Wärme-Quotient ist ziemlich niedrig"

Hillary Clinton unternimmt einen neuen Anlauf, US-Präsidentin zu werden. Sie versuche seit Jahren, sich als Vorkämpferin für den durchschnittlichen Amerikaner darzustellen, sagte John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, im Deutschlandfunk. Denn ihr Problem sei immer gewesen, dass sie sich von den normalen Menschen abgesetzt habe.

John Kornblum im Gespräch mit Peter Kapern

John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
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Kornblum sagte weiter, Clintons "Wärme-Quotient" sei ziemlich niedrig und sie könne nicht die "Kuschel-Einheiten" wie frühere Präsidentschaftskandidaten bieten. "Das ist ihr Hauptproblem". Dennoch stünden ihre Wahlchancen aktuell sehr gut. "Im Moment gibt es kaum einen republikanischen Bewerber, der ihr Konkurrenz machen könnte." Es sehe vielmehr so aus, als ob sich die Kandidaten der Republikaner wie bei der vergangenen Wahl gegenseitig ausschalteten.

Allerdings könnte ihr nach Einschätzung von Kornblum das gemeinsam mit ihrem Mann Bill Clinton geknüpfte Netzwerk Probleme bereiten. "Die Clinton AG genießt sehr viele Kontakte zu reichen Menschen." Darunter seien auch reiche Saudis. 


Das Interview in voller Länge:

Peter Kapern: Viele hielten sie für die sichere Siegerin, als sie sich 2008 um das Amt der amerikanischen Präsidentin bewarb, und sie selbst vor allem auch: Hillary Clinton, die Frau des früheren US-Präsidenten Bill Clinton. Doch dann kam es ganz anders. Kandidat der Demokraten wurde damals ein gewisser Barack Obama, der dann ja auch ins Weiße Haus einzog, und jetzt nimmt Hillary Clinton einen zweiten Anlauf, als erste Frau an der Spitze der USA zu stehen.

Hillary Clinton: "Every day Americans need a champion - and I wanna be that champion."

Kapern: Eine Vorkämpferin für ganz normale Amerikaner will sie also sein - Hillary Clinton gestern in einer Botschaft an die Wähler in den Vereinigten Staaten. Bei uns am Telefon ist John Kornblum, der frühere US-Botschafter in Deutschland. Guten Morgen, Mr. Kornblum!

John Kornblum: Guten Morgen!

Kapern: Eigentlich war ja allen Beobachtern seit Langem klar, dass Hillary Clinton einen weiteren Anlauf auf das Weiße Haus nimmt. Keine Überraschung also eigentlich. Aber hat es bei ihrer Ankündigung doch etwas gegeben, was Sie überrascht hat?

Kornblum: Eigentlich nicht. Das Ereignis heute war wahrscheinlich das wichtigste Nichtereignis, das es seit Jahren in den Vereinigten Staaten gibt. Man weiß seit Monaten, dass sie Kandidat sein würde. Sie hat versucht ihre Bilanzierung ihrer Kandidatur so ruhig und unterbetont wie möglich zu machen. In dem Werbefilm, wie man das nennt, wo sie das angegeben hat, musste man zunächst zwei Drittel des Filmes mit Bildern von normalen Amerikanern anschauen, bis man überhaupt Hillary Clinton zu Gesicht bekam. Also es ist wirklich viel Aufregung um nichts sozusagen.

Kapern: Aber doch etwas sehr Interessantes: Hillary Clinton, die sich an die Seite der normalen Amerikaner stellen will. Nun sind die Clintons ja im politischen Establishment alles Mögliche, aber bestimmt nicht Durchschnitt und normal. Kann das funktionieren?

Kornblum: Na ja, wir werden mal sehen. Sie versucht, eine ganz neue Botschaft zu bringen. Sie haben recht, sie ist alles andere als normal. Aber sie hat seit Jahren versucht, sich ein bisschen als der Vorkämpfer für normale Amerikaner zu stellen, und natürlich, wenn sie Präsident werden würde, würde sie die erste Frau sein, die als Präsident gewählt wurde. Das sind wichtige Dinge und sie hofft und in ihrer Unterbetontheit versucht sie doch sehr stark, eine neue, etwas wärmere, etwas fortschrittlichere Botschaft zu schicken.

"Die Clinton-AG genießt sehr viele Kontakte zu reichen Menschen"

Kapern: Wie könnte man diese Botschaft formulieren? Wie könnte man sie auf den Punkt bringen? Wo drückt den normalen Amerikaner nach acht Jahren Barack Obama der Schuh?

Kornblum: Was immer noch ein großes Thema ist hier, ob das bei Republikanern oder Demokraten ist, dass eigentlich seit über 30 Jahren der normale Mittelamerikaner, wie man das hier nennt, der, der seiner Arbeit nachgeht, der nicht reich ist, aber nicht arm ist, er wird immer unter Druck gesetzt, die Löhne steigen nicht, Pensionen werden gekappt. Der Lebensstandard der großen Masse der Amerikaner hat sich seit mindestens über 30 Jahren nicht verbessert. Das ist das richtige politische Problem, das es in diesem Land gibt. Die Republikaner haben versucht, das anzugehen, indem sie sagen, weniger Staat, mehr Geld in die Tasche. Das hat aber auch nicht so geklappt. Und Hillary Clinton, die immerhin eine Liberale ist in der Tradition von Franklin Roosevelt, wird das jetzt versuchen auf der Basis von Unterstützung von Staat, Unterstützung vom Präsidenten et cetera zu machen. Wir werden sehen.

Kapern: Wie erfolgreich kann dieser Ansatz einer Kandidatur sein in den USA?

Kornblum: Es kann sehr erfolgreich sein, weil trotz jetzt wirtschaftlichem Wachstums, trotz eigentlich allgemeiner politischer Ruhe im Lande ist der normale Wähler immer noch ziemlich unzufrieden. Jede Umfrage zeigt, die Menschen sagen, irgendwas ist nicht in Ordnung in unserem Land, irgendwie läuft es nicht, wie es laufen sollte. Die Republikaner müssen zum Beispiel darunter leiden, dass sie gesehen werden als die Partei der Reichen, dass das Gefälle zwischen reichen und normalen Menschen immer größer wird. Dieses Thema ist für mich das Thema. Aber Sie haben es auch angesprochen: Clintons Problem ist immer gewesen, dass sie immer ein bisschen sich absetzt von den normalen Menschen, dass irgendwie ihr Wärme-Quotient sozusagen ziemlich niedrig ist. Sie kann hier nicht die Kuschel-Einheiten bieten, die andere Kandidaten, zum Beispiel ihr Mann, haben machen können. Das ist ihr Hauptproblem, meine ich.

Kapern: Sie haben es gerade gesagt: Den Republikanern haftet der Ruf an, die Partei der Reichen zu sein. Andererseits heißt es über Hillary Clinton, sie könne mehr als zwei Milliarden Dollar für ihren Wahlkampf mobilisieren. Damit ist sie doch die Kandidatin des Großkapitals.

Kornblum: Nein, nein. Das ist nicht richtig. Sie hat ein Netzwerk und dieses Netzwerk haben sie und ihr Mann aufgebaut schon jetzt seit 25 Jahren. Sie hat natürlich auch reiche Gönner, aber sie hat auch viel mehr, viele Tausende von Menschen, die eigentlich nicht reich sind, die auch ihren Wahlkampf unterstützen. Das Problem, das sie hat, ist was anderes und das ist: Besonders seitdem Ihr Mann nicht mehr Präsident ist, hat er durch seine Stiftung auch die Gunst der Reichen und nicht nur der reichen Amerikaner, sondern auch der reichen Saudis und der reichen Kuwaitis und so weiter genossen, und sozusagen die Clinton-AG genießt sehr viele Kontakte zu reichen Menschen und das wird bestimmt ein Thema sein in dem Wahlkampf.

"Im Moment sehen ihre Wahlchancen ziemlich gut aus"

Kapern: Hat Hillary Clinton ernsthafte Konkurrenz aus dem Lager der Demokraten zu fürchten?

Kornblum: Eigentlich nicht. Zumindest jetzt, wenn man das aus dieser Perspektive betrachtet. Aber wie wir alle wissen: Die Politik ist immer etwas ungenau. Man kann so weit im Voraus nicht voraussehen. Es gibt drei oder vielleicht vier Menschen, die sich gemeldet haben. Das sind drei normale männliche Politiker und eine Dame, die weit links in der demokratischen Partei ist. Im Moment wird keinem von denen die Chance gegeben, gegen sie anzukommen. Ich persönlich meine, sie wird es auch schaffen. Aber wie gesagt, vor acht Jahren hatte man auch kaum von Barack Obama gehört.

Kapern: Selbst wenn Hillary Clinton dann tatsächlich die Kandidatur der Demokraten erringen sollte, sie müsste sich dann immer noch mit dem republikanischen Konkurrenten auseinandersetzen. Wie die Republikaner mit Hillary Clinton umspringen werden, das haben wir gerade möglicherweise schon ansatzweise gehört in dem kleinen Ausschnitt aus den republikanischen Werbespots. Wie werden die Republikaner nun mit Hillary Clinton umspringen in den kommenden Wochen und Monaten?

Kornblum: Na ja, die Werbesports, die Sie gebracht haben, haben eigentlich die Antwort gegeben. Sie haben doch Angst vor ihr. Es gibt verschiedene Umfragen, wo sie gegen den vermeintlichen republikanischen Kandidaten gemessen wird, und in jedem Fall ist sie 20 bis 30 Punkte ihm voraus. Im Moment gibt es kaum einen republikanischen Bewerber, auch nicht den Bruder von George Bush, Jeb Bush, der eigentlich ihr irgendwie Konkurrenz machen könnte. Und wenn das so bleibt, wie es jetzt ist, und wenn die Republikaner sich noch daran zerstückeln - und das sieht auch so aus, dass sie genau wie vor acht Jahren so viele Kandidaten haben werden, dass sie sich gegenseitig sozusagen ausschalten werden -, dann sind ihre Chancen nicht schlecht, wollen wir so sagen. Es gibt negative, zum Beispiel die Demokraten sind schon zwei Amtszeiten in der Präsidentschaft, das passiert so gut wie nie, dass man dreimal hintereinander gewählt wird. Es gibt auch die Frage der Wärme, die wir angesprochen haben. Es gibt genug Fragezeichen, dass man nicht sagen kann, dass es hundertprozentig ist. Aber im Moment sehen ihre Wahlchancen ziemlich gut aus.

"Die Senatoren haben es leichter als die Gouverneure"

Kapern: Mr. Kornblum, können Sie unseren Hörern vielleicht noch eines erklären? Wir haben hier in Deutschland jahrzehntelang mit der amerikanischen Politiker-Dynastie der Kennedys gelebt. Jetzt gerade nimmt ein zweiter Clinton Anlauf aufs Präsidentenamt. Die Kandidatur eines dritten Bush wird erwartet. Warum stehen die US-Amerikaner so auf dynastische Politikerfolgen?

Kornblum: Ja, das ist eine gute Frage. Die Frage wird auch sehr oft in der Presse gestellt. In einem Land von über 300 Millionen Menschen müssen wir vielleicht womöglich nur auf zwei Familien wieder zurückgreifen, um Kandidaten zu haben. Das hat natürlich mit der modernen Mediengesellschaft zu tun. Das hat auch damit zu tun, dass es sehr kompliziert und auch kostspielig ist, Kandidat zu sein. Es hat aber auch damit zu tun, im Moment - ich sage jetzt in diesem Jahr, in den letzten fünf Jahren - kommen genau wie in Deutschland die Präsidentschaftsbewerber sehr oft aus den Bundesstaaten, und die Bundesstaaten sind im Moment in einer ziemlich schwierigen Verfassung, genauso wie in Deutschland, und es gibt keine starken Bewerber aus den Bundesstaaten im Moment. Wenn Clinton jetzt nominiert wird, sie wird der zweite Senator hintereinander nach Obama, der nominiert worden ist. Das passiert so gut wie nie in den Vereinigten Staaten. Ich glaube, die Menschen, die Senatoren, die eigentlich eher eine deklaratorische Arbeit bringen, haben es leichter im Moment als die Gouverneure in den Bundesstaaten, die richtig mit sehr schwierigen Problemen kämpfen müssen.

Kapern: Der frühere Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland, John Kornblum, zur Kandidatur von Hillary Clinton um das US-Präsidentenamt. Mr. Kornblum, danke für Ihre Expertise, einen schönen Abend, eine gute Nacht in die USA. Auf Wiederhören!

Kornblum: Ja, herzlichen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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