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StartseiteInterview"Eines der wichtigsten Dokumente zur zweiten Kriegshälfte"09.04.2020

Himmlers Dienstkalender "Eines der wichtigsten Dokumente zur zweiten Kriegshälfte"

Vor knapp vier Jahren wurde das Original von Heinrich Himmlers Dienstkalender in Moskau gefunden. Ein Team um den Historiker Dieter Pohl hat ihn jetzt zusammen mit weiteren Dokumenten herausgegeben. Brutalität und Banalität hätten im Alltag des SS-Reichsführers nah beieinander gelegen, sage Pohl im Dlf.

Dieter Pohl im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Der NS-Verbrecher Heinrich Himmler, im Hintergrund Soldaten. (picture-alliance / dpa)
Die historische Bedeutung des Dienstkalenders von Heinrich Himmler, dem Chef der SS und späteren Innenminister im Dritten Reich, sei erheblich, sagte Historiker Dieter Pohl im Dlf (picture-alliance / dpa)
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Als einer der ranghöchsten Vertreter des nationalsozialistischen Regimes war Himmler für die Verwirklichung von Hitlers Verbrechen zuständig, vor allem für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Europa. Sein Dienstkalender der Jahre 1943 bis 1945 ist in einer wissenschaftlichen Ausgabe veröffentlicht worden, zusammen mit Aufzeichnungen aus seinem Tischkalender und Aufzeichnungen von Telefongesprächen. Das über 1.100 Seiten umfassende Buch trägt den Titel "Die Organisation des Terrors - die Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943 bis 1945".

Mehr als sieben Jahrzehnte lang waren die Dokumente nicht zugänglich.  Mehrere Historiker haben sie nun herausgegeben, unter ihnen Professor Dieter Pohl. Er lehrt Zeitgeschichte an der Universität Klagenfurt und ist seit 2011 der Sprecher des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des Wiener Wiesenthal-Instituts für Holocaust-Studien. Die historische Bedeutung des Kalenders sei erheblich, sagte er im Dlf. Er dokumentiere die dienstliche Tätigkeit von Heinrich Himmler, dazu kämen der Tagesablauf mit Frisörterminen oder Freizeitaktivitäten wie dem Eisstockschießen sowie dessen persönliche Beziehungen. Himmler hatte neben seiner Familie, die damals am Tegernsee lebte, auch eine Geliebte, mit der er zwei Kinder hatte und die er sehr oft besuchte. 

Brutalität und Banalität sehr eng beieinander

Himmler sei ein Detail-Steuerer gewesen, habe sich für kleinste Details innerhalb der SS interessiert, sagte erklärte Pohl. Beispielsweise folge einem Termin, indem es um Konzentrationslager gehe, ein Termin über die Ehe eines SS-Manns oder über Diebstähle. Brutalität und Banalität lägen sehr eng beieinander.

Der Dienstkalender zeige einen sehr personalisierten und sehr unbürokratischen Führungsstil Himmlers, so Pohl. Er habe versucht, sich um alles zu kümmern. Im Kern galt in der NS-Zeit die Devise: Menschenführung statt Verwaltung. Das könne man auch aus anderen Akten entnehmen. 


Das Interview in voller Länge:

Christoph Heinemann: Wie organisiert man Massenmord mit einem Kalender?

Dieter Pohl: In dem Zeitraum, den wir bearbeitet haben, 1943 bis 1945, geht es dabei nicht mehr so sehr um den Mord an den Juden, den Holocaust, sondern auch um viele andere kriminelle Tätigkeiten der SS – beispielsweise die Bekämpfung der Widerstandsbewegungen in Europa, die ja sehr stark von Massenwahn begleitet war, den Ausbau des KZ-Systems und Ähnliches mehr.

Eisstockschießen und Geliebte

Heinemann: Wie mischen sich Brutalität und Banalität in Himmlers Dienstkalender?

Pohl: Der Dienstkalender ist ja zunächst eigentlich ein Dokument über die dienstliche Tätigkeit von Heinrich Himmler. Es ist allerdings so, dass auch sein Tagesablauf hier mit wiedergegeben wird. Da steht drin, wann er zum Friseur geht, hin und wieder, was er in der Freizeit macht, zum Beispiel Eisstockschießen. Was auch dazukommt ist seine persönlichen Beziehungen, sowohl zu seiner Familie – die war ja zu dieser Zeit in Gmund am Tegernsee – als auch zu seiner Geliebten, die er auch relativ oft besucht hat, und er hatte ja zwei Kinder mit seiner Geliebten. Wir haben hier die Mischung von Privatleben, das eingesprenkelt ist in den Dienstkalender.

Was nun die Mischung zwischen Brutalität und Banalität angeht, ist es natürlich so, dass Himmler ein Detailsteuerer war. Das heißt, er hat sich zum Teil für die kleinsten Angelegenheiten innerhalb der SS interessiert, und deswegen haben wir zunächst beispielsweise einen Termin, in dem es um Konzentrationslager geht, und unmittelbar danach beschäftigt er sich mit der Ehe eines SS-Mannes, die nicht funktioniert, oder Ähnliches mehr, Diebstähle und so weiter. Insofern liegen hier Brutalität und Banalität sehr eng beieinander.

Heinemann: Was sagen diese Unterlagen aus über die Art und Weise, in der in Himmlers Machtbereich Entscheidungen getroffen wurden?

Pohl: Ich glaube, der Dienstkalender ist hier sehr aussagekräftig. Er zeigt eigentlich im Grunde den sehr personalisierten Führungsstil Himmlers. Das heißt, er hat sich im Grunde versucht, um alles zu kümmern – an sich eigentlich ein sehr unbürokratischer Führungsstil. Allerdings wenn man die Aktenmengen ansieht, die heute noch erhalten sind, merkt man schon, dass da auch sehr viel Bürokratie dranhängt. Aber im Kern galt schon die Devise in der NS-Zeit "Menschenführung statt Verwaltung". Das heißt, der Führer war entscheidend und sollte unbürokratisch entscheiden, und das ist im Großen und Ganzen auch gemacht worden.

Sehr viel Mündlichkeit im Führungsstil

Heinemann: Wie genau?

Pohl: Indem Himmler konkret immer wieder in Einzelvorgänge eingegriffen hat, und es ist sehr viel Mündlichkeit im Führungsstil. Das heißt, wir haben eigentlich eine mündliche Besprechung an der anderen. Wenn man Himmlers Tagesablauf über den Tag sieht, haben wir zum Teil bis zu zehn Besprechungen pro Tag mit verschiedenen SS-Führern, aber auch mit Funktionären aus anderen Bereichen, und er versucht, da immer die Interessen der SS durchzudrücken.

Heinemann: Welche Hinweise liefern die Kalender über Himmlers wichtigste Zuarbeiter?

Pohl: Das sind natürlich in erster Linie Zulieferer für ihn. Sein Adjutant Grothmann hat diesen Tageskalender in der Früh vorgelegt. Der wurde extra getippt auf einem Blatt. Himmler hat dann zum Teil seine Notizen hineingemacht zu den einzelnen Terminen.

Deutlich wichtiger ist der Chef seines persönlichen Stabes, Karl Wolff, der auch dann seine eigene SS-Politik betrieben hat und hier auch ganz massiv beispielsweise am Mord an den Juden organisatorisch beteiligt war.

Darüber hinaus haben wir natürlich einen riesen Apparat von Ämtern, Hauptämtern, die hier tätig waren und deren Chefs Himmler ja im Grunde andauernd getroffen hat.

Komplette Korrespondenz eingearbeitet

Heinemann: Herr Professor Pohl, wie schwierig war es für Sie, die historische Bedeutung eines nüchternen Kalendereintrags zu erforschen?

Pohl: Zunächst ist es ja so, dass der Dienstkalender, wenn man ihn sich ansieht, rein aus Terminen mit Personen besteht. Die Aufgabe des Editionsteams war nun die, herauszufinden, über was bei dieser Besprechung gesprochen wurde, und man hat jetzt systematisch alle Aktenbestände im Umfeld Himmlers, SS, aber auch die korrespondierenden Organisationen, abgesucht, um herauszubekommen, was dann besprochen worden ist.

Darüber hinaus – und das ist, meines Erachtens, doch eine sehr große Leistung auch dieser Edition – ist Himmlers komplette Korrespondenz in die Tage eingeordnet worden. Das heißt, was er neben den Besprechungen auch auf schriftlichem Wege entschieden hat, welche Bericht er gelesen hat, zum Teil, welche Kommentare er zu diesen Berichten gegeben hat, und so weiter. Das war natürlich ein erheblicher Aufwand und wir waren zu fünft, zeitweise zu sechst daran, aus diesen Sachen, aus diesem dürren Terminkalender ein breit kommentiertes historisches Dokument zu machen, und die historische Bedeutung dieses Dienstkalenders ist erheblich, meines Erachtens sicher eines der wichtigsten Dokumente zur zweiten Kriegshälfte. Wenn Sie vergleichen beispielsweise das Goebbels-Tagebuch, das ja sehr ausführlich ist, aber Goebbels war 1943/44 nicht mehr so im Zentrum der Entscheidungen. Sonst haben wir eigentlich relativ wenige fortlaufende Dokumente aus der NS-Spitze insgesamt. Deswegen ist das meines Erachtens eines der wichtigsten Dokumente aus der zweiten Kriegshälfte.

Heinemann: Hat sich Ihr Bild von Heinrich Himmler bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Dienstkalenders verändert?

Pohl: Früher, in den Nachkriegsjahrzehnten, gab es ja noch das Bild von Himmler: ein Esoteriker, der sich für Homöopathie und Astrologie interessiert, und so weiter. Joachim Fest hat ja auch in seinem Hitler-Film das ein bisschen auf die Spitze getrieben. Inzwischen sehen wir aber Himmler durchaus als rastlosen Aktivisten und radikalen Organisator vor allen Dingen des Massenmordes, aber auch der Kriegsführung, der Waffen-SS.

Was jetzt neu in diesem Teil des Dienstkalenders sich herausstellt ist, dass Himmler wohl relativ frühzeitig schon mit der Kriegsniederlage kalkuliert hat und wahrscheinlich schon im Sommer/Herbst 1943 Überlegungen angestellt hat, geheime Gespräche mit den Westmächten einzuleiten. Bisher dachte man immer, das beginnt Mitte 1944 mit den großen Niederlagen in Ost und West, aber wir können inzwischen davon ausgehen, dass Himmler wohl schon vorher seinen Geheimdienstchef instruiert hat, mal Fühler nach dem Westen aufzunehmen. Das ist sicher ein neues Ergebnis der Forschung.

Was im Grunde auch bekannt ist, ist Himmlers Tätigkeit als Militär. Er hat ja dann ab 1944 auch militärische Posten übernommen, war aber desaströs. Als Oberbefehlshaber von zwei Heeresgruppen hat er total versagt und ist dann auch wieder abgesetzt worden.

Aus dem Zentralarchiv des sowjetischen Verteidigungsministeriums

Heinemann: Woher stammen die Unterlagen, die Sie haben einsehen können?

Pohl: Im Kern geht es ja um die neu aufgefundenen Blätter des Dienstkalenders, die 1945 von sowjetischen Behörden beschlagnahmt worden sind und inzwischen dann im Zentralarchiv des sowjetischen, inzwischen russischen Verteidigungsministeriums lagern. Für die Edition wurden allerdings weitere Bestände benutzt, etwa Himmlers Telefonnotizen, die im Bundesarchiv in Berlin liegen, zum Teil auch sein Tischkalender. Das war noch mal ein Parallelkalender, den er für sich selbst geführt hat. Und wie ich schon sagte, ist seine komplette Korrespondenz, soweit sie noch erhalten ist, hier eingebaut worden. Das heißt, um den Dienstkalender herum wurde eine ganze Geschichte seines Tagesablaufs zusammengebaut.

Heinemann: Wieso blieben diese Akten, die Sie aus sowjetischen oder russischen Beständen haben einsehen können, so lange unter Verschluss?

Pohl: Generell galt natürlich in der Sowjetunion, dass alle Akten unter Verschluss waren, und für diese erbeuteten deutschen Akten – man nennt die auch Trophäen-Akten im russischen Sprachgebrauch -, galt das sehr lange ganz besonders. Es hat ein paar Ausnahmen gegeben. Seit den 1970er-Jahren hat die Sowjetunion hin und wieder Beutedokumente in Kopie für bundesdeutsche Strafverfahren geliefert. Aber erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die sowjetischen, postsowjetischen Archive dann sukzessive aufgemacht worden.

Grundsätzlich ist es aber so, dass, sagen wir mal, der Aktenfrühling, den es Anfang der 90er-Jahre in Russland gab, als sehr viel zugänglich war, inzwischen vorbei ist und es heutzutage vergleichsweise schwierig ist, an Akten in russischen Archiven heranzukommen.

Geänderte Archivpolitik in Russland

Heinemann: Warum?

Pohl: Das hat mit der generellen Archivpolitik zu tun. Das ist natürlich sehr stark politischen Prämissen geschuldet. Das heißt, man will auch, dass möglichst wenig Peinliches hier an die Oberfläche dringt, und der russische Staat, gerade unter Putin versucht der Staat, auch das Geschichtsbild zu kontrollieren. Wir werden das dieser Tage wieder erleben, 75 Jahre Kriegsende. Eine große Parade findet ja wohl trotz der Virenkrise statt. Aber es gibt schon ein geschichtspolitisches Trommelfeuer – denken Sie etwa an die Diskussion um den Hitler-Stalin-Pakt und Ähnliches.

Heinemann: Herr Professor Pohl, was können geschichtsinteressierte Laien aus dem Buch lernen?

Pohl: Ich würde einfach sagen, das Interessante ist, zunächst einmal zu sehen, wie ein zentraler Organisator des Massenmordes (und ja nicht nur dessen; wir haben auch ganz andere Bereiche hier mit drin: Kriegführung, Rüstung zum Beispiel), wie der täglich gearbeitet hat und wie dieser Wechsel dieser verschiedenen Themen ist, wie er die SS auch geführt hat. Er ist natürlich auch sehr nah dran an Hitler, muss man sagen. Es ist auch eine substanzielle Einleitung bei dem Band dabei und er ist sehr gut erschlossen durch Sachregister. Das heißt, man findet die Themen, die einen interessieren, relativ schnell.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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