Freitag, 27.11.2020
 
StartseiteEuropa heuteOft Staatsbürger zweiter Klasse12.09.2019

Hongkonger in LondonOft Staatsbürger zweiter Klasse

Die britische Regierung äußerst sich zurückhaltend zu den Protesten in der früheren Kronkolonie. Hongkong-Chinesen, die in Großbritannien leben, sind jedoch sehr beunruhigt. Sie fordern ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht und die britische Staatsbürgerschaft.

Von Marten Hahn

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Demonstration in London am 17. August 2019 für Demokratie und Gerechtigkeit in Hongkong. Demonstranten halten Spruchbänder mit der Aufschrift "WILL BRITAIN HOLD CHINA TO IT'S PROMISE ON HONG KONG'S FREEDOM?"  (imago / Andres Pantoja)
Briten demonstrieren in London und versuchen die Proteste in Hongkong zu unterstützen (imago / Andres Pantoja)
Mehr zum Thema

Lage in Hongkong Weltstadt im Protestmodus

Politologe zu Hongkong: "Es wird wahrscheinlich schlimmer werden"

20. Jahrestag der Rückgabe an China Hongkongs ungewisse Zukunft

Vor 175 Jahren Briten besetzen Hongkong

Großbritannien Hindernislauf zum britischen Pass

Jimmy Wong sitzt in einem Café im Londoner Finanzdistrikt. Der Hongkonger hat Angst um seine Familie und Freunde zuhause. Er sagt:

"Meine Eltern wohnen neben einer Polizeistation. Dort finden nun viele Proteste statt. Ich mache mir Sorgen um ihre Sicherheit. Die Polizeigewalt in Hongkong ist schlimm geworden."

Weil die Situation in Hongkong immer weiter eskaliert, haben einige Abgeordnete der britischen Konservativen nun einen Vorschlag gemacht: Sie würden den Bürgern der ehemaligen britischen Kolonie gern die britische Staatsbürgerschaft anbieten. Bisher haben diese nur den Status BNO: British Nationals Overseas. Jimmy Wong meint:

"Nominell haben wir die britische Nationalität, aber nicht die Rechte eines Staatsbürgers. Wir dürfen ohne Visum einreisen, dürfen hier aber nicht leben oder arbeiten. Und nur wer vor 1997 geboren ist, bekommt einen BNO-Pass."

Demonstranten mit Atemmasken in einer Geschäftsstraße in Hongkong.  (AFP/Anthony WALLACE) (AFP/Anthony WALLACE)Lage in Hongkong - Weltstadt im Protestmodus
1997 übergab Großbritannien Hongkong an China. Das damals vereinbarte Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" wird von Peking aufgeweicht. Dagegen regt sich massiver Protest: meistens friedlich, teils gewaltsam. Und die Polizei verletzt regelmäßig auch unbeteiligte friedliche Demonstranten.

Nationalität ohne Bürgerrechte

Jimmy Wong hat einen solchen Pass. Dass er seit drei Jahren in London lebt, hat er seinem Job zu verdanken. Sein Arbeitgeber kümmert sich um das nötige Visum. Aber das Glück haben nicht viele. Eine Staatsbürgerschaft würde es Hongkongern einfacher machen, in Großbritannien neu anzufangen. Ein britischer Pass könnte aber auch einen beruhigenden Effekt haben, so Steve Tsang, der Direktor des China Instituts an der Londoner SOAS Universität:

"Hongkonger, deren BNO-Status zu einer vollen Staatsbürgerschaft umgewandelt würde, hätten mehr Zuversicht. Sie würden weiter in Hongkong leben und arbeiten, weil sie wüssten: Wenn es richtig schwierig wird, können sie immer noch nach Großbritannien auswandern. Für ein stabiles und florierendes Hongkong wäre das eine große Hilfe."

Brexit spielt auch hier eine Rolle

Aber Steve Tsang ist skeptisch. Er glaubt nicht, dass der politische Vorstoß im britischen Parlament auf fruchtbaren Boden fällt:

"Ein Hauptgrund für den drohenden Brexit ist die Ablehnung von Einwanderung - selbst aus Europa. Und nun bekäme auch noch eine sehr große Zahl von ethnischen Chinesen das Recht, sich in Großbritannien anzusiedeln. Das wäre eine heikle Angelegenheit für viele Politiker in Westminster. Die Chancen, das Anliegen durchs Parlament zu bekommen, stehen also nicht gut."

Eine deutsche Fahne weht vor der Großen Halle des Volkes in Peking.  (dpa/Michael Kappeler) (dpa/Michael Kappeler)Kanzlerin Merkel in China - Vogel (FDP): "Nicht egal, was in Hongkong passiert"
Es sei nicht illegitim, dass die Hongkonger Demonstranten eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt verlangten, sagte der FDP-Politiker Johannes Vogel im Dlf. Er gehe davon aus, dass die Bundeskanzlerin ihren Einfluss genutzt habe, auch wenn sie keinen Zwischenstopp in Hongkong gemacht habe.

Sollte es doch klappen, hätte China am Ende wahrscheinlich kaum etwas dagegen, so der Experte. Steve Tsang:

"Aus Sicht der chinesischen Regierung würden viele, die sie als Unruhestifter sehen, dann vielleicht Hongkong verlassen. Und viele Festland-Chinesen würden gern nach Hongkong ziehen. Einige in der Kommunistischen Partei glauben: Wenn die Unruhestifter gehen, können sie schnell durch loyalere Bürger ersetzt werden."

Leo Shek ist einer von denen, die schon gegangen sind.  Vor zwei Jahren, nach der Regenschirm-Revolution, ging auch er nach London.

Einen Fehler wieder gutmachen

Anders als Jimmy Wong hat Leo Shek jedoch einen britischen Pass. Seine Eltern arbeiteten bereits unter Britischer Herrschaft als Beamte für die Stadtverwaltung Hongkongs. Die Familie gehörte damit einer Berufsgruppe an, der die Briten bei der Übergabe Hongkongs an China britische Pässe ausstellten. Leo Sheks Ehefrau hingegen hat nur einen BNO-Pass. Leo Shek:

"Damit bekommt sie nur ein Ehegattenvisum. Das muss sie alle zweieinhalb Jahre erneuern. Warum gibt es den BNO-Pass dann? Es gibt so eine starke historische Verbindung mit Großbritannien, aber trotzdem werden wir nicht anders behandelt als andere Ausländer."

Hongkongs Bürger wie Jimmy Wong und Leo Shek fühlen sich von Großbritannien im Stich gelassen. Sie seien in einer britischen Stadt geboren und dann einfach an China übergeben worden. Sie finden, es ist Zeit, dass Großbritannien diesen Fehler wiedergutmacht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk