Interaktive Datensammlung "MAPEX"Digitale Landkarte erfasst Projekte gegen Extremismus

Präventions-Projekte gegen Extremismus gibt es viele - nur der Überblick fällt schwer. Welche Ansätze sind besonders erfolgreich, wo kann man voneinander lernen und Erfahrungen austauschen? "MAPEX" schafft Transparenz und liefert Best-Practice-Beispiele.

Von Eva-Maria Götz | 18.03.2021

Die Broschüre "Extremistischer Salafismus als Jugendkultur" wird am 03.08.2015 auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf vorgestellt.
Salafistische "Angebote" an Jugendliche sind nach dem Ende des "Islamischen Staates" in Syrien nicht mehr so attraktiv wie früher - aber das Gefährdungspotential bleibt kritisch (dpa/picture alliance/Maja Hitij)
"Wir wollten mit einem intelligenten Mapping - indem wir eine intelligente Karte, eine Online-Karte erstellen von Präventionsprojekten - die Landschaft einmal abbilden", erklärt Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld und einer der Projektleiter von MAPEX.
10.06.2015, Berlin, Deutschland - Pressekonferenz, Stellung von Deutschland in der internationalen Vergleichsstudie, Migrant Integration Policy Index, MIPEX. Foto: Prof. Dr. Andreas Zick, Sprecher Rat für Migration und Konfliktforscher und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, IKG, an der Universität Bielefeld.

10 06 2015 Berlin Germany Press conference Position from Germany in the International  Immigrant Integration Policy Index  Photo Prof Dr Andreas Zick Spokesman Council for Migration and  and Leader the Institute for Interdisciplinary Conflict and Violence Research ICG to the University Bielefeld
Andreas Zick (Imago / Reiner Zensen)
Bei diesem Mapping von Präventions- und Distanzierungsprojekten im Umgang mit islamistischer Radikalisierung ging es nicht nur um die bloße Auflistung, sondern um eine genaue Beschreibung der jeweiligen Arbeitsbereiche und der Zielgruppen.

Außerdem "wollten wir aber auch Tiefenbohrung vornehmen. Das heißt, wir haben begleitend neben dieser Erstellung dieser intelligenten Online-Landkarte, die nun alle benutzen können, auch noch Forschungsstudien durchgeführt. Begleitstudien, um dort mehr Auskunft zu finden - welche Präventionsprojekte sind aufgrund welcher pädagogischen Maßnahmen erfolgreich?"

Erfolgreiche Maßnahmen besser bekannt machen

Denn so können sich erfolgreiche Maßnahmen in Zukunft besser bekannt machen und vernetzen: "Und deswegen haben wir uns auch damit beschäftigt: Welche Handlungsempfehlung können wir an Forschung, an Politik und an die Praxis geben?"
Projektwochen an Schulen, thematische Theateraufführungen, Jugendtreffs, politische Bildungsarbeit, psychologische Begleitung und Unterstützung - die Zahl der Angebote zur Extremismusprävention ist in den letzten Jahren seit den Anschlägen in Paris, Berlin, Nizza und anderswo sprunghaft gestiegen. Mehr als 2000 Projekte, die in den Jahren 2018 und 2019 dauerhaft aktiv waren, haben die Forscher und Forscherinnen genauer in den Blick genommen, mit den Anbietenden gesprochen und schließlich rund 550 dieser Angebote klassifiziert.
Die besondere Herausforderung dabei: die Gefährdungslage ändert sich ständig. Zu der Zeit, als der sogenannte "Islamische Staat" junge Menschen für den Krieg in Syrien und im Irak rekrutierte, bestand die Präventionsarbeit daraus, dessen Netzwerke offen zu legen und Jugendliche, die sich dieser Ideologie geöffnet hatten, zu identifizieren und aufzuhalten - bevor sie zu Terroristen werden konnten. Diese Gefahr ist zwar noch nicht gebannt, aber: "Prävention guckt ja vorbeugend auf die Gefährdungslage durch Zustimmung zu zum Beispiel islamistischen Einstellungen, die außerhalb der Frage von kriminologischer oder strafrechtlicher Bemessung sind."

Demokratie stärken – Radikalisierung vorbeugen

Heute geht es mehr darum, bei Jugendlichen frühzeitig die Zustimmung zu menschenverachtenden, gewaltaffinen oder antidemokratischen Haltungen zu erkennen und mit ihnen gemeinsam alternative Denkmuster und Verhaltensweisen zu erarbeiten und einzuüben. Einer der wichtigsten Orte dafür: die Schule. Meltem Kulacatan, Wissenschaftliche Projektleiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt:
"Der Vorteil am Ort Schule liegt ja darin, dass eine Institution aus dem Regelsystem auch ein sozialer Raum ist, in dem Beziehungen gepflegt werden, in dem soziale Kontakte gepflegt werden. Und wir wissen ja, dass die Beziehungsarbeit das A und O im Kontext von Präventionsarbeit und Radikalisierungsmaßnahmen ist."
Wie aber sollen die Lehrkräfte diese Arbeit im dichtgedrängten Stundenplan auch noch leisten können? Wie zwischen pubertärem Angeberverhalten, verbaler Provokation und tatsächlicher Gewaltbereitschaft bei Heranwachsenden unterscheiden? Meltem Kulacatan weist hin auf das Problem, dass im Zusammenhang mit islamistischem Terrorismus gerade muslimische Jugendliche schnell durch ein Raster aus Vorurteilen fallen können. Das wiederum führt zu Ungerechtigkeitsempfinden, das in übersteigerter Form die Radikalisierung begünstigen kann. Ein Teufelskreis. Bei ihren Forschungsarbeiten entdeckte Kulacatan da oft Unsicherheit aufseiten der Lehrer und Lehrerinnen.
"Also, wie gehe ich mit Dingen um als Lehrer*in, wenn ich Veränderungen beobachte, die ich im schlimmsten Fall in einem extremistischen Kontext verorte und eben nicht in einem religiösen Kontext, den sich die Jugendlichen neu erobern aus ihrer biografischen Geschichte heraus."
In Frankreich demonstrieren viele Menschen in Erinnerung an den ermordeten Lehrer Samuel Paty. Sie zeigen ein Bild von ihm, eine Frankreich-Fahne und eine Zeitung, auf der eine Mohammed-Karikatur zu erkennen ist.
Die Konsequenzen aus Radikalisierung und religiös motivierter Gewaltbereitschaft können drastisch sein - das zeigt der Mord am französischen Lehrer Samuel Paty (imago / Hans Lucas)

Lehrkräfte brauchen Weiterbildung und Unterstützung

Die meisten Lehrkräfte sind in Sachen religiöser Diversitätskompetenz nicht ausgebildet. Die langfristige Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen und Weiterbildung durch Experten wird von den MAPEX-Forschern und -Forscherinnen deshalb dringend empfohlen. Prävention ist heute nicht mehr ein Thema für die Projektwoche vor den Ferien, sondern muss ständig präsent sein. Als gutes Beispiel nennt Meltem Kulacatan die Theodor-Heuss-Schule in Offenbach:
"Wo die Schulleitung sich mit Lehrkräften aus den Fächern Ethik, Deutsch, Geschichte zusammengesetzt hat, die eben auch schon divers sind, die Lehrkräfte selber sich überlegt haben, wie können wir Demokratiebildung besser einüben? Darum geht es ja schlichtweg. Und wie können wir Sprechfähigkeit besser einüben und Sprachfähigkeiten einüben?"
Verhärtet sich jedoch der Eindruck, dass Jugendliche sich radikalisiert haben, müssen gezielt geeignete Maßnahmen ergriffen werden, die auf der interaktiven Landkarte zu finden sind.

Angebote auch für rechtsextreme Gefährder

"Die Menschen erreicht man nur, indem man auf sie zugeht, aber mit einem Angebot. Wir brauchen für einige Menschen psychologische Hilfen. Wir brauchen für andere Menschen einen Exit, eine Ausstiegsmöglichkeit - das insbesondere dann, wenn sie hoch radikalisiert sind. Und wiederum für andere Gruppen ein Angebot, was ihren Extremismus auf der Einstellungsebene akzeptiert, sie aber davon abwendet, Gewalt zu zeigen."
Noch etwas hat sich bei der Gefährdungslage verändert: Im Fokus der Extremismusprävention steht nicht mehr nur die weiterhin große Gruppe der islamistischen, insbesondere salafistischen Gefährder, sondern auch das rechtsextreme Umfeld. Und auch hier greifen frühzeitige Aussteigerprogramme:
"Extremismus ist global, und das entwickelt sich weiter, es tauchen neue Symbole auf. Und es kann sein, dass uns genau jetzt diese Online-Landkarte der Projekte, also dieses Mapping, hilft. Weil, wir können jetzt ermuntern, mal auf die Seite zu gehen und zu gucken: Was gibt es denn sonst noch so?"