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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Ihr Wissen treibt diese Firmen in die Ernährungsbranche"10.10.2018

IT-Konzerne in der Landwirtschaft"Ihr Wissen treibt diese Firmen in die Ernährungsbranche"

Technologien wie Roboter, Drohnen, Sensoren werden zunehmend auch in der Landwirtschaft eingesetzt. Digitale Technik hat dort durchaus Vorteile. Doch es gibt auch eine Kehrseite: Wie eine neue Studie aufzeigt, gewinnen große IT-Firmen zunehmend an Macht in der Ernährungsbranche.

Von Daniela Siebert

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Maispflanze vor Getreide-Hochsilo (imago stock&people / UPI Photo)
Akustische Silo-Überwachung, um vor Schädlingen zu warnen, ist nur eine von mittlerweile vielen digitalen Technologien in der Landwirtschaft (imago stock&people / UPI Photo)
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Pat Mooney listet in seiner lesenswerten Studie etliche technologische Entwicklungen auf, die in seinen Augen für die künftige Gewinnung der Welternährung zwar auch Chancen, vor allem aber riesige Gefahren bergen: Roboter, Big Data Sammlungen, Sensoren, Drohnen, Künstliche Intelligenz, Gentechnik sowie Blockchaintransaktionen und Kryptowährungen. Technologien, die schon jetzt eine Rolle spielen und das in Zukunft nach seiner Erwartung im großen Stil tun werden. Hauptsorge des erfahrenen Technologiekritikers aus Kanada:

"Dass wir das Wissen verlieren, das wir haben und brauchen, um uns an den Klimawandel anzupassen und um unsere Ernährung zu sichern. Wir überlassen dieses Wissen einer Handvoll Firmen, die das in Big Data umwandeln, was langfristig unsere Ernährungssicherheit unterminiert."

IT-Konzerne gewinnen Einfluss

Besonderes Augenmerk richtet Mooney auf neue mächtige Akteure, die die Nahrungsbranche erst seit Kurzem mit in ihr Portfolio nehmen. Etwa Amazon, Google, Microsoft, Facebook. Die digitalen Riesen gehen ganz neue Wege: Microsoft etwa engagiere sich gemeinsam mit der Großbrauerei Carlsberg bei der Entwicklung neuer Hefen. Google kooperiere in China mit seinem dortigen Konkurrenten Alibaba und Schweinemästern.

"Ihre Datenverwaltung, ihre Datenmengen, ihr Wissen über die Konsumenten treibt diese Firmen in die Ernährungsbranche. Dazu kommen gigantische Vermögensverwalter, die in all solche Akteure investieren, hinter den Kulissen, das sind Namen, die normale Leute noch nie gehört haben: BlackRock, Vanguard, Statestreet und Blackstone etwa. Ich fürchte, diese Akteure sind so weit weg von der Realität der Lebensmittelproduktion, dass sie bäuerliches Wissen nicht adäquat ersetzen können."

Warnung vor neuen Monopolen

Traditionell im Agrarsektor dominante Firmen würden durch Fusionen immer mächtiger. Etwa Landmaschinenhersteller, die über ihre Geräte schon seit Jahren selbst große Datenmengen über Äcker und Bauern generieren – etwa über GPS-Positionen von Traktoren und nun mit andern Firmen zusammenarbeiten, die auf Datenauswertung, Versicherung, Saatgut, Pestizide und ähnliches spezialisiert sind. So dürften bald neue Monopole und Oligopole entstehen warnt Mooney.

"Die Regeln der Fusionskontrolle sind veraltet, sie galten Zeiten, als eine Firma eine gleichartige Firma aufkaufte. Schon wenn eine Pestizid-Firma eine Saatgut-Firma übernimmt, greift das nicht mehr. Erst recht nicht, wenn Amazon sich in Lebensmittelunternehmen einkauft. Die Kartellämter können nicht mit dem Konzept umgehen, dass nicht der Ertrag entscheidend ist, sondern das Wissen, die digitalen Daten wichtiger sind als die Verkaufszahlen. Das können sie nicht bewerten."

Mooney fordert deshalb national und international ein neues Wettbewerbsrecht. Außerdem sollten die Vereinten Nationen wieder Technologien kritisch evaluieren, wie sie das bis in die 90er Jahre auch getan hätten.

Vor allem der Kleinbauer ist bedroht

Die meisten Bauernverbände hätten sich zu der neuen Entwicklung noch nicht positioniert bilanziert Mooney. Insbesondere die kleinbäuerliche Landwirtschaft sei in Gefahr.

Diese Sorge teilt Jan Urhahn von der entwicklungspolitisch engagierten NGO Inkota, Mit-Auftraggeber und -Herausgeber der Studie.

"Diese neuen Technologien müssen die Bedürfnisse der Bauern und Bäuerinnen im Vordergrund haben und vor allem von kleinbäuerlichen Erzeuger, weltweit, das ist essentiell wichtig, und kurzfristig um dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben, brauchen wir auf jeden Fall eine strengere Fusionskontrolle, dass heisst, Großfusionen wie sie jetzt beispielsweise gerade zwischen Bayer und Monsanto stattgefunden hat, müssen in naher Zukunft verhindert werden."

Auch Glocon, ein Forschungsprojekt zu globalen Transformationsprozessen an der Freien Universität Berlin, hat die Digitalisierungs-Studie mit auf den Weg gebracht. Mooneys Szenarien sind längst Realität und keine Science Fiction, kritisiert daher auch Franza Drechsel von Glocon.

"Wir können sehen dass beispielsweise Landarbeiter auf Palmölplantagen in Brasilien ersetzt werden durch automatisierte Erntemaschinen und das schon jetzt total große Arbeitsplatzverluste mit sich bringt und auch die Ausweitung dieser Palmölplantagen kleinbäuerliche Erzeuger total verdrängt."

Die Studienmacher betonen: die Zahl der Hungernden auf der Welt sei zuletzt wieder gestiegen. Allen technologischen Verheißungen zum Trotz.

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