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StartseiteInterviewJährlich 850 Todesfälle durch Kohlekraftwerke03.04.2013

Jährlich 850 Todesfälle durch Kohlekraftwerke

Greenpeace-Studie zur Gesundheitsschädlichkeit von Kraftwerksemissionen

Seit Jahren fordert Greenpeace einen Ausstieg aus der Kohleenergie. Jetzt präsentiert die Umweltorganisation eine Studie zu den Gesundheitsrisiken durch die Emissionen. Diese führen "vor allem zu Atemwegserkrankungen und Herzkreislauferkrankungen", sagt Greenpeace-Energieexperte Gerald Neubauer.

Gerald Neubauer im Gespräch mit Silvia Engels

Die Emissionen von Kohlekraftwerken sind auch 100 Kilometer vom Kraftwerk entfernt noch eine Belastung. (AP)
Die Emissionen von Kohlekraftwerken sind auch 100 Kilometer vom Kraftwerk entfernt noch eine Belastung. (AP)

Silvia Engels: Greenpeace verweist dagegen auf die klimaschädlichen Folgen der Kohlekraftwerke durch den CO2-Ausstoß und heute legt die Umweltschutzorganisation nach. Sie hat eine neue Studie in Auftrag gegeben: Die leistungsstärksten deutschen Kohlekraftwerke wurden untersucht und Greenpeace macht sie nun auch für schwere Gesundheitsschäden verantwortlich. – Am Telefon ist Gerald Neubauer, er ist Energieexperte von Greenpeace und mit der Studie befasst. Herr Neubauer, guten Morgen!

Gerald Neubauer: Guten Morgen.

Engels: Greenpeace hat die Studie bei der Uni Stuttgart ja in Auftrag gegeben. Was ist dabei speziell für die wichtigsten deutschen Kraftwerke herausgekommen?

Neubauer: Ja. Für die drei größten deutschen Kohlekraftwerke – das sind alles Braunkohlekraftwerke, unter anderem die Kraftwerke Jänschwalde, Niederaußem und Lippendorf – hat diese Studie ermittelt, dass jedes Jahr über 9000 Lebensjahre verloren gehen und das entspricht 850 vorzeitigen Todesfällen, die durch diese Kohlekraftwerke im Jahr 2010 verursacht wurden.

Engels: Also durch diese drei am stärksten verschmutzenden, sagen Sie?

Neubauer: Genau, die drei größten deutschen Braunkohlekraftwerke.

Engels: Das ist ja nun eine doch deutliche These, direkt die Kraftwerke mit Todeszahlen in Verbindung bringen zu wollen. Wie können Sie das wissenschaftlich belegen?

Neubauer: Aus den Schornsteinen der Kohlekraftwerke gelangen ja große Mengen Schwefeldioxid, Stickoxide, Staub und dann auch Schwermetalle in die Umwelt. Diese Daten sind alle bekannt im europäischen Schadstoff-Freisetzungs- und Verbringungsregister. Die Universität Stuttgart hat jetzt mit diesen bekannten Emissionsdaten die durch ein Atmosphären-Modellierungsmodell gerechnet. Das heißt, wir haben untersucht, wie breiten sich diese Schadstoffe in der Atmosphäre aus. Und dann kann man eben festlegen, welchen zusätzlichen Schadstoffkonzentrationen die Bürger ausgesetzt sind, und durch medizinische Studien, epidemiologische Studien ist es bekannt, welche zusätzlichen Schadstoffkonzentrationen zu welchen erhöhten Krankheitsfällen und dann auch in Folge Todesfällen führen können und so kann man eben für jedes einzelne Kraftwerk die verlorenen Lebensjahre und davon abgeleitet auch die vorzeitigen Todesfälle bestimmen.

Engels: Welches sind denn die Schadstoffe, die Sie vor allen Dingen verantwortlich machen?

Neubauer: Zunächst mal kommen aus den Schloten der Kohlekraftwerke Schwefeldioxid, Stickoxide und Staub heraus. Das reagiert dann in der Atmosphäre weiter und es bilden sich sekundäre Feinstäube. Das sind mikroskopisch kleine Partikel, die, wenn sie eingeatmet werden, tief in die Lunge und bis in die Blutgefäße gelangen und dort eben vor allem zu Atemwegserkrankungen und Herzkreislauferkrankungen führen können.

Engels: Können Sie denn da einen Zusammenhang ausmachen, dass in irgendeiner Form die Anwohner von Kohlekraftwerken besonders betroffen seien, also je näher man daran wohnt?

Neubauer: Nein, genau diesen Zusammenhang kann man nicht so machen. Die Schadstoffe verbreiten sich über einen sehr weiten Raum. Zunächst mal sind ja auch die Schornsteine recht hoch, sodass im unmittelbaren Umfeld der Kraftwerke die Belastung gar nicht am höchsten ist, sondern dass dann eher im Bereich von 100 bis 200 Kilometern um die Kraftwerke herum die erhöhte Belastung erst wirklich losgeht, und die Auswirkungen gehen aber sehr weit bis in europäische Nachbarländer hinein. Das heißt, diese 850 jährlichen Todesfälle und 9000 verlorenen Lebensjahre allein der drei größten deutschen Braunkohlekraftwerke betreffen nur zur Hälfte Deutschland und zur anderen Hälfte auch das europäische Ausland.

Engels: Aber wie wollen Sie denn dann belegen, dass die Luftbelastungen für die Betroffenen, wenn sich diese Stäube so ausbreiten, tatsächlich auf Kohlekraftwerke zurückgehen und nicht auf andere Luftverschmutzer wie den Autoverkehr, wie Privatheizungen oder andere Industrie?

Neubauer: Die Emissionen sind ja bekannt und das, was die Uni Stuttgart für uns gemacht hat, ist zu berechnen, wie sich diese Emissionen in der Atmosphäre verteilen und zu welchen zusätzlichen Konzentrationen für die Bürger diese Emissionen führen, also zusätzlich zu der schon bestehenden Belastung durch andere Feinstaubquellen wie den Verkehr oder die Landwirtschaft.

Engels: Sie haben es angesprochen: Dass Kohlekraftwerke neben dem CO2-Ausstoß auch andere gefährliche Stoffe emittieren, ist jetzt keine Neuigkeit. Sehen Sie denn irgendeine Entwicklung? Könnte hier auch mit Nachrüstungen von Filtern beispielsweise etwas geschehen?

Neubauer: Ja. Es gibt auf jeden Fall bessere Filter auf dem Markt, als zurzeit von den Energiekonzernen angewendet werden, und durch Nachrüstungen, die natürlich teuer sind, ließe sich da schon das Problem ein Stück weit eindämmen. Mittelfristig glauben wir aber, dass Deutschland von der Kohlekraftverstromung ganz wegkommen muss, allein schon auch aus Klimaschutzgründen, und dass ein Kohleausstiegspfad endlich beschlossen werden muss von der Bundesregierung.

Engels: Ein Gegenargument der Betreiber lautet ja immer, dass viele alte Kohlekraftwerke mit schlechten Emissionswerten derzeit am Netz bleiben müssen, weil vielfach die Grünen, Greenpeace oder Bürgerinitiativen den Neubau von effizienteren Kraftwerken verhindern, die dann auch günstigere Abgaswerte hätten. Was halten Sie dem entgegen?

Neubauer: Ja das Problem mit den neuen Kraftwerken ist: Wenn sie einmal gebaut sind, dann bleiben sie 40 oder 50 Jahre am Netz. Das ist ja das Interesse der Betreiber, sie dann so lange am Netz zu behalten, während eine alte Anlage sowieso sei es in fünf oder zehn Jahren abgeschaltet würde, auch wenn sie nicht ersetzt wird. Im Übrigen kann man alte Kohlekraftwerke auch durch saubere Erdgaskraftwerke oder erneuerbare Energien ersetzen, und dann sieht einfach die Bilanz erheblich besser aus.

Engels: Auf der anderen Seite gilt ja immer das Argument der Kritiker, die sagen, die Grundversorgung mit Energie sei mittelfristig ohne Kohlekraftwerke nicht leistbar, die erneuerbaren Energien könnten das nicht alles stemmen. Das lassen Sie alles nicht gelten?

Neubauer: Wir haben ein Energiekonzept schon vor zwei Jahren vorgelegt, das den Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energien für Deutschland bis 2050 durchgerechnet hat, und wir wollen ja jetzt auch keinen Sofortausstieg, sondern unser Energiekonzept sieht vor, dass Deutschland die Braunkohleverstromung bis 2030 beendet und die Steinkohleverstromung bis 2040 beendet, und das lässt sich sehr gut darstellen und ist auch ein durchaus mittelfristiger Zeitraum, über den dann auch andere Kraftwerke ans Netz gehen können.

Engels: Das ist Ihre mittelfristige Forderung. Was fordern Sie nach diesen Studienergebnissen mit Blick auf die Gesundheitsgefährdung als Sofortmaßnahme?

Neubauer: Zunächst mal muss der Neubau von Kohlekraftwerken gestoppt werden. Zurzeit sind immer noch in Deutschland 17 neue Kohlekraftwerke entweder in Bau oder in Planung, und wenn diese Kraftwerke ans Netz gehen, würden sie eben 40 oder 50 Jahre am Netz bleiben und die deutsche Energiepolitik auf lange Sicht auf ein vollkommen falsches Gleis setzen. Außerdem muss sich die Regierung und die Regierung auch der Bundesländer, in denen die großen Kohlekraftwerke stehen – und da ist vor allem die SPD an der Macht -, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, das sind die großen Kohleländer, dort muss der Kohleausstieg eingeleitet werden. Das heißt, wir brauchen den politischen Willen, einen politischen Beschluss, dass Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigt.

Engels: Vielen Dank! – Gerald Neubauer war das, der Energieexperte von Greenpeace. Es geht um eine Studie, die heute vorgestellt wird und die Gesundheitsschädlichkeit der Kohlekraftwerke untermauern will. Vielen Dank für Ihre Zeit.

Neubauer: Gerne, danke.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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