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JakobswegDie Lehre des Franziskus ist überall

Mehr als 200.000 Menschen sind in diesem Jahr schon zu einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg im Norden Spaniens aufgebrochen. Vor 800 Jahren tat dies auch Franziskus von Assisi. In Santiago de Compostela widmet sich im Jubiläumsjahr nun eine internationale Kunstausstellung dem heiligen Franziskus.

Von Brigitte Kramer | 03.11.2014

Wasser gibt es im Nordwesten Spaniens genug. Galicien ist bekannt für Regenwetter, grüne Wiesen und den Jakobsweg. Auf den Pfaden der großen Pilgerstraße ist immer mehr los. Meldeten sich vor 20 Jahren noch knapp 16.000 Wallfahrer im Pilgerbüro von Santiago, waren es in den ersten neun Monaten dieses Jahres schon mehr als 200.000. Wer bei all dem Trubel Ruhe sucht, kann sie im Bonaval-Park finden. Die großzügige, hügelige Anlage am Stadtrand ist durchzogen von offenen Wasserkanälen. Alte Mäuerchen, große Wiesen und üppige Laubbäume laden zur Besinnung ein. In eine prächtige Edelkastanie hat der französische Künstler Christian Boltanski bunte Kleider auf Bügel gehängt. Sie erinnern an Geister, an die Seelen Verstorbener, wie sie da so im Wind flattern.
In der Nähe hat der spanische Künstler Jorge Barbi die Nischengräber eines ungenutzten Friedhofs in bunten Pastelltönen angemalt. Gläubige, Atheisten, Selbstmörder, Konvertiten, hellgelb, hellgrün, rosa, dunkelgelb ... Zwei Arbeiten von insgesamt 44, die zur Ausstellung gehören. Große Namen wie Nam June Paik, Mario Merz, Joseph Beuys, John Cage oder Jannis Kounnellis sind dabei, aber auch jüngere Künstler wie der Rumäne Mircea Kantor, die Deutsche Annika Kahrs oder das argentinisch-französische Künstlerduo Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg haben sich mit Franziskanischen Werten wie Solidarität, Toleranz, Achtung vor der Natur beschäftigt. Und Begriffe wie "Weg der Erkenntnis", "die Würde menschlicher Armut" oder "die Landschaft als Spiegelbild der Seele" werden in der Ausstellung thematisiert. Auch der 60-jährige Künstler Antón Lamazares zeigt ein Werk. Er wurde in Galicien geboren.
Lehre Franziskus' überall zu erkennen
"Ich ging bei den Franziskanern zur Schule, zwischen neun und 14, in ein Kloster, das nicht weit weg ist von Santiago de Compostela. Meine Beziehung zu Franz von Assisi währt also schon lange, seit jenen Jahren. Meine ganze Arbeit, und das sage ich immer wieder, hat mit dem Heiligen Franziskus zu tun. Alles, was wir Arte Póvera nennen, hat diesen spirituellen Hintergrund. Der Erste, der Franziskus' Welt abbildet ist Giotto, der Gründer der Malerei in Europa. Man kann eine Linie ziehen von den Bettelorden über die Romantik, zu den Hippies, der Arte Póvera, den Beatniks, bis zur Ökobewegung - überall ist die Lehre des Heiligen Franziskus zu erkennen."
Antón Lamazares gehört seit den 1980er Jahren zu Spaniens besten Künstlern. Sein großformatiges Bild aus Karton, Holz und Lack, könnte ein armseliges, abgeschabtes Altarbild sein oder die beschädigte Rückseite eines alten Ölgemäldes. Der Künstler versteht das grobe, schlichte Werk als Hommage an das grünspanige, weithin sichtbare "Kreuz der Lumpen" auf dem Dach der Kathedrale. Unter ihm haben die Pilger traditionellerweise ihre abgetragenen Kleider verbrannt. Es war der Schlusspunkt ihrer Wallfahrt, das Ende des Weges.
"Heute gibt es viele Arten, den Weg zu beenden. Hier, im Herzen der Stadt, auf dem Kathedralplatz, wimmelt es auch im Herbst noch von Pilgern. Ein galicischer Dudelsackspieler verdient sich ein bisschen Geld, während verschwitzte Besucher in Wanderstiefeln anstehen, um in die Kathedrale zu gelangen. Sie wollen mit der Mittagsmesse ihre Wallfahrt beenden."
"Ebenso begrüße ich die Gruppen aus den Vereinigten Staaten und Irland, eine Pilgergruppe aus der Dominikanischen Republik, wir begrüßen Pilger aus Deutschland und den Niederlanden, aus Frankreich, Australien, Brasilien, Kanada, Korea, aus den USA und Israel."
"Franziskus war ja ein Radikaler"
Im Jubiläumsjahr beenden viele Wallfahrer ihre Reise aber auch in jenem Kloster, das Franz von Assisi im 13. Jahrhundert außerhalb der Stadt errichten ließ. Mehr als 60.000 Pilger haben sich in der Klosterkirche die Cotolaya, eine Urkunde zum Franziskusjahr abgeholt. In dem imposanten Gebäude leben nur neun Ordensbrüder. Sie betreiben Santiagos einziges Obdachlosenheim und haben einen Teil zum Hotel umgebaut. Im Sommer ist auch eine Pilgerherberge geöffnet. Ordensvorsteher Francisco Castro lädt die Wallfahrer, unabhängig von ihrer Glaubensrichtung, täglich zur "spirituellen Zusammenkunft" in eine Klosterkapelle. Dort huldigt er im kleinen Rahmen seinem Namensvetter und Ordensgründer. Was bedeutet für den 43-Jährigen das Franziskusjahr?
"Für uns bedeutet es die Erinnerung an unsere Ursprünge, an die starke Tradition hier, die in der italienischen Textsammlung I Fioreti, Die Blümlein, im vierten Kapitel beschrieben ist. Dort wird erzählt, wie Franz von Assisi nach Santiago kam und dieses Kloster gründet hast. Für uns bedeuten 800 Jahre nicht nur, die Vergangenheit zu kennen, sondern auch, die Botschaft des Heiligen Franziskus zu aktualisieren, seine grundlegenden Werte zu leben, die Verbrüderung der Menschen, die alles umfassende Liebe. Viele Leute lehnen seine Lehre ab, weil sie ihnen zu religiös ist. Dabei kann man sie meiner Ansicht nach auch als soziale Botschaft lesen. Wenn wir nach Franziskanischen Werten lebten, hätten wir zum Beispiel nicht diese große Krise in Spanien. Wir würden einander helfen, anstatt nach dem kapitalistischen Wert zu leben, alles für mich, mich, mich. Wir versuchen in Franziskus' Sinn zu leben, auf heutige Art, ganz anders als er damals gelebt hat. Franziskus war ja ein Radikaler."
Die britische Filmkünstlerin Tacita Dean hat sich im italienischen Assisi Giottos berühmten Freskenzyklus zur Franziskuslegende genähert, mit der Kamera bis auf wenige Zentimeter. In der Basilika ging die 49-Jährige auf Spurensuche nach dem Menschen Franziskus. Ihr halbstündiger, stummer Film läuft in Santiago in einer ehemaligen, leer geräumten Klosterkirche. Der Zuschauer kann mit den Augen Pinselstriche, Mörtelstrukturen, Farbspritzer und Mauerrisse streifen. Alles Figurative wird in dieser großen Nähe abstrakt. Erkennbar bleibt die schadhafte Oberfläche eines 700 Jahre alten Frescos – oder die geschundene Haut eines Menschen, der absolute Liebe predigte und in absoluter Armut lebte.
Mit der Natur eins werden
Die entschlossensten Pilger bleiben mittlerweile nicht mehr in der überlaufenen Stadt sondern gehen weiter bis ans Meer. Finisterre, das Ende der Welt ist ihr Ziel. Nach den Wettläufen auf den letzten Kilometern um ein Bett in den Herbergen und der Schlange vor dem Pilgerbüro in Santiago suchen sie nun, vor der Rückkehr, einen letzten, besinnlichen Moment an Galiciens Atlantikküste. Dort kann man mit der Natur eins werden und den eigenen Herzschlag spüren.
Christian Boltanski, der Künstler, dessen Kleider in der Kastanie hängen, hat ein zweites Werk zur Ausstellung beigetragen. Dabei wird der Herzschlag jedes einzelnen Besuchers aufgenommen. Das Geräusch wird Teil von Boltanskis Work in Progress "Les archives du coeur". Die Archive des Herzens. Der 70-Jährige legt seit ein paar Jahren einer Sammlung von Herzschlägen an, die er später auf einer japanischen Insel als Klanginstallation verewigen will. Boltanski interessiert dabei die Vereinigung des Persönlichen mit dem Kollektiven, das Aufgehen des Individuums in der Gruppe. Für Boltanski ist jede noch so flüchtige, kleine Spur des Lebens ein Zeichen für dessen Würde und geheiligte Essenz.
Die Ausstellung "On the Road" ist bis 30. November an verschiedenen Orten in Santiago de Compostela zu sehen.