Freitag, 02. Dezember 2022

Jens Söring
Die mediale Karriere eines verurteilten Doppelmörders

Der Diplomatensohn Jens Söring wurde in den USA wegen Doppelmordes verurteilt. Mehr als drei Jahrzehnte später ist er frei und ein gefragter Interviewpartner in den Medien seiner Heimat - auch im Deutschlandfunk. Doch Experten zweifeln an der Geschichte, die er in den Medien erzählt. Und kritisieren die Rolle der Journalisten dabei.

Ein Feature von Matthias Dell | 03.10.2022

Jens Söring nach seiner Rückkehr nach Deutschland 2019 - auch umringt von Medienvertretern
Jens Söring nach seiner Rückkehr nach Deutschland 2019 - auch umringt von Medienvertretern (imago images / brennweiteffm / via www.imago-images.de)
Markus Lanz: „Einen schönen guten Abend, ich freue mich sehr, dass Sie dabei sind.“ Jörg Pilawa: „Guten Abend, Jens Söring.“ Zibb: „Mehr als sein halbes Leben saß Jens Söring in den USA im Gefängnis.“ HR-Podcast "Verurteilt": „Danach hat Jens Söring im März 1985 die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom umgebracht.“ Zibb: „Eine Tat, die er bis heute abstreitet – den Mord an den Eltern seiner Freundin.“ HR-Podcast "Verurteilt" „Er gesteht das auch zunächst aus Liebe, sagt er, als er sein Geständnis widerruft.“ Jörg Pilawa: „Im Herbst 2019 dann auf Bewährung entlassen.“ Markus Lanz: „Herzlich willkommen, Jens Söring, ich freue mich sehr, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind.“
@mediasres-Spezial: Jens Söring – Die mediale Karriere eines verurteilten Doppelmörders. Ein Feature von Matthias Dell.
„Mein Name ist Siegfried Stang. Ich bin 66 Jahre alt, Kriminaldirektor im Ruhestand. Und ich habe mir gedacht, mit meiner Berufserfahrung und einem hochkomplexen Fall, vielleicht kann ich da mit meinem praktischen Wissen doch noch das eine oder andere herausfinden, was andere noch nicht herausgefunden haben. Denn das, was ich dazu las in den Medien, hörte sich relativ oberflächlich an.“
„Ich heiße Jens Söring. Und ich bin verurteilter Doppelmörder, juristisch gesehen. Tatsächlich bin ich unschuldig. // Im März 1985 wurden die Eltern meiner Freundin ermordet auf ganz schreckliche Art und Weise, also wirklich schlimm. // Tatsächlich habe ich dann ein Geständnis abgelegt. Ich habe der Polizei gesagt, ich habe ihre Eltern ermordet, und zwar nicht nur einmal, sondern mehrmals. // Dieses Geständnis war eine Lüge, weil ich dachte, dass ich damit meine Freundin schützen könnte.“
Siegfried Stang: „Und dieses Narrativ lässt sich auch sehr gut verkaufen: Nach dem Motto unbedarfter Musterknabe, Diplomatensohn wird von einer durchtriebenen, hinterlistigen Partnerin verführt und irgendwie reingelegt. Und dann nimmt er auch noch, weil er reingelegt worden ist, die Schuld auf sich. Und gibt das Versprechen ab: Ich nehme die Morde auf meine Kappe.“
Andrew Hammel: „Man will diese Geschichte glauben. Warum? Weil es ist eine Geschichte von einem Menschen, der ein Justizopfer war und freigekommen ist und wie ein Held zurück in sein Heimatland gekommen ist und jahrelang für seine Freiheit und Gerechtigkeit gekämpft hat. Schließlich mit Erfolg. Und das ist eine Geschichte, die Leute lesen wollen. Das macht Auflage und das erntet Klicks. Die Geschichte von einem Doppelmörder, der tatsächlich schuldig ist und darüber ständig lügt - das ist Alltagsgeschichte. Also die Hälfte der Menschen, die wegen Mordes in Deutschland einsitzen, meinen, ich bin unschuldig, und sie sind es offensichtlich nicht.“
Richard David Precht im Videopodcast "Hirte, Kritiker, Jäger", 2021: „Das ist ja eine herzzerreißende Geschichte, willste die mal erzählen?“ „Ja.“
„Ich heiße Andrew Hammel. Ich bin 53 Jahre alt, und ich wohne in Düsseldorf seit 2003. Ich bin Jurist. Ich war ehemals Strafverteidiger im Bundesstaat Texas für Menschen, die im Todestrakt sitzen. Und seit 2016 bin ich freiberuflich als Übersetzer und Journalist und Schriftsteller tätig. Ich habe mich intensiv mit diesem Fall befasst seit 2018. Anfangs bin ich auf einen Blog gestoßen: JensSoeringGuiltyAsCharged.com. Und es wurde mir sofort klar, dass der Verfasser dieses Blogs ganz interessante Informationen zum Fall hat. Und dass er eine Quelle innerhalb von Scotland Yard hat. Dann habe ich diese Verbindung zu dieser Quelle hergestellt, und das ist der Mensch Terry Wright, der ehemalige Kriminalbeamte von Scotland Yard. Und Anfang 2020 wurde ich kontaktiert von einer Frau namens Annabelle H. Und sie ist in diesem Podcast ‚Das System Söring‘ zu hören.“
Intro aus dem Podcast "Das System Söring"

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Andrew Hammel: „Sie ist eine ehemalige Anhängerin von Jens Söring. Aber sie wurde mit der Zeit, besonders nach seiner Freilassung, ziemlich enttäuscht. Und sie hat meine Artikel in der FAZ gelesen. Sie hat den Wright-Bericht gelesen, und es wurde ihr klar, dass fast alles, was Jens Söring über seinen Fall gesagt hat, auch ihr gegenüber, schlicht und einfach falsch war. Oder zumindest sehr verdreht. Und dann habe ich durch sie ein paar andere Quellen, zum Beispiel das gesamte Prozess-Protokoll, bekommen, und dann kamen weitere Menschen in Kontakt mit mir, weitere ehemalige Vertrauten von Jens Söring. Ich bin quasi jetzt Anlaufstelle für interessante Informationen über den Fall. Und dann habe ich mittlerweile ein ganz großes Archiv aufgebaut, ungefähr ein Terabyte von Informationen aller Arten.“
Basti Red im HR-Podcast "Verurteilt", 2021: „Ja, das klingt eher wie so'n Fall von den ganzen Dokus, die ich mir immer anschaue. Das geht so ein bisschen in dieses Crime-Dings rein. Probieren wir's trotzdem, das nüchtern, rational und chronologisch aufzuarbeiten.“

Wie die neue Erzählung ihren Anfang nimmt

Andrew Hammel: „Seit 2018 habe ich diesen Fall recherchiert, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Jens Söring schuldig ist und dass sein Verfahren in Virginia im Jahr 1990 fair war. Ich möchte auch hinzufügen: Also ich habe überhaupt nichts gegen Sörings Freilassung. Ich bin gegen die Todesstrafe und gegen lebenslange Freiheitsstrafen ohne Aussicht auf Bewährung. Und ich finde es auch in Ordnung, dass er die Zustände in amerikanischen Gefängnissen anprangert. Aber er hat auch andere Menschen schwer diffamiert, er hat andere Menschen verdächtigt für seinen Doppelmord. Und das finde ich inakzeptabel. Und ich finde auch, dass die deutschen Medien den Fall nicht skeptisch genug behandelt haben.“
Moderation aus der 3sat-Sendung Kulturzeit, 2019: „In seiner deutschen Heimat war es die Journalistin Karin Steinberger, die Jahre nach dem Prozess in der SZ den ersten langen Artikel über Söring veröffentlichte.“
Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
Jens Söring, hier als junger Mann in Virginia im Gerichtssaal (farbfilm verleih)
Siegfried Stang: „ Na ja, mich interessiert das Verhältnis von Steinberger zu Söring. Ich hab' dann also festgestellt, dass sie Söring erstmals 2006, also kurz bevor sie 2007 losgelegt hat mit ihrem ersten Artikel, besucht hat. Und dass sie ihn und den Fall Söring als Teil ihres Lebens betrachtet. Das können Sie der taz entnehmen, das ist ein Interview mit Marcus Vetter gewesen, wo er sagt: Karin hat immer gesagt, er war Teil ihres Lebens, und jetzt ist er auch Teil meines Lebens – Söring. Und da fehlt meines Erachtens so ein bisschen die journalistische Distanz und daraus folgend dann auch die notwendige Objektivität.“
Karin Steinberger auf dem Filmfest München, 2016: „Mein Name ist Karin Steinberger. Ich bin eigentlich Redakteurin der Süddeutschen Zeitung und habe jetzt mit Markus Vetter zusammen den Film "Das Versprechen" gemacht. In diesem Film geht es um Jens Söring.“ Marcus Vetter im selben Interview: „Für uns war es war wirklich eben diese sehr persönliche Geschichte und die Verbindung zwischen Karin und Jens.“

Zum Podcast von Karin Steinberger und Marcus Vetter im Dlf:

Siegfried Stang: „Wenn Sie zum Beispiel ihre Artikel mal in Gänze zusammengestellt lesen, dann sehen Sie das auch so ein bisschen. Zum Beispiel 2007: ‚Vergessen hinter Gittern‘. Dann 17. Mai 2010: ‚Lebendig begraben‘. Dann 23. Januar 2011: ‚Wut. Es ist einfach Wut‘. Dann 22. Januar 2011: ‚Gefangenschaft‘. Dann 2012, 17. Juli: ‚Weinen? Geht nicht.‘ Dann 3. Dezember 2016: ‘Neue DNA-Erkenntnisse im Fall Söring‘. Das ist gar nicht wahr, aber hat sie so geschrieben. Da kann man sehen, dass eine gewisse Affinität in Richtung Söring da ist, um es mal vorsichtig zu benennen. Wenn Sie die Überschriften für sich nehmen, merken Sie, wie viel Emotionalität darin steckt. Und die Emotionalität ist natürlich nicht gegen Söring gerichtet, sondern richtete sich damals auf das Bestreben, ihn freizubekommen.“
Moderation aus der 3sat-Sendung Kulturzeit, 2019: „… den Kinofilm ‚Das Versprechen‘ von 2016. Karin Steinberger, wir haben es eben gehört, ist gerade auf dem Weg nach Virginia, und ich freue mich, Markus Vetter in Düsseldorf begrüßen zu können. Herzlich willkommen!“
Marcus Vetter auf dem Dokville-Festival, 2018: „Also ich habe mich auch ganz wissentlich diesem Thema zugewendet. Zum einen für die Karin Steinberger, weil sie immer davon gesprochen hat, bei all unseren Drehs hat sie immer nur von Jens Söring gesprochen. // Sie kannte den ganzen Unterstützerkreis in Deutschland und in Amerika.“
Andrew Hammel: „Ich habe ein paar E-Mails mit Marcus Vetter, Co-Regisseur des Films, ausgetauscht. Aber als es sich herausgestellt hatte, dass ich den Film sehr kritisch sah, war da nichts mehr. Meine erste Reaktion öffentlich war dieser Artikel in der FAZ, das war 2019. Und es war eine Kritik an diesem Film, weil ich fand diesen Film extrem irreführend. Und als Jurist sieht man sofort, dass diese Einwände gegenüber Sörings Urteil alle nebensächlich sind.“
Aus dem Film "Das Versprechen", 2016: „Zunächst einmal war dieser Mann kein Experte für Fuß- oder Sockenabdrücke, er war Experte für Reifenabdrücke. Und man hätte ihm niemals erlauben dürfen, eine Meinung abzugeben.“ Eingangsmusik "Das Versprechen" "I put a Spell on you"
Andrew Hammel: "’I put a spell on you’, das ist der erste Song. Und der Film ist, finde ich besonders in dieser Hinsicht, ein bisschen sexistisch, weil Elizabeth Haysom wird als diese Schwarze Witwe, diese Spinne gezeichnet, die diesen armen Jens Söring manipuliert hat – sie trägt alle Schuld, sie hat ihre eigenen Eltern ermordet und hat ihn 30 Jahre sitzen lassen dafür.“
Marcus Vetter auf dem Dokville-Festival, 2018: „Dann hatten wir natürlich aber auch das ganze Archivmaterial. Wir hatten eine Femme fatale, also die Elizabeth. Das war mal echt das, was man so im Fernsehen eben sieht.“ Aus "Das Versprechen": „Sie manipulierte ihn, das zu tun, was sie wollte.“ Jens Söring in diesem Film:  „1986, da war so ein Gespräch, das anfing, mir die Augen zu öffnen. Und da habe ich eine ganze Menge geweint.“
Andrew Hammel: „Sie hat ihre Schuld nie widerrufen. Sie hat das immer akzeptiert: Ich habe ihn dazu angestiftet. Sie hat eine Freiheitsstrafe von 45 Jahre klaglos akzeptiert.“

Eine Erzählung in unterschiedlichen Varianten

Siegfried Stang: „Sörings Taktik ist, möglichst viele Behauptungen aufzustellen, um die Leute zu verunsichern. Dass der Effekt erreicht wird – Moment, wo viel Rauch, muss auch Feuer sein, da muss ja irgendwas dran sein. Und dass er dann diese Verunsicherung nutzt, um die Betroffenen mit seiner Ersatzversion, ich sage mal, das ‚Versprechen‘ zu konfrontieren. Und das wird dann gerne genommen.“
Jens Söring in der SWR-Sendung „Leute", 2021: „Und außer dem Geständnis gab es kein einziges stichhaltiges weiteres Beweismittel gegen mich.“

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Heike Borufka im HR-Podcast "Verurteilt", 2021: „Es hat keine Augenzeugen gegeben. Die Tatwaffe ist nicht gefunden worden.“ Moderator Basti Red: „Das sind für mich noch keine Ungereimtheiten, muss ich sagen.“ Heike Borufka: „Na ja, also mit einer Tatwaffe ist es deutlich besser.“
Jens Söring in der SWR-Sendung „Leute", 2021: „Mir war eine Feinheit in der Wiener Konvention zu diplomatischen Beziehungen nicht bewusst. Normalerweise haben die Familienangehörigen von Diplomaten Immunität. Aber wenn der Diplomat gerade bei einem Konsulat arbeitet, so wie mein Vater, haben die Angehörigen keine Immunität.“
Heike Borufka im HR-Podcast "Verurteilt", 2021: „Das war ein Diplomatensohn, und der hat geglaubt in seiner, wie ich finde, Überheblichkeit auch, dass er Immunität genießt. Nämlich: als Sohn eines Diplomaten kann ihm nichts passieren.“ Moderator Basti Red: „Also könnte ich als Diplomat jemanden umbringen?“ Heike Borufka: „Nein, so einfach geht es nicht, weil man kann ja die Immunität auch von Diplomaten aufheben. Aber er sagt, er hat in einem Interview gesagt, dass er glaubte, dass er das hat, weil, außer in den USA, gelte das in vielen, vielen anderen Ländern.“
Andrew Hammel: “Jens Söring hat immer gewusst und ausgenutzt, dass er ein Diplomatensohn ist. Er kommt aus den gebildeten gesellschaftlichen Ständen, er ist wortgewandt, er liest sehr viel, er kann charmant wirken und er hat den Habitus von einem Menschen – Upper Middle Class, würde man in den Vereinigten Staaten sagen. Besonders Journalisten fühlen immer so eine Verbindung mit ihm, weil sie können sich in seine Lage hineinversetzen.“
Markus Lanz, 2020: „Das, was Sie sagen, ist interessant, vor allen Dingen die Art und Weise, wie Sie es sagen, ist interessant.
Heino Ferch in der WDR-Sendung "Kölner Treff", 2021: „Ich bin ganz geballert davon, dass man eigentlich jemanden erwartet, der komplett gebrochen ist. Und Sie sitzen da und lachen und sind fröhlich.
Markus Lanz, 2020: „Universität für besonders begabte Studenten – Sie waren jemand, von dem man wusste, der hat eine Zukunft vor sich.“
Andrew Hammel: „Es schwingt auch mit eine Prise Anti-Amerikanismus. Also, Jens Söring, er ist ein Opfer der US-Justiz. Alle wissen, dass die amerikanische Strafjustiz brutal und unmenschlich ist. Selbst wenn man ihn nicht besonders sympathisch findet – er ist eine Gallionsfigur für eine besondere antiamerikanische Einstellung, die sehr verbreitet ist, besonders unter deutschen Journalisten.“
Markus Lanz, 2020: „Und ich habe neulich gelesen, dass Gefängnisse sogar die Möglichkeit haben, weil sie privatisiert sind, den jeweiligen Staat zu verklagen, für den Fall, dass er nicht genügend Insassen da reinsteckt.“
Heike Borufka im HR-Podcast "Verurteilt", 2021: „Jetzt komm' ich wieder, und du kannst mir ja zu Recht vorwerfen, ich erhebe mich darüber und sage sozusagen, dass deutsche System ist das bessere. Ich finde tatsächlich, dass deutsche System ist das bessere.“
Richard David Precht im Videopodcast "Jäger, Hirte, Kritiker", 2021: „Also, es gibt diesen Film ‚Die Verurteilten‘ aus den 90er-Jahren. Viele haben den gesehen mit Tim Robbins und Morgan Freeman. Vieles an deinem Buch hat mich daran erinnert, weil das sehr, sehr hart zeigt, wie dieser Gefängnisalltag tatsächlich aussieht: die Gefahr, vergewaltigt zu werden; das schwierige Verhältnis zu den Wärtern, unter denen es ja auch den einen oder anderen Sadisten gibt; diese Art Massentierhaltung; Mangel an Freiraum.“

Und wie Medien mit dieser Erzählung umgehen

Andrew Hammel: „Die Journalisten würden einen ganz normalen Doppelmörder nie wie Jens Söring behandeln. Sagen wir mal, ein Mensch mit Migrationshintergrund, der zwei Menschen in Deutschland umgebracht hat und danach versuchte, eine Celebrity zu werden. Würde Markus Lanz so einen Menschen einladen vor einem Millionenpublikum? Ein Mensch, der vielleicht einen Hauptschulabschluss hat und der von der deutschen Justiz verurteilt wurde? Natürlich nie im Leben.“
Markus Lanz, 2020: „Sie haben eben berichtet, wie Sie Urlaube verbracht haben, dort am Genfer See. Sie sind Sohn eines Diplomaten, ich glaube, in Thailand geboren.“
Siegfried Stang: „Da sitzt er also, Herr Söring, zusammen mit Markus Lanz und einem Kriminologen. Der Kriminologe sagt nichts zu dem, was Söring sagt, sondern wird eigentlich nur befragt und gibt Auskunft dazu, wie es so ist, in Haft zu sein, vielleicht auch insbesondere in amerikanischen Gefängnissen. Und Söring hat lang und breit Gelegenheit, sein Narrativ dort auszubreiten. Und wenn er mal ins Stocken kommt, hilft ihm Markus Lanz sogar noch aus.“
Markus Lanz, 2020: „Die Nacht der Tat, wo waren Sie da? Jens Söring: „Ich war nicht am Tatort. Ich habe nichts davon gewusst. Ich war in Washington, D.C, und ich war im Kino. Und ich erfuhr erst von der Tat später.“ Markus Lanz: „Von ihr?“ Jens Söring: … Markus Lanz: „Sie können sich aus juristischen Gründen nicht wirklich dazu äußern.“ Jens Söring: „Es ist tatsächlich so, dass sich die juristische Situation geändert hat.“
Siegfried Stang: „Das war im Grunde auch kein ausgewogener Journalismus, sondern es war eine Bühne, die man Herrn Söring da geboten hat.“
Andrew Hammel: „Dann habe ich eine Beschwerde eingelegt, zusammen mit einem Rechtsanwalt. Das war eine sehr lange Beschwerde, weil er durfte bei Markus Lanz alles erzählen, alle Menschen anschwärzen ohne jegliche Gegenstimme, ohne jeglichen Widerspruch. Und das fand ich katastrophal. Das ZDF hat die Beschwerde ernst genommen, und der Anstaltsleiter von ZDF hat mir einen Brief geschrieben, und er hat den Auftritt verteidigt unter Stichworten wie ‚Artikel 5 Grundgesetz‘ und ‚Zweite Chance für Menschen‘. Aber komischerweise haben sie diese Sendung aus der Mediathek genommen. Sie ist nirgendwo auffindbar.“
Siegfried Stang: „Das einzige Mal, wo es etwas schwieriger wurde, war in der NDR-Talkshow mit Jörg Pilawa am 24.9.21, denn der Pilawa hat ihn immer wieder unterbrochen und hat gesagt.“
Jörg Pilawa in der „NDR-Talkshow“, 2021: „Schuldig oder unschuldig, darum kann es hier nicht gehen. Juristisch ist es so, dass sie auf Bewährung freigelassen worden sind. Und deshalb sprechen wir nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um das neue Leben in ihrer Freiheit, weil darüber haben Sie ein Buch geschrieben. Guten Abend, Jens Söring. // Aber rein juristisch ist es so: Sie sind auf Bewährung raus, und deshalb müssen wir sagen: Doppelmörder, rein juristisch.“ Jens Söring: „Und das ist eben das Problem, was ich habe. Das war sehr bitter für mich.“

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Siegfried Stang: „Das passte ihm nicht, dem Herrn Söring. Und das hat er mir übrigens bei unserem Gespräch auch gesagt. Er habe sich über Pilawa geärgert. Das hat ihn aber nicht gehindert, in der Talkshow dann lächelnd, immer noch in Nebensätzen oder dadurch, dass er Pilawa ins Wort gefallen ist, seine Thesen und seine Unschuldsbekundungen dort anzubringen.“
Jörg Pilawa in der „NDR-Talkshow“, 2021: „Ich muss nur immer, weil wir juristisch auch sauber sein müssen. Also, wir reden jetzt immer von Unschuld, Sie sind momentan auf Bewährung raus, die Bewährung …" Jens Söring: „… die Bewährung endete am Flughafen.“ Jörg Pilawa: „Genau.“
Andrew Hammel: „Das stimmt überhaupt nicht. Der Bewährungsausschuss hat explizit gesagt: Jens Söring steht unter einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Punkt. Es wird ihm nur erlaubt, diese Freiheitsstrafe in Deutschland zu verbüßen. Das ist Bewährung.“
Jörg Pilawa in der „NDR-Talkshow“, 2021: „Also müssen wir nur sagen: Sie wussten für sich ob der Unschuld, aber juristisch ist immer noch der Schuldspruch da. Nur, dass wir da juristisch ganz sauber sind.“

Der Eindruck: Medienkritik ist nicht gewollt

Andrew Hammel: „Dann habe ich ein einen Anruf von einer ‚Spiegel‘-Journalistin bekommen. Und wir führten ein freundliches Gespräch, ich glaube, fast eine Stunde lang. Sie war sehr interessiert an meiner Meinung zum Fall, und ich habe ihr vorgeschlagen, wenn man wirklich seine Glaubwürdigkeit auf den Prüfstand stellen will, muss man sehr präzise formulierte, faktenbasierte Fragen stellen. Und ich habe auf die Schwachstellen in seiner Geschichte hingewiesen. Ja, dann wurde das Interview geführt. Ich war nicht dabei, und dann, ich glaube, das war am 28. Februar, kam das Interview heraus. Ich habe erst mal gedacht: Okay, es gibt einige leicht kritische Fragen in diesem Interview, und das ist ein gutes Signal. Und dann, als ich gelesen habe, dass er sagt: Ich weiß nicht, wer es getan hatte – ich musste lachen, weil es wird langsam lächerlich, wie viele Male er seine Geschichte verändert hat.“

Mehr zum Thema:

Jens Söring im Film "Das Versprechen", 2016: „Da war ich plötzlich auf Flucht international, und musste irgendwo Geld herbekommen. Typisch Elizabeth – die wollte natürlich Drogen-Deals machen. In Thailand. So was Verrücktes.“
Jens Söring bei "Markus Lanz", 2020: „Ursprünglich flohen wir nach Europa. Von Europa flohen wir dann weiter nach Thailand, weil ich dort geboren war. Und dort versuchten wir, Jobs zu finden. Als Englischlehrer unter anderem, denn wir konnten beide gut Englisch, und dafür gab es ein Bedürfnis in Thailand. Aber wir konnten keine Jobs finden in Thailand.“
Jens Söring im ZDF in der Sendung "Kerner", 2007: „…entgegen ihrer vorherigen Behauptungen doch noch am Benutzen von Drogen sei...“ Johannes B. Kerner: „Und wann und wie haben Sie dann vom Tod ihrer Eltern erfahren?“ Jens Söring: „Das war vielleicht 2:30 morgens am nächsten Tag.“ Johannes B. Kerner: „So lang hatten Sie Elizabeth nicht gesehen?“ Jens Söring: „Genau. Zu dem Zeitpunkt war ich wieder im Hotel und machte mir riesige Sorgen, denn aus meiner Sicht befürchtete ich, dass das also der typische – auf Englisch sagt man: drug deal gone bad, also ein Drogendeal, der irgendwie schiefgelaufen ist.“ Johannes B. Kerner: „Schon klar.“ Jens Söring: „Und das las man andauernd in der Zeitung, dass so was passierte, und das erwartete ich, sei möglicherweise mit Elizabeth passiert. Und dann kam sie natürlich rein und hatte eine ganz andere Geschichte mir zu erzählen.“ Johannes B. Kerner: „Welche?“ Jens Söring: „Dass sie ihre Eltern umgebracht hatte.“ Johannes B. Kerner: „Wie hat sie das gesagt?“ Jens Söring: „In dem Hotel waren so zwei Betten nebeneinander, sie ist an mir vorbei und hat sich auf das andere Bett gesetzt und hat sich so nach vorne gelehnt und hat die Oberarme so auf die Schenkel gesetzt. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, denn sie hatte so was Braunes am Oberarm, und gleich dahinter stand der Tisch, da war unser Essen drauf. Da ist noch so ein Bild, was ich so im Kopf habe. Und sie hat also gesagt, sie hätte – ich übersetze das jetzt natürlich aus dem Englischen …“ Johannes B. Kerner: „Sagen Sie's ruhig auf Englisch, ist kein Problem.“ Jens Söring: „Sie hätte also ihre Eltern umgebracht, und das hat sie immer wieder wiederholt.“
Aus einem Interview im „Spiegel“, 2020: „Zurück zu Nancy und Derek Haysom: Haben Sie die beiden getötet?“ Jens Söring: „Absolutely not. Nein, überhaupt nicht.“ „Spiegel“: „Wer war es dann?“ Jens Söring: „Das weiß ich nicht. Ich war nicht dabei. Die forensischen Beweismittel sagen, dass mindestens zwei andere Männer am Tatort waren.“
Andrew Hammel: Also, er hat einen Großteil seiner Geschichte einfach fallen gelassen bei diesem ‚Spiegel‘-Interview. Es ist mir durch Quellen bekannt geworden, dass die Journalistinnen durchaus sehr kritische Fragen gestellt haben. Aber dass diese Frage nicht in der Form gedruckt worden sind. Und das fand ich ein bisschen enttäuschend, weil natürlich war dieses ‚Spiegel‘-Interview sehr prägend für die Berichterstattung und die Wahrnehmung in Deutschland. Und ich habe auch gesagt, ich würde gerne mal eine Gegendarstellung schreiben im ‚Spiegel‘. Der ‚Spiegel‘ hatte überhaupt kein Interesse daran, die wollten das nicht. Sie waren sehr verdächtig auf mich, der ‚Spiegel‘. Sie haben sogar einen Kollegen beauftragt, meine Hintergründe zu recherchieren. Eine von diesen Journalistinnen hat versehentlich mir eine E-Mail geschickt, in der steht: Wir wissen nicht viel über diesen Hammel. Was sind seine Motivationen? Sie haben informelle Anstalten gemacht, um meine Hintergründe zu erleuchten. Und das fand ich auch ein bisschen unpassend, könnte man sagen.“
Aus dem HR-Podcast "Verurteilt" 2021: „Verurteilt. Der Gerichts-Podcast mit Heike Borufka und Basti Red.“
Heike Borufka: „Das sind wir.“ Basti Red: „Für uns auch eine Premiere, dass wir was behandeln, was nicht in deinem Orbit stattgefunden hat.“ Heike Borufka: „Und wo ich nicht im Prozess war, wo ich keine Akte kenne, wo ich gar nichts kenne, und was ich nie machen wollte.“ Basti Red: „Wir werden sehen, ob man das merkt. Aber Du hast dich ja trotzdem informiert. Gewissenhaft, wie du bist.“
Andrew Hammel: „Und das ist das Problem. Die Journalisten wissen nicht genug Bescheid über diesen komplexen Fall.“
Heike Borufka im HR-Podcast "Verurteilt", 2021:  „Was da passiert ist, weiß ich natürlich auch nicht so genau, weil ich ja wie gesagt nicht in dem Prozess war. // Also, das weiß ich nicht so ganz genau. … Es gibt eine lange Dokumentation über diesen Fall. // Ich nehme es mal vorweg: Ich habe ihn ja gesehen, als er hier nach Frankfurt zurückkam. Von daher habe ich schon einen persönlichen Berührungspunkt auch. // Aber einer, der mit 18 Jahren in diesen Briefen – das sind ja so erotische Gewaltfantasien.“ Basti Red: „Gegenüber den Schwiegereltern?“ Heike Borufka: „Nein, nicht den Schwiegereltern. Die er ihr geschrieben hat.“ Basti Red: „Also, es gab keine Briefe, wo Gewaltfantasien gegenüber den Eltern waren?“ Heike Borufka: „Ich weiß nicht so genau, das Netz ist voll mit diesen Briefen, aber ich gebe zu, ich habe die nicht gelesen. // Ich kann sie mir deshalb nicht merken, weil ich auch wirklich nicht in diesem Prozess war. Ich musste mir das alles draufschaffen. // Basti Red: „Oh, je, es ist tatsächlich sehr, sehr vertrackt alles.“ Heike Borufka: Ja, warte mal, Moment mal! Meine Ungereimtheiten sind noch nicht zu Ende!“         
Richard David Precht im Videopodcast "Hirte, Kritiker, Jäger", 2021: „Jens, bist du Jäger, Hirte oder Kritiker?“ Jens Söring: „Ich glaube, von der Veranlagung her wäre ich eigentlich Kritiker. Aber das Leben hat mich dazu gezwungen, Jäger zu werden.“
Siegfried Stang: „Ich möchte Söring nicht schaden. Ich hoffe auch, dass er, und da bin ich auch zuversichtlich, dass er resozialisiert wird, und er zeigt ja auch beste Anzeichen dazu. Es geht mir einfach darum, dass die Wahrheit nicht untergeht. Dass die Wahrheit irgendwo auch von den führenden Medien vielleicht wahrgenommen wird.“
Andrew Hammel: „Das beste Interview mit Jens Söring, das ich je gesehen habe, war auf dem YouTube-Kanal von Leeroy Matata, ‚Leeroy will's wissen‘. Er hat eigene Nachforschungen getan. Und er hat die Ergebnisse eingeblendet, also quasi als laufende Korrektur, wenn Söring etwas sagte, das nicht stimmte oder nicht vollständig war. Also, Leeroy Matata war überhaupt nicht aggressiv. Er ließ Söring sprechen und seine Geschichte erzählen. Aber diese kritischen Einblendungen waren sehr entlarvend. Und die meisten YouTube-Kommentare waren: Ich glaube diesem Menschen nicht.“
Jens Söring in "Leeroy wills wissen", 2022: „Das Hauptbeweismittel sind die Geständnisse. Denn ich habe es ja nicht nur der Polizei einmal gesagt, ich habe der Polizei das ja mehrmals gesagt. Und das ist natürlich ein riesig wichtiges und sehr glaubwürdiges Beweismittel. Wenn jemand sagt, er hat zwei Menschen umgebracht, dann ist das verständlich, dass die Geschworenen das geglaubt haben.“ Leeroy Matate: „Ja, und dann drei Jahre später zu kommen und zu sagen: Übrigens, das habe ich mir alles ausgedacht, und meine Freundin war es eigentlich, ich wollte sie nur schützen - das wirkt natürlich dann auch, als würdest du da nach drei Jahren Gefängnis versuchen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und hättest dir da wieder eine andere Geschichte zurechtgelegt.“
@mediasres-Spezial: Jens Söring – Die mediale Karriere eines verurteilten Doppelmörders
Ein Feature von Matthias Dell
Interviews mit Andrew Hammel und Siegfried Stang
Redaktion: Bettina Schmieding
Technik: Philipp Adelmann
Sprecherin: Birgit Paul
Andrew Hammel: „Das war ein ziemlich deprimierendes Bild von manchen deutschen Medienmachern. Und ich habe diese Medienmacher kritisiert in der Öffentlichkeit, und ich glaube, diese Kritik war vollkommen gerechtfertigt. Also, wenn Leute mich kritisieren, dann erwidere ich was, und ich bin offen für Kritik, und ich gestehe meine Fehler ein. Als Anwalt und als Journalist muss man das tun. Aber sie haben nie öffentlich Stellung genommen zu dieser harten, aber fairen Kritik an ihrer Arbeit. Und das finde ich sehr deprimierend, sehr enttäuschend.“