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Jeremy Corbyn Antitypus des Karriere-Politikers

In Großbritannien ist ein Hype um Jeremy Corbyn ausgebrochen, den Favoriten für den Vorsitz der Labour-Partei. In Deutschland würde Corbyn als Linkspopulist etikettiert, in Großbritannien erfüllt er die Sehnsucht vieler nach mehr sozialer Gerechtigkeit - und nach mehr Authentizität in der Politik

Von Friedbert Meurer | 12.09.2015

Der Favorit für den neuen Vorsitz der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, mit seinem Fahrrad
Der Favorit für den neuen Vorsitz der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn (picture alliance / dpa/ Andy Rain)
Er ist irgendwie der Hans-Christian Ströbele der britischen Politik, ein in Ehren ergrauter Star der Altlinken. Anfangs wurde seine Kampagne verspottet, jetzt ist sie gerade bei jungen Leuten Kult. Eine Corbynmania läuft durch das Land.
"Waren es Krankenschwestern, die die Bankkrise verursacht haben? Waren es die Straßenkehrer oder die Arbeitslosen? Oder war es die Unfähigkeit und Uneinsichtigkeit der Regierung, die es dieser Krise erlaubt hat, über uns hereinzubrechen?"
Corbyns Überzeugungen seit 70ern nicht verändert
In Deutschland würde Corbyn als Linkspopulist etikettiert, in Großbritannien erfüllt er die Sehnsucht vieler nach mehr sozialer Gerechtigkeit – und nach mehr Authentizität in der Politik. Corbyns Überzeugungen haben sich seit seinen Auftritten in den 70er-Jahren nicht verändert, so wenig wie seine Cordjacketts. In Lateinamerika hat er zwei Jahre Sozialarbeit absolviert. Er ist der Antitypus des Karriere-Politikers.
"Ich bin jemand, der an das glaubt, was er sagt, und der dafür einsteht."
Der konservative "Daily Telegraph" versucht ihn vergeblich als "posh" zu brandmarken, als eigentlich vornehm und abgehoben von seiner Herkunft her, und zeigt Fotos eines stattlichen Anwesens auf dem Land, auf dem Corbyn aufgewachsen ist. Seine Eltern gehörten aber nicht zur Oberschicht, der Vater war Elektroingenieur, die Mutter Mathematiklehrerin. Beide überzeugte und hochpolitisierte Friedensaktivisten.
Corbyns Prinzipienfestigkeit bezeichnen andere als Halsstarrigkeit. Frühere Weggefährten halten ihn für einen unverbesserlichen Sozialisten.
Der Journalist Leo McKinstry hat in den 90er-Jahren für Labour gearbeitet. Corbyn habe triumphierend gesagt:
"Unser Job ist es nicht, den Kapitalismus zu reformieren, sondern ihn zu überwinden. Ich dachte, das ist ein bizarres Statement von jemandem, der einen gemäßigt linken Partei angehört."
Labour rückt nach links
Jeremy Corbyn hat Labour längst schon nach links gerückt, die Partei distanziert sich von allem, was nach New Labour riecht. Corbyn will Tony Blair vor Gericht sehen, die Anklage lautet auf Kriegsverbrechen im Irak. Großbritannien soll die Nato verlassen und die Monarchie abschaffen, Energiekonzerne verstaatlichen, Kohleminen wieder eröffnen. Niemand glaubt, dass Corbyn jemals Premierminister wird. Er selbst wohl auch nicht.
Der bei den letzten Wahlen vernichtend geschlagenen Labour-Party hat er neues Leben eingehaucht. Andere fürchten dagegen, er habe die Partei an den Abgrund geführt, zurück in alte schwerste innere Verwerfungen. Labour hat zwar viele neue Mitglieder gewonnen, assoziierte Mitglieder, die für drei Pfund bei der Urwahl mitwählen dürfen. Niemand weiß genau, wo die 200.000 neuen Labour-Aktivisten herkommen. Der Hype um Jeremy Corbyn aber ist echt – die Partei singt ihr Lied von der roten Flagge wieder voller Inbrunst.