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StartseiteBüchermarktSehnsucht statt Satire14.08.2019

Joey Goebel: „Irgendwann wird es gut“Sehnsucht statt Satire

Seine Erzählungen handeln von einsamen Menschen und spielen in einer faden, verarmten Kleinstadt im Mittleren Westen. Trotzdem spendet Joey Goebel seinen Lesern Hoffnung und Trost. Nach vier Romanen ist die erste Kurzgeschichtensammlung des US-amerikanischen Autors auf Deutsch erschienen.

Von Kirsten Reimers

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Buchcover: Joey Goebel: „Irgendwann wird es gut“ (Foto: Deutschlandradio/Stefan Fischer, Buchcover: Diogenes Verlag)
Seine satirischen Beschreibungen der US-amerikanischen Provinz-Tristesse machten ihn zu einem scharfsinnigen Kommentator seiner Gegenwart: der 1980 in Kentucky geborene Autor Joey Goebel (Foto: Deutschlandradio/Stefan Fischer, Buchcover: Diogenes Verlag)
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Anthony Dent ist ein schüchterner, einsamer Mann Mitte 20. Täglich folgt er einem Ritual: Zu den 18-Uhr-Nachrichten bereitet er zwei Gläser Bourbon mit Wasser vor – eines für sich und eines für Olivia Abbott, die Moderatorin im Fernsehen. Erscheint sie auf dem Bildschirm, prostet er ihr zu und erzählt ihr von seinem Tag; meist hat er dafür einen Zettel mit Stichworten vorbereitet. Eines Tages beschließt Anthony, die Moderatorin beim Sender abzupassen. Dort wirft sich ihm jedoch Carlisle, ein weiterer Stalker, in den Weg, um Anthony klar zu machen, dass er Olivia zuerst gesehen hätte und sie somit ihm gehöre.

Wider Erwarten freunden sich die beiden Männer an. Nach einer Weile willigt Carlisle sogar ein, Anthony zu helfen, Kontakt zur Moderatorin aufzunehmen. Und tatsächlich: Mit Carlisles Unterstützung passt Anthony Olivia wie zufällig in einer Bar ab und kommt mit ihr ins Gespräch. Die beiden unterhalten sich so gut, dass ihm Olivia sogar ihre Telefonnummer gibt. Was wie eine Loser-Geschichte begann, steuert auf ein glückliches Ende zu. Das Wunder scheint wahr zu werden: Die unerreichbare und von allen umschwärmte Moderatorin entdeckt ihr Herz für den unscheinbaren Lagerarbeiter, bis – ja, bis Anthony aus übergroßer Naivität alles vergeigt.

Abgehängt in Kleinstadttristesse

Anthony Dent wohnt wie die anderen Figuren aus Joey Goebels Kurzgeschichtensammlung "Irgendwann wird es gut" in der eher gesichtslosen Kleinstadt Moberly:

"Moberly, Kentucky, lag am Ohio River im Westteil des Bundesstaates, eines auf ewig verarmten Staates, der in Sachen Gesundheit und Bildung landesweit zu den Schlusslichtern gehörte. Es war ein kleiner, freundlicher Ort, und wahrscheinlich käme man zu dem Schluss, dass er sich kaum von anderen Orten unterschied. Beispielsweise fuhren genau wie anderswo die Leute auf Parkplätzen zu schnell, und die meisten Eltern passten auf dem Spielplatz nicht ordentlich auf ihre Kinder auf. Und wie in den meisten amerikanischen Städten gab es keine Buchhandlung."

Zwei Hauptverkehrsstraßen, ein Wal-Mart, der Fernsehsender – viel mehr hat Moberly nicht zu bieten. Die jungen Leute der Stadt haben das dumpfe Gefühl, das Leben fände irgendwo anders statt, die Rentner hingegen fühlen sich hier ganz wohl – vielleicht haben sie aber auch nur resigniert. Die Personen, die Joey Goebel in den Mittelpunkt seiner Kurzgeschichten stellt, sind unglückliche Außenseiter. Sie fühlen sich isoliert und sehnen sich danach, mit jemandem sprechen zu können. Gern wären sie anders, selbstsicherer.

Anthony Dent zum Beispiel würde ungeheuer gern lieben und zurückgeliebt werden. Er hat das Gefühl, geradezu überzufließen vor ungenutzter Liebe. Selbst die im ganzen Ort beliebte Fernsehmoderatorin Olivia Abbott ist alles andere als glücklich, wie eine spätere Geschichte zeigt. Viele Figuren haben das Gefühl, dass eine Abmachung verletzt worden wäre. Besagt der amerikanische Traum nicht, dass belohnt wird, wer sich anstrengt? Dass Glück, Erfolg und Zufriedenheit den Fleißigen winken? In Goebels Geschichten funktioniert diese Gleichung nicht – im Gegenteil: Wie Matt – ein geschiedener und von Gewissensbissen geplagter Vater eines kleinen Jungen – bemerkt, scheint es so, als würde Gott sagen: "Nö. Nicht für dich."

Gegenentwurf zu einer absurden Gegenwart

"Irgendwann wird es gut" ist die erste Kurzgeschichtensammlung, die Joey Goebel veröffentlicht, und sie unterscheidet sich deutlich von seinen vorherigen vier Romanen. Wie der Autor in einem Interview mit dem Schriftsteller Benedict Wells am Ende des Buches sagt, hat die Präsidentschaft Donald Trumps sein Schreiben verändert:

"Meine Werke haben immer satirische Elemente enthalten – manchmal sehr viele. Das war einmal. Welchen Sinn hätte Satire, wenn das Leben an sich absurder ist als alles, was ich mir ausdenken könnte? Und das hat meine Entscheidung beeinflusst, diese Storys in einem viel realistischeren Stil zu schreiben als alles in meinen bisherigen Büchern. Diese Geschichten sind geerdet und plausibel, weil das Leben in den USA das nicht mehr ist."

Zärtliche Figurenzeichnung

Goebel, der selbst aus einer Kleinstadt in Kentucky stammt, vermeidet jegliches Klischee und nähert sich seinen Figuren mit viel Liebe und großer Zärtlichkeit. Sie mögen noch so skurril gezeichnet sein, zu keinem Zeitpunkt führt der Autor sie vor oder fällt ihnen in den Rücken. Die zehn Geschichten des Buches spielen Mitte der 90er-Jahre über einen Zeitraum von vielleicht zwei Jahren. Sie sind über die Figuren miteinander verwoben, was aus "Irgendwann wird es gut" eine Art eigenwilligen Roman macht.

Da ist zum Beispiel die Lehrerin Stephanie, die ihren Schülern in der letzten Stunde vor den Ferien anbietet, sie von Partys abholen, wenn sie zu viel getrunken haben. Damit will Stephanie vermeiden, dass einer ihrer Schüler wegen Trunkenheit am Steuer im Bezirksgefängnis landet – wie ihr Mann Dan. Dan – das zeigt eine andere Geschichte – leidet an einer tiefen, unheilbaren Traurigkeit und schreibt anonym hasserfüllte Briefe an den Radio-DJ Tug. Und Tug ist der Stiefsohn von Winston Herman, der sich vollständig aus dem Leben zurückgezogen hat und das Haus nicht mehr verlässt.

"Seit er ein kleiner Junge war, fühlte [Winston] sich von anderen isoliert. Doch dieses Gefühl des Isoliertseins ging mit einem anderen Gefühl einher. Es war ein diffuses Gefühl der Sehnsucht nach etwas, ohne dass er wusste, wonach er sich sehnte. (…) In kurzen Geistesblitzen, die rasch wieder in den Äther entschwanden, verortete er diese Etwas (…) im Inneren anderer Menschen. Doch andere Menschen hatten dafür gesorgt, dass er sich überhaupt erst isoliert fühlte. Sein Leben lang hatte er versucht, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden."

Trotz allem: Trost

So traurig die Geschichten auch sind, so einsam und depressiv die Figuren scheinen: Letztlich haben Goebels Kurzgeschichten etwas Tröstliches. Denn oftmals finden seine Figuren eine Art Frieden mit sich. Manchen gelingt es sogar, aus ihrer Isolation auszubrechen. So reißt Winston ganz wortwörtlich die Mauern seines selbstgewählten Gefängnisses nieder, als er sich aus der Ferne verliebt.

Es sind kleine, alltägliche Geschichten, die Goebel erzählt – und doch passiert so viel Umwälzendes und tief Erschütterndes, dass es irgendwann tatsächlich gut wird oder zumindest werden könnte.

Joey Goebel: "Irgendwann wird es gut"
Aus dem amerikanischen Englisch von Hans M. Herzog
Diogenes Verlag, Zürich. 313 Seiten, 22 Euro.

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