Joseph Andras: "Kanaky"Freiheitskampf in Neu-Kaledonien

Alphonse Dianou: Für den französischen Staat galt er als Terrorist. Er und einige seiner Mitstreiter wurden bei der Geiselbefreiung durch französische Truppen getötet. Revolution und Pazifismus in der Südsee - Joseph Andras schildert in seinem engagierten Buch den Kampf der Bewohner Neu-Kaledoniens um Unabhängigkeit.

Von Dirk Fuhrig | 03.05.2021

Ein Portrait des französischen Schriftstellers Joseph Andras und das Cover seines Romans "Kanaky"
Ein Portrait des französischen Schriftstellers Joseph Andras und das Cover seines Romans "Kanaky" (Buchcover Hanser Verlag / Autorenportrait © Rezvan S.)
Obwohl im Deutschen das Wort "Kanak" einen sehr abwertenden Klang hat, haben sich der Verlag und die Übersetzerin von Joseph Andras' Buch dafür entschieden, die Selbstbezeichnung der Neukaledonier beizubehalten. Claudia Hamm erläutert den Begriff im Anhang:
"Vom hawaiianischen 'kanaka' für 'Mensch' entlehnten die Franzosen die pejorative Bezeichnung 'canaque' für die Bewohner des Pazifikraums. […] Die Bezeichnung 'Kanaky' für Neukaledonien ('das Zuhause des Menschen') folgt dieser Praxis."
Joseph Andras beleuchtet in diesem "Bericht" genannten Buch einen entscheidenden Vorfall im Kampf eines Teils der Inselbevölkerung um die Loslösung von der einstigen Kolonialmacht Frankreich:
"Am 22. April 1988 stürmten ein paar Dutzend Unabhängigkeitskämpfer mit Stich- und Schusswaffen eine Gendarmerie auf dem Ouvéa-Atoll. Vier Militärangehörige verloren ihr Leben bei dem, was eigentlich als Geiselnahme ohne Opfer geplant war, um das Mutterland […] in die Knie zu zwingen."

Das Gesicht der Unabhängigkeitsbewegung

Der Anführer dieser Gruppe war Alphonse Dianou. Für den französischen Staat galt er als Terrorist. Er und einige seiner Mitstreiter wurden bei der Geiselbefreiung durch französische Truppen getötet.
Joseph Andras ist vor dem ersten Unabhängigkeitsreferendum 2018 nach Neukaledonien gereist, um ein Porträt dieses Mannes zu zeichnen, der für ihn alles andere als ein kaltblütiger Mörder ist.
"Dianou, der Priester werden wollte und dafür ein Studium absolviert hatte, war kurz vor der Besetzung der Gendarmerie noch ein aktiver Pazifist gewesen. Ein überzeugter. Im Juli 1987 hatte er ein Interview gegeben, in dem er sich auf Gandhi und das Evangelium berufen und erklärt hatte: 'Länder, die sich mit Waffengewalt befreit haben, hatten später Regierungen, die sich mit Waffengewalt gegen das Volk durchgesetzt haben'. Wie konnte dieser Mann innerhalb von neun Monaten […] zu jenem blutrünstigen Monster werden, von dem man immer wieder liest?"
Neukaledonien wurde im 19. Jahrhundert von Frankreich kolonisiert. Durch Zuwanderung wurde die ursprüngliche Bevölkerung nach und nach zu einer Minderheit.
Die "Kanakische sozialistische Front der nationalen Befreiung" (FLNKS) hatte seit den 70er Jahren zum Teil gewaltsam versucht, die Loslösung von Frankreich zu erzwingen. Inzwischen hat es zwei Volksabstimmungen über die Loslösung vom Mutterland gegeben, zuletzt vor einem halben Jahr. Da beide für einen Verbleib bei Frankreich ausgingen, ist eine weitere Abstimmung denkbar.
Joseph Andras hat die Ereignisse rund um die Geiselnahme 1988 umfassend recherchiert. In Archiven, in Akten der französischen Regierung und in den Zeitungen und Zeitschriften der späten 80er Jahre.
"Das Bild, das von Alphonse in der französischen Presse und praktisch allen Büchern gezeichnet wurde, die von den 'Ereignissen' handeln (immerhin wurde die Hälfte davon von Militärs geschrieben und nicht eines von einem Kanak). Cholerisch, hysterisch, blutrünstig, mitleidlos."

Kämpfer gegen Imperialismus und Kapitalismus

Joseph Andras schildert ausführlich seine Begegnungen mit Familienangehörigen und Freunden seines Protagonisten, er sammelt Stimmen und versucht, sich ein Bild vom Charakter des damals 28 Jahre alten Mannes zu machen, der als Symbol für den Unabhängigkeitskampf in die Geschichte eingegangen ist. Dianous Vorbilder waren offenbar internationale Symbolfiguren der Revolte wie Martin Luther King, Mahatma Ghandi oder Che Guevara.
Eine große Empathie für charismatische Charaktere im Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus durchzieht das gesamte Buch. Es ist nicht frei von einer gewissen Revolutionsromantik. Andras huldigt seinem Protagonisten als Helden der Befreiung von der erdrückenden Kolonialherrschaft Frankreichs. Daher ist es ihm so wichtig, Alphonse Dianou vom Vorwurf des Terrorismus freizusprechen und seine eigentlich pazifistische Einstellung zu belegen.
"Kanaky" ist ein eindrucksvoller Text, der journalistische und historische Nachforschungen mit einem ausgeprägten Sinn für die eingängige Schilderung der Ereignisse in oft poetischer Schreibweise verknüpft. Andras versucht durch die Gespräche mit den Inselbewohnern die offizielle Informationspolitik der französischen Regierung als interessengesteuerte kolonialistische Propaganda zu entlarven.
Der "Bericht" ist ein herausragendes Beispiel engagierter Literatur unserer Tage. Nach seiner Abrechnung mit dem Algerienkrieg, die ihm vor fünf Jahren so große Aufmerksamkeit in Frankreichs Literaturszene verschafft hatte, trifft Joseph Andras mit "Kanaky" in die Debatte über die Aufarbeitung der Kolonialzeit, die auch hierzulande immer stärker geführt wird.
Joseph Andras verlangt auch von seinen Lesern, sich in politischen Auseinandersetzung klar zu positionieren - so wie er sich in "Kanaky" eindeutig auf die Seite der Unabhängigkeitsbewegung und seines Helden Alphonse Dianou geschlagen hat:
"Keiner kann sich aus einem Streit heraushalten: Sich nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung, nicht zu urteilen ist auch eine Tat, keine Stellung zu beziehen ist auch eine Parteinahme. Und keiner schreibt mit unbeteiligtem Herzen und ohne Gefühle, keiner ist Stadtschreiber außerhalb der Mauern, mit sauberen Händen und dem reinen Bewusstsein des Humanisten: Neutralität ist ein anderer Name für Kollaboration."
Joseph Andras: "Kanaky"
übersetzt aus dem Französischen von Claudia Hamm
Carl Hanser Verlag, München, 320 Seiten, 25 Euro.