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Startseite@mediasres"Andere werden versuchen, die Grenzen auszuloten"31.08.2021

Journalismus in Afghanistan"Andere werden versuchen, die Grenzen auszuloten"

Nach dem Abzug der letzten US-Soldaten mussten auch zahlreiche Journalistinnen und Journalisten in Afghanistan zurückbleiben. Er wisse von Fällen, die nun "von Haus zu Haus fliehen", sagte der Journalist und Afghanistan-Kenner Marc Thörner im Dlf. Diejenigen, die weiterarbeiten, würden versuchen, "tastend weiterzumachen".

Marc Thörner im Gespräch mit Henning Hübert

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Menschen in Kandahar - eines der ersten Bilder aus Afghanistan, nachdem die letzten US-Soldaten das Land nach gut 20 Jahren verlassen haben (IMAGO / Xinhua)
Menschen in Kandahar - eines der ersten Bilder aus Afghanistan, nachdem die letzten US-Soldaten das Land nach gut 20 Jahren verlassen haben (IMAGO / Xinhua)
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Erstmals seit 2001 sind keine US-Truppen mehr in Afghanistan, die letzten an der Evakuierungsmission am Kabuler Flughafen beteiligten Soldaten sind abgezogen. Mehr als 114.000 Menschen wurden in den vergangenen zwei Wochen noch aus der Hauptstadt ausgeflogen. Dennoch sind Zehntausende Afghaninnen und Afghanen und auch Staatsangehörige des Westens zurückgelassen worden, darunter Journalisten.

Er selbst habe mitgeholfen, Namen von Journalistinnen und Journalisten auf die Listen der Bundesregierung zu setzen, die Afghanistan in einem Flugzeug der Bundeswehr verlassen dürfen, sagte Marc Thörner, der seit Jahren aus und über Afghanistan berichtet. Einige hätten so tatsächlich das Land verlassen können, andere dagegen nicht. Warum, wisse er auch nicht, so der 57-Jährige. "Man blickt nicht so genau durch."

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Statt aus Afghanistan zu berichten, musste Bild-Reporter Paul Ronzheimer nach einem kurzen Aufenthalt am Flughafen von Kabul das Land wieder verlassen. Nun wirft er der US-Regierung vor, sie wolle kritische Berichterstattung unterbinden. Er wolle weiterhin nach Afghanistan.

Das Menschen sich als Journalisten ausgeben könnten, um aus Afghanistan zu fliehen, hält Thörner für möglich; er habe davon gehört, dass Menschen ohne gültige Papiere, durch die Taliban-Kontrollen am Flughafen gelangt seien.

Die Frauen und Männer, die weiterhin für Medien arbeiten, würden "versuchen, tastend da weiterzumachen, die Grenzen auszuloten", beobachtet der Journalist. Vereinzelt gebe es noch Taliban-kritische Berichterstattung. Ansonsten tauchten  etwa im Fernsehen mittlerweile viele Taliban-Sprecher auf. "Also sehr viele bärtige Menschen, die erklären, was sie dann der Scharia gemäß alles machen wollen, wer im neuen Afghanistan gefördert wird und wer nicht."


Hier das Gespräch in voller Länge: 

Henning Hübert: Sie kümmern sich um journalistische Mitarbeiter, mit denen Sie in Afghanistan zusammenarbeiten. Was erwarten, erhoffen die und ihre Familien gerade von Ihnen?

Marc Thörner: Das lässt sich ganz kurz sagen: Die erwarten und erhoffen sich, dass sie einfach rauskommen. Ich hatte in den letzten Tagen immer wieder Kontakte zu ihnen und sie senden mir Nachrichten, und von zweien hörte ich also, dass sie im Augenblick von Haus zu Haus fliehen müssen. Also mit anderen Worten sie werden von den Taliban beobachtet. Je nachdem, wie lange sie sich irgendwo aufhalten, werden Sie dann gecheckt und müssen dann schnell wieder verschwinden. Das heißt, ein sehr unruhiges Leben. Und natürlich nicht nur sie selber, sondern mit ihren Familien auch. Und in den letzten Tagen stand eben die Frage im Vordergrund: Wie kommt man irgendwie noch zum Flughafen nach Kabul? Wie kommt man irgendwie nach aus?

Hübert: Das Fenster ist schon mal zu. Der Bund, sagt, wer bis zum Ende der Evakuierungsflüge auf der Liste stand, um dessen Ausreise bemühen wir uns. Neue Namen kommen nicht drauf. Wissen jetzt Genaueres über diese Liste, was ihre Kontakte, was Journalisten in Afghanistan angeht?

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Thörner: Ich weiß einiges, nicht alles so genau, wie ich es gerne wissen würde. Ich hatte auch selber mitgeholfen, einige Leute auf die Liste zu setzen. Und einige sind offenbar auch raufgekommen. Bei einem anderen Fall frage ich mich, ob das geschehen ist, denn der ist immer noch nicht kontaktiert worden. Mit anderen Worten: Man blickt nicht so genau durch. Also, einige sind offenbar auf der Liste, die auch empfohlen wurden. Einige wurden kontaktiert. Einige müssen auf der Liste sein, wurden aber nicht kontaktiert. Das Ganze ist nicht so ganz klar. Einer von den Leuten, die ich für die Liste auch vorgeschlagen hatte, ist rausgekommen, mitsamt seiner Familie. Ein anderer ist noch nicht rausgekommen. Warum, weiß ich nicht. Und der, der rausgekommen ist, ist seit zwei, drei Tagen hier in Deutschland in einem Aufnahmelager. Aber wir, wir Journalisten, die unsere Helfer versucht haben, auf diese Listen zu bekommen, wir wissen eben nicht ganz genau, warum einige aufgeführt sind und warum andere nicht.

Stringer und andere Helfende - "Gelten die auch als Journalisten?" 

Hübert: Die "Luftbrücke Afghanistan" hat uns im Deutschlandfunk darüber informiert, dass insgesamt 189 Kollegen und Stringer mit Familien ausgeflogen werden konnten, dann in letzter Minute, und 97 warten nach diesen Informationen der "Luftbrücke Afghanistan" noch im Land. Ist das auch von der Größenordnung her Ihr Stand, Herr Thörner?

Thörner: Das ist auch das, was ich gehört habe. Das scheint mir auch einigermaßen realistisch. Ich frage mich allerdings nach den Kriterien. Also, wer wird betrachtet als jemand, der ausgeflogen werden kann? Es gibt da natürlich die klassischen Journalisten, da scheint der Fall relativ klar zu sein. Dann gibt es die Journalistenhelfer, also diejenigen, die einfach geholfen haben, Termine zu organisieren, die Stringer, wie man sie nennt, die Leute, die Kontakte vor Ort haben zu allen Seiten, natürlich auch zu den Taliban und für den Kriegsfürsten und für den Lokalgewaltigen, die sich also in diesem sehr, sehr sensiblen Geflecht bewegt haben. Gelten die auch als Journalisten? Wird denen auch geholfen? Ist ein Fahrer, der erkennbar ständig mit ausländischen Journalisten zusammengearbeitet hat, wie der Fahrer, mit dem ich gearbeitet habe, ist der ein Risiko-Mensch, ist der jemand, der auch aus Sicht der Bundesregierung unbedingt ausgeflogen werden muss? Wird der den Journalisten gleichgesetzt. All das ist mir eigentlich selber nicht klar im Augenblick.

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Hübert: In der Vorbereitung, bin ich auf die Frage erst gestoßen durch eine Recherche auf der Internetseite von Pajhwok Afghan News, das ist ja eine Nachrichtenagentur, und die schreibt auch auf Englisch. Und ein Artikel, der verweist auf Proteste von Journalisten in Kabul, die sagen, unser Berufsstand wird gekapert. Es wollen auch Fake-Journalisten missbräuchlich ins Ausland gelangen. Sie kennen jetzt Afghanistan. Sind jetzt die Richtigen, die gerettet werden? Haben Sie da das Gefühl, schafft man das? Oder aus den Erfahrungen, die sie haben mit dem Land, man weiß immer nicht genau, mit wem man es wirklich zu tun hat?

Thörner: Das ist nicht ausgeschlossen, dass es solche Fälle gibt. Ich habe das selber gehört von einem Kontakt in Afghanistan, der beobachtet haben will, sage ich jetzt mal ganz vorsichtig, wie an einem Zugang zum Flughafen Leute mit irgendwelchen völlig irrelevanten Schriftstücken, die also mit der Sache überhaupt nichts zu tun haben, dort ans Tor gegangen sind, die Wächter dort, die zuständig waren, zunächst mal die afghanischen Wächter, das Wachpersonal konnte offenbar nicht lesen und schreiben, und die sind dann durchgekommen und sind dann offensichtlich, sagt jedenfalls diese Quelle, auch ausgeflogen worden. Und das wäre dann eben so ein Fall, also jemand, der nicht einmal Journalist ist, der sich einfach da nur durchgeschmuggelt hat, ist dann hier angekommen. Wenn das so richtig ist.

"Vom Bekanntheitsgrad her wie Claus Kleber - und die sind auf keiner Liste"

Hübert: Nicht lesen und nicht schreiben können ist so ein Stichwort: Afghanistan hat nach Uno-Angaben knapp 40 Millionen Einwohner und die Analphabetenrate, die liegt zurzeit bei immer noch mehr als 50 Prozent, eine der höchsten Raten weltweit. Ist da, wenn man jetzt überhaupt auf die Arbeitsmöglichkeiten schaut, nicht der Printjournalismus sowieso schon stark gehandicapt in dem Land?

Thörner: So könnte man das natürlich sehen. Deshalb sind auch die Fernsehanbieter ziemlich wichtig. Und da gibt es einen großen Anbieter: Tolo TV. Das ist eigentlich der Nachrichtensender, den die meisten Afghanen täglich sehen. Und da höre ich auch von den Kontakten, die ich vor Ort habe, dass ein großer Teil dieser Journalisten, die ständig in der Vergangenheit, ja eigentlich bis in den letzten Tagen und Wochen noch zu sehen gewesen sind auf dem Bildschirm, dass die versuchen, rauszukommen. Und die sollen sich eben auch unter der Menge derjenigen am Kabuler Flughafen befunden haben. Also plötzlich ganz prominente Gesichter, muss man vergleichen vom Bekanntheitsgrad her vielleicht wie Claus Kleber oder Marietta Slomka. Solche Gesichter sah man dann da. Und die fühlen sich eben auch im Fokus der Taliban.

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Warum? Weil Tolo TV als ein amerikanisches Format gilt, also mit Gesangshows, mit "Afghanistan sucht den Superstar", mit solchen Formaten, was den Taliban also wirklich nicht sehr liegt. Und eben auch von der Berichterstattung her sehr amerikanisiert. Auf der anderen Seite, von den USA gesehen, nicht im Fokus, weil das eben kein richtiges US-gefördertes Projekt war, also staatlich gefördert. Das heißt, die Leute sehen sich jetzt irgendwie zwischen allen Stühlen, haben dringend das Bedürfnis wegzukommen, weil sie sich gefährdet sehen. Und sind aber auf keiner Liste. Es gibt praktisch keine Liste für sie.

Und die Frauen? "Die nächsten Tage und Wochen noch abwarten"

Hübert: Was bemerken Sie vielleicht ja auch am Beispiel von Tolo TV, was so die Inhalte angeht? Seifenopern, die ersten sind ja dann das schon aus dem Programm genommen worden. Korruption soll trotzdem im aktuellen Tagesjournalismus weiter angeprangert werden. Wie geht es da weiter? Ist das eine Selbstzensur, die sich da etabliert? Oder müssen die Programmmacher da jetzt im Augenblick auch ganz extrem von Tag zu Tag schauen?

Thörner: Ich denke, genauso wird es sein. Also offensichtlich sind einige schon freiwillig gegangen. Die Leute, die sich am meisten exponiert fühlen. Andere werden versuchen, tastend da weiterzumachen, die Grenzen auszuloten. Genau das, denke ich, geschieht im Augenblick. Und da ist vielleicht die Nachrichtenagentur, die Sie angesprochen haben, Pajhwok, möglicherweise ein Beispiel. Also, ich beobachte die Veröffentlichung dieser Agentur schon relativ lange, und die war eigentlich immer sehr, sehr objektiv, sehr unabhängig. Und ich weiß nicht, ob es jetzt einfach der veränderten Lage geschuldet ist. Aber dort tauchen wirklich sehr, sehr viele Taliban-Sprecher im Augenblick auf, also sehr viele bärtige Menschen, die dann ihre Standpunkte darlegen; die dann erklären, was sie dann der Scharia gemäß alles machen wollen, wer im neun in Afghanistan gefördert wird und wer nicht. Ein einziger kritischer Gesichtspunkt ist mir da aufgefallen auf der Website, also Taliban-kritischer Gesichtspunkt – es wäre aber möglich, dass das auch so ein Fall ist, wo eben Leute versuchen, auszutesten, was kann man gerade noch berichten. Und eben andere mehr oder weniger sich dem neuen Machthaber fügen.

Hübert: Was wissen Sie über die Berufschancen im Augenblick der Frauen im Journalismus?

Thörner: Ja, wir haben ja schon alle Fälle gehört, wo also Ansagerinnen nicht mehr vor der Kamera erscheinen durften. Auf der anderen Seite durften dann Interviews stattfinden, mit Verschleierung und so weiter. Ich denke, da muss man noch beobachten, was sich bei den Taliban selber durchsetzt. Dieser Versuch, so eine diplomatische Fassade erstmal zu bewahren oder zu zeigen, ja, wir sind gar nicht so, Frauen dürfen noch das, unter bestimmten Voraussetzungen… Aber wie sich das dann wirklich entwickelt? Wir haben schon einige sehr starke Warnschüsse gesehen. Ich glaube, da muss man einfach die nächsten Tage und Wochen noch abwarten.

Hübert: Die Situation des Journalismus in Afghanistan, danke an den Journalisten und Afghanistan-Spezialisten Mark Thörner.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
 
 

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