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StartseiteInformationen am MittagSuche nach einer neuen Perspektive21.06.2019

Jüdisches MuseumSuche nach einer neuen Perspektive

Auf Twitter hatte das Jüdische Museum Berlin einen Artikel empfohlen, der sich mit der israelkritischen BDS-Bewegung auseinandersetzt. Der Zentralrat der Juden intervenierte. Direktor Peter Schäfer musste gehen. Jetzt sucht der Stiftungsrat des Museums eine Perspektive für die Zukunft.

Von Christiane Habermalz

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Blick auf die Fassade des Jüdischen Museums in Berlin in der Dämmerung  (picture alliance / imageBROKER)
Das Jüdische Museum in Berlin - erbaut nach einem Entwurf des Architekten Daniel Libeskind (picture alliance / imageBROKER)
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Es sei einigermaßen harmonisch zugegangen, gestern auf der Krisensitzung des Stiftungsrats des Jüdischen Museums, erzählte ein Teilnehmer heute. Es ging um Trümmerbeseitigung und darum eine Perspektive für die Zukunft zu finden. Erst einmal soll das Museum ein Jahr lang kommissarisch geleitet werden, bis eine Findungskommission einen Nachfolger für das angeschlagene Museum gefunden hat. Am liebsten eine Frau, und auf jeden Fall eine Jüdin.

Und: Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Gründungsdirektor Michael Blumenthal hätten gegenüber dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, klargestellt, dass das Museum als Kultureinrichtung unabhängig von jedem politischen Einfluss sein müsse. Eine Ansage, die freilich erst kam, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Denn das Jüdische Museum droht, von der Politik zerrieben zu werden.

Und die Kritik an Grütters wird lauter. Sie habe sich nach Beschwerde der israelischen Regierung und des Zentralrates über angeblich zu israelkritische Ausstellungen und Programmbeiträge mit Gästen, die angeblich dem BDS nahestanden, nicht ausreichend hinter Schäfer gestellt. Zurücktreten musste er schließlich wegen eines Tweets, in dem das Museum einen kritischen Diskussionsbeitrag zum BDS-Beschluss des Bundestages verlinkt hatte.

Gravierender Versuch, Meinungsfreiheit zu blockieren

"Das ist meines Erachtens ein gravierender Versuch, Meinungsfreiheit zu blockieren und zu beschneiden. Und darüber hinaus ist dieser Fall auch ein Fall, wo man sich fragen muss, wer hat die Deutungshoheit, wenn es um die Präsentation des Judentums geht. Ist Israel hier stellvertretend für das Judentum immer dar. Oder ist die Meinung der israelischen Regierung nur eine Meinung unter vielen?"

Erklärte der israelische Historiker Moshe Zimmermann. Gemeinsam mit dem früheren israelischen Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, hatte er gestern im "Tagesspiegel" unter dem Titel "Wer bestimmt, was jüdisch ist?" einen Artikel veröffentlicht, in dem beklagt wurde, die deutsche Politik und Gesellschaft lasse sich, geprägt durch die deutsche Schuld am Holocaust, von der israelischen Politik Denkverbote auferlegen, indem sie unreflektiert deren pauschale Gleichsetzung von jeder Kritik an Israels Politik mit Antisemitismus übernehme.

"Man hat ja hier nicht nur den Ministerpräsidenten Netanjahu, der direkt mit Merkel korrespondiert. Es gibt ein Ministerium für strategische Angelegenheiten, es gibt das Außenministerium. Und sie alle bemühen sich heute viel aggressiver als früher darum, dass so eine Bewegung wie die BDS-Bewegung, die Boykottbewegung gegen Israel, nicht an die Öffentlichkeit kommt, nicht in Amerika, in England, aber auch nicht in Deutschland.

Bundestag verurteilt BDS als antisemitisch

Der Bundestag hatte vor Kurzem die von Palästinensern gegründete Boykottbewegung in einem Beschluss pauschal als antisemitisch verurteilt. Projekten und Veranstaltungen, die den BDS unterstützen, soll jegliche Förderung entzogen werden. Das Museum hatte in seinem scharf krisitierten Tweet lediglich auf einen Artikel verwiesen, in dem sich 240 israelische Wissenschaftler, darunter rennommierte Holocaust-Forscher, gegen den Bundestagsbeschluss positioniert hatten.

Eine pauschale Stigmatisierung sei problematisch, heißt es in dem Text. Eine Unterstützung des BDS sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Auch die israelische Schriftstellerin Lissy Doron mahnte, es sei an der Zeit, dass Deutschland gegenüber Israel zu einem neuen Diskurs finde. Der Holocaust dürfe nie vergessen werden, aber der Blick allein auf die Vergangenheit reiche nicht mehr aus, um die Krise der Demokratie und der liberalen Werte, die vielfältigen Angriffe auf die Meinungsfreiheit in Israel und vielen anderen Ländern abzuwehren.

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