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StartseiteTag für TagZwischen Konfi-Camp und Wiedergeburt10.10.2018

KabarettZwischen Konfi-Camp und Wiedergeburt

Jan-Christof Scheibe tourt mit dem Programm "Ogottogott" durch die Gemeinden. Darin nimmer er Gurus und betont lockere Pfarrer aufs Korn. Sein Rat: "Wenn Pastoren lustig sein wollen und dafür kein Talent haben,finde ich das beklemmend, dann sollen sie wenigstens versuchen ernsthaft zu bleiben."

Von Mechthild Klein

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Der Kabarettist und Komponist Jan-Christof Scheibe (imago / DRAMA-Berlin.de)
Der Kabarettist und Komponist Jan-Christof Scheibe (imago / DRAMA-Berlin.de)
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"We are one nation, one incarnation! Wir waren alle vorher schon mal da. Und viele Frauen waren schon mal Kleopatra. Dabadabada, alles klar."

Der Hamburger Kabarettist Jan-Christof Scheibe mit seinem neuen Programm "Ogottogott". Hier arbeitet er sich musikalisch an einem indischen Guru ab:

"Du bist mit allen Menschen karmisch echt verbunden. Mit schlimmsten Feinden teiltest du intime Stunden. Mit dieser einfachen wie herrlichen Erkenntnis entwickelt sich aus Hass auf einmal Verständnis. Was als nächstes aus dir wird, liegt nur an dir: ein schöner Prinz oder ein Schwabbel-Quallen-Tier. Man hält die Erde auch viel besser in Schuss, wenn man weiß, dass man wiederkommen muss."

Verschreckte Konfirmanden

Jan-Christof Scheibe gastiert in der Christuskirche in Hamburg-Othmarschen. Eben da, wo sein Vater einst Organist war. Als Jugendlicher hatte Scheibe hier Konfirmanden-Reisen betreut. Bibelstunden mit Konfis gehörten auch dazu. Er war froh, wenn er nicht nach dem theologischen Sinn gefragt wurde. Als nun eine Konfi-Schülerin aber nach einer kreuzförmigen Narbe auf seiner Stirn fragte, passierte etwas Sonderbares.

"Ich weiß nicht, was mich geritten hat", sagt Scheibe, "ob ich in plötzlicher Solidarität mit dem Evangelisten Lukas sowas wie verletzten Stolz spürte, nach dem Motto: Wir lesen hier über eine Stunde aus dem Buch der Bücher. Einer Schrift, die Menschen veranlasst hat, ihr Leben Gott zu weihen, allem Weltlichen abzuschwören, gar Märtyrertode zu sterben. Und die einzige Frage, die dir in den Sinn kommt, ist die nach einer Narbe deines Konfi-Reise-Betreuers?"

Und dann sei es aus ihm herausgeplatzt: Worte, die plötzlich im Raum standen. Ein typischer Scheibe-Klamauk.

"Wieso, so eine Narbe trüge doch jeder, der sich konfirmieren ließe. (lachen) Ob man sie nicht darüber aufgeklärt habe: dass sozusagen als Höhepunkt eines Konfirmationsgottesdienstes einem jeden Konfirmanden ein Kreuz mit einem glühenden Eisen eingebrannt werde. Die meisten würden diese Narbe an einem unauffälligen Körperteil verbergen. Aber ich, der ich zutiefst auf meinen christlichen Glauben stünde, hätte mich dazu entschlossen dieses Brandmal Christi für jedermann sichtbar auf der Stirn zu tragen."

"28 Strophen, wie soll da Freude aufkommen?"

Auch aus anderen Kirchengemeinden hat Scheibe inzwischen Einladungen erhalten. Eine katholische Gemeinde im Norden überraschte den Protestanten Scheibe, denn dort erntete er besonders viel Schulterklopfen.

"Ich glaube, dass ich versuche, einen Dialog zu eröffnen, und viele Kirchen haben das verstanden, dass es mir nicht darum geht, etwas schlecht zu machen. Sondern einen Dialog herzustellen zwischen den überzeugten Christen und denen mit ruhender Mitgliedschaft, wie zum Beispiel mir, die eigentlich mit dem Verein sympathisieren, aber die keinen richtigen Zugang finden."

Das geht dann eben nicht hochphilosophisch. Scheibe kritisiert in seiner Lesung gerade die Kopflastigkeit der Protestanten. Das habe zwar eine Geschichte, aber inzwischen sei die Bibel doch in fast alle Sprachen der Welt übersetzt. Nach 500 Jahren könne man den Fokus durchaus mal wieder ändern. Besonders stört sich Scheibe an den alten Kirchenliedern:

"Die Frage ist: Wie spirituell ist der Gehalt wirklich noch? Ist dieser Gesang, den wir als Kirchenchoral ablassen, wirklich dazu angelassen, ein göttliches Wesen wirklich wohlgefällig zu stimmen? Oder ist das für uns, dass wir sozusagen unsere Seele durch Vokale massieren? Es wird ja nicht freudvoll gesungen, kann ja auch gar nicht, wenn ich einen Choral mit 28 Strophen habe, die ich da wegarbeiten muss, wie soll da Freude aufkommen."

Obwohl: Die Gottesdienste zu Weihnachten oder Ostern seien eine Ausnahme - da spüre man schon Freude, meint der Kabarettist.

"Das heißt nicht, dass alle lustig sein sollen. Wenn Pastoren lustig sein wollen und dafür kein Talent haben, das finde ich fast noch beklemmender, dann sollen sie wenigstens versuchen ernsthaft zu bleiben. Ich finde, dass die Art des Gottesdienstes einer gewissen Überprüfung einmal bedürfte. Also wenn Jesus Christus jetzt in die Kirche käme, würde er sagen: 'Leute genauso muss das sein!'? Oder hätte der auch vielleicht eine Frage?"

"Das kann man doch nicht durch den Kakao ziehen"?

Angst, dass er mit seiner Show und Lesung anecken könnte, hat der Kabarettist wenig. Über misslungene Reiki-Kurse oder Bachblüten-Zauber lässt sich wohl gut gemeinsam lachen. Scheibe glaubt, dass die Religionsangehörigen es meistens verstünden, mit Kritik umzugehen. Manches komme im Publikum aber nicht so gut an.

Er erzählt: "Ich hab eine Nummer, wo ich einen amerikanischen Prediger imitiere, der angibt, dass Gott durch ihn sprechen würde und das Pfingstwunder im Gottesdienst sozusagen durch Zungenreden in amerikanischen Gottesdiensten, wo die immer so 'löhlöhlöh' machen. Und dann nochmals übersetzen, was Gott dann gesagt habe. Und dann fangen Leute in der Gemeinde auch alle an, 'löhlöhlöh' zu machen und Gott durch sich sprechen zu lassen. Dann hinterher wird direkt die Kollekte eingesammelt, weil das dann ja so toll geklappt hat. Und ich finde das in hohem Maße lustig. Das ist für mich ganz großes Kino und Show und amerikanischer Kitschfilm, was da zelebriert wird. Da haben aber einige Menschen, die an das Pfingstwunder glauben, sich total angegriffen gefühlt."

Dürfen Prediger allen Ernstes im 21. Jahrhundert noch behaupten, dass Gott auf Kommando durch sie spricht - oder ist das nicht vielmehr eine Anmaßung? Darüber könnte Scheibe diskutieren, wenn das Publikum es will. Welche Übungen er aus den Weltreligionen schon alle ausprobiert hat: Reiki, Yoga, Buddhismus, Schamanenglaube oder Guru-Verehrung steigern sicher die Stimmung bei einer Lesung, gehen aber weniger ans Eingemachte. Scheibes Kritik an der Liturgie hingegen könnte eine Vorlage für eine ernsthafte Diskussion sein. Ob das Publikum in den Gemeinden da einsteigen wolle, müsse es selbst entscheiden. Scheibe glaubt, es sei sein Vorteil, dass er Laie sei und eben kein Theologe.

"Die theologischen Diskussionen über die Immanenz in der Transzendenz. Oder die Transzendenz in der Immanenz. Das könnt ihr gerne machen, aber das geht am normalen Volk einfach komplett vorbei."

Jan-Christof Scheibe: Ogottogott – Wie glaubt man und wenn ja, warum?
Gütersloher Verlagshaus, 251 Seiten, 18 Euro.

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