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StartseiteThemaHitzige Debatte über Corona-Maßnahmen09.08.2020

Kampf gegen COVID-19Hitzige Debatte über Corona-Maßnahmen

Auf "Hygienedemos" demonstrieren immer wieder Menschen in Deutschland gegen Corona-Maßnahmen. Sie verlangen beispielsweise ein Ende der Maskenpflicht und halten das Virus für nicht gefährlich. Medizinjournalistin Christina Sartori widerspricht diesen Ansichten. Ein Faktencheck.

Man sieht einen Mann von hinten, der ein schwarzes T-Shirt mit dem roten Aufdruck "Coronoia 2020" trägt (picture alliance/ZUMA Press/Sachelle Babbar)
Mitglieder von "Hygienedemos" behaupten, das neuartige Coronavirus sei ungefährlich (picture alliance/ZUMA Press/Sachelle Babbar)
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Das Spektrum der Protestierenden gegen die Corona-Maßnahmen reicht von Linken über Liberale und Konservative bis hinein ins rechtspopulistische und rechtsextreme Spektrum. Corona-Leugner wie der Journalist und Schriftsteller Anselm Lenz, Mit-Begründer von "nichtohneuns - Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand" sieht zum Beispiel "eine fanatische Überzeichnung der Gefährlichkeit des Virus". Die Hygienedemonstranten vereint, dass sie die Maßnahmen der Bundesregierung aus medizinischer Sicht für völlig übertrieben halten. Das Virus sei mit einer normalen Grippe vergleichbar. 

Dieser und anderen Aussagen der Corona-Leugner widerspricht die Fachmedizinjournalistin und Biologin Christina Sartori. Sie recherchiert und berichtet regelmäßig über das neuartige Coronavirus. "Man muss Angst vor dem Virus haben", sagte sie im Dlf. In Italien, Spanien, Großbritannien und den USA seien sehr viel mehr Menschen gestorben als sonst. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)


Coronavirus: harmlos oder gefährlich?

Die Bewegung der "Querdenker" hält die Maßnahmen der Regierung in Deutschland gegen das neue Coronavirus für ungerechtfertigt und die Angst vor dem Virus für übertrieben. "Nach allen Erkenntnissen, die wir haben und die wir hier wirklich von Tausenden Medizinern weltweit angesammelt haben, ist dieser Virus nicht außergewöhnlich gefährlich", sagte Lenz im Dlf. 

Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen auf dem Canstatter Wasen in Stuttgart (imago/Marc Gruber) (imago/Marc Gruber)Corona-Demonstrationen: Positionen und Protagonisten
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"Doch, man muss Angst vor dem Virus haben", sagte dagegen Medizinjournalisitin Sartori im Dlf. Das zeigten nicht nur Gespräche mit Ärzten, die COVID-19-Patienten behandelt haben oder die Bilder von überfüllten Krankenhäusern in Italien, New York oder aktuell in Indien. Zudem bewiesen das auch die Daten: "So sind in vielen Ländern in den vergangenen Monaten teilweise doppelt so viele Menschen gestorben wie sonst üblich."

In der Regel verläuft die Erkrankung durch das Coronavirus mild, doch die Wahrscheinlichkeit für schwere und auch tödliche Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmenden Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu. Zudem sind Langzeitfolgen noch nicht abschätzbar. Weil es zunehmend wieder zu einzelnen Ausbruchsgeschehen kommt, die erhebliche Ausmaße erreichen können und in Deutschland noch immer keine Impfstoffe oder antiviral wirksame Therapeutika verfügbar sind, schätzt das Robert Koch-Institut die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland derzeit "weiterhin insgesamt als hoch ein, für Risikogruppen als sehr hoch."

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"Übersterblichkeit": durch das Coronavirus vorhanden oder nicht?

Um die vielen Zahlen und Daten rund um das Coronavirus besser einzuordnen und objektiv betrachten zu können, hilft ein Blick auf die Sterberate. Von einer "Übersterblichkeit" spricht man, wenn es in einer Region im Durchschnitt mehr Todesfälle gibt als zu einem vergleichbaren Zeitraum in der Vergangenheit. Hier hat es in der Vergangenheit falsche Interpretationen von Zahlen des Statistischen Bundesamtes durch Corona-Zweifler gegeben. Um einen Rückschluss auf COVID-19 ziehen zu können, muss man zwingend Zeiträume und Regionen wählen, in denen das Coronavirus nachweislich aufgetreten ist. Medizinjournalistin Satori weißt in diesem Zusammenhang auf die Zahlen für Italien, Spanien, Großbritannien und die USA hin. Dort sind viel mehr Menschen gestorben als sonst üblich.

Die italienische Gemeinde Nembro (imago/Carlo Cozzoli) (imago/Carlo Cozzoli)Italien: Sterblichkeit in Gemeinde Nembro stieg um Faktor elf
Einer Studie zufolge sind in der stark betroffenen Gemeinde im März 2020 etwa elf mal so viele Menschen gestorben wie im Vorjahresmonat. Der Anstieg stehe im Zusammenhang mit der Pandemie, sagte der Epidemiologe Tobias Kurth im Dlf.

Eine Analyse der New York Times mit Schätzungen des Centers for Desease Control and Prevention kommt zu dem Schluss, dass es in fast jedem US-Bundesstaat (ausgenommen Alaska, Hawaii, Maine und West Virginia) überdurchschnittlich hohe Sterberaten im Vergleich zur Vergangenheit gibt. So sind nach Angaben des CDC in den USA vom 15. März bis 8. August 223.900 Menschen mehr gestorben als üblich. 
Die Tabelle zeigt den Unterschied zwischen gemessenen und erwarteten Todesfällen pro Woche (Screenshot) (New York Times/ Center for Desease Control and Prevention)Analyse zur Corona-Sterberate in den USA (New York Times/ Center for Desease Control and Prevention)
Eine Grafik zur Sterblichkeit in Deutschland gibt es beim Statistischen Bundesamt, Zahlen für ganz Europa auf der Webseite des Forschungsprojekts Euromo zur Sterblichkeit in Europa.

Mund-Nasen-Schutz: sinnvoll oder nicht?

Während das Tragen eines einfachen Mund-Nasen-Schutzes in vielen asiatischen Ländern seit Jahren als Infektionsschutz etwa gegen Grippeviren eingesetzt wird, sorgt diese Schutzmaßnahme in Deutschland immer häufiger für hitzige Diskussionen. "Die Leute tragen das ja im Wesentlichen, weil ihnen eine riesige Angst eingejagt wurde und nicht, weil sie der Ansicht sind, mit diesen nachgewiesenermaßen vollkommen nutzlosen und sogar schädlichen Masken würde irgendwie etwas erreicht werden", behauptet etwa Anselm Lenz. 

Christina Sartori hält dagegen, dass wissenschaftliche Studien zu dem Schluss kommen, dass sich das Virus dort langsamer verbreitet, wo die Menschen einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. "Alle Wissenschaftler haben festgestellt, dass dieser Mund-Nasen-Schutz diesen Effekt in dieser Pandemie hat."

Mund- Nasen Masken aus Baumwolle werden an einem Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt in der Innenstadt von Würzburg zum Verkauf angeboten. (imgao / Ralph Peters) (imgao / Ralph Peters)Statistiker zur Maskenpflicht: Abschaffen wäre erheblich verfrüht
Mecklenburg-Vorpommern will die Maskenpflicht für den Einzelhandel zurücknehmen. Statistiker Reinhold Kosfeld rät davon ab. Das Beispiel Jena zeige, dass die Fallzahlen dort durch das Tragen von Masken um 23 Prozent abgenommen hätten.

Die Meinungsänderung der WHO Anfang Juni zu dem Thema ist ebenfalls oft Gegenstand der Kritik an der Maskenpflicht. Sartori weißt darauf hin, dass mit Beginn der Pandemie die Studienlage unsicher war, nun aber neue Untersuchungen durchgeführt wurden. So haben in der internationalen Studie "Maskenpflicht und ihre Wirkung auf die Corona-Pandemie: Was die Welt von Jena lernen kann" die Forscher aus Sønderborg (Dänemark), Kassel, Darmstadt und Mainz den Infektionsverlauf in Jena mit dem anderer deutscher Kommunen verglichen. In Jena waren Masken deutlich früher (am 6. April) als in allen anderen Landkreisen Deutschlands eingeführt worden.

Aus der Tabelle geht hervor, dass es nach 20 Tagen eine Reduktion der Fallzahlen um rund 23 Prozent gibt  (Universität Mainz) (Universität Mainz)

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass eine einfache Stoffmaske "den Luftstrom beim Sprechen vermindert und dadurch die Übertragung infektionöser Partikel eingedämmt wird." Nach 20 Tagen gab es eine Reduktion der Fallzahlen um rund 23 Prozent. Die Einführung der Maskenpflicht habe in den jeweiligen Kreisen zu einer Verlangsamung der COVID-19-Entwicklung beigetragen.

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Den Kritikpunkt von Lenz, dass das Virus nachgewiesenermaßen für die Standardmaske viel zu klein ist und "quasi durch diese Maske hindurchfliegt wie ein Fußball durch ein Scheunentor" begegnet Sartori mit dem Argument, dass der Mundschutz allein kein absolut sicherer Schutz vor dem Coronavirus sei, deswegen solle man trotzdem Abstand halten. "Aber so ein Mund-Nasen-Schutz verringert deutlich das Risiko, dass man andere ansteckt, weil dieses Virus über Tröpfchen aus dem Mund und Nase in die Umgebung transportiert wird." Beim Husten, Niesen, Singen, Sprechen sprühe man es aus, das zeigten auch Experimente. "Und je mehr Tröpfchen hängen bleiben – desto mehr Virus bleibt auch hängen."

Demonstrierende in Berlin: Eine Million oder doch nur Tausende?

Kein Mindestabstand, kaum Masken: Die Demonstration in Berlin gegen die coronabedingten Auflagen am 01.08.2020 hat im Nachgang für viele Debatten in Deutschland gesorgt - auch darüber, wie viele Menschen tatsächlich daran teilgenommen haben. Laut Polizei hatten sich bis zu 17.000 an dem Demonstrationszug beteiligt. "Gut 20.000" seien es bei der anschließenden Kundgebung gewesen, heißt es in einer Polizeimeldung. Veranstalter und Unterstützer der Bewegung sprechen allerdings von wesentlich mehr Teilnehmenden: Von 1,3 Millionen Teilnehmenden ist da die Rede, an anderer Stelle von rund 800.000. Diese Behauptungen wurden in entsprechenden Beiträgen zehntausendfach geteilt, so das Ergebnis einer Auswertung für den ARD-faktenfinder.

Als Vergleich wurde in vielen Social-Media-Postings die Loveparade in Berlin herangezogen. Rund 1 Million Menschen sollen dort damals gefeiert haben. Der Bildvergleich (siehe unten) spricht aber für sich. Das Faktencheck-Team des Bayerischen Rundfunks ist der Diskrepanz zwischen den offiziellen Zahlen und den Angaben der Veranstalter mit eigenen Mitteln nachgegangen. Fazit: Auch sie kamen nur auf eine Zahl, die im Bereich der 20.000 Personen liegt. 

Die Loveparade in Berlin 1999: Blick von der Siegessäule Richung Brandenburger Tor (imago images/Contrast/Behrend)Die Loveparade in Berlin 1999: Blick von der Siegessäule Richung Brandenburger Tor (imago images/Contrast/Behrend)

Luftbild der Demo gegen Corona-Maßnahmen in Berlin 2020 (imago images/Christian Spicker)Luftbild der Demo gegen Corona-Maßnahmen in Berlin 2020 (imago images/Christian Spicker)

     

(Quelle: Christina Sartori, Anselm Lenz, Jörg Stroisch, Fabian May, Olivia Gerstenberger, RKI, NYT, Universität Mainz, BR24) 

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