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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMit Tiktok in den Bundestag12.08.2021

Kampf um ErstwählerstimmenMit Tiktok in den Bundestag

Um Erstwähler zu erreichen, posten Parteien Wahlwerbung bei Tiktok, wo sich die junge Zielgruppe tummelt. Im Gegensatz zu anderen Social-Media-Apps ist die Kommunikation auf Tiktok viel interaktiver. Es besteht aber Manipulationsgefahr, sagte der Politikberater Martin Fuchs im Dlf.

Martin Fuchs im Gespräch mit Barbara Weber

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Die chinesische Videoplattform Tiktok ist wichtig für Parteien im Wahlkampf (imago / Future Image / C. Hardt)
Die chinesische Videoplattform Tiktok ist wichtig für Parteien im Wahlkampf (imago / Future Image / C. Hardt)
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Wie lassen sich junge Wählerinnen und Wähler am besten erreichen? "Die Studienlage ist interessanterweise sehr dünn in Deutschland, aber auch im amerikanischen Raum", meint Martin Fuchs, Politikberater und Lehrbeauftragter für Social Media an den Universitäten Münster und Hamburg.

Ein Junge hält sein Smartphone in die Kamera, auf dem die App TikTok geöffnet ist (dpa / MAXPPP/ Chibane) (dpa / MAXPPP/ Chibane)Junge User nutzen Tiktok für politische Statements
Die chinesische App Tiktok ist vor allem bei ganz jungen Leuten beliebt – und mittlerweile die am schnellsten wachsende Plattform der Welt. Eigentlich für lustige kurze Videos gedacht, werden auf Tiktok jetzt zunehmend auch politische Statements geteilt.

"Es gibt für den deutschsprachigen Raum eigentlich nur eine Studie von Relevanz, das ist eine Studie, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Auftrag gegeben hat, die aber nicht unbedingt größten wissenschaftlichen Standards genügt und entspricht. Es gibt Umfragen, die Tiktok selbst in Auftrag gegeben hat, über die politische Nutzung zum Beispiel von Tiktok. Und es gibt eine Studie von der TU München, die sich den US-amerikanischen Wahlkampf angeschaut hat und wie Politik auf Tiktok stattfindet."

Tiktok im US-Wahlkampf

Im Gegensatz zu anderen Social-Media-Plattformen ist die Kommunikation auf Tiktok wesentlich interaktiver. Das ist ein Ergebnis der Studie, die unter Leitung von Juan Carlos Medina Serrano an der TU München durchgeführt wurde. Unter seiner Leitung untersuchte ein Team von Wissenschaftlern, wie amerikanische Politikerinnen als auch ihre jeweiligen Unterstützer die App nutzten.

Es handelt sich um einen Zusammenschnitt eines Auftritts im Rahmen des US-Wahlkampfes 2020. Sie schildert ihre schlechten Erfahrungen mit dem amerikanischen Gesundheitssystem, was ihrer Meinung nach direkt mit der Gesundheitspolitik der Demokraten zusammenhängt. Das Besondere an dem kurzen Film: Jeder Satz von ihr wird kurz kommentiert.

Kommentarfunktion: Ursprünglich für Karaoke gedacht

Ein typisches Beispiel auf Tiktok, meint Martin Fuchs, die Kommentarfunktion bietet maximale Interaktionsmöglichkeiten. "Daraus können Kommentar-Bäume entstehen, das Videos wiederum kommentiert werden können. Und so weiter. Es ist quasi eine Diskussion, die in der Diskussion stattfindet und weitergetragen wird. Eine Funktion, die es in der Form auf anderen Plattformen nicht gibt."

Diese Funktion wurde ursprünglich aus einem ganz anderen Grund eingeführt und zielte auf den chinesischen Markt.

Martin Fuchs: "Als Tiktok also die Funktion eingeführt hat, war es eine sehr, sehr starke Karaoke - Plattform, das heißt, Nutzer*innen haben die Plattform genutzt, um dann wiederum Musik nachzusingen und das dann gemeinsam mit anderen zu tun, und dafür wurde diese Funktion genutzt. Dass Politik auch dort stattfindet, war, glaube ich, nicht die Grundidee von Tiktok."


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Vor allem große globale Themen findet auf Tiktok statt

In der Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung ging es dezidiert um die Frage, inwiefern es sich lohnt, linke Ideen und Politiker via Tiktok zu vermarkten. Als ein Beispiel wird ein Video von Alina Fiada aufgeführt, die ja gesellschaftspolitische und persönliche Themen miteinander verknüpft. In ihrem Film geht es um Alltagsrassismus.

Auch die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen fand zunächst in den USA statt, Klimawandel, Black Lives Matter oder Feminismus werden in den 15- bis 60-Sekundenfilmen aufgegriffen. Die Plattform bietet eine Möglichkeit, diese politischen Meinungsäußerungen kreativ auszuleben, meint Martin Fuchs.

"Und jetzt ist das natürlich eine sehr junge Zielgruppe, sagen wir, 15 bis 25, und da ist Tiktok, der perfekte Ort, um da über die großen generellen globalen Themen zu sprechen: Gerechtigkeit, Klima, Rassismus und so weiter. Und das sind auch die Themen, die wiederum von jungen Menschen aufgegriffen und behandelt werden. Es wird jetzt nicht das Gesetz im Deutschen Bundestag oder eine Gesetzesinitiative auf europäischer Ebene dort diskutiert, sondern es sind die große übergreifend Themen."

Auch im Bundestagswahlkampf wichtig

Wie wichtig die App für Politikerinnen- und Politiker ist, um neue Zielgruppen zu erreichen, registrieren inzwischen auch deutsche Politiker.

Dabei zeigt sich, dass die Megastars der deutschen Politik auf Tiktok alte, weiße Männer sind: Thomas Sattelberger (FDP), Wolfgang Heubisch (FDP) oder Uwe Dorendorf (CDU). "Das ist interessant," meint Martin Fuchs, ihr Erfolgskriterium sei:

"Sie sind authentisch. Sie versuchen nicht, cool und jung zu sein, sondern sie versuchen, mit Selbstironie und vielleicht auch Selbstkritik, sich nicht zu wichtig zu nehmen, und das wiederum kommt natürlich auch bei jungen Nutzern sehr gut an und zeigt, dass auch die Respekt vor dieser jungen Zielgruppe haben."

Der erste Eindruck mag täuschen, denn natürlich melden sich überwiegend junge Parteimitgliederinnen und Sympathisanten zu Wort wie Lilly Blaudszun, die im Social-Media-Team von SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig unterwegs ist.

Martin Fuchs beobachtet, dass viele junge Kandidat*innen, auch solche, die noch nicht im Bundestag sitzen, auf der Plattform um junge Wählerstimmen werben.

Gefahr von Manipulation für politisch unerfahrene User

Direkte Wahlwerbung ist allerdings auf Tik Tok verboten, aber es gibt eine Partei, die dieses Verbot umgeht: "Es gibt Indizien und noch keine gerichtsfesten Beweise, aber es gibt einige Beispiele, dass die AfD es jedenfalls versucht, dort irgendwie große Reichweiten zu erzielen, ganz neutrale Accounts zu kreieren und diese Accounts dann als normale Informationsbasis für die Bundestagswahl labeln und dann als Inhalt reine AfD-Themen ausspielen."

Das Problem: Da es sich um eine junge Plattform handelt und viele User doch noch unbedarft mit politischen Inhalten umgehen und in ihrer Meinungsbildung noch nicht so gefestigt sind, stellt das eine große Manipulationsgefahr dar. Tiktok hat reagiert, meint Martin Fuchs, " und jetzt für die Bundestagswahl ein Hub eingerichtet, wo man grundlegenden Informationen, die  sich viel aus ARD-Inhalten speisen, Faktenfinder und so weiter, zur Verfügung gestellt, wo man als erfährt, wen man wählen kann und so weiter. Und sie haben gelernt, dass sie schnell moderieren müssen, und wenn sie eine Meldung bekommen, die gegen die Regeln verstößt oder die auch Manipulation enthält oder Hass enthält, da sind sie relativ schnell dabei, das auch von der Plattform zu nehmen und dann auch die Sichtbarkeit stark einzuschränken."

Fuchs: Erstwähler tummeln sich auf Tiktok

Fazit: Martin Fuchs ist der Überzeugung, dass sich Tik Tok zu einer sehr politischen Plattform entwickelt hat. "Ich glaube, wenn man in Deutschland Erstwählerinnen erreichen möchte, dann muss man auf Tiktok sein. Das ist die Plattform, wo man diese Zielgruppe am besten adressieren kann, weil sie dort am besten erreichbar ist."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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