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StartseiteWissenschaft im BrennpunktAuf anthropologischer Spurensuche14.10.2018

Karin Bojs: "Meine europäische Familie"Auf anthropologischer Spurensuche

Vor etwa 54.000 Jahren lebten im Nahen Osten Jäger und Sammler der Spezies Homo Sapiens, die aus Afrika eingewandert waren. Jahrtausende verbrachten sie dort in der Nähe von Neandertalern. Das Erbe beider Gruppen findet sich heute im Genom aller Europäer - eine Spurensuche der Autorin Karin Bojs.

Rezension von Michael Lange

Der älteste bakannte Schädel eines Homo Sapiens - Äthiopisches Nationalmuseum, Addis Abeba (Theiss Verlag, imago/imagebroker)
Im äthiopischen Nationalmuseum liegt der älteste bekannte Schädel eines Homo Sapiens (Theiss Verlag, imago/imagebroker)
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Bei der Beerdigung ihrer Mutter fast die schwedische Journalistin Karin Bojs den Entschluss, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Mit klassischer Ahnenforschung stößt sie schnell an ihre Grenzen. Sie lässt ihre DNA untersuchen und stellt fest, dass zwar kein schwedisches, aber ein europäisches Erbe in ihren Erbmolekülen nachweisbar ist. Dazu gehört das Homo-Sapiens-Erbe aus Afrika, ebenso wie die Spuren der Neandertaler. 

Wie es vor 54.000 Jahren zur  Vermischung kam, kann sich Karin Bojs ausmalen. Phantasievoll beschreibt sie ein "Trollkind", das bei einer Homo-Sapiens-Sippe aufwächst. Die Mutter schweigt über dessen Herkunft. Aber allen ist klar: Es ist Sapiens-Neandertaler-Mischling, entstanden bei einer kurzen Affäre oder durch eine Vergewaltigung. Die Spuren dieser Verbindung vor 54.000 Jahren prägen die Europäer bis heute, auch wenn exakte Informationen über die Art des Einflusses fehlen. So könnte es gewesen sein. 

Nur gelegentlich erlaubt sich die Autorin solche Ausflüge in die Phantasie. "Meine europäische Familie" ist eine abwechslungsreiche Lektüre, sorgfältig recherchiert und ohne Polemik. Nationale Mythen über die Herkunft verschiedener Völker finden in dieser Analyse keinen Platz. Zugleich entgeht Karin Bojs der Versuchung, einen neuen, europäischen Mythos zu schaffen. Stattdessen bleibt sie bei den Fakten, wohl wissend, dass der Forschungsstand nicht in Stein gemeißelt ist.

Meine europäische Familie
Die ersten 54.000 Jahre
Von Karin Bojs
Aus dem Schwedischen von Maike Barth und Inge Wehrmann
Konrad Theiss-Verlag, 431 Seiten, 29.95 Euro, ISBN 978-3806236743

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