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StartseiteBüchermarktNackter, authentischer Realismus11.10.2015

Karl Ove Knausgard: "Träumen"Nackter, authentischer Realismus

Man kann es für aneinander gereihte Banalitäten halten, aber Karl Ove Knausgards in sechs Bänden ausgebreitete, schonungslose Autobiografie fasziniert. Vielleicht ist es gerade die Verbindung des Monumentalen mit dem Intimen, die symbolische Situation der absoluten, nichts verschweigenden Beichte, die eine weltweite Leserschaft in den Knausgard-Hype versetzt.

Von Ursula März

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
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"Ich kam auf eine größere Straße, folgte ihr etwa einen Kilometer, setzte den Rucksack an einer Kreuzung ab und streckte den Daumen raus. Es waren nicht mehr viele Kilometer bis Hirtshals. Wie es dort weitergehen würde, war mir nicht klar, denn ich hatte ja kein Geld, leicht würde es also nicht werden, auf die Fähre nach Kristiansand zu kommen. War es vielleicht möglich, sich eine Rechnung schicken zu lassen? Wenn ich einer gütigen Seele begegnete, die Verständnis für meine Situation aufbrachte?"

Die Zahl der Leser, die für den Autor dieser stilistisch wie inhaltlich nicht ganz außergewöhnlichen Sätze mehr als Verständnis aufbringen, die ihm vielmehr auf süchtige Weise verfallen sind, dürfte sich auf die Million zu bewegen. In Norwegen, dem Heimatland des Autors, verursachten seine Bücher regelrechte Arbeitskonflikte. Einige Unternehmen bemerkten, dass sich Angestellte krank meldeten, um ihre nächtliche Lektüre tagsüber fortsetzen zu können, oder am Arbeitsplatz heimlich lasen. Vergleichbare Symptome hat die internationale Lesewelt nur ein einziges Mal erlebt, bei Harry Potters Zauberersage. Sie verzückte das Gemüt von Kindern und Erwachsenen mit einem gigantischen, akribisch ausgemalten Fantasy-Kosmos. Das Erstaunlichste am Phänomen des Norwegers Karl Ove Knausgard dürfte sein, dass seine auf sechs Bände angelegte Autobiografie mit nichts anderem verzaubert als mit einem Realismus, den man sich nackter, authentischer, minutiöser, über weite Strecken auch banaler nicht denken kann.

"Ich zündete mir eine Zigarette an, strich mir mit der Hand durchs Haar. Der Regen hatte das Haargel klebrig werden lassen, und ich wischte mir die Hand am Hosenbein ab, bückte mich und zog den Walkman aus dem Rucksack, ging die wenigen Kassetten durch, die ich dabei hatte, entschied mich für SKYLARKING von XTC, legte das Band ein und richtete mich auf."

Ein in schier unendlicher Verlangsamung geschildertes Leben

Es ist ein Mammutwerk, eine rund 4.000 Seiten umfassende literarische Mammut-Autobiografie, die sich quantitativ allenfalls mit Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" vergleichen lässt. Aber die schiere Masse bedruckten Papiers, das Staunen über die manische Produktivität des Kettenrauchers Knausgard allein können nicht ausschlaggebend sein für den Hype, der in Europa wie in Amerika um das Phänomen Knausgard entstanden ist. Was dann? Wie lässt sich das Faszinosum erklären? Mit der Extravaganz des in sechs Bänden ausgebreiteten und in schier unendlicher Verlangsamung geschilderten Lebens sicherlich nicht. Karl Ove Knausgard, 1968 in Oslo als Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester geboren, in der südnorwegischen Provinz in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, verheiratet in zweiter Ehe, Vater von vier Kindern, darf  - denkt man sich seine aktuelle schriftstellerische Prominenz weg – als Normalo bezeichnet werden. Knausgard nahm an keiner Olympiade und keiner Revolution teil, er entdeckte keinen unbekannten Kontinent, brachte keine bahnbrechende technische Erfindung hervor. Er litt und leidet an Ängsten und Neurosen, die für jeden Leser sehr leicht nachvollziehbar sind, weil jeder sie, in welchem Maß auch immer, von sich selber kennt.

"Wir saßen fast eine Stunde zusammen und es war eine Qual, keinem von uns gelang es, die Verantwortung für die Situation zu übernehmen, sie schien unabhängig von uns zu existieren, etwas weitaus Größeres und Gewichtigeres zu sein, als wir bewältigen konnten. Wenn ich etwas sagte, geschah es tastend, und dieses Tastende, nicht das Gesagte, blieb bestehen. Sie sah aus dem Fenster, wünschte sich ebenso sehr fort wie ich."

Der Unterschied ist nur: Knausgard setzt sich und seine Seele einer schonungslosen, geradezu exzessiven Selbstentblößung aus, die es in der Literatur nie zuvor gab und die es in der Wirklichkeit allenfalls auf den Couchen psychoanalytischer Praxen gibt. Keine Schwäche, kein Alkoholabsturz, kein misslingender sexueller Versuch sind ihm zu peinlich, um via Buch vor die Öffentlichkeit zu treten.

Kein Ort, kein Gespräch sind diesem Ich zu unerheblich

"Ich legte mich früh ins Bett und schlief wie üblich sofort ein. Am nächsten Morgen wachte ich gegen sieben abrupt aus einem Traum auf, was mir sonst nie passierte. Ich hatte von einer Party geträumt, auf der Yngve und Ingvild waren. Ich trat in den Flur, blieb in der Tür zum Wohnzimmer stehen, und die beiden standen am hinteren Ende des Raums vor einem Fenster. Ingvild sah mich an, dann legte sie den Kopf in den Nacken und Yngve küsste sie. Ich legte mich wieder hin. Ingvild war mit Yngve zusammen. Deshalb war sie nicht gekommen. Den ganzen Vormittag dachte ich daran. Ich glaubte an Träume, glaubte, dass sie etwas über das Leben aussagten und letztlich immer die Wahrheit kundtaten. So gesehen ließ das Bild keine Zweifel offen. Sie standen zusammen, Ingvild sah mich an, und danach küsste sie Yngve. Das konnte doch wohl nicht stimmen? Lieber Gott, sag, dass es nicht wahr ist".

Ingvild ist eine junge Studentin, die der Ich-Erzähler anbetet und für sich zu gewinnen hofft, Yngve ist sein älterer, weitaus selbstsicherer Bruder. Das Vernichtungsgefühl des Träumers, der die beiden ihm wichtigsten Menschen als Verliebte und sich als ausgegrenzten Versager sieht, kann man sich mühelos vorstellen. Die Angst, die sich dahinter verbirgt, rührt an existentielle Urängste. Eben dies gilt für viele Regungen der Knausgard´schen Gefühlswelt. Sie ist das eigentliche Zentrum des Riesenprojekts. Sein Autor tritt dem Leser vor allem in einer Rolle entgegen: als geradezu anachronistischer Gefühlsmensch. Denkt man sich die moderne, zeitgenössische Kulisse weg, könnte dieser Karl Ove Knausgard mitsamt seinen beständigen Gefühlswallungen, seiner emotionalen Achterbahnfahrt von den Gipfeln der Euphorie in die Täler depressiver Selbstzerfleischung ohne Weiteres dem 18. Jahrhundert entstammen; einer Epoche romantischen Stürmens und Drängens. In dieser historischen Asymmetrie dürfte ein Teil des Faszinomus begründet sein. Von seinen Kritikern wurde Knausgard wiederholt vorgeworfen, Banalitäten aneinanderzureihen, die genau genommen nicht der Rede wert seien, schon gar nicht in dieser ausufernden Form. Unberechtigt ist dieser Einwand nicht. Der Leser schaut dem Autor beim Öffnen und Austrinken von Bierflaschen zu, beim Einkaufen von Schallplatten, beim Herrichten zahlloser Frühstücksbrote für die Kinder, was nun wirklich keine spektakuläre Aktion darstellt. Aber all diese Banalitäten, aus denen sich unsere Lebensrealität nun einmal zusammensetzt, werden von einem Ich ausgeführt, dessen Hauptmerkmal seine Erregungsbereitschaft ist. Kein Gegenstand, kein Ort, kein Gespräch sind diesem Ich zu unerheblich, um seine Gedanken- und Gefühlsmaschinerie in Erregung zu versetzen, die wiederum ausschweifende Reflexionen nach sich zieht. Als Knausgards Großvater in ein Krankenhaus eingeliefert wird, macht sich der Enkel über Seiten hin Gedanken über die phänomenologische Seltsamkeit von Krankenhäusern.

Übertitel des Originals: "Mein Kampf"

"Warum sammelte man alle körperlichen Leiden an einem einzigen Ort? Und das nicht nur für ein paar Jahre, nein, es existierte keine zeitliche Beschränkung, die Ansammlung von Kranken blieb stets konstant. Wurde EINER von ihnen geheilt und konnte nach Hause gehen oder starb und wurde beerdigt, schickte man den Krankenwagen los und holte einen neuen. Sogar von der weit draußen gelegenen Fjordmündung hatten sie Großvater hierher gerufen, und so lief es in der gesamten Umgebung, von Inseln und kleineren Ortschaften, Siedlungen und Dörfern wurden sie in ein System geschickt, das bereits drei Generationen überdauert hatte. Das Krankenhaus existierte, um uns gesund zu machen, so sah es aus dem Blickwinkel des Einzelnen aus, aber drehte man den Spieß um und betrachtete es aus der Perspektive des Krankenhauses, war es, als ernährte es sich von uns. Allein schon, dass sie die Etagen nach den Organen eingeteilt hatte. Lunge in der siebten, Herz in der sechsten, Gehirn in der fünften, Arme und Beine in der vierten, Hals, Nasen und Ohren in der dritten. Es gab Leute, die das kritisierten, die erklärten, diese Spezialisierung habe dazu geführt, dass man den Menschen als Ganzes aus den Augen verloren habe und dass der Mensch nur als Ganzes gesund werden könne. Sie begriffen nicht, dass das Krankenhaus nach dem gleichen Prinzip organisiert war wie der Körper. Kannten die Nieren ihren Nachbarn Milz? Wusste das Herz, in wessen Brust es schlug? Das Blut, durch wessen Adern es floss? Oh nein, nein. Für das Blut waren wir nur ein System von Kanälen. Und für uns war das Blut nur etwas, was sich die wenigen Male zeigte, in denen etwas schiefging und der Körper sich in Wunden öffnete. Dann wird Alarm ausgelöst, dann hebt ein Hubschrauber ab und knattert über der Stadt, um dich zu holen, er landet wie ein Raubvogel direkt neben der Unglücksstelle auf der Straße, du wirst eingeladen und abtransportiert, auf einen Tisch gelegt und betäubt, um Stunden später zu den Gedanken an die behandschuhten Finger zu erwachen, die in dir gewesen sind, an die Augen, die unverfroren auf deine im Licht glänzenden und nackten Organe gestarrt haben, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie dir gehören."

Der erregte Tonfall ist unüberhörbar, das Steigerungsprinzip der Syntax unübersehbar. Der Klinikbesuch ereignet sich im fünften der sechs Bände, der gerade im Deutschen erscheint und wie alle voran gegangenen von Paul Berf glänzend übersetzt wurde. In der norwegischen Originalausgabe trägt Knausgards autobiografisches Werk den Übertitel "Min kamp", "Mein Kampf", auf den der deutsche Verlag aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet hat. Jeder der Bände würde auch als eigenständige Prosa funktionieren, ihre Abfolge orientiert sich nicht an der biografischen Chronologie, allerdings tragen alle Bände ein Verb als Titel. Als erstes erschien, in Norwegen im Jahr 2009, der Band "Sterben". Sein Ausgangspunkt ist der Tod des von Knausgard gehassten tyrannischen Vater, einem schweren, zum Ende hin verwahrlosten Trinker. Es folgte, ebenfalls 2009, "Lieben". Der Leser begegnet hier Karl Ove Knausgard als Ehemann und Vater, der sich zwischen Schreibwünschen und aufreibendem Familienalltag nicht zurechtfindet. In "Spielen" kehrt Knausgard zu seiner Kindheit und zu den frühen Siebzigerjahren zurück, als seine Eltern noch nicht getrennt, ihre späteren Dramen allerdings erahnbar sind. In "Leben" aus dem Jahr 2010 erzählt er von seinen ersten Schritten ins Leben. Der 18jährige Abiturient arbeitete ein Jahr als Aushilfslehrer an einer Dorfschule in Nordnorwegen. Ein besonders düsteres Jahr des zur Düsterheit neigenden Mannes, an dessen Ende er aber einen wichtigen Schritt unternimmt. Er bewirbt sich an der neu gegründeten Schreibakademie in Bergen. Eben dort kommt er zu Beginn des fünften Bandes an. Er heißt: "Träumen".

"Die vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind von ihnen lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen vielleicht erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist. Doch das ist erstaunlich wenig. Das Einzige, was von den tausenden Tagen noch existiert, die ich in dieser kleinen, gassenreichen, regenschimmernden, westnorwegischen Stadt verbrachte, sind wenige Ereignisse und eine Vielzahl von Stimmungen."

Liebe und Kunst als Herausforderungen

Fast nebenher formuliert Knausgard hier die Gefühlspoetik seines autobiografischen Mammutwerks: Wenige Ereignisse genügen ihm, um eine Vielzahl von Stimmungen aufleben zu lassen. Vielleicht liegt hier eines der Geheimnisse seines Erfolges: in Widerstand gegen das Tatsachenprinzip der Gegenwart.

"Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dort hinging!"

Wüsste man nicht, wann dieses Zitat entstand und wem es sich verdankt, wäre es auch einem Dichter wie Jakob Michael Reinhold Lenz, dem legendären Vertreter der Sturm-und-Drang-Epoche zurechenbar. In "Träumen" geht es um die zwei zentralen Herausforderungen, denen sich der junge Knausgard auf dem Weg zum Erwachsenwerden stellen muss: der Liebe und der Kunst. Er trifft Ingvild wieder, das schöne Mädchen, das er Monate zuvor nur eine halbe Stunde lang gesehen hat, was ihm genügte, um zu wissen, dass sie seine große Liebe ist. Anschließend schrieb er ihr, wie ein Werther des späten 20. Jahrhunderts, fast täglich Briefe. Und er unterzieht er sich in Bergen den schulischen Exerzitien der Schreibakademie, um seinem Traum nahe zu kommen, dem Schriftstellertraum, ein einzigartiges Werk zu schaffen.

"In der Mitte Pulte, die in Hufeisenform angeordnet waren und an denen drei Personen saßen. Vor ihnen standen zwei Männer. Der eine, groß und schlank, trug ein Jackett mit hochgeschlagenen Ärmeln, sah uns an und lächelte. Er trug ein Goldkettchen um den Hals, fiel mir auf, und mehrere Ringe an den Fingern. Der andere, kleinere, auch er im Jackett und mit einem kleinen Bauch, den sein viel zu enges Hemd ausstellte, sah uns blitzschnell an, bevor er den Blick senkte. Beide hatten einen Bart. Der eine mochte um die fünfunddreißig sein, der andere, der die Arme verschränkt hielt, etwa dreißig. 'Herzlich willkommen', sagte der Großgewachsene. 'Ragnar Howland'. Ich gab ihm die Hand und nannte meinen Namen. 'Jan Fosse', sagte der andere, und er sagte es schnell, ja spuckte es fast aus. 'Setzt euch', meinte Ragnar Howland. 'In der Kaffeemaschine ist noch Kaffee, und Wasser gibt es da drüben, wenn ihr wollt.'"

Verbindung des Monumentalen mit dem Intimen

Karl Ove Knausgards Traum vom einzigartigen literarischen Werk wurde Wirklichkeit, mit eben dieser, sechs Bände und 4.000 Seiten umfassenden Autobiografie. Der Traum erfüllte sich allerdings erst nach vierzehn Jahren verzweifelter künstlerischer Suche, mühevollen Auf und Abs, bohrender Selbstzweifel und Versagensängste. Sie sind, neben Knausgards erster gescheiterter Ehe, das Hauptsujet des nun auf Deutsch vorliegenden fünften Bandes. Am Ende dieser vierzehn Jahre floh Knausgrad nicht nur aus der Stadt Bergen, sondern auch aus seinem norwegischen Heimatland und ließ sich zunächst in Stockholm nieder. Die letzten Sätze von "Träumen" lauten:

"Sie begleitete mich zum Bahnhof. Sie umarmte mich. Sie weinte. Ich weinte nicht, ich umarmte sie und sagte, sie solle auf sich aufpassen. Wir küssten und, ich stieg in den Zug, und als er aus dem Bahnhof rollte, sah ich Tonje alleine den Bahnsteig hinunter und in die Stadt gehen. Ich nahm den Nachtzug nach Oslo, und alles, was ich auf dieser Reise tat, geschah mit dem Ziel, nicht zu denken. Ich las eine Zeitung nach der anderen, und als das erledigt war, las ich einen Roman von Ian Rankin, meinen ersten Kriminalroman nach zwanzig Jahren, bis ich so müde war, dass ich einschlief, sobald ich die Augen schloss. In Oslo kaufte ich mir das nächste Buch von Rankin, stieg in den Zug nach Stockholm, setzte mich, begann zu lesen. So verließ ich Bergen".

Schwierige Abschiede am Bahnsteig, Zugfahrten mit Zeitungs- und Romanlektüre, Streckenpläne der Eisenbahn – man kann nicht behaupten, dass es all dies in der Geschichte der Literatur nicht schon in Fülle gegeben hätte, oftmals auch in stilistisch raffinierterer Form. Ebenso wenig kann man bestreiten, dass Knausgards Bücher einen gewissen Langmut seiner Leser beanspruchen, die nicht nur in den Genuss der Höhenflüge literarischer Empfindsamkeit kommen, sondern auch weite Ebenen banaler Mitteilungen zu durchwandern haben. Was also ist es, das eine weltweite Leserschaft in den Knausgard-Hype versetzt? Vermutlich sind es zwei Eigenschaften dieses Werks: Zum einen die Verbindung des Monumentalen mit dem Intimen. Zum anderen aber die symbolische Situation der absoluten, nichts auslassenden, nichts verschweigenden Beichte. Knausgrads radikale Selbstentblößung bringt jenen Moment in Erinnerung, an den säkulare Gesellschaften nicht mehr zu glauben vermögen: Den Moment, in dem das irdische Leben beendet ist und der Mensch an der Pforte zu einem anderen Leben vor den Herrn tritt, der alles über ihn weiß und bereit ist alles, zu vergeben. Karl Ove Knausgards Autobiografie stellt somit nichts anderes dar als die Inszenierung des letzten Gerichts mit den Mitteln der Literatur.

Karl Ove Knausgard: "Träumen"
Roman, aus dem Norwegischen von Paul Berf,
Luchterhand 2015, 793 Seiten, 24,99 Euro.

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