Samstag, 24. Februar 2024

Sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche
Wie das Freiburger Missbrauchsgutachten zu bewerten ist

Es gleicht mittlerweile einem Ritual. Mit dem Bistum Freiburg hat eine weitere katholische Diözese einen Missbrauchsbericht vorgelegt. Doch die Kritik an solchen Kirchengutachten wächst. Gefordert wird eine staatlich unterstützte Untersuchung von Missbrauchsfällen.

19.04.2023
    Erzbischof Robert Zollitsch in seiner Wohnung vor einem Kreuz.
    Der emeritierte Erzbischof Robert Zollitsch steht nach dem Freiburger Gutachten besonders in der Kritik. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
    Auch das Erzbistum Freiburg hat nun einen eigenen Missbrauchsbericht veröffentlicht. Demnach haben zwischen 1946 und 2014 rund 540 Kinder und Jugendliche im Erzbistum sexuelle Gewalt durch Priester und Ordensleute erlitten. Der Bericht einer Arbeitsgruppe listet mehr als 250 beschuldigte Priester und 33 weitere Beschuldigte wie etwa Diakone auf.
    Im Zentrum der Vorwürfe stehen die früheren Freiburger Erzbischöfe Robert Zollitsch und Oskar Saier. Ihnen werden in dem 600-seitigen Bericht „massive Vertuschung“ und „Ignoranz geltenden Kirchenrechts“ vorgeworfen.
    Doch die Kritik an solchen Gutachten, die von der Kirche in Auftrag gegeben werden, nimmt zu. Gefordert wird eine übergreifende Untersuchung mit staatlicher Unterstützung, die die 2018 im Auftrag der Bischofskonferenz vorgelegte wissenschaftliche MHG-Studie (so benannt nach Mannheim, Heidelberg und Gießen, den Standorten der für die Studie verantwortlichen Institute) ergänzt.

    Was sind die Erkenntnisse des Freiburger Missbrauchsgutachtens?

    Man sieht, was man in der MHG-Studie und in anderen Gutachten auch schon gesehen hat: Beschuldigte Kleriker wurden allenfalls versetzt. Die weltliche Justiz wurde rausgehalten, die Öffentlichkeit auch.
    Wenn sich Bischöfe überhaupt für die Opfer interessierten, dann um sie zum Schweigen zu bringen. Wissenschaftlich betrachtet ist der Freiburger Bericht nichts Neues. Aber: Wichtig ist er trotzdem. Zum einen für die Betroffenen. Darin werden nämlich anonymisiert ihre Geschichten erzählt – nicht alle, sondern 24 exemplarisch ausgewählte. Damit wird öffentlich beglaubigt, was lange bestritten wurde. Darüber hinaus ist der Bericht wichtig, damit auch die Freiburger Gläubigen wissen, welches Unrecht geschehen ist, worin die Komplizenschaft der Basis besteht und wie die verehrten Geistlichen sich über ethische Minimalstandards hinweggesetzt haben.

    Welche Kirchenmänner werden in dem Bericht besonders kritisiert?

    Der Bericht nennt vor allem zwei Vertuscher: den früheren Erzbischof Oskar Saier und Robert Zollitsch. Letzterer war unter Saier 20 Jahre lang Personalreferent, vorher war er in der Priesterausbildung tätig. 2003 wurde Zollitsch selber Erzbischof. Der Bericht attestiert Zollitsch herausragende Kenntnisse des pastoralen Personals – inklusive der „Problempriester“.
    Saier habe sich nicht für die Missbrauchsfälle interessiert und zu Zollitsch gesagt: „Robert, mach du’s!“ Und Robert Zollitsch hat es dann gemacht auf seine Weise. Als Personalreferent ging es ihm vor allem darum, das priesterliche Amt vor Schaden zu bewahren. Das hieß dann: Beschuldigte wurden diskret versetzt. Gespräche mit diesen Klerikern wurden seelsorgerlich geführt – also ohne Aufklärungsinteresse.
    Der damalige Erzbischof von Freiburg, Oskar Saier, bei einer Pressekonferenz im Juni 1999.
    Auch der 2008 verstorbene frühere Freiburger Erzbischof Oskar Saier wird in dem Bericht kritisiert. (picture-alliance / dpa / Rolf Haid)
    Zudem habe Zollitsch versucht, Akten dem Zugriff der weltlichen Justiz zu entziehen, damit die auch selbst bei einer angeordneten Durchsuchung nicht gefunden würden. Zollitsch wird als Macher und Machtmensch beschrieben im Vergleich zum eher scheuen Saier. Wobei die Letztverantwortung bei Erzbischof Saier lag. Auch als Zollitsch selber Erzbischof wurde, soll er weiter kein Interesse für die betroffenen Kinder und Jugendlichen gezeigt haben. Die Aktenanalytiker stellen mit Erstaunen fest, dass Zollitsch in Sachen Missbrauch das Kirchenrecht konsequent nicht angewendet habe – zum Beispiel keine Fälle nach Rom an die Glaubenskongregation gemeldet hat, obwohl das seit Anfang der 2000er-Jahre vorgeschrieben war.

    Was erfahren wir über das Verhältnis von Politik und Kirche?

    Von 2008 bis 2014 war Robert Zollitsch auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz – und damit auch im Jahr 2010, als Missbrauch in den Kirchen öffentlich wurde. Dies ist nicht direkt Gegenstand des Berichts, aber es gibt vielsagende Detailinformationen, die das Verhältnis zwischen römisch-katholischer Kirche und Politik betreffen. 2010 war die Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Amt.
    Angela Merkel und Robert Zollitsch
    Angela Merkel (CDU) war Bundeskanzlerin und Erzbischof Robert Zollitsch Vorsitzender der Bischofskonferenz, als ab 2010 immer mehr Missbrauchsvorwürfe gegen die Kirche erhoben wurden. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
    Zollitsch lieferte sich damals einen öffentlichen Streit mit der damaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Die Ministerin kritisierte, dass die katholische Kirche nicht aufklärt. Zollitsch stellte ihr daraufhin hochempört ein Ultimatum. Darin erkennt man, in welcher Machtposition sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz gegenüber der Regierung wähnte.
    Tatsächlich hat der Staat ja auch die Kirche unbehelligt gewähren lassen – und lässt das bis heute zu. Die Bundesregierung sieht nicht den Staat, sondern die Kirche in der Verantwortung bei der Aufklärung. Daran gibt es seit Jahren Kritik. In Frankreich zum Beispiel wurde eine staatliche Untersuchungskommission eingerichtet. Auch die Rolle der Justiz in der Bundesrepublik wird immer wieder kritisiert, die Kirchen zu sehr zu schonen und nicht konsequent zu ermitteln. So fand erst im Februar 2023 in den Räumen des Erzbistums München und Freising die erste Durchsuchung einer Staatsanwaltschaft mit richterlichem Befehl statt. Ermittelt wird seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens des Erzbistums vom Januar 2022. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sprach von einer "Zeitenwende im Verhältnis von staatlicher Justiz und den Kirchen".

    Wie reagiert Zollitsch auf die Vorwürfe?

    Robert Zollitsch als Hauptbelasteter hat zu vielen Punkten nicht Stellung genommen. Aber er hat auf seiner privaten Homepage vor einigen Monaten ein Video veröffentlicht, in dem er um Verzeihung bittet, sich als Teil eines Systems darstellt. Einen Tag vor der Veröffentlichung des Berichts erklärte Zollitsch auf seiner Homepage, er habe sich nun Schweigen auferlegt. Wörtlich heißt es: „Herr Dr. Zollitsch stellt sich und seine eigenen persönlichen und rechtlichen Belange ausdrücklich hintan.“

    Welche Kritik gibt es an den Einzelstudien aus den Bistümern?

    Es gibt mittlerweile eine Reihe von Einzelstudien zu Missbrauchsfällen etwa in Aachen, Hildesheim, Köln, München, Münster, Mainz, Osnabrück und nun eben Freiburg. Alle Aktivitäten der katholischen Kirche nach der MHG-Studie seien „unzureichend“, was Aufarbeitung und was Beteiligung von Betroffenen angehe, sagte der Forensiker Harald Dreßing vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit im Dlf. Er war federführend bei der MHG-Studie von 2018.
    Weitere Gutachten aus den Bistümern würden nicht zwingend gebraucht. Nötig sei vielmehr eine nationale repräsentative Dunkelfeldstudie, sagte Dreßing, denn bislang kenne man durch alle Untersuchungen nur die Spitze des Eisbergs. Er plädierte zudem für eine „einheitliche, transparente und kirchenunabhängige Aufarbeitung“. Man könne es „Wahrheitskommission“ oder auch anders nennen. Wichtig wäre eine Kommission mit einem staatlichen Mandat mit mehr Durchgriffsrechten, so Dreßing, um wirklich Licht ins Dunkel zu bringen. In der Kirche gebe es ein selbstkritisches und ein autoritär-konservatives Lager.
    Dreßing rügte bei der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe ein „Versagen des Staates“ und sprach von einer „merkwürdigen Passivität“. Wenn man tiefer gräbt, bräuchte man gesetzliche Regelungen, wie man mit Personen und den Daten dann auch umgehen könne bei der Veröffentlichung.
    Auch der Sozialpsychologe Heiner Keupp forderte nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Erzbistum Freiburg eine bundesweite Missbrauchsstudie. Die Bundesrepublik brauche eine gründliche Gesamtuntersuchung, was an Missbrauchsgeschehen im Land stattgefunden habe, sagte Keupp im SWR. Hier müsste die Bundesregierung ein großes Forschungsprojekt aufstellen.
    Quellen: Christiane Florin, epd, tei