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StartseiteInterview "Keine andere Energieform ist so bürgernah"19.01.2012

"Keine andere Energieform ist so bürgernah"

Vertreter der Solarwirtschaft verteidigt Fotovoltaik-Förderung

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will künftig weniger neue Fotovoltaik-Anlagen fördern, um die Stromkunden zu entlasten. Denn die finanzieren die Förderung über eine Umlage. Doch die Energiewende sei nicht zum Nulltarif zu haben, sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft. Solarenergie sei bereits in kürzester Zeit viel günstiger geworden.

Carsten Körnig im Gespräch mit Silvia Engels

Die Förderung von Solaranlagen wird schrittweise zurückgefahren. (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Die Förderung von Solaranlagen wird schrittweise zurückgefahren. (Stock.XCHNG / Steve Woods)

Silvia Engels: Die erneuerbaren Energien in Deutschland werden stark gefördert. Besonders profitiert davon die Solarwirtschaft. In dem Gesetz über erneuerbare Energien aus der rot-grünen Regierungszeit ist festgeschrieben, dass Solaranlagen über 20 Jahre lang gefördert werden. Und zwar über einen festen Anteil am Strompreis, den jeder Stromkunde entrichten muss. Ein Grund dafür, dass immer mehr Solarzellen auf Deutschlands Dächer kommen, obwohl der Effizienzgrad im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien wie Windenergie oder Biomasse vergleichsweise geringer ist. Im Gegenzug zahlen die Verbraucher Milliardenbeträge. RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann sieht diese Problematik so:

O-Ton Jürgen Großmann: "2011 wurden über das Erneuerbare-Energien-Gesetz knapp 17 Milliarden Euro von den Stromverbrauchern eingesammelt und an die Anlagenbetreiber ausgeschüttet. So finanziert der Minijobber hier aus Berlin-Moabit die Solaranlage auf dem Praxisdach meines Zahnarztes im Chiemgau."

Engels: Aber nicht nur eingefleischte Vertreter der fossilen Energien wie Jürgen Großmann kritisieren, sondern auch Wirtschaftsminister Rösler übt Kritik. Er will das Gesetz nun so ändern, dass künftig weniger neue Fotovoltaik-Anlagen gefördert werden sollen. Damit soll die Belastung für den Stromzahler begrenzt werden. Einer, dem das alles nicht gefallen dürfte, ist Carsten Körnig. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbandes der Solarwirtschaft und nun am Telefon. Guten Morgen, Herr Körnig.

Carsten Körnig: Einen wunderschönen guten Morgen!

Engels: Drei Prozent der Energie in Deutschland werden durch Fotovoltaik erzeugt, aber die Umlage für die Stromverbraucher summiert sich auf sechs Milliarden Euro, sagt Philipp Rösler. Sind Sie einfach zu teuer für zu wenig Strom?

Körnig: Keinesfalls. Wir haben das Potenzial, zu einer der günstigsten Energieformen überhaupt zu werden. Und wer ernten will eine Energiewende, um die ja kein Weg mehr drum herum führt, der muss zunächst einmal säen. Das heißt, der muss Anschubinvestitionen vornehmen. Die Energiewende ist nicht ganz zum Nulltarif zu haben. Aber daran partizipieren alle Bürger, und das ist der große Unterschied zu den bisherigen fossilen Energieformen, von denen nur wenige profitiert haben. Keine andere Energieform ist so bürgernah, kann so dezentral vor Ort am Verbrauch erzeugt werden wie die Solartechnik, und deswegen erfreut sie sich eben auch allergrößter Beliebtheit. Es gibt keine andere Energieform, die so große Popularitätswerte hat bei der Bevölkerung, wie die Solartechnik.

Engels: Nichtsdestotrotz ist es so, dass die Windenergie zum Beispiel sehr viel effizienter ist als die Solarenergie. Scheint hier einfach zu selten die Sonne, um dieses System wirklich effizient zu bekommen, die Fotovoltaik eben?

Körnig: Keinesfalls. Ein durchschnittliches Eigenheim-Hausdach in Deutschland reicht aus, um den Strombedarf der Anwohner zu decken. Wind und Solar ergänzen sich wunderbar, und auch bei den Kosten sind wir bereits im nächsten Jahr bei Solarstrom aus Freiflächen-Solaranlagen hier in Deutschland preislich in der Förderung gleichauf mit Windkraftanlagen auf dem Meer.

Engels: Da sehen andere das anders. Heute treffen Sie und andere Vertreter der Solarbranche sich mit Umweltminister Röttgen. Er gilt ja auch als solarfreundlich. Aber auch er verlangt, die Anlagenzahl solle weniger stark wachsen. Können Sie ihm da entgegenkommen, weniger Fotovoltaik aufs Dach?

Körnig: Also zunächst einmal sind wir zuversichtlich, dass der Bundesumweltminister mit der Energiewende es ernst meint und auch darum weiß, dass eine Energiewende ohne einen weiteren kraftvollen Ausbau der Solartechnik zum Scheitern verurteilt ist. Aber selbstverständlich sind wir bereit für den Dialog, hier geeignete Möglichkeiten zu suchen, die Wettbewerbsfähigkeit noch schneller zu erreichen. Aber wir brauchen hier verlässliche Rahmenbedingungen. Das ist ganz wichtig bei den notwendigen Investitionen der Branche in diese Zukunftstechnologie.

Engels: Die "Financial Times Deutschland" meldet, Sie hätten vor, Herrn Röttgen anzubieten, dass die Subventionen für die Solarbranche, die ja langsam zurückgefahren werden, künftig häufiger gekürzt werden. Dafür sollen die in kleineren Schritten gekürzt werden. Stimmt das?

Körnig: Haben Sie bitte Verständnis, dass wir dem Gespräch jetzt nicht vorgreifen können und uns da an irgendwelchen Spekulationen beteiligen. Ich will nur eins festhalten: Wir haben bereits im letzten Jahr eine Novellierung des Fördergesetzes erlebt, das jetzt zum Januar in Kraft getreten ist und zur Folge hat, dass die Solarstromförderung in diesem Jahr um rund 28 Prozent abgesenkt wird für neue Fotovoltaik-Anlagen. Das ist doppelt so schnell wie im Vorjahr. Und deshalb meinen wir, dass hier kein Spielraum mehr ist für eine weitere Beschleunigung dieser Förderabsenkung.

Engels: Das heißt, bei der Höhe der Förderung lassen Sie nicht mit sich reden?

Körnig: Bei der Höhe der Förderabsenkung in der Summe. Es ist ja so, dass die Solarförderung jedes Jahr in großen Schritten abgebaut wird, sodass wir in wenigen Jahren die Wettbewerbsfähigkeit erreichen. Das ist möglich aufgrund der Fortschritte in der Technologieentwicklung und der Massenfertigung. Und alles weitere müssen wir sehen, dass man hier es möglichst so macht, dass es sowohl für den Betreiber einer Solaranlage, aber natürlich auch für die erzeugende Industrie wie natürlich dem Stromverbraucher, der das ja letztendlich dann auch trägt, möglichst optimal und effizient gestaltet ist.

Engels: Herr Körnig, wenn Ihre Branche so leistungsstark ist, wie Sie jetzt auch wieder betonen, warum können Sie dann nicht schneller auf Staatshilfen verzichten?

Körnig: Ich glaube, es gibt keine andere Technologie, die so schnell es geschafft hat, in den letzten Jahren günstiger zu werden. Schauen Sie, innerhalb von nur drei Jahren haben wir die Kosten halbiert. Wir haben in diesem Jahr es geschafft, bereits Solarstrom, die Solarförderung auf das Niveau zu drücken der Haushalts-Stromtarife. Das hätte vor vielen Jahren keiner angenommen, dass das so schnell funktioniert.

Engels: Aber China produziert jetzt schon wieder billiger. Haben Sie da was verschlafen?

Körnig: Keinesfalls. Die Technologie ist dort keineswegs besser. Aber China, die chinesische Regierung hat es erkannt, dass es sich hierbei weltweit um einen der größten Zukunftsmärkte handelt, und tut alles, setzt alles daran, in diesem Markt die Nase vorne zu haben. Und da ist ein harter Preiskampf ausgebrochen und die chinesischen Unternehmen verfügen über sehr attraktive Kreditkonditionen. Das hat nichts damit zu tun, dass sie technologisch besser sind.

Engels: Greifen wir den Vorwurf von RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann zu Beginn noch mal auf: soziale Ungerechtigkeit. Der Kleinverdiener bezuschusst mit seinem Strompreis den Gutverdiener, der es sich leisten kann, Solarzellen aufs Dach zu legen. Kann das so bleiben?

Körnig: So ist das nicht. Er verdreht ja vollkommen die Wahrheit dort. Bei den Kohlekraftwerken war es so, dass wenige davon profitieren, bei den großen Kernkraftwerken. Hier haben wir eine Technologie, wo wir bereits in Deutschland im letzten Jahr über eine Million Bürger haben, die selbst über eine Solaranlage verfügen, und jene, die kein Hausdach haben, also den, den er dort zitiert - ich bin selbst gebürtiger Berliner und fühle mich hier auch angegriffen -, die kein Eigenheim besitzen, die können sich über Bürgerfonds, Beteiligungsanlagen, schon mit ganz kleinen Beträgen an solchen Solarkraftwerken beteiligen, und insofern fühlen wir uns hier vollkommen missverstanden.

Engels: Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Solarwirtschaft. Vielen Dank für das Gespräch.

Körnig: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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