Donnerstag, 09. Dezember 2021

Kernenergie in der EUEin Auslaufmodell für mehr Klimaschutz?

Die Atomenergie gilt eigentlich als Auslaufmodell, bekommt nun in der Debatte um steigende Energiepreise und die Umsetzung der EU-Klimaschutzziele aber wieder neue Aufmerksamkeit. Kritiker halten die Nutzung von Kernkraft allerdings nicht für eine wirksame Klimaschutzstrategie.

22.11.2021

Abblätterndes Hinweisschild auf Radioaktivität an einer Mauer
Auslaufmodell oder Hoffnungsträger in der Klimapolitik? Die Diskussion um Kernkraft in Europa hat erneut an Fahrt aufgenommen (www.imago-images.de)
Was hat die Diskussion um Atomkraft wieder entfacht?
Auftrieb bekam die Diskussion um die Nutzung von Kernkraftwerken zur Energiegewinnung auf dem EU-Sondertreffen in Luxemburg am 26. Oktober. Die EU-Energieminister waren zusammengekommen, um sich über gemeinsame Sofortmaßnahmen gegen die Preisexplosion bei Strom und Gas zu beraten.
In den Fokus geriet dabei auch das Klimaschutzprogramm der EU und der angestrebte Ausbau erneuerbarer Energien. Eine Gruppe aus mehreren Ländern, darunter auch Deutschland, wies einen Zusammenhang zwischen den EU-Klimaschutzplänen und dem Preisanstieg zurück und warnte vor Eingriffen in den Energiemarkt. "Die einzige dauerhafte Lösung gegen Preisschwankungen und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen sind mehr erneuerbare Energie und Energieeffizienz", sagte auch EU-Energiekommissarin Kadri Simson.
Solarfeld im Licht des Sonnenaufgangs in Mecklenburg-Vorpommern bei Luttow-Valluhn.
Solarenergie (imago / Westend61)
Ausbau der erneuerbaren Energien - was ist machbar?
In Deutschland ist der Energiesektor für den größten Anteil der Emissionen verantwortlich. Er ist allerdings auch der Bereich, der zuletzt im Vergleich am meisten einsparen konnte. Was ist mit erneuerbaren Energien noch möglich – für mehr Klimaschutz? Ein Überblick.
Diskutiert wurde auch, welche Rolle die Atomkraft spielen könnte - im Kampf gegen hohe Energiepreise und für mehr Klimaschutz. Um das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, sind neben dem Ausbau erneuerbarer Energien nach Ansicht vieler Experten Brückentechnologien wie Gas oder Kernenergie nötig.
Vereinbart wurde, dass die EU-Kommission bis zum Ende des Jahres ein Klassifikationssystem für Energien vorlegen soll, die sie als nachhaltig einstuft - die sogenannte grüne Taxonomie. Sie soll auf dem Finanzmarkt wie ein Label wirken, mit dem die EU einem Investitionsprojekt Nachhaltigkeit bescheinigt. Dadurch sollen die dringend benötigten Investitionen in Klimaschutztechnologien und erneuerbare Energien vorangetrieben werden.
Die Aufnahme von Atomenergie in die Taxonomie war nach Angaben der Energiekommissarin Thema einer "intensiven Debatte". Sollte Kernenergie von der EU einen "grünen Aufkleber" erhalten, könnte dies große institutionelle Anleger abschrecken. Der niederländische Pensionsfonds etwa oder Norwegens Staatsfonds wollen nicht mehr in Projekte oder Fonds investieren, die auch einen Anteil an fossilen Energiequellen haben.
Podcast "Der Tag" - Volle Atomkraft voraus
Mit Brüssel-Korrespondent Peter Kapern.
Wer treibt die Atomkraft-Debatte in Europa voran?
Nach den Worten des slowenischen Infrastrukturministers Jernej Vrtovec, dessen Land aktuell die EU-Ratspräsidentschaft innehat, gibt es unter den EU-Staaten einige Atomkraft-Befürworter: "Viele Mitgliedstaaten glauben, dass Kernenergie eine langfristige Lösung sein könnte, denn Erneuerbare und Kernenergien könnten einen Beitrag leisten zur Energieunabhängigkeit und auch um die Klimaziele zu erreichen."
Vor allem Frankreich wirbt für die Kernenergie und argumentiert dabei mit dem Erreichen der Klimaschutzziele. Präsident Emmanuel Macron forderte auf dem jüngsten EU-Gipfel einen Ausbau der Atomkraft in Europa als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Macron hatte für den anstehenden Präsidentschaftswahlkampf zuletzt Investitionen in Atomkrafttechnologien von einer Milliarde Euro angekündigt. Auch in Italien brachte Umweltminister Roberto Cingolani eine mögliche Rückkehr der Kernenergie ins Spiel.
Auf dem EU-Gipfel argumentierten mehrere Länder damit, dass sie das Erreichen der Klimaschutzziele, im ersten Schritt ein Absenken des CO2-Ausstoßes bis 2030 um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990, nicht ohne Atomenergie bewältigen könnten. Polen etwa, das 70 Prozent seines Stroms mit Kohle produziert, kann nach einem Kohleausstieg nicht so schnell auf Erneuerbare umstellen. Deshalb setzt die polnische Regierung auch künftig stark auf Kernenergie und verhandelt mit dem französischen Staatskonzern EDF über den Bau neuer Atomkraftwerke. Auch Tschechien, Bulgarien oder Rumänien wollen vorerst an der Atomkraft festhalten.
Insgesamt zehn Staaten setzten sich auf dem EU-Gipfel dafür ein, Investitionen in Atomenergie auf EU-Ebene als "grüne Investitionen" einstufen zu lassen, mit dem Ziel, dadurch mehr Investoren anzuziehen.
Welche Rolle spielt Deutschland?
Die Gegner von "grünem Atomstrom" sind innerhalb der EU in der Mehrzahl - Widerstand kommt vor allem aus Deutschland und Österreich, aber auch aus Dänemark, Spanien, Portugal, Griechenland und den baltischen Ländern.
Luxemburgs Energieminister und Grünen-Politiker Claude Turmes kritisierte allerdings im Deutschlandfunk, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel jüngst auf dem EU-Gipfel nicht klar gegen Kernenergie als mögliche Brückentechnologie positioniert habe.
Blick auf das Atomkraftwerk Brokdorf Kreis Steinburg an der Elbe. Es wurde 1986 in Betrieb genommen, laut Atomausstieg muss es bis Ende 2021 abgeschaltet werden.
"Vier verlorene Jahre"
Luxemburgs Energieminister Claude Turmes hat der Bundesregierung in der Debatte um die Kernenergie Untätigkeit vorgeworfen. Von Deutschland brauche es eine klare "Anti-Atom-Außenpolitik", sagte Turmes im Dlf.
Turmes vermisst in der aktuellen Debatte innerhalb der EU eine "Anti-Atom-Außenpolitik" von Deutschland". Mit dem früheren Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sei Europa gut vorangekommen, in der Allianz gegen Atom und pro erneuerbare Energien, so Turmes. Unter Peter Altmaier (CDU) seien es zuletzt "vier verlorene Jahre" gewesen. "Das muss man jetzt wieder aufholen."
Für die anstehende Entscheidung der EU-Kommission, ob Kernenergie als grüne Brückentechnologie eingestuft werden soll, sei die Positionierung der möglichen neuen Ampelkoalition in Berlin entscheidend, glaubt Turmes. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußerte unterdessen, dass die EU neben den Erneuerbaren die Atomenergie als "stabile Energiequelle" benötige, sowie "während des Übergangs" zur Klimaneutralität auch Erdgas. Das könnte ein Anzeichen dafür sein, dass die EU-Kommission am Ende doch dazu tendiert, das grüne Label auch für mögliche Investitionen in Kernenergie zuzulassen.
Nach einem Bericht der FAZ soll ein industrienaher Aktionskreis im Vorfeld der Koalitionsverhandlungen an die FDP herangetreten sein, mit einem Papier, wonach eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland "technisch möglich" sei. Die einzige Partei im Bundestag, die den Atomausstieg offen kritisiert und rückgängig machen möchte, ist allerdings bislang die AfD.
Die Statistik zeigt den Anteil der einzelnen Energieträger an der Nettostromerzeugung in Deutschland im Jahr 2020.
Die Nettostromerzeugung beschreibt die insgesamt erzeugte Strommenge abzüglich des Eigenenergiebedarfs der Kraftwerke. Im Jahr 2020 wurden rund 17 Prozent des in Deutschland erzeugten Nettostroms aus dem fossilen Energieträger Erdgas gewonnen. (Deutschlandfunk / Andrea Kampmann)
Nach einer aktuellen Umfrage der Europäischen Entwicklungsbank sprechen sich in Deutschland nur zwölf Prozent der Befragten für einen Ausbau der Atomenergie aus, um die Erderwärmung zu bekämpfen. Allerdings machten sich die zuletzt stark gestiegenen Energiekosten im Stimmungsbild bemerkbar: Im RTL/ntv-Trendbarometer in Zusammenarbeit mit Forsa hielten 42 Prozent der befragten Bundesbürger die Abschaltung aller Kernkraftwerke für einen Fehler.
Kann Atomenergie überhaupt zu mehr Klimaschutz beitragen?
Der Thinktank "Scientists for Future" hat diese Frage in seiner am Mittwoch (27.10.2021) vorgelegten Studie klar verneint. Kernenergie könne nicht zur Lösung der Klimakrise beitragen, sie sei "zu langsam ausbaufähig, zu teuer und zu risikoreich", so das internationale Team aus Wissenschaftlern um Energiewirtschafts-Experte Ben Wealer und Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
Fässer mit radioaktivem Abfall stehen neben einem Weg im Zwischenlager der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK)
Radioaktiver Abfall - Die Suche nach einem deutschen Atommüll-Endlager
Noch befindet sich der hochradioaktive Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken in Zwischenlagern. Bis 2031 soll ein Endlager-Standort gefunden werden. Aus geologischer Sicht ist dafür halb Deutschland geeignet.
Das Wissenschaftsteam aus Berlin erteilte auch einem Mix aus erneuerbaren Energien und Atomkraft, wie er etwa in Japan praktiziert wird, eine Absage. Kernenergie behindere strukturell den Ausbau der erneuerbaren Energien, die schneller verfügbar, kostengünstiger und ungefährlich seien. "Ein Beibehalten der Kernkraft durch Weiterbetrieb oder Verlängerung der Laufzeiten würde in den nächsten zehn Jahren nicht zu einer wesentlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen führen", hieß es in der aktuellen Studie.
Auch Luxemburgs Energiepolitiker Turmes nannte im Dlf-Interview beispielhaft die explodierenden Kosten der geplanten gemeinsamen Reaktoren von Siemens und Framatome. Zudem wies er daraufhin, dass die von Frankreichs Präsident Macron vorangetriebenen neuen Atomkraftwerke "frühestens 2038 oder 2042" fertiggestellt werden könnten. Bis dahin sei "der Klimaschutz verloren".
Quellen: Peter Kapern, AFP, dpa, Scientists for Future Deutschland