Montag, 27. Juni 2022

Keupstraße-Sprecherin
Kritik an "enttäuschenden" NSU-Ermittlungen

Zu den NSU-Taten gehörte auch ein Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße. 22 Menschen wurden verletzt. Es sei bis heute nicht alles aufgedeckt worden, sagte die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, Meral Sahin, im Dlf. Die Bewohner seien als Opfer zu Tätern gemacht worden.

Meral Sahin im Gespräch mit Friedbert Meurer | 04.11.2021

Teilnehmer einer Schweigeminute erinnern mit Plakaten auf der Kölner Keupstrasse am 15. Jahrestag an den NSU-Nagelbombenanschlag
Teilnehmer einer Schweigeminute erinnern mit Plakaten auf der Kölner Keupstrasse am Jahrestag an den NSU-Nagelbombenanschlag (Aufnahme von 2019) (picture alliance/dpa | Roberto Pfeil)
Zu den Taten des NSU zählte auch das Nagelbomben-Attentat im Juni 2004 in der Keupstraße in Köln. 22 Menschen wurden damals verletzt, mehrere darunter schwer. Die Opfer, Angehörigen und Anwohner mussten damals jahrelang mit dem in Medien sowie von Politikern und Polizeibeamten verbreiteten Stigma leben, der Anschlag dürfte etwas mit einem angeblich kriminellen Milieu in der Straße zu tun haben.
11.07.2018, Nordrhein-Westfalen, Köln: Meral Sahin, Sprecherin der IG Keupstraße, steht am Tag der Urteilsverkündung im NSU Prozess in ihrem Laden. In der Keupstraße explodierte am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe des NSU. An diesem Tag wurde vor dem Oberlandesgericht in München ein Urteil im NSU-Prozess um Zschäpe gesprochen. Die als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bezeichnete Terrorgruppe hatte zwischen den Jahren 2000 und 2007 zehn Menschen in Deutschland ermordet. Foto: Henning Kaiser/dpa
Meral Sahin, Sprecherin der Interessengemeinschaft Keupstraße (picture alliance/dpa | Henning Kaiser)
Bei den Ermittlungen seien "Menschen hier gezwungen" worden, "das Wort nicht in den Mund zu nehmen, dass das ein rechtsradikaler Angriff war", sagte Meral Sahin, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, im Deutschlandfunk. Auch zehn Jahre nach der Selbstenttarnung der neonazistischen Terrorgruppe sei man enttäuscht von den Ermittlungen.

Friedbert Meurer: Sie haben 2004 den Bombenanschlag sogar mitbekommen. Waren Sie da in Ihrem Laden?
Meral Sahin: Ja, in meinen Räumlichkeiten. Genau.
Meurer: An was erinnern Sie sich?
Sahin: An eine Explosion, an ein Entsetzen, Durcheinander erst mal, und bis sich das ganze gelegt hat, dachten wir eigentlich in erster Linie, es wäre irgendwas in die Luft geflogen, ein Kessel wäre geplatzt oder ganz andere Dinge als ein rechtsradikaler Angriff. Da war das am Anfang nicht der erste Gedanke.
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Den Opfern eine Stimme geben
Ehefrauen und Töchtern von NSU-Opfern eine Stimme geben – das will die Filmemacherin Aysun Bademsoy. "Das bleibt!", heißt eine Veranstaltung, die die Hinterbliebenen in den Mittelpunkt stellt. "Es sind die Opfer im Zentrum des Ganzen", sagte Bademsoy.
Meurer: Warum waren Sie alle, die Geschäftsinhaber und die Menschen in der Keupstraße, von Anfang an überzeugt, das müssen Rechtsradikale gewesen sein und das ist nicht irgendein interner Bandenkrieg in der Keupstraße?
Sahin: Weil es gab ja Augenzeugen. Sobald wir uns gesprochen haben, der Friseurbetreiber, der Friseurladenbesitzer sagte ja auch, er hatte einen Augenkontakt und er hatte ihn genau gesehen, wie er das Fahrrad hingestellt hat, abgestellt hat. Man bemerkt Menschen, die von außen kommen, und das sind Dinge gewesen, die waren einfach von Anfang an klar. Es war jemand nicht aus der Keupstraße und das kann man einfach nicht so erklären, wenn man das hier nicht kennt. Fahrradfahren tun die wenigsten hier und wenn ein Fahrrad kommt und wenn man etwas gesehen hat, das ist dann schon sehr auffällig.

Wie Vertrauen in der Rechtsstaat enttäuscht wurde

Meurer: Was haben Sie all die Jahre über die Polizei gedacht, oder auch aus heutiger Sicht über deren Ermittlungen?
Sahin: Eigentlich würde ich das Ganze so ausbreiten und ausführlich erklären, damit man wirklich keine Missverständnisse darunter hat, weil man hat ja in erster Linie Vertrauen in den Rechtsstaat und wir haben alle erwartet, dass alle Ermittlungen so laufen, dass das ganz schnell ans Tageslicht kommt und das Ganze enttarnt wird, die Überzeugung, dass auch wirklich das bei den Ermittlern durchdringt. Aber zum Teil wurden ja Menschen hier gezwungen, das Wort nicht in den Mund zu nehmen, dass das ein rechtsradikaler Angriff war.
Meurer: Bitte von wem gezwungen?
Sahin: Von den Ermittlern wurden Menschen hier auch zum Teil aufmerksam gemacht, nicht das Wort in den Mund nehmen, das wissen wir noch nicht.
Meurer: Weil die Polizei andere Erkenntnisse hatte?
Sahin: Ermittler, ja.
Dokumentarfilm "Spuren - die Opfer des NSU" - "Es hört ja nicht auf"
Auch nach den Urteilen im NSU-Prozess sind noch viele Fragen offen - nicht nur für die Hinterbliebenen der Opfer. Aysun Bademsoy hat ihre Verletzungen dokumentiert.
Meurer: Oder die Ermittler, also auch der Verfassungsschutz, sage ich jetzt mal. Dann kam das alles vor zehn Jahren raus, was passiert ist. Was hat das bei Ihnen selbst und bei Ihren Nachbarn und den anderen Geschäftsinhabern in der Keupstraße ausgelöst?
Sahin: Ich muss ganz kurz noch mal reinholen, was in den Jahren davor passiert ist. Das war ja eine Ohnmacht. Man konnte es überhaupt nicht bezeugen. Man hat selbst fast am Ende daran gezweifelt, was man selbst gesehen hat. So schlimm war diese Zeit zwischen dem Attentat und der Erkenntnis, der Enttarnung. Das war schlimm.

Die Wahrheit soll ans Licht kommen

Meurer: Darf ich Sie mal ganz direkt fragen, Frau Sahin? Haben Sie das als Rassismus von den Ermittlern erlebt?
Sahin: Das wurde immer wieder so ausgesprochen, dass das rassistisch ist. Man kann nicht immer davon sprechen, dass das von allen Ermittlern jetzt rassistisch ist. Das wäre wirklich ein bisschen zu viel. Aber dass dieser Werdegang einfach etwas abdecken wollte, dass das nicht so in den Mund genommen werden durfte, das war klar. Das kann man leider nicht leugnen. Aber es geht hier nicht darum. Es geht vielmehr darum, dass die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommt. In dieser Zeit, dass man als Opfer zum Täter wird, das auf den Schultern zu tragen, mitten in Deutschland, mitten in Köln, mitten in einer Stadt, wo es bunt, kunterbunt ist, normalerweise auch ein hervorragendes Klima ist, dass wir hier so vernachlässigt wurden, dass man einfach nicht zugehört hat oder nicht in unserem Interesse ermittelt hat, das war das Schlimmste.
Meurer: Dann machen wir, Frau Sahin, den großen Zeitsprung ins Jahr 2021. Jetzt und heute, zehn Jahre nach der Aufdeckung des NSU. Wie sehen Sie das heute?
Sahin: Enttäuschend! – Ein Wort!
Meurer: Immer noch?
Sahin: Ja, natürlich! Selbstverständlich! Weil das, was wirklich passiert ist, das wissen wir noch nicht, und wir können uns als Gesellschaft zurücklehnen und sagen, ja, die Ermittler haben alles getan. Können wir das wirklich sagen? Können wir wirklich darüber behaupten, was passiert ist in der Keupstraße, in Hanau, in Halle, all diese Dinge, was hintereinander immer wieder passiert? Und wir können uns doch nicht zurücklehnen und sagen, okay, die Ermittler haben super gearbeitet, es ist alles aufgedeckt und wir können in Ruhe schlafen. Wenn wir das sagen können, sind wir super, aber ich glaube nicht, dass wir das sagen können. Definitiv nicht.
Meurer: Immerhin eine Nachricht gibt es, glaube ich. Nach jahrelanger Verzögerung soll es jetzt endlich ein Denkmal geben. Wird das wirklich jetzt klappen?
Sahin: Ja, ja.
Meurer: Da gab es Probleme, auf welches Grundstück soll es gebaut werden.
Sahin: Das ist das Beste, was in dieser Zeit nach all dem passiert ist, weil dieses Grundstück – es war eine ganz schwere Prozedur bis hierhin. Aber es hat funktioniert durch Zusammenhalten aller Menschen, die für ein besseres Zusammenleben und auch wirklich gegen den Rassismus den Kopf in die Höhe gehalten haben und wirklich mal laut ausgesprochen haben, was passiert ist. Ich glaube, das wird etwas sein, was in sich selbst arbeiten wird für uns alle. Ganz Deutschland wird daran arbeiten können. Wir werden die Möglichkeit haben, das zu erzählen, was passiert ist, um etwas zu verhindern, was in Zukunft passieren könnte.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.