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StartseiteInterview"Er hätte sich ein Beispiel an Gündogan nehmen sollen"23.07.2018

"Kicker"-Herausgeber zur Causa Mesut Özil"Er hätte sich ein Beispiel an Gündogan nehmen sollen"

Nach dem Ausscheiden aus der Fußballnationalmannschaft hat "Kicker"-Herausgeber Rainer Holzschuh Mesut Özils Verhalten kritisiert. Ihn treffe die Hauptschuld in dieser Angelegenheit, sagte er im Dlf. Özil habe nach den Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan viel zu spät Stellung bezogen.

Rainer Holzschuh im Gespräch mit Dirk Müller

Mesut Özil während der WM 2018 (dpa/ picture alliance/ Ina Fassbender)
Ex-"Kicker"-Chefredakteur Rainer Holzschuh gibt Mezut Özil die Hauptschuld an der jetzigen Diskussion um seine Person (dpa/ picture alliance/ Ina Fassbender)
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Dirk Müller: Mesut Özil ist seit Jahren umstritten im DFB-Team, auch in der Öffentlichkeit – oft wegen seiner sportlichen Haltung, seiner sportlichen Einstellung. "Jammerlappen" heißt es da häufig. "Wo ist der Kampfgeist auf dem Platz", wurde häufig gefragt. Jetzt hat der Weltmeister von 2014, wir haben es gehört, selbst die Konsequenzen gezogen und er spielt nicht mehr für Deutschland. – Am Telefon ist nun Rainer Holzschuh, viele Jahre lang Pressesprecher des Deutschen Fußballbundes, für viele Jahren Chefredakteur und dann anschließend Herausgeber des "Kicker", und das ist er immer noch. Guten Tag.

Rainer Holzschuh: Schönen guten Tag.

Müller: Sind Sie froh, dass er geht?

Holzschuh: Jein! Auf der einen Seite ist er ein wunderbarer Fußballer, technisch einer der besten, die wir je in der deutschen Nationalmannschaft hatten, der auch viel für die Weltmeisterschaft 2014 zum Beispiel, dass wir Weltmeister geworden sind, getan hat. Auf der anderen Seite ist er einer, wenn wir das rein Sportliche sehen, der in dem Moment, wo die Mannschaft nicht mehr gut spielt, wo die Mannschaft droht unterzugehen, als erster mit die Segel streckt, und insofern ist er kein Häuptling, sondern ein Indianer. In guten Momenten sensationell, in schlechten eigentlich ein Versager. Aber was mich mehr stört ist die Art und Weise, wie er die gesamte Geschichte jetzt um Erdogan aufarbeitet. Das ist wirklich ein Rundumschlag, der mich sehr, sehr stört.

"Es ist alles schiefgelaufen, was mit diesen Erdogan-Fotos zusammenhängt"

Müller: Das heißt, er geht da in die falsche Stoßrichtung aus Ihrer Sicht?

Holzschuh: Es ist alles schiefgelaufen, was mit diesen Erdogan-Fotos zusammenhängt. Dass man die Sensibilität nicht hatte, im Wahlkampf der Türken sich mit Erdogan zur Verfügung zu stellen, ist die eine Sache. Dass man aber, nachdem es zu einem quasi Ausgleichsgespräch mit sogar dem Bundespräsidenten Steinmeier gekommen ist, dann immer noch schweigt und den Medien nicht Rede und Antwort steht und damit auch die gesamte Öffentlichkeit, die ja eigentlich den Fußballer Özil, hoch bezahlt, mit Millionen und Abermillionen bezahlt, dann vor den Kopf stößt, das ist die andere Seite. Das missfällt mir am meisten und natürlich dieser Rundumschlag.

Müller: Aber das wusste der DFB, das wusste die Öffentlichkeit ja auch im Vorfeld. Trotzdem hat er gespielt, trotzdem hat der DFB ja nicht viel dazu gesagt. Warum nicht?

Holzschuh: Weil man sich aus dem Sportlichen rausgehalten hat und bekanntermaßen Jogi Löw als Bundestrainer einer der ganz großen Verfechter von Mesut Özils Leistungen ist. Er hat ja auch nicht nur schlecht gespielt bei der Weltmeisterschaft in diesem Jahr, sondern er hat gute Sachen gemacht, aber nicht eine dominante Rolle gespielt. Deswegen hat der DFB sich eigentlich auch zurecht rausgehalten, weil er dem Bundestrainer nicht reinreden wollte. Dass man auch beim DFB Fehler gemacht hat, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Müller: Welche denn? Wenn Sie sagen, es war zurecht so gehandelt worden, was hat der DFB falsch gemacht?

Holzschuh: Der DFB hätte zwischendurch ihm wirklich ganz klipp und klar sagen müssen und ihn auch wirklich dazu bringen müssen, überzeugend dazu bringen müssen, dass er sich der Öffentlichkeit stellt. Sehen Sie das Beispiel Gündogan. Gündogan hat genau wie Özil mit Erdogan auf dem Foto posiert. Beide haben diese Tat auch mit Hintergrund hinter sich gebracht. Gündogan ist in die Öffentlichkeit gegangen, über den redet niemand mehr. Über Özil, der sich immer verweigert hat, Özil, der immer seinen eigenen Weg gegangen ist, Özil, der auch ein sehr großes Beraterteam hinter sich weiß, dem er blind vertraut hat, ist den anderen Weg gegangen, und dieses Vertrauen in sein Beraterteam ist eigentlich, wenn man es jetzt sieht, schmählich hintergangen worden.

Grindel vs. Özil

Müller: Aber dann ist das auch eine Kritik an Jogi Löw, wie Sie eben argumentiert haben, Herr Holzschuh, wenn ich Sie richtig verstanden habe? Der hat es im Grunde nicht zugelassen, dass man ihn mehr oder weniger dann "gezwungen" hat, doch in die Öffentlichkeit zu gehen?

Holzschuh: Nein! Jogi Löw hat sich eigentlich sportlich hinter ihn gestellt. Wie Jogi Löw in diese Öffentlichkeitsaffäre mit hineingekommen ist, ob er ihn hätte vielleicht auch bereden müssen, ist eine ganz andere Frage. Es geht hier um den DFB. Grindel hat versucht, ihn dazu zu bewegen, in die Öffentlichkeit zu gehen, und Özil hat sich verweigert. Das sind die beiden Antipoden, die dann aufeinandergestoßen sind und die jetzt in Özils Aussagen ganz kräftig sich gegenseitig abwatschen.

Müller: Und dann war es damals, kurz vor der WM, die richtige Konsequenz, trotzdem zu sagen, Du darfst dennoch spielen?

Holzschuh: Von DFB-Seite konnte man nichts anderes tun, weil man sich ja nicht sportlich hineinmischen wollte. Wenn der Bundestrainer sagt, ich will den haben, kann der DFB aus meiner Sicht heraus schlecht sagen, nein, Du darfst ihn trotzdem nicht mitnehmen. Es war ja keine Staatsaffäre in dem Sinne, wenn sich ein Spieler mit einem ausländischen Staatspräsidenten, auch wenn der als Autokrat auftritt und viele, viele Dinge verkehrt macht, zur Verfügung stellt. Da kann der DFB für meinen Begriff nicht eingreifen. Insofern sehe ich das schon richtig.

Müller: Jetzt kam, Herr Holzschuh, die desaströse Leistung der deutschen Nationalmannschaft dazu, und dann hat der DFB nach dem Ausscheiden vor allem einen sportlichen Schuldigen gefunden - so haben das jedenfalls viele verstanden -, nämlich Mesut Özil. Wir haben eben ein Statement von Oliver Bierhoff eingespielt, wo er gesagt hat, so war das eigentlich gar nicht gemeint, ich wollte ihm da nicht die Hauptschuld geben. Und dann kommt der Punkt Respektlosigkeit dazu, wie Özil das jetzt ausdrückt, und vor allem Rassismus. Es hat einen großen Shitstorm, wie man das heutzutage ja nennt, im Internet gegeben, wo er angefeindet wurde, wo er beleidigt wurde, diskriminiert wurde, und ab diesem Zeitpunkt spätestens vermisst Mesut Özil eine klare Stellungnahme des DFB dagegen von Reinhard Grindel. Warum hat der DFB-Chef das nicht gemacht?

Holzschuh: Das weiß ich nicht, warum er das nicht getan hat. In der Tat hätte ich dann auch erwartet, dass vom DFB eine Aussage kommt, die Mesut Özil zumindest nicht als Rassisten darstellt. Dass der Shitstorm, dass die sozialen Medien heutzutage eine Plattform bilden für unsägliche Kommentare und unsägliche Anschuldigungen, das ist uns allen bewusst und das ist eigentlich das Negative an diesem gesamten wunderbaren Internet, dass da Meinungen breitgetreten werden, die nichts, aber auch gar nichts mit der Wahrheit zu tun haben. Da hätte der DFB Özil in der Tat verteidigen müssen …

Özils Äußerungen sind "völlig einseitig"

Müller: Auch Oliver Bierhoff, den Sie so gut kennen und schätzen? Warum hat Oliver Bierhoff nichts gesagt? Der sagt doch viel sonst.

Holzschuh: Das weiß ich nicht. Da muss man Oliver Bierhoff selber fragen, warum er sich da nicht geäußert hat. Wir kennen alle, Sie und ich nicht und auch alle, die in den Medien schreiben, nicht die wirklichen Hintergründe, was im Kopf von Bierhoff, was im Kopf von Grindel, was im Kopf von Özil und was im Kopf auch von Löw passiert. Ich weiß nur, dass Özil unheimlich schlecht beraten ist, auf diese Art und Weise eine Situation daraus zu machen, die jetzt wirklich eine staatspolitische Dimension aufgeworfen hat, und das halte ich für absolut überzogen. Zumindest sage ich aber auch, Özil hat sich jetzt in einer Art und Weise geäußert, die völlig einseitig ist und nichts mit dem zu tun hat, was eigentlich ursprünglich dahinter gesteckt hat.

Müller: Aber trotzdem, wenn wir da noch einmal bleiben. Das ist jetzt zumindest groß in der politischen Diskussion, auch in der gesellschaftlichen Diskussion. Wir haben mit dem Sport begonnen, jetzt sind wir bei der politischen Dimension, Rassismus, Respektlosigkeit, Despektierlichkeit, wie auch immer. Sie sagen, das haben die beiden klipp und klar versäumt, sich da hinter ihn zu stellen und zu sagen, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, so was geht nicht. Wie schädlich ist das für den DFB? Wie schädlich ist das für den deutschen Fußball?

Holzschuh: Leider vergisst man, was der DFB in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für die Integration getan hat, wie viele Nationalspieler er hervorgebracht hat, die ausländische Abstammung haben, die aus allen Kreisen dieser Welt stammen. Ob das nun Podolski oder Klose ist, ob das Mustafi, auch ein Weltmeister von 2014, Boateng, ein Weltmeister von 2014, Khedira ebenso ist, ob das Owomoyela oder Cacau ist, das sind alles Leute, die beim DFB ein Zuhause gefunden haben. Der einzige und erste, der jetzt eigentlich dieses alles negiert, ist Mesut Özil, und das werfe ich ihm persönlich vor. Ich kenne viele, viele Projekte vom DFB, die eigentlich wirklich wunderbar diese Integration unterstützen und wo jeder Präsident des DFB in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sich dafür eingesetzt hat.

"Die Hauptschuld sehe ich bei Mesut Özil"

Müller: Herr Holzschuh, ich muss da jetzt noch mal einhaken und nachfragen bei Ihnen. Sie sagen, das werfen Sie Mesut Özil vor. Ist das denn Ursache und Wirkung vertauscht? Özil hat ja gesagt, warum hat sich keiner schützend vor mich gestellt beim DFB. Da haben Sie gesagt, das ist ein Defizit gewesen. Also hat der DFB doch eine Mitverantwortung!

Holzschuh: Natürlich hat er eine Mitschuld und eine Mitverantwortung. Aber die Hauptschuld sehe ich bei Mesut Özil, der das alles großgetreten hat, der sich sechs Wochen lang nicht geäußert hat und jetzt, nach der Weltmeisterschaft, nach sechs Wochen plötzlich ankommt und sagt, alles böse vom DFB und wir sind die Guten.

Müller: Er ist rassistisch beschimpft worden. Das haben Sie ja auch mitbekommen. Das haben Sie ja auch kritisiert. Darüber haben Sie auch geschrieben.

Holzschuh: Das habe ich genauso kritisiert in der Öffentlichkeit. Aber dieser Shitstorm in den sozialen Medien hat ja nichts mit Politikern zu tun, hat ja nichts mit dem DFB zu tun, hat ja nichts mit den Medien zu tun. Das sind Einzelmeinungen und wir alle verurteilen ja diesen Shitstorm in den öffentlichen sozialen Medien aufs Schärfste. Das darf aber den Mesut Özil nicht dazu bringen, dass er jetzt auch einen Rundumschlag gegen alle macht, gegen die Medien genauso wie gegen den DFB.

Müller: Können Sie das nicht nachvollziehen, dass er total enttäuscht ist, gerade von Reinhard Grindel oder auch vor allem von Oliver Bierhoff?

Holzschuh: Ich könnte es dann nachvollziehen, wenn Mesut Özil sich in der Zwischenzeit mal bekannt hätte zu irgendwelchen Ideen von ihm, zu irgendwelchen Statements geäußert hätte. Das hat er ja nicht getan. Er hat geschwiegen, und sechs Wochen lang oder sieben Wochen lang schweigen und nichts dazu zu sagen und eigentlich jede Vermutung wieder ins Uferlose springen zu lassen, das ist für mich der Fehler. Und er hätte sich ein Beispiel an Gündogan nehmen sollen.

Müller: Bei uns heute Mittag im Deutschlandfunk Rainer Holzschuh, der Herausgeber des Fußball-Magazins "Kicker". Danke, dass Sie für uns Zeit gefunden haben, Ihnen noch einen schönen Tag.

Holzschuh: Danke. Und tschüss!

Müller: Tschüss.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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