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StartseiteBüchermarktGedachte und reale Freiheit23.08.2020

Klaus Vieweg: "Hegel. Der Philosoph der Freiheit"Gedachte und reale Freiheit

Zum 250. Geburtsjahr von Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat der Philosophieprofessor Klaus Vieweg eine neue Biografie des großen deutschen Denkers vorgelegt. Erhellend verbindet er darin viele Details aus Hegels Leben mit der Kulturgeschichte seiner Zeit - bisweilen fehlt jedoch der kritische Blick.

Von Heidemarie Schumacher

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Das Bild zeigt den deutschen Philosophen Georg Wilhem Friedrich Hegel (1770 - 1831) als kolorierter Stich aus dem 19. Jahrhundert. (imago images / Leemage)
Der deutsche Philosoph Georg Wilhem Friedrich Hegel (1770 - 1831) (imago images / Leemage)
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Goethes Schwiegertochter soll nach einem Abendessen mit dem Philosophen Hegel bemerkt haben, sie habe bei dem Gast eine völlig neue Nomenklatur gehört, eine "sich geistig überspringende Ausdrucksweise und seltsame philosophische Formeln", und auf Goethes Nachfrage, wie sie den Gast gefunden habe, soll sie geantwortet haben: "Eigen. Ich weiß nicht, ist er geistreich oder wirr?"

Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, 2018. (picture alliance / dpa / Soeren Stache) (picture alliance / dpa / Soeren Stache)Münkler: "Hegel ist vernutzt worden" 
Das Denken Hegels sei immer wieder genutzt worden, um Positionen zu stützen, die sich bei Hegel so nicht finden, sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Im Interview mit dem Dlf wirbt er dafür, Hegel für unsere Zeit neu zu entdecken.

Ähnlich seltsam und schwer zugänglich mag auch heute noch dem unbefangen Lesenden Hegels Philosophie erscheinen. Wer mit seinem Denken und der anthropomorphisierenden Ausdrucksweise nicht vertraut ist, dem muss sie seltsam und dubios vorkommen. So führen die Kategorien bei Hegel eine Art subjektartiges Eigenleben: Der Begriff zum Beispiel "setzt sich" selbst, er "schreitet fort" um sich am Ende "mit sich selbst in der Idee zusammenzuschließen".

Trotz dieses schwierigen Zugangs war Hegel am Ende seines Lebens der berühmteste Philosoph seiner Zeit und wirkte unter seinen Hörern schulenbildend; seine Büste stand auf Goethes Schreibtisch und sein Werk und dessen Rezeption übertreffen die seiner Zeitgenossen Schelling, Fichte oder Schleiermacher bei weitem.

Klaus Vieweg, Professor für Philosophie in Jena, hat nun zum 250. Geburtstag eine umfangreiche Biografie vorgelegt, in der sich die minutiöse Recherche zum Leben des Philosophen mit Rekonstruktionsversuchen des Werkes verschränken. Im Untertitel wird Hegel als "Philosoph der Freiheit" bezeichnet. Für Hegel meint Freiheit in erster Linie, wie Freiheit zu denken sei. Und wenn Freiheit zu denken ist, dann ist sie, im Hegelschen Sinne, auch wirklich. Dazu später mehr.

Frühe Ideale

Hegels frühes Interesse an der Realpolitik seiner Zeit ist groß. Vom Studium im Tübinger Stift bis zu seinem Lebensende, als Professor in Berlin, ist und bleibt er ein Anhänger der Ideale der Französischen Revolution. Bereits als Schüler in Stuttgart begeistern sich Hegel und seine Schwester Christiane für die freiheitsliebenden Denker Rousseau und Schiller:

"Christiane und Wilhelm haben den Schillerschen Ton, die Räuber, und die Ode an die Freude gemocht, die Thematik von Freiheit und Despotismus, die neue Sprache für die junge rebellische Generation, im Anklang an Rousseaus Diktum, dass die Menschen nicht von Natur aus Fürsten oder Reiche seien, dass alle Menschen frei geboren, aber in Ketten lägen (…) Von dem (…) Schillergedicht Rousseau stammt wahrscheinlich der entscheidende Anstoß zur Faszination Hegels für den französischen Denker, dessen Philosophieren Schiller mit dem Feuer des Prometheus vergleicht, der gegen die 'Hyäne Eigennutz' und die Schrecken der Armut aufbegehrt. Schiller verwendet im Fiesco das Rousseausche Bild der Kette; die auf den Schiffen des Tyrannen gefesselten Galeerensklaven werden ihre Ketten los- und auseinanderreißen."

Mit dem Ziel Geistlicher zu werden, wird Hegel als erstgeborener Sohn der Familie zum Studium der Theologie geschickt. Das Tübinger Stift, dessen Zweck es ist, das Herzogtum Württemberg mit Pfarrern und Predigern zu versorgen, wird von Hegel und seinen engsten Freunden Hölderlin, Niethammer und Schelling wegen der dort herrschenden Strenge sehr bald, im Sinne Schillers, als "Galeere", seine Studenten als "Galeerenknechte" bezeichnet.

Lithografie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (picture-alliance/Design Pics/Ken Welsh) (picture-alliance/Design Pics/Ken Welsh)Philosoph Vieweg über Hegel - "Bei Hegel sind Freiheit und Vernunft immer verknüpft"
Georg Wilhelm Friedrich Hegel werde oft missverstanden, sagte der Philosoph Klaus Vieweg im Dlf. Zu Beginn des Hegel-Jahrs liefert der Biograf Argumente für die Aktualität des Denkers der Freiheit, dessen Ideen es bis in unser Grundgesetz geschafft hätten.

Die dogmatischen Lehrinhalte und die üblen Lebensbedingungen im Stift führen dazu, dass die Freunde sich umso mehr für die Französische Revolution begeistern, französische Zeitungen lesen und Kontakt mit Anhängern der Revolution im eigenen Land und in Frankreich halten. Gefährliche Aktionen, denn das Herzogtum ist ein Polizeistaat mit einem umfassenden System an Geheimpolizei und Spitzeln.

Ein Dasein als Pfarrer oder Prediger kommt für Hegel nicht in Frage, es fehlt ihm an der notwendigen Redegewandtheit und seine Interessen liegen eindeutig auf philosophischem Gebiet. Er geht in die Schweiz, Rousseaus wegen, und weil er dort, wie er meint, seinen Fuß auf freien Boden setzt. In Bern nimmt er eine Stelle als Hauslehrer an und arbeitet an dem Projekt einer neuen Verfassung für das Herzogtum Württemberg. Der Schweizer Aufenthalt tut ihm nicht gut: Allein, isoliert von den Freunden und enttäuscht vom steifen Berner Patriziat, das so wenig seinem Ideal einer freien Bürgerschaft entspricht, muss er auch noch den jakobinischen Terror in Frankreich verkraften. Er entwickelt eine Depression und folgt 1797 der rettenden Vermittlung seines Freundes Hölderlin, der für ihn eine Lehrerstelle bei einer Frankfurter Kaufmannsfamilie gefunden hat.

Der Tod des Vaters im Jahr 1799 beschert Hegel ein kleines Erbe, das es ihm ermöglicht nach Jena, dem damaligen Mekka der Philosophie, zu ziehen und seine philosophischen Studien fortzusetzen. Er sieht seine Aufgabe darin, die von Kant postulierten Grenzen des Erkennens oder den bei Fichte und Schelling feststellbaren Dualismus von erkennendem Subjekt und Objekt zu überwinden. Seine kritische Haltung gegenüber der zeitgenössischen Philosophie verdankt sich – so der Biograf – dem Einfluss des antiken Skeptizismus des Sextus Empiricus, mit dem Hegel sich schon in Tübingen auseinandergesetzt hatte: Alles muss auf den Prüfstein gestellt werden, für Behauptungen werden Beweise eingefordert, ein einfaches Versichern, dass etwas wahr sei, ist nicht zu akzeptieren, sei "Versicherungsphilosophie".

Der Rückgang in den Grund

Bei Kant, Fichte und Schelling werde das philosophische Prinzip aus einem Obersatz deduziert, wobei dieser Obersatz nur scheinbar voraussetzungslos ist. Es handele sich um eine petitio principii, das heißt, das, was begründet oder bewiesen werden soll, wird bereits vorausgesetzt. Mittels seiner ersten großen Veröffentlichung, der "Phänomenologie des Geistes", will Hegel nun den Beweis erbringen, dass der Anfang in der Philosophie des Geistes bereits auf dem Ganzen aufruht. Das zu zeigen, ist die Aufgabe der Darstellung selbst.

Vieweg macht hier den interessanten Verweis auf die literarischen Vorlieben des Philosophen: Zu Hegels Lieblingsromanen gehörten der Tristram Shandy von Sterne oder Hermes' Sophiens Reise von Memel nach Sachsen:

"Das moderne Genre des Reise- und Bildungsromans, das Motiv der Lehr- und Wanderjahre, gilt in Hegels späterer Ästhetik als Paradigma moderner poetischer Kunst. (…) Die Spaziergänge der humoristischen Subjektivität, die Reisen im Ich und die Wanderungen des Selbstbewusstseins auf eigenem Terrain werden zudem ein Vorbild für die Darstellungsweise von Hegels Jenaer Jahrtausendwerk, der Phänomenologie des Geistes. Darin wird die poetische Form des Bildungsromans in die Form des Begriffs übersetzt, in den Lebenslauf der Sophia als der Weisheit, in eine Weltreise ins Wissen, verstanden als Weg des Bewusstseins, das die Reihe seiner Gestaltungen 'durchwandert' und 'erfährt'."

Sprachkritisch ist dem allerdings entgegenzuhalten, dass eine philosophische Darstellung, die so tut, als stelle der Geist selbst sich dar, unmittelbar einen höheren Grad an Objektivität supponiert: So lässt Hegel in diesem Werk den Geist als Quasi-Subjekt eine Reise unternehmen, die eine Reise zu sich selbst ist und die Ende und Anfang wie in einer großen Kreisbewegung zusammenschließt: Der Geist als Bewusstsein, am Anfang der Reise, ist noch nicht frei, erst das Denken, dass sich am Ende selbst denken gelernt hat, ist frei. Das Fortschreiten ist gleichzeitig ein Zurückgehen in den Grund, das Vieweg mit einem schönen Bild erläutert:

"Der Geist gleicht in dieser Umkehrung dem legendären Vogel Merops, der rückwärts zum Himmel fliegt, den Nektar hinaufwärts trinkt und auf dem Kopf tanzt. Die Höllenfahrt des sich vollbringenden Skeptizismus bahnt dem Geist die Himmelfahrt, den Weg zu einem neuen Wissen."

'Napoleon am Sarge Friedrichs des Grossen' in der Garnisonkirche in Potsdam am 25.Oktober 1806 (mit seinem Bruder Jerome und den Marschällen Murat, Duroc und Berthier). Gemälde von Marie Nicolas Ponce-Camus (1778-1839). (picture alliance / akg-images) (picture alliance / akg-images)Historiker Jürgen Luh - Napoleon trug zu "eigenem preußischen Bewusstsein" bei
Die französische Besatzung hat der Bevölkerung in Preußen am Anfang des 19. Jahrhunderts für kurze Zeit die Hoffnung auf Freiheit gegeben. Napoleon habe die Ideen von Gleichheit und Brüderlichkeit mitgebracht, sagte der Historiker Jürgen Luh im Deutschlandfunk. 

Napoleon und der Geist in der Geschichte

Mit seinem Tübinger Stiftskollegen Schelling hält Hegel an der Jenaer Universität gemeinsam Seminare. Doch seine finanziellen Mittel neigen sich dem Ende zu, die Witwe seines Hauswirts, Charlotte Burkhardt geborene Fischer, wird von ihm schwanger und der Krieg kommt nach Jena. Hegel muss sich Geld bei seinem Freund Niethammer leihen, während er am letzten Kapitel der Phänomenologie arbeitet, die in Bamberg in Druck gehen soll. Er sucht verzweifelt nach einer Anstellung. Seine Bewerbungen an verschiedenen Universitäten scheitern. Er bringt die schwangere Frau in Jena bei einer befreundeten Verlegerfamilie unter und nimmt nolens volens eine Stelle als Redakteur bei der Bamberger Zeitung an. Vor seinem Umzug nach Bamberg sieht er im Oktober 1806 noch sein politisches Idol, Napoleon, der am nächsten Tag die Preußen vernichtend schlagen wird, durch Jena reiten.

1804 hatte Napoleon den "Code Civil" in Kraft gesetzt, den Hegel geschichtsphilosophisch als eine neue Stufe des Geistes in der Geschichte kommentiert:
"Wir stehen in einer wichtigen Zeitepoche, einer Gärung, wo der Geist einen Ruck gethan, über seine vorige Gestalt hinausgekommen ist und eine neue gewinnt. Die ganze Masse der bisherigen Vorstellungen, Begriffe, die Bande der Welt, sind aufgelöst und fallen wie ein Traumbild in sich zusammen. Es bereitet sich ein neuer Hervorgang des Geistes."

Die Kehrseite der napoleonischen Politik, die Eroberungskriege, bekommt Hegel dann am eigenen Leib zu spüren. Er sieht die Folgen der Schlachten in Gestalt von tausenden Verwundeten und Sterbenden, die nach Jena gebracht werden und muss notieren: "So hat sich kein Mensch den Krieg vorgestellt, wie wir ihn gesehen!"

Die ungeliebte Tätigkeit als Redakteur der Bamberger Zeitung kann er mithilfe seines Freundes Niethammer mit der Stelle eines Schuldirektors am humanistischen Gymnasium in Nürnberg vertauschen. Er wird rasch zu einem geschätzten und gern gesehenen Gast in der Nürnberger Gesellschaft. 1810, er ist jetzt vierzig Jahre alt, wirbt er um die neunzehnjährige Marie von Tucher, Spross einer Nürnberger Patrizierfamilie, deren Vater der Ehe zunächst nicht zustimmen will.

Die Gedanken Gottes vor der Schöpfung

Aufgrund der Fürsprache von Niethammer findet die Hochzeit statt. Das erste Kind, eine Tochter, stirbt bald nach der Geburt, es folgen die beiden Söhne Karl und Immanuel. In Nürnberg veröffentlicht Hegel 1812 sein zweites Hauptwerk, die "Wissenschaft der Logik". Hegel knüpft da an, wo die Phänomenologie aufhört: beim reinen Wissen. Seine Kritik an der bisherigen Logik richtet sich dagegen, Logik nur als Methode, als ein Mittel des Denkens anzusehen, damit vom Inhalt getrennt zu betrachten: Logik und Metaphysik fallen bei ihm zusammen: Seine Logik sei gewissermaßen das Denken Gottes vor der Erschaffung der Welt.

Ist die Logik als Grundlage der Hegelschen Systemphilosophie zur Zeit ihres Erscheinens ein großartiger Entwurf, so weckt dieser Anspruch der Welterklärung heute Befremden. Vieweg stellt ihn nicht in Frage. Im Gegenteil: Die Hegelsche Logik wird von ihm, unter Hintanstellung aller Historizität als nonplusultra moderner Logik bezeichnet. Ehrfürchtig repetiert er Hegels Empfehlung, die Logik 77 mal zu lesen. Was Hegel veranlasst haben mag, die Zahl 77 zu wählen, bleibt im Dunkeln.

Aufgrund der Veröffentlichung der "Logik" ist Hegels Ruf als bedeutender Philosoph gefestigt. 1816 tritt er seine erste Professur in Heidelberg an, nachdem er auch Angebote aus Berlin und Erlangen erhalten hat. In Amt und Würden, lässt er seinen unehelichen Sohn Ludwig aus Jena kommen, der, inzwischen zehn Jahre alt, in die Familie aufgenommen wird und vor den beiden anderen Söhnen als Pflegesohn ausgegeben wird.

Sein Interesse gilt jetzt dem Projekt, seine Systemphilosophie als "Quasi-Welterschaffung" auf alle wissenschaftlichen Gegenstände auszudehnen: die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften nimmt Gestalt an: Sämtliche Realphilosophien der Natur und des Geistes, Mathematik, Geschichte, Religion, Kunst und so fort werden gemäß seiner Logik entwickelt.

Der Geist zwischen Code civil und Berufsbeamtentum

1818 folgt Hegel einem erneuten Ruf an die Berliner Königliche Universität und besetzt als Nachfolger Solgers den Lehrstuhl Fichtes. Seine Philosophie hatte sich von Jena bis zu den Heidelberger Jahren in das Denken des Denkens, also in reine Philosophie zurückgezogen. Mit seinem Werk "Grundlinien einer Philosophie des Rechts" von 1821 findet er zum Ursprung seines frühen politischen Interesses zurück. Vorausgegangen in der Welt draußen war die Zeit der Restauration nach dem Wiener Kongress, die studentischen Proteste gegen Kleinstaaterei und Obrigkeitswillkür, gepaart mit Franzosen- und Judenhass, die sich in den Wartburgfesten, der Ermordung Kotzebues und in einer Welle gewalttätiger Ausschreitungen gegen Juden in vielen
Städten des Deutschen Bundes niederschlugen.

Hegel gehört zu den führenden Intellektuellen in der preußischen Hauptstadt, verkehrt in allen wichtigen Salons und mit den bedeutenden Gelehrten der Stadt und hat einen immens großen Zulauf an Hörern. Er wird jedoch auch vielfach angefeindet von Konservativen, vor allem von nationalistischen und judenfeindlichen Kräften inner- und außerhalb der Universität.

"Hegel steht in Opposition sowohl zu den von Kamptz symbolisierten restaurativen Hofpartei als auch zu den nationalistischen und fremdenfeindlichen Vertretern der Fries-Arndt-Jahn-Kreise, was zu Angriffen aus beiden Lagern gegen ihn führt (…) Ein Hauptvertreter der antijüdischen und antifranzösischen Richtung, Hegels Berliner Kollege Friedrich Rühs, deklariert mit Arndt die Franzosen zum Erbfeind und publiziert ein bösartiges antijüdisches Pamphlet, Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht, worin er fordert, dass sie eine 'Volksschleife' zu tragen hätten. (...) Romantiker wie Clemens Brentano und Arnim vertreten militant judenfeindliche Positionen, gerichtet gegen die Judenemanzipation der preußischen Reformen."

Hegel hält dem entgegen: "Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener ist."

Philosphie und Realpolitik

Als staatliche Reaktion auf die Unruhen erfolgten die Karlsbader Beschlüsse mit dem Verbot der Meinungsfreiheit und der Burschenschaften, mit der Überwachung der Universitäten, Pressezensur und dem Berufsverbot für liberal und national gesinnte Professoren. Vieweg ist es darum zu tun, den Vorwurf, Hegel habe mit seiner Rechtsphilosophie die Apologie des preußischen Staates betrieben, zu entkräften und den Schwerpunkt der Lektüre auf die fortschrittlichen Aspekte der Hegelschen Staatsauffassung zu legen:

"Der Staat muss sich als eine durch Bildung hindurchgegangene Formation etablieren. Staatliches Handeln muss in Kenntnis der Umstände und Kontexte von bewussten Zwecken, bekannten Grundsätzen, durchdachten Gesetzen geleitet sein; nur so genügt der Staat dem Anspruch der Freiheit. Bildung muss daher uneingeschränkt als öffentliches Gut gelten. Darin kommt das Epistokratische der Hegelschen Staatsphilosophie zum Tragen. Das Wählen, politische Entscheidung und Partizipation, insbesondere das allgemeine Wahlrecht, soll auf Wissen, auf politischer Bildung der Wähler basieren."

Die hier häufig verwendeten Verben müssen und sollen betonen den ideell-normativen Charakter der Schrift. Widersprüchlicherweise gipfelt die gesamte Abhandlung am Ende politisch in der Vernunft des Monarchen und liefert damit die Legitimation der konstitutionellen Monarchie. Hegel breche hier in der Darstellung mit seiner eigenen Logik, hatte seinerzeit der Bonner Philosoph Klaus Hartmann festgestellt. Klaus Vieweg interpretiert diesen Vorgang als "schelmische Art", die preußische Zensur zu täuschen.

Hegel, als Staatsbeamter des Königreichs Preußens, der nach Erscheinen der Rechtsphilosophie erfolgreich beim Minister Altenstein um die Erhöhung seiner Bezüge bittet, bewältigt wohl eher den Spagat zwischen den Rechtsansprüchen einer sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft im Sinne des "Code Civil" auf der einen Seite. So plädiert er für die Gleichheit aller vor dem Gesetz, für den Wohlfahrtsstaat und die Daseinsfürsorge, gegen Kolonialismus, für Trennung von Staat und Kirche und für ein reguliertes Marktgeschehen. Dem gegenüber steht auf der anderen Seite der reale preußische Polizeistaat mit dem König an der Spitze. Offenbar stieß die philosophische Freiheitsidee hier an die realpolitischen Grenzen.

Unkritischen Rekonstruktion der Hauptwerk

Die Rechtsphilosophie bezeichnet die Familie als auf Liebe gründende Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft. Hegels uneheliches Kind Ludwig passte wohl nicht in dieses Schema. Ludwig, dem Hegel das Medizinstudium verbot, ging mit 18 Jahren als Ludwig Fischer, den Mädchennamen der Mutter tragend, nach Amsterdam, heuerte als Soldat bei der holländischen Armee an und starb mit 24 Jahren in Indonesien am Bataviafieber. Im gleichen Jahr, 1831, er war seit zwei Jahren Rektor der Königlichen Universität zu Berlin, starb sein Vater. Inzwischen zieht man ein Organleiden als Todesursache Hegels in Betracht, aber in Berlin grassierte auch die Cholera.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Werkrezeption Viewegs sehr genau die Herausbildung der Gedankenwelt des jungen Hegel verfolgt. Was das Hauptwerk angeht, vermisst man den kritischen Blick ebenso wie die Frage nach gegenwärtigen Anschlussmöglichkeiten. So könnte man zum Beispiel fragen, ob und wie neue Formen des Geistes, wie die Kategorie des Unbewussten oder Formen der Künstlichen Intelligenz in der Hegelschen Geisttheorie zu verorten wären. Zur Logik stellt sich die Frage, inwieweit die Hermetik und das Abschlusshafte der logischen Kreisbewegung nicht ebenso überschritten werden müsste, wie Hegel es seinerzeit mit den Philosophien seiner Vorgänger gemacht hat. Mit dem zur Ruhe gekommenen Geist in der absoluten Idee, in der alle Widersprüche aufgehoben sind, assoziiert man eher ein religiöses als ein kritisch-philosophisches Bild.

Zu seiner unkritischen Rekonstruktion der Hauptwerke Hegels passt, dass Vieweg in den Nachrufen emphatisch bekennt: "Er (Hegel) ist schwierig, er ist mein Bruder". Lesenswert ist die Untersuchung jedoch allemal, verbindet sie doch viele Details aus dem Leben des Philosophen mit einem erhellenden Stück Kulturgeschichte der Jahrzehnte vor und nach 1800.

Klaus Vieweg: "Hegel. Der Philosoph der Freiheit. Biographie"
C. H. Beck Verlag, München. 824 Seiten,  34 Euro.

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