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StartseiteInterviewKohleausstieg ohne Strompreiserhöhung möglich19.11.2018

Klimaexperte GraichenKohleausstieg ohne Strompreiserhöhung möglich

Es müssten eine ganze Reihe von Kohlekraftwerken vom Netz genommen werden, damit Deutschland seine Ziele für den Klimaschutz erreichen kann, sagte der Klimaexperte Patrick Graichen im Dlf. Die Strompreise müssten deswegen aber nicht steigen: "Neue Wind- und Solaranlagen sind nicht unser Kostenthema".

Patrick Graichen im Gespräch mit Jasper Barenberg

Patrick Graichen, neuer Chef des Energiewende-Thinktanks Agora # Patrick Graichen leitet den Thinktank Agora seit Januar 2014. Zuvor war er stellvertretender Direktor der Denkfabrik, die überwiegend von der Mercator-Stiftung und der European Climate Foundation finanziert wird und die Energiewende vorantreiben will. Der Volkswirt und Politikwissenschaftler hat von 2001 bis 2012 im Bundesumweltministerium gearbeitet, zuletzt als Referatsleiter Energie- und Klimapolitik. Fotografiert am 23.10.2014 in seinem Büro in der Rosenstraße in Berlin Mitte. Foto: Doris Spiekermann-Klaas | Verwendung weltweit (Picture-Alliance / Tagesspiegel)
"Unser Kostenproblem beim Strompreis sind die historischen Kosten aus den Anfangsjahren der Energiewende": Patrick Graichen, Leiter des Energiewende-Thinktanks Agora (Picture-Alliance / Tagesspiegel)
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Jasper Barenberg: Es wird offenbar heftig gestritten in der sogenannten Kohlekommission der Bundesregierung, und doch kommt sie ganz gut voran. In Umrissen wird schon der Plan erkennbar, wie das Land schrittweise aus der Kohlestrom-Produktion aussteigen muss, damit Deutschland seine Zusagen im Klimaschutz noch halbwegs erreichen kann. Denn was die Regierung bisher getan hat und tut, das reicht bei weitem nicht aus, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu drücken.

Auf der anderen Seite geht es um Tausende von Jobs, um Milliarden Euro und auch um die Stromversorgung der Zukunft. Ende des Monats wollen die Mitglieder der Kohlekommission ihre Arbeit abschließen. Einig sind sie sich offenbar darin, dass schon in den nächsten Jahren Kohlemeiler vom Netz gehen sollen und die Betreiber dafür aus Steuergeldern entschädigt werden. Außerdem sollen die Energieunternehmen höhere Gebühren für den Ausstoß von Kohlendioxid zahlen. Für den Strukturwandel in den betroffenen Regionen soll der Bund Geld bereitstellen. Nicht abschließend geklärt ist allerdings, wie viele Kraftwerke bis wann abgeschaltet werden sollen.

"Agora Energiewende" ist eine gemeinnützige Organisation, die für ein Gelingen der Energiewende nach mehrheitsfähigen Kompromissen sucht und dafür Analysen erarbeitet und Studien in Auftrag gibt. Ihr Direktor ist Patrick Graichen. Einen schönen guten Morgen, Herr Graichen.

Patrick Graichen: Ja, schönen guten Morgen.

"Auf einen Schlag 20 Braunkohlekraftwerke schließen"

Barenberg: Herr Graichen, Energiepolitik, Klimaschutz, Arbeitsplätze, Strukturwandel – die Kohlekommission muss viele Interessen ausgleichen, ausbalancieren. Können wir heute schon sagen oder absehen, das wird ihr überzeugend gelingen?

Graichen: Ich habe den Eindruck, dass alle Beteiligten wissen, dass sie da eine wichtige Aufgabe haben und dass es jetzt auf der Zielgeraden ist. In den nächsten 10, 14 Tagen kommt es da zum Schwur und mein Eindruck ist, alle wollen auch ein Ergebnis.

Barenberg: Ein Ergebnis, das die Ziele dann auch erreicht, auf die sich alle verpflichtet haben? Es ist ja immer die Rede davon, dass eine ganze Reihe von Braun- und Steinkohlekraftwerken schon in den nächsten Jahren vom Netz gehen muss, weil sonst die Erderwärmung nicht aufzuhalten ist. Ist das unvermeidlich, dass recht schnell eine ganze Reihe von Kraftwerken vom Netz genommen werden?

Graichen: Ja, das ist so. Ich meine, das war ja auch der Auftrag der Kommission. Es hieß, zu definieren, welcher Beitrag der Energiewirtschaft noch geleistet werden kann, um das Minus-40-Prozent-Ziel der Bundesregierung für 2020 noch möglichst zu erreichen. Und da ist klar, das bedeutet noch mal, am Anfang Braunkohlekraftwerke stillzulegen. Die Frage wird sein, wie viele gehen bis zum Jahr 2022 noch vom Netz. Darüber wird sicherlich hart gerungen.

Barenberg: Wie viele müssen es denn sein?

Graichen: Wenn Sie tatsächlich noch das 2020er-Klimaschutzziel erreichen wollen würden, dann müsste man auf einen Schlag 20 alte Braunkohlekraftwerke schließen. So viele werden es sicherlich nicht sein, aber im Raum steht natürlich die Einigung, die damals bei Jamaika schon im Raum stand. Das waren sieben Gigawatt an Kohlekraftwerken.

"Alle Beteiligten brauchen Sicherheit"

Barenberg: Das wären etwa wie viele Kraftwerke dann, sieben Gigawatt?

Graichen: Ja, da redet man von ungefähr zwölf Kraftwerksblöcken.

Barenberg: Wäre das ein Kompromiss, den Sie akzeptieren würden, dass man sagt, 20 müssten es sein, aber zwölf wären vertretbar? Ginge das? Geht diese Rechnung auf?

Graichen: Ja. Ich denke, wenn klar ist, wie insgesamt der Pfad ist, der dann auch danach weitergeht – denn es ist ja dann die Frage, wie geht es bis 2030 und was ist das Enddatum –, dann ist eine solche Zahl darstellbar. Man muss ja alle Seiten mitnehmen und die Frage, kurzfristig abschalten, heißt natürlich, dass man dann besonders in den Strukturwandel in den betroffenen Regionen investieren muss.

Barenberg: Das heißt, Sie würden schon sagen, es ist jetzt nicht absolut entscheidend, wie viele gleich in den nächsten Jahren vom Netz gehen, sondern dass man mit einigen anfängt und dann kann man das andere noch hinkriegen?

Graichen: Ja, und dass man jetzt auch schon beschreibt, was dann ab 2023 passiert. Denn das ist, glaube ich, jetzt, was alle Beteiligten brauchen: Sicherheit. Welches Kraftwerk geht wann vom Netz, so ähnlich wie wir es beim Atomausstieg gemacht haben. Dann können sich sowohl diejenigen, die in der Energiewirtschaft sind, darauf einstellen und Ersatzanlagen bauen und planen, als auch die Regionen die Frage beantworten, was kriegen wir für Geld in Kompensation, welche neuen Strukturen bauen wir auf und womit können wir dann auch eine neue Zukunft machen.

"Der Bund ist definitiv in der Pflicht"

Barenberg: Da gibt es jetzt ja schon Klagen von einigen Ministerpräsidenten, vor allem aus Ostdeutschland, aus Sachsen, aus Sachsen-Anhalt etwa, wo Reiner Haseloff und Michael Kretschmer sagen, da hat der Bund viel zu wenig Geld vorgesehen. Von 1,5 Milliarden für diesen Strukturwandel ist die Rede. 60, heißt es, müssen es eigentlich sein. Ist der Bund da in der Pflicht, mehr zu tun?

Graichen: Ja, der Bund ist definitiv in der Pflicht. Das ist ja hier eine nationale Aufgabe. Da kann man die Bundesländer nicht mit alleine lassen. Und es ist sicherlich auch so: Die ältesten Braunkohlekraftwerke, die wir haben, die stehen im Rheinischen Revier in Westdeutschland. Insofern ist für diesen ersten Schritt bis 2022 primär Westdeutschland an der Reihe.

Barenberg: Da fehlt es noch an Entschlossenheit, auf Bundesseite anzuerkennen, dass da Steuergelder hinfließen müssen?

Graichen: Ich nehme wahr, dass da jetzt im Hintergrund auch ein gewisses Feilschen stattfindet. Das ist ein bisschen unwürdig gegenüber denjenigen, um die es da geht. Sagen wir mal so: Die 60 Milliarden, die die Länder in den Raum gestellt haben, sind natürlich eine Hausnummer, die sehr hoch ist. Aber dass es bei den anderthalb Milliarden, die bisher der Bund hingestellt hat, nicht bleiben kann, wissen auch alle Beteiligten. Insofern da jetzt zügig in richtige Verhandlungen zu kommen, das ist der Job der nächsten zehn Tage.

Barenberg: Ist eigentlich auch klar. Steuergelder werden da nötig sein, sagen Sie. Ist auch klar, dass wir alle mit höheren Strompreisen rechnen müssen, wenn die Kohle vom Netz geht?

Graichen: Nein. Da haben verschiedene Szenarien gesagt, das was das auf den Strompreis ausmacht, das sind vielleicht 0,3 bis 0,5 Cent die Kilowattstunde. Wir reden hier von ein bis drei Prozent des Strompreises. Das ist am Schluss nichts, was der normale Haushaltskunde merken wird, denn es werden ja dann Kohlekraftwerke ersetzt durch einen Mix aus erneuerbaren Energien und Gas, und die sind jetzt beide billige Technologien.

"Unwürdiges Feilschen im Hintergrund"

Barenberg: Das heißt, es muss nicht so sein, dass wir ohne Kohleverstromung auf alle Fälle höhere Strompreise haben?

Graichen: Nein. Wenn man jetzt einen klaren Pfad definiert und alle Beteiligten wissen, woran sie sind, dann werden natürlich auch die entsprechenden Alternativen geplant und gebaut. Und wir wissen ja jetzt inzwischen, dass Erneuerbare günstig geworden sind. Unser Kostenproblem beim Strompreis, das sind die historischen Kosten aus den Anfangsjahren der Energiewende. Neue Wind- und Solaranlagen sind nicht unser Kostenthema.

Barenberg: Noch ein Stichwort, was genannt wird, ist Kohlendioxid-Bepreisung, ein Preis, eine Gebühr für den Ausstoß von Kohlendioxid. Ist es zwingend, dass da die Preisschraube für die Unternehmen angezogen werden muss?

Graichen: Wir haben ja in der Energiewirtschaft einen CO2-Preis durch den EU-Emissionshandel. Wir haben aber keine CO2-Bepreisung im Bereich Verkehr, im Bereich Wärme. Wir haben fast die niedrigsten Heizölpreise in ganz Europa in Deutschland. Das ist sicherlich ein Manko, gerade wenn man jetzt guckt, dass wir die CO2-Emissionen auch im Gebäudesektor, auch im Verkehrssektor endlich senken müssen. Insofern wird sicherlich ein Schuh daraus, wenn man die Sachen so kombiniert, dass jetzt auch eine CO2-Bepreisung bei Heizöl, aber auch bei Diesel, Benzin und Erdgas erfolgt.

Barenberg: Ist das Teil des Konzepts? Muss es das sein?

Graichen: Die Kohlekommission, so scheint es, wird das sicherlich vorschlagen. Es ist natürlich eigentlich gar nicht ihr Auftrag. Das wird dann von der Bundesregierung aufgegriffen werden müssen. Leider hört man da derzeit keine positiven Signale, aber im Grunde weiß jeder in der Fachwelt, dass wenn man an das Thema CO2-Bepreisung nicht herangeht, dann sind die Klimaschutzziele 2030 nicht zu erreichen.

Barenberg: Patrick Graichen ist "Agora Energiewende". Danke für das Gespräch heute Morgen, Herr Graichen.

Graichen: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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