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StartseiteEuropa heute"Kein Zufall, dass Greta Schwedin ist"29.03.2019

Klimaschutz im Norden"Kein Zufall, dass Greta Schwedin ist"

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat in ihrer Heimat viele Mitstreiter. Als kleines Land könne Schweden besonders gut Vorreiter sein, findet der Kulturchef der Zeitung "Dagens Nyheter". Die Folgen des trockenen Sommers 2018 haben ihn und viele Leser schwer erschüttert.

Von Simonetta Dibbern

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Die schwedische Schülerin Greta Thunberg (picture alliance/ ZUMA Wire/ Joel Alvarez)
Die schwedische Schülerin Greta Thunberg demonstriert fast jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament für den Klimaschutz - wenn sie nicht für die "Fridays for Future" in Europa unterwegs ist (picture alliance/ ZUMA Wire/ Joel Alvarez)
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Die zwei Polizisten, die kontrollieren, ob die "Fridays for Future"-Demonstration vor dem Stockholmer Parlament auch angemeldet ist, sind gerade weg. Greta Thunberg hatte ihre Dauergenehmigung gezückt und die beiden mit ihrem charmantem Lächeln verabschiedet. Dass die Jugendliche nicht in der Schule ist, hat die Beamten gar nicht interessiert.

"Ich lerne gern. Und ich gehe sehr gerne zur Schule. Aber was hat es für einen Sinn, wenn die besten Wissenschaftler, die ja auch aus diesem Schulsystem kommen, nicht ernst genommen werden? Weder von den Politikern noch von der Gesellschaft."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Grüner Schwede! Klima-Aktivisten im Norden Europas".

Eine logische Frage. Abgesehen von ihrer Beharrlichkeit, ihrem Wissen um Zahlen und Fakten und von ihrem Charme, sind es genau diese Fragen, mit der Greta Thunberg einen Nerv trifft. Wie das Kind im Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Warum schöne Worte machen, wenn er doch nackt ist? Dass Greta nicht einfach damit aufhört, verdankt sie, wie sie selbst sagt, ihrer Asperger-Krankheit. Schwarz oder weiß. Keine Kompromisse.

"Ich glaube, die meisten Erwachsenen sind sich über den Ernst der Lage gar nicht im Klaren. Sind nicht informiert über die Folgen ihres eigenen Handelns. Und sie haben keine Ahnung, wie leicht es ist, selbst etwas zu verändern."

Neuer Begriff "flygskam": sich fürs Fliegen schämen

Zum Beispiel: auf dem Boden bleiben. Den Begriff "flygskam" – sich fürs Fliegen schämen – hat Greta zwar nicht erfunden. Dass das Wort von der Akademie für schwedische Sprache 2018 ins Lexikon aufgenommen wurde, hat aber vielleicht doch mit ihr zu tun.

"Immerhin habe ich meine Mutter dazu gebracht, nicht mehr zu fliegen, und sie, eine berühmte Opernsängerin, ist damit an die Öffentlichkeit gegangen. Das hat eine große Debatte ausgelöst. Ich habe nur den Hashtag #IchBleibeAmBoden erfunden."

Dass die flygskam-Debatte so groß wurde – dafür ist auch Björn Wiman verantwortlich, Kulturchef und Kolumnist von "Dagens Nyheter", Schwedens überregionaler Tageszeitung. Die Redaktion ist nur ein paar U-Bahn-Stationen vom Parlament entfernt.

"Ich glaube, das war das Ergebnis einer Diskussion auf unseren Leserseiten: Fliegen oder nicht? Denn nach diesem Sommer 2018, da ist etwas passiert. Ich persönlich war erschüttert, als ich einen toten Baum sah, komplett vertrocknet, die Blätter abgefallen. So erschüttert, dass ich über nichts anderes mehr schreiben konnte. Und die Reaktion der Leser war enorm, so viel Energie, dass ich seitdem nicht mehr aufgehört habe."

"Dagens Nyheters"-Kulturchef Björn Wiman mit seinem Buch "Spät auf Erden – 33 Gedanken zur größten Neuigkeit der Welt" (Deutschlandradio/ Simonetta Dibbern)"Dagens Nyheters"-Kulturchef Björn Wiman mit seinem Buch "Spät auf Erden – 33 Gedanken zur größten Neuigkeit der Welt" (Deutschlandradio/ Simonetta Dibbern)

"Keine Partei erwähnte dieses dramatische Erlebnis"

Einige seiner wöchentlichen Kolumnen zu Klima und Kultur sind gerade als Buch erschienen: "Spät auf Erden – 33 Gedanken zur größten Neuigkeit der Welt". Der Untertitel ist ironisch, die Texte selbst mehr als ernst gemeint.

"Die Leute waren genauso geschockt wie ich, daher die große Resonanz. Und weil sie alleingelassen wurden von der Politik. Gleich nach diesem Sommer waren die Wahlen, am 9. September, und keine einzige Partei erwähnte dieses dramatische Erlebnis, das wir Bürger in den Wochen zuvor erlebt haben. Keine. Dieses Schweigen war absurd, ich sage: es war geradezu pervers. Auch die Grünen haben komplett versagt. Haben sich selbst gelobt für ihre Erfolge der letzten vier Jahre, so wie die ganze Regierung. Anstatt die Alarmglocken zu läuten! Darum sind ihnen die Wähler weggelaufen – obwohl sie ja eigentlich hätten zulegen müssen."

Knapp über die Vier-Prozent-Hürde hat es die grüne Miljöpartiet geschafft. Sie ist wieder an der Regierung beteiligt und lässt sich wieder auf zu viele Kompromisse ein, sagt Björn Wiman von "Dagens Nyheter". Gerade erst wurde die erst 2018 eingeführte CO2-Steuer auf Flugreisen wieder abgeschafft.

"Wir versuchen, diesen gesellschaftlichen Wandel nicht nur journalistisch zu begleiten, sondern auch vorzuleben. Also das tun, was wir predigen. Dazu gehört zum einen, dass wir unsere eigenen Reisegewohnheiten überprüfen, nicht mehr überall hinfliegen, sondern viel mit Skype und Telefon erledigen. Und zum anderen haben wir eine Kulturreise für unsere Leser entwickelt, nächsten Sommer. Wir haben einen Zug gechartert, wir fahren von Stockholm nach Berlin, dann zur Biennale in Venedig, Verona, Wien – und wieder zurück. Innerhalb kürzester Zeit waren zwei komplette Züge ausverkauft, zwei mal 340 Passagiere."

"Wir können in vielen Dingen Vorreiter sein"

Etwa 2.000 Euro kostet die kulturelle Kreuzfahrt im Nachtzug. Das ist unsere Aufgabe, sagt Björn Wiman von "Dagens Nyheter": den Menschen zu zeigen, was es für Alternativen gibt.

"Wir leben in einer Gesellschaft, die es uns schwer macht. Überall gibt es Hindernisse. Wenn man mit der Bahn von Stockholm nach Hamburg fahren will, müsste es eigentlich einen Nachtzug geben. Oder zumindest eine einfache Verbindung. Mit unserem Projekt machen wir vor, dass das geht. Wenn andere sich wundern, dass wir so viel Energie auf Klimafragen verwenden, weil Schweden doch so ein kleines Land ist, dann kann ich nur sagen: genau deswegen tun wir das, weil wir so klein sind. Wir können in vielen Dingen Vorreiter sein. Wie wir es auch an Greta Thunberg sehen können – ich denke, es ist kein Zufall, dass sie Schwedin ist."

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